Angelia

Blog von Angelia

16.11.2011 | 22:05

Zum Todestag von Milton Friedman

Heute vor 5 Jahren verstarb Milton Friedman, neben John Maynard Keynes einer der erfolgreichsten Wirtschaftswissenschaftler. Friedman war  Chefkonstrukteur der neoliberalen Ideologie. Erfolgreich auch deshalb, weil sich seine Ideologie in den letzten dreißig Jahren konsequent durchsetzte, nach wie vor massiven Einfluss auf das wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Denken hat und das obwohl sich sowohl Macht als auch Teilhabe am globalen Wohlstand einseitig zu Gunsten weniger Menschen verschoben hat. Vielleicht setzte sich die Ideologie aber auch gerade deshalb durch.

Anlässlich des Todestages von Milton Friedman sendete WDR 5 heute morgen einen unglaublich guten Beitrag, der nicht nur die Zusammenhänge von Ideologie-Politik-Wirtschaft und Macht in zwanzig Minuten vermittelte. Hier wurde deutlich, dass die Verteidigung der Demokratie genau so immer wieder auf ein Neues nötig ist, wie die Frage was der Mensch ist und wie wir als Gesellschaft zusammen leben wollen.

Zwar bin ich sowieso gerade in einer Stimmung chronisch latenter Empörung, aber dieser Beitrag hat mich richtig wütend gemacht. Es wird immer deutlicher, dass Bewegungen wie Occupy oder echte Demokratie unbedingt unterstützt und langfristig aufgestellt werden sollten.

Bitte nehmen Sie sich 20 Minuten Zeit und hören Sie selbst:

 gffstream-7.vo.llnwd.net/c1/m/1320766751/radio/zeitzeichen/WDR5_Zeitzeichen_20111116_0920.mp3

 

 

 

 
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Kommentare
Magda schrieb am 16.11.2011 um 23:09
Danke, ich habs mir auf den Player runtergeladen.
Joachim Petrick schrieb am 17.11.2011 um 00:58
@Angelia

"Heute vor 5 Jahren verstarb Milton Friedman, neben John Maynard Keynes einer der erfolgreichsten Wirtschaftswissenschaftler und Chefkonstrukteur der neoliberalen Ideologie. "

So nahe standen sich Milton Friedmann und Maynard Keynes wohl eher nicht!, oder?

Was ist mit Carl Popper, dem Altkanzler Helmut Schmidt so gerne sein offenes Ohr lieh?

Auf jeden Fall Danke für den Link!
Angelia schrieb am 17.11.2011 um 08:07
Joachim, schreib doch eine Kritik zu Popper, dann vergleichen wir beide :-)
Joachim Petrick schrieb am 20.11.2011 um 15:02
@Angelia

"Joachim, schreib doch eine Kritik zu Popper, dann vergleichen wir beide :-)"

Interessante Anregung. Danke!

Ich überlege mir das!
the-babyshambler schrieb am 17.11.2011 um 03:10
schön, dass du ideologie sagst...denn das ist es...globalisierter wahnsinn!
Angelia schrieb am 17.11.2011 um 08:05
.... das und ganz klar ein Machtinstrument, welches radikal in Chile ausprobiert wurde und trotz der damals schon bekannten Folgen, nämlich Wohlstand für wenige, Armut für den Rest in die Welt gezwungen wurde.
Habