Angelia

Blog von Angelia

02.12.2011 | 18:17

Der Arschloch-Faktor nach Robert I. Sutton

Für Sie gelesen:

 

Über ein sozial inkompatibles Phänomen..

Vor einigen Monaten gab ich, mehr oder weniger zufällig, das Wort Arschloch in eine Suchmaschine ein. Wenige Stunden zuvor hatte mich, während einer Besprechung, das Benehmen eines Kollegen zur Weißglut gebracht. Mein erster Impuls war, ihm spontan die Gurgel umzudrehen; was mich aber zur Mörderin gemacht hätte. Als Nächstes gedachte ich, ihn wenigstens mit zwei oder drei gezielt angebrachten Sätzen rhetorisch abzuknallen. Doch Erfahrungen aus der Vergangenheit hielten mich davon ab. Damals hielt ich nämlich nach meinem zwar erfolgreichen verbalen Abschuss eines Despoten unerwartet die A.-Karte in der Hand. Das sollte mir nicht wieder passieren und so biss ich statt dessen in die Tischkante.
Aber wie geht man, ohne sich oder der Gruppe zu schaden, mit Widerlingen erfolgreich um, fragte ich bei Google an und stieß auf Robert I. Suttons Buch: ”Der Arschloch-Faktor”

Robert I. Sutton ist Prof. für Management, Wissenschaft und Technik an der Universität Stanford. Er schrieb dieses Buch, da enthemmte Egomanen durch ihre destruktiven Eigenschaften enorme wirtschaftliche Schäden in Unternehmen anrichten. Indem sie innerbetrieblich ihre persönlichen Kriegsschauplätze installieren, schädigen sie nicht nur ihre Opfer, bis hin zum Burn-out und der Kündigung der ansonsten guten Mitarbeiter. Teamtyrannen reduzieren die konstruktive Leistungsfähigkeit einer Gruppe, indem sie ihre eigenen und die Energien der Kollegen von Aufgaben und Projekten auf ihren egozentrischen Spielplatz umlenken. Denn nicht nur die auserwählten Opfer, sondern auch das “leidende und anteilnehmende Publikum” ist unwillkürlich in das Spiel verwickelt. Die Regeln des Spiels diktiert der Fiesling allein.

Sutton meint, die Anwendung des Begriffs Arschloch solle wohl überlegt sein. Die Mitmenschen, die gelegentlich ihr Mütchen an ihrer Umwelt kühlen, sei es aus Frust, temporärer schlechter Laune oder anderen ursächlichen, isoliert auftretenden Gründen, können mit Arschloch nicht gemeint sein. Auch Personen, die von Natur aus eine ruppige, temperamentvolle Art haben, Dinge direkt und unverblümt aussprechen, weisen kaum Charakterzüge eines “Arschlochs per Definition” nach Sutton auf. Gerade ruppig, direkten Menschen fehlt das, was einen despotischen Fiesling kennzeichnet: das chronisch berechnende, intrigante, tyrannische und hinterhältige Verhalten. Der Typ Arschloch verfolgt absichtsvoll destruktive Strategien. Sutton hat in seinem Buch 12 der gängigsten Strategien aufgeführt: ( Kap.1, S. 4)

1.Persönliche Beleidigungen
2.Verletzung der Privatsphäre
3.Unaufgeforderter körperlicher Kontakt
4.Verbale und nonverbale Einschüchterungen und Drohgebärden
5.Als "sarkastische" Witze und Hänseleien getarnte Beleidigungen
6.E-Mail-Hassattacken
7.Angriffe auf den Status des Opfers
8.Öffentliche Demütigungen oder auf "Statusminderung" abzielende Rituale
9.Rüdes Unterbrechen
10.Janusköpfige Attacken
11.Bewusstes Anstarren
12.Leute wie Luft behandeln

Da so gut wie jeder Mensch je nach Situation gelegentlich auf eine oder mehrere dieser Strategien zurück greift, ist es schwierig, einen ausgemachten Fiesling [so wie dessen Sympathisanten (Anm. der Autorin)] eindeutig zu identifizieren. Sutton empfiehlt daher zum Einen: [...] „nach Leuten zu suchen, die andere Menschen beständig demütigen und demoralisieren“ und zum anderen nach dem Status oder Rang des Opfers zu fragen: wie viel Macht, Prestige oder Ansehen hat das Opfer in der Gruppe. (Kap.1 S.18)

Sind Menschen mit Intriganten konfrontiert, stellen sie idR. Fragen nach den Gründen und Ursachen. Warum macht er/sie das? Der Nervtöter wird so nicht nur zum Forschungsobjekt zwecks Analyse. Er nimmt über Gebühr Raum in den Gedanken der Betroffenen ein und stiehlt Energien. Eine Analyse von Etwas macht nur dann Sinn, wenn man Etwas ändern kann. Einen Unsympathen kann - man - nicht - ändern! Auch der experimentelle Umgang (Versuch und Fehler, Provokation - Reaktion) mit Destruktivsten, wendet das Blatt nicht zum Positiven. In den seltensten Fällen gelingt es weder einer Einzelperson noch der Gruppe, durch autodidaktische Selbstversuche, eine allgemeinverträgliche und somit produktive Stimmung wieder herzustellen. (Anm. der Autorin) Sutton empfiehlt Unternehmen und Gruppen verbindliche „Antiarschloch-Regeln“ aufzustellen und konsequent umzusetzen. Er empfiehlt 10 zentrale Schritte zur Durchsetzung dieser Regeln.( Kap.3, S.85)

1. Aufstellen von Anti-Arschlochregeln, die man selbst auch befolgen kann.

2.Arschlöcher stellen meistens Arschlöcher ein, deshalb zivilisierte Leute an Vorstellungsgesprächen beteiligen.

3.Arschlöcher so schnell wie möglich vor die Tür setzen.

4. Ein bisschen Macht kann aus scheinbar netten Menschen Fiesling machen, deshalb auf eine Ausgleich der Kräfteverhältnisse achten.

....


Im Wesentlichen bedeutet das, destruktives Verhalten darf sich nicht lohnen. Geht es beispielsweise um eine Beförderung, werden neben der produktiven Arbeitsleistung ebenso menschliche Kompetenzen sowie das Einhalten bestimmter Höflichkeitsregeln bewertet. Ellbogenmentalität und destruktives Verhalten würde sich für einen Fiesling spätestens bei der nächsten Beförderungsrunde auswirken. (Kap.3, S.47ff)

Einen wesentlichen Punkt, im Umgang mit Intriganten und Despoten, beschreibt Sutton unter dem Aspekt: Erkenne dich selbst, zitiere: „Zu erkennen, dass man ein Arschloch ist, ist der erste Schritt.“ Entscheidend ist, ob und wieweit die Schere zwischen Selbstbild (kein Arschloch) und Fremdwahrnehmung (Arschloch) auseinander geht. Wer annimmt, das Leben sei Wettkampf, Kollegen oder Mitmenschen seien Rivalen oder Feinde, kann sich schnell zu einem echten Kotzbrocken entwickeln. Insbesondere wenn man meint, zitiere Sutton: [...] „das Verhalten egozentrischer Schwachköpfe nachäffen zu müssen.“ Auf diese Art könne man sich, lt. Sutton, schneller eine „Arschloch-Infektion“ einfangen, als man gucken kann. Schon aus Gründen des Infektionsrisikos sollte man Mistkerlen und -frauen aus dem Weg gehen, größtmögliche Distanz halten, Kontakte so gut es geht meiden und zu Not müsse man ggf. kündigen. ( Kap.4, S.90ff)

Nichts desto trotz, manchmal, das ist die bittere Wahrheit, lohnt es sich, sich wie ein Arschloch aufzuführen, schreibt Sutton. Nämlich dann, wenn man dadurch mehr Macht gewinnen, Rivalen aus dem Weg räumen, wenn man durch Angst zu mehr Leistung motivieren so wie ignorante und inkompetente Leute zur Vernunft bringen kann. Ein weiter Anlass ist, wenn man in gewissen Momenten die Faxen von anderen Leuten dicke hat und einfach in Ruhe gelassen werden will. Sutton beschreibt 5 effektive Möglichkeiten, die destruktivem Verhalten konstruktive Anstriche verleihen können, warnt aber gleichzeitig: Destruktives Verhalten richtet mehr Schaden an, als das es zu irgendetwas gut ist. (Kap.6)

ISBN: 9 783446 407046 Robert I Sutton: Der Arschloch-Faktor

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
ebertus schrieb am 02.12.2011 um 18:44
Der volle Strauss menschlicher Wesenarten; und wenn ich nicht schon im (freiwillig vorgezogenen) Ruhestand wäre, so tät die genannte Lektüre sich wohl wirklich lohnen.

Hier im "Second Life" mag das ähnlich sein, eher selten mit dem faktischem, praktischem Impact auf das reale Leben; dennoch mit den kleinen, feinen Unterschieden, soweit anonymes, gern auch schon mal multiples Drohpotential gegenüber nicht anonymen bzw. leicht real zu identifizierenden Figuren ausgespielt werden soll. Meine Erfahrung zumindest in derartigen Communities seit Anfang 2007 - und andauernd...
Der Querulant schrieb am 08.02.2012 um 01:46
Lesenswerte Beiträge, vielen Dank.
Angelia
Ich fühle mich nicht verpflichtet meinen Irrtümern treu zu bleiben. (Frei nach Nietzsche)
Ort:
Düsseldorf
Mitglied seit:
2 Jahre 41 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.05.2012
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 39
Kommentare: 1241
Logbuch
16:02
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:59
doedelf hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:59
Heiko Zorn-Bürger hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:57
abghoul hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:56
S. Steinebach hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG