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Prenzlauer Berg gilt mittlerweile als Paradebeispiel für die Gentrification von Stadtvierteln. In zwanzig Jahren Stadterneuerung wurden nicht nur die Häuser umfassend modernisiert, sondern auch die Bewohnerschaft umgekrempelt und der Gewerbestruktur ein völlig neues Gesicht verpasst. Doch ein Stadtviertel lässt sich nicht nur über Baukörper und Bevölkerungsstatistiken beschreiben, sondern auch über Stimmungen, Images und die Alltagspraktiken der Menschen, die es sich tagtäglich aneignen und neu erschaffen. Die amerikanische Soziologin Sharon Zukin beschreibt in ihrem aktuellen Buch „Naked City. The Death and Life of Authentic Urban Places“ diese kulturellen Dimensionen des Städtischen als Authentizität des Ortes und beklagt die Veränderungen in vielen gentrifizierten und runderneuerten Stadtteilen als den Verlust der Seele der Stadt. Vielleicht eine Anregung, sich auch in Prenzlauer Berg auf die Suche nach der Seele des Stadtbezirks zu begeben.
„financial weapons of mass constructions“
Sharon Zukin beschreibt für New York zunächst eine enorme Stadterneuerungstätigkeit in den letzten 15 Jahren, da sich bis zur Finanzkrise Immobilienmarkt und Banken dabei überschlugen, mit der Aufwertung von Wohnungen viel Geld zu verdienen. Auch die Oberflächenbeschreibung der Veränderungen in Prenzlauer Berg seit der Wende ist schnell zusammengefasst. Angestoßen von öffentlichen Anreizen direkter Fördermittel und Steuererleichterungen in der Höhe von insgesamt 1 Mrd. Euro wurden mehr als 80 Prozent der sanierungsbedürftigen Wohnungen modernisiert. Die Viertel hier zählen heute zu den attraktivsten der Stadt. Neuvermietungsmieten und Kaufpreise von Eigentumswohnungen erreichen Berliner Spitzenwerte. Sozialstudien in den mittlerweile entlassenen Sanierungsgebieten zeigen, dass nur noch knapp 20 Prozent der früheren Bewohner/innen in den Nachbarschaften leben. Eine hohe Mobilität allein ist noch kein hinreichender Hinweis auf eine Gentrification. Doch in Prenzlauer Berg hat sich eine wanderungsinduzierte Neuzusammensetzung der Sozialstruktur vollzogen. Die soziale Mischung zu Beginn der 1990er Jahre hat sich in eine weitgehend homogene Bevölkerungsstruktur aufgelöst. Die traditionellen A-Gruppen wie Alleinerziehende, Alte, Arme und Arbeiterfamilien sind fast völlig aus den Gebieten verschwunden – dafür sind mit den Architekt/innen, Anwält/innen und anderen Akademiker/innen neue A-Gruppen eingezogen. Die Durchschnittseinkommen des Bezirks haben sich im Vergleich zum städtischen Durchschnitt von 70 Prozent (1993) auf 140 Prozent (2008) erhöht. Der Anteil von Akademiker/innen hat sich mehr als verdoppelt und in Gebieten wie dem Kollwitzplatz haben über zwei Drittel der Erwachsenen eine Hochschulausbildung abgeschlossen oder streben eine solche an. Noch Anfang der 2000er Jahre wurde über die Bewertung des Bevölkerungswandels gestritten, da der noch nicht abgeschlossene Verdrängungsprozess verschiedene Interpretationsspielräume zuließ. Mittlerweile wird der Gentrification-Befund nur noch in Nischen der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten angezweifelt.
„contested city – contested authenticity“
Begleitet wurden die Veränderungen der letzten Jahre von emotionalen und leidenschaftlich geführten Debatten, denn insbesondere für die Verdrängung der früheren Bewohner/innen wollte niemand verantwortlich sein. Mit der Ausweisung großer Teile der Altbauviertel zu förmlich festgelegten Sanierungsgebieten wurde Anfang der 1990er Jahre das öffentliche Ziel einer „Behutsamen Stadterneuerung“ ausgerufen. Auf dem Programmzettel der Stadtplaner und zuständigen Senatsverwaltung stand nichts weniger als die Quadratur des Kreise: trotz weitgehend privatfinanzierter Investitionen sollten die Bausubstanz aufgewertet und die Sozialstrukturzusammensetzung erhalten werden. Während die Erneuerung der Bausubstanz als durchschlagender Erfolg angesehen werden kann, ist das soziale Sanierungsziel auf der Strecke geblieben. Die Debatten sind geblieben, haben sich aber von einer Diskussion um die Einschätzung der Veränderungen (Gibt es Verdrängung und Gentification?) in eine um die Bewertung der nun durchgesetzten Zustände (Ist es nicht schön, wie es ist? Warum sollten wir den alten Zeiten hinterher trauern?) verschoben. Die jüngst auch in den Prenzlauer Berg Nachrichten ausgetragenen Revierkämpfe um die ‘richtige’ Beurteilung einer Fotoreportage über den Wandel einer Straße kann als Prototyp der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit des Bezirks verstanden werden. Ost gegen West, Alteingesessen gegen Neuhinzugezogen – die Konfrontationslinien scheinen klar verteilt. Auslöser war eine längere Dokumentation in der Zeitschrift GEO. Unter der Überschrift „Ausgetauscht: Fassaden, Geschäfte, Anwohner. Geschichte, Heimat, Gedächtnis.“ wurde Harf Zimmermann auf der Suche nach den Motiven seiner 1987 gemachten Bilder durch die Hufelandstraße begleitet. Während die einen sich in ihren persönlichen Verlusterfahrungen bestätigt sahen, interpretierten andere den Bericht als Kritik an ihrer Lebensweise und verteidigten, wie PBN-Autor Peter Dausend, ihr Recht auf den „Milchschaum vor Mund“.
„the city lost its soul“
Sharon Zukin zeigt, dass solche Auseinandersetzungen kein Spezifikum von Prenzlauer Berg sind. Sie zeichnet ein bedrückendes Bild der städtischen Entwicklungsdynamiken in New York seit der Jahrtausendwende. Durch die ständige Veränderung und Zerstörung bestehender Strukturen habe „einen Nachbarschaft nach der anderen ihre lokale Identität verloren“. Statt der unverwechselbaren Mischungen von Künstler/innen, Arbeiterklasseangehörigen und Migrant/innen seien immer mehr Viertel von einer Monotonie der Gentrifier, Cocktailbars und Starbucks-Läden geprägt: „In the early years of twenty-first century, New York City lost its soul“. Dabei bedauert sie nicht so sehr die Tatsache der Veränderungen selbst, sondern vielmehr das beschleunigte Verschwinden der mit den Orten verwachsenen Einrichtungen und Bewohner/innen.
Sharon Zukin’s New York ist ein umkämpfter Raum und auch die Rezeptionen von Veränderungen erfolgen in großer Unterschiedlichkeit. Während einige die Klagen über das Verschwinden gewachsener Strukturen als unverhohlene Nostalgie zurückweisen und auf die Normalität eines immerwährenden Wandels in den Städten verweisen, sehen andere darin den Verlust von Authentizität und der Seele der Stadt. Sharon Zukin zählt sich ganz klar zur zweiten Gruppe und betont, ihre Betroffenheit sei keine Nostalgie. Weder vermisst sie die Drogendealer und die heruntergekommenen Wohnungen, noch die beschmierten U-Bahn-Waggons oder den schlechten Kaffee der Vergangenheit – was sie vermisst, ist „das Gefühl einer Nachbarschaft deren Diversität greifbar war in den Gerüchen und Geräuschen der ethnischen Imbisse, experimentellen Kunstgalerien und Ausstellungen, in den Gesichter und Stimmen der Männer und Frauen, die von überall her kamen, um einen einzigartigen Charakter der Nachbarschaft zu schaffen“.
Es gibt sie noch diese Viertel – in New York ebenso wie in Berlin. Aber der Trend weist auf eine, durch die Stadterneuerung ausgelöste, Homogenisierung, bei der die Nachbarschaftsidentitäten in eine Marke verwandelt werden und die Stadtteile so ihre Seele verlieren.
„displace the poor, latte by latte“
Sharon Zukin stellt uns zwei Gesichter von Nachbarschaftsidentitäten vor, die uns helfen können, auch die aktuelle Debatte in Prenzlauer Berg einzuordnen: eine historische gewachsene, ursprüngliche Authentizität und eine aus der ständigen Neuerfindung des Raumes erwachsene neue Authentizität. In unserem Fall also vielleicht die ‘Erinnerung an früher’ und der ‘Milchschaum’.
Diese unterschiedlichen Authentizitätskonstruktionen sind – mit Zukin gesprochen – keinesfalls als harmlose Perspektivdifferenz anzusehen, sondern können zum Ausdruck eines Machtkampfes werden. Es geht um nichts weniger, als die kulturelle Hegemonie im Stadtteil. Sharon Zukin bezeichnet die Authentizität als eine „fiktive Qualität von Nachbarschaften“, die aber zentrale Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Stadträumen habe, unser raumbezogenes Alltagshandeln präge und damit die Produktion des Raumes selbst determiniere. Klingt kompliziert, ist aber relativ einfach: Wenn wir uns nur immer wieder einreden, Prenzlauer Berg sei kinderfreundlich, kreativ oder besonders hipp und uns dann den eigenen Erwartungen entsprechend verhalten, wird die Vorstellung vom Stadtteil zur materiellen Gewalt und Prenzlauer Berg genau so, wie wir ihn uns zuvor wünschten. Im Verbund mit ökonomischen und politischen Ressourcen wird Authentizität dabei zu einem Instrument der Kontrolle nicht nur der äußeren Erscheinung, sondern der Nutzung des realen städtischen Raumes. „Jede Gruppe, die auf einer eigenen Authentizitätsvorstellung gegenüber anderen beharrt, kann eine moralische Überlegenheit beanspruchen. Aber Gruppen, die einem ganzen Stadtraum ihren eigenen Geschmack (…) auferlegen, erheben einen Anspruch auf diesen Raum und verdrängen damit Langzeitbewohner/innen.“
Die ursprüngliche Authentizität eines Viertels ist dabei keineswegs an die Gruppen gebunden, die am längsten im Gebiet wohnen, sondern wird von Zukin als ein moralisches Recht auf Stadt verstanden, es den Bewohner/innen zu ermöglichen, an ihrem Wohnort Wurzeln zu schlagen. Es ist das Recht einen Raum zu bewohnen und zu gestalten und nicht nur als ein Erlebnis zu konsumieren. Authentizität ist in diesem Sinne eine täglich erfüllte Erwartung, dass die Nachbar/innen und die Gebäude und Geschäfte die mich heute umgeben, auch morgen noch hier sind. Städte – so Zukin – verlieren ihre Seele, wenn diese Kontinuität gebrochen wird.
Genau diesen Verlust haben in den letzten zwanzig Jahren tausende Bewohner/innen in den Altbauquartieren Ostberlins erlebt. Einige konnten sich in die neu entstandene Authentizität von Prenzlauer Berg einbringen, andere haben ihre Erinnerungen in den Beschreibungen des umstrittenen GEO-Artikels wiedergefunden. Und es mutet etwas merkwürdig an, dass ausgerechnet diejenigen, die mit ihren Lebensstilen und Konsumorientierungen den Alltag und die Gewerbeangebote im Viertel längst dominieren, der Erinnerungsarbeit und Verlustbewältigung räumlich, sozial und kommunikativ marginalisierter Altbewohner/innen die Legitimität abzusprechen versuchen.
Mit dem Schlagwort einer hybrid city bündelt Sharon Zukin Utopien von einer durchmischten Stadt, in der bestehende und sich neu herausbildende Authentizitätserfahrungen nicht nur respektiert, sondern als soziale und kulturelle Diversität im Raum real gelebt werden. Dieser Zug scheint in Prenzlauer Berg weitgehend abgefahren – es mangelt nicht nur an Respekt, auch die (alte) Seele scheint verloren. Prenzlauer Berg zwanzig Jahre nach der Wende: die einen haben den Milchschaum vorm Mund, den anderen bleibt die Wut im Bauch.
Zum Weiterlesen:
Zukin, Sharon 2010: Naked City. The Death and Life of Authentic Urban Places. Oxford/New York: Oxford University Press
(Originalbeitrag gentrificationblog, auch veröffentlicht als Gastbeitrag bei Prenzlauer Berg Nachrichten)
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vielen dank, habe ihren beitrag schon erwartet:
siehe auch taz 10.1.11 Gentrifizierung der Geschäfte Während alle Welt über Gentrifizierung redet, werden ihre Ursachen und Mechanismen immer komplexer. Besonders gut zu beobachten ist das in New York. www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/gentrifizierung-der-geschaefte/ |
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oder in Wilhelmsburg. Mittlerweile sorgen die sog. Prestigeprojekte IBA und IGS für das totale Umkrempeln des Stadtteils. Ohne Rücksicht auf Verluste. |
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Sehr spannend. Vor allem die Versuche, die Debatten in eine andere Richtung zu lenken. Wer will gern andauernd "(n)ostalgisch" und "unverbesserlich" sein.
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Ja, sehr spannendes Thema, das ich ziemlich kompliziert finde.
"Authentizität ist in diesem Sinne eine täglich erfüllte Erwartung, dass die Nachbar/innen und die Gebäude und Geschäfte die mich heute umgeben, auch morgen noch hier sind. Städte – so Zukin – verlieren ihre Seele, wenn diese Kontinuität gebrochen wird." Demnach dürfte es fast keine Großstadt "mit Seele" geben. Ist diese Kontinuität nicht eine Illusion ? Für jemanden, der vielleicht Mitte der 90er Jahre in den Prenzlauer Berg gezogen ist, besteht vielleicht genau diese "Kontinuität". Es gibt immer Brüche in der Stadtentwicklung, die jemand, der sie am selben Ort erlebt, auch als solche empfindet, aber jemand, der sich zwischen den Brüchen dort aufhält, überhaupt nicht. Die schönen Pariser Boulevards (die jetzt vielleicht die "Seele" der Stadt ausmachen) sind im 19. Jahrhundert von Haussmann durch Plattmachen alter Stadtviertel entstanden. Die Mietskasernen im Prenzlauer Berg sind im Kaiserreich in Massen hochgezogen worden - da stand doch vorher auch irgendetwas ? Noch schwieriger finde ich das hier: "Aber Gruppen, die einem ganzen Stadtraum ihren eigenen Geschmack (…) auferlegen, erheben einen Anspruch auf diesen Raum und verdrängen damit Langzeitbewohner/innen." Ist das nur ein Problem, wenn "Architekten, Anwälte und Akademiker" Arme, Alte und Ausländer verdrängen oder auch umgekehrt ? Hat ein "gutbürgerliches" Viertel Bestandsschutz bei "zu viel" Einwanderung z. B. ? |
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Liebe Nelly,
vielen Dank für deinen Kommentar.Ja, Stadt ist wirklich kompliziert. Sharon Zukins Ansatz hilft uns ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Sie unterscheidet ja ganz explizit die Formen der "ursprünglichen Authentizität" von der "Authentizität der Aneigung" - in beiden Fällen sieht sie aber ein 'Recht' Wurzeln in einem Gebiet zu schlagen, die über ein geschäftsmäßiges Konsumieren des Ortes hinausgehen. Die unterschiedlichen Aneignungsformen des Raumes produzieren dabei auch unterschiedliche Wahrnehmungen. Insofern gibt es kein 'richtigen' oder 'falschen' - aber trotzdem oft umkämpfte - Bilder von Stadtteilen. Sinnvoll erscheint es mir, diese Konkurrenzen um eine symbolische Deutungshoheit mit Fragen der sozialen Positionen, politischen und ökonomischen Macht zu verknüpfen. Zukin schreibt ja deshalb auch davon, dass Authentizitätskonstruktionen einezlener sozialer Gruppen zum Problem werden, wenn sie eine Dominanz im Viertel erlangen. Dieses Modell ließe sich theoretisch sicherlich auch auf den Fall von städtischen Abwertungsdynamiken beziehen - das war aber weder bei mir noch bei Sharon Zukin das Thema. Ein wesentlicher Unterschied dabei ist sicherlich, dass 'gutbürgerlichen Gruppen' bei einer 'Verdrängung' deutlich mehr Wahlmöglichkeiten haben. In der Praxis wehren sich ja gerade die Bewohner/innen von besseren Viertel oft sehr effektiv gegen eine Veränderung und insbesondere hohe Mietpreise erscheinen als zuverlässige Versicherung gegen eine ungewünschte Zuwanderung des Pöbels. beste Grüße, AH |
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Guten Tag!
Vielleicht ist das ja ein Mangel des Artikels - dass er sich Sorgen macht um arme Leute, die aus ihrem Viertel verdrängt werden, ist natürlich ehrenhaft. Das heißt aber nicht, dass die Sorgen Nicht-Armer deswegen "theoretisch" wären - das Absacken von Stadtvierteln ist mindestens genau so eine Realität wie die Gentrifikation. Es ist eben für StudentInnen, SozialpädagogInnen, FacharbeiterInnen und andere Angehörige der Mittelschicht, für die es auch immer schwieriger wird, ein angenehmes Leben zu führen, auch ziemlich unerfreulich, beobachten zu müssen, wie der Stadtteil, in dem sie leben, langsam vor die Hunde geht, weil zunehmend Leute drin wohnen, die sich einen feuchten Kehricht um die Qualität der Infrastruktur kümmern, überall hinrotzen und ihren Müll unter sich gehen lassen oder auch gleich den lieben Mitmenschen mit der blanken Faust begegnen. So etwas soll es ja auch geben. Denen damit zu kommen, sie könnten sich ja relativ mühelos was anderes suchen, ist nicht sehr menschenfreundlich gedacht - vielleicht wollen die ja gerade im authentischen Viertel bleiben? Mit anderen Worten: Wir haben alle unser Päckchen zu tragen. Mag sein, Arme haben schwerer zu tragen. Aber wer schon mal vor der Haustür unprovoziert was auf die Fresse gekriegt hat, wird es wohl kaum als tröstlich empfinden, dass er (oder sie, was das betrifft) ja was anderes suchen kann. Zu recht. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit Harald Leinweber |
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Lieber Andrej Holm,
vielen Dank für die Erwiderung. Der obenstehende Kommentar von Harald Leinweber ist eine gute Überleitung zu der Frage, die ich mir stelle (und zu der es möglicherweise Daten gibt), nämlich inwieweit Gentrifizierung und die Entstehung von "Problemvierteln" unmittelbar zusammenhängen. Daß beides gleichzeitig stattfindet und irgendwie irgendwas mit der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu tun hat, ist klar. Aber gibt es auch einen "harten" kausalen Zusammenhang und wie sieht der aus ? |
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Liebe Nelly,
leider gibt es über den Zusammenhang von Gentrification und der Entstehung von Problemvierteln keine wirklich guten empirischen Studien. Ganz abstrakt können wir sicherlich davon ausgehen, dass eine Konzentration von Besserverdienenden in einem Gebiet (rein rechnerisch) in anderen Stadtteilen zu einem erhöhten Anteil von ärmeren Haushalten führen muss - also die sozialräumliche Polarisierung in den Städten zunimmt. Vorliegende Studien zum Umzugsverhalten aus Aufwertungsgebieten zeigen jedoch, dass viele Bewohner/innen, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, versuchen eine preiswerte Wohnung in der unmittelbaren Nähe ihres bisherigen Quartiers zu finden. Diese Tendenz zu Nahwanderungen muss also nicht notwendigerweise zur Herausbildung von Problemvierteln führen - zumal ja die 'Verdrängten' durchaus unterschiedliche sozioökonomische Merkmale aufweisen können (Um eine Eigentumswohung nicht bezahlen zu können, muss ich nicht zur Unterschicht gehören). Was in Berlin in Ansätzen zu beobachten ist, sind wanderungsausgelöste Kettenverdrängungen, wenn etwa studentischen Wohngemeinschaften vom Boxhagener Platz (wegen der modernisierunsgbedingt gestiegener Miete) ausziehen und am Reuterplatz eine neue Wohung anmieten. Der Ortswechsel ist zugleich ein Statuswechsel, denn die 'Verdrängten' aus Friedrichshain können in Neukölln zu den 'Aufwertungs-Pionieren' zählen, da sie höhere Mitpreise bezahlen können, als viele Langzeitbewohner/innen dort. Die negativen Aufwertungseffekte sickern in dieser Form als Dominoeffekt durch die Stadt - die aktuellen Endstationen scheinen die Großwohnsiedlungen in Spnadau und Marzahn zu sein. Jedenfalls beobachten verschiedene Studien (z.B. Monitoring Soziale Stadt) seit eine paar Jahren einen deutlichen Konzentrationsprozess von marginbalisierten Haushalten in diesen Stadtrandquartuieren. Hartmut Häußermann warnt sogar von Pariser Verhältnissen und befürchtet dort die "Slums des 21. Jahrhunderts (bit.ly/gneOPX). Der Zusammenhang zur Gentirfication ist dabei ein systematischer, erfolgt aber (zur Zeit) nicht als unmittelbares Ursache-Wirkungs-Prinzip. Soweit, AH |
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Ganz ausgezeichnet. Habe viel Neues gelernt. Hoffe auf weitere Blogs zum Thema. Danke.
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Lieber Andrej Holm,
Städte – so wird im Artikel Sharon Zukin zitiert – verlieren ihre Seele, wenn diese Kontinuität gebrochen wird. Das klingt griffig, greift aber zu kurz, wie wir wissen. Jede Gesellschaftsgeneration baut die disponierbaren Bestandteile der Stadt entsprechend ihren offensichtlichen oder unausgesprochenen Leitbildern um, zeitverzögert wird ein Selbstbildnis der der wirtschaftlich und/oder politisch potenten Entscheider in die urbane Poché eingeschrieben, gebremst, gelegentlich gelenkt von sozialpolitischen Zielen – ein Ziel wie es etwa mit dem Leitbild der„sozial gemischten Stadt“ beschrieben werden kann. Trennung von Wohnen und Arbeit, Autogerechte Stadt sind noch allgemein bekannte Leitbilder des 20. Jahrhunderts, im 19. Jahrhundert bedingte der Arbeitskräftebedarf der Industrie auch die Erfindung der „Mietskaserne“, die „befestigte Residenzstadt“, die „Patrizierstadt der Kaufleute und Bürger“, die mittelalterliche „Stadt der Zünfte“ sind ältere Erfindungen, die uns noch geläufig sind, nicht zuletzt, weil sie als Erinnerung in den Stadtgrundriss geschrieben wurden. Innerhalb eines markierten Territoriums kämpfen Individuen und Gruppen um soziale Partizipation und wirtschaftliche Existenz, solange die Stadt „lebt“. Die aktiven Menschen sind die Seele der Stadt. Nach den bekannten Zahlen wachsen die Stadtagglomerationen überall auf der Welt, tragfähige Strategien, Konzepte und Leitbilder für diese maßstabsprengenden Stadtcluster sind noch zu entwickeln. Und es wird sich zeigen, ob der Mensch der Zukunft als Nomade zu beschreiben ist oder als Sesshafter, als Wanderer oder als Besitzer. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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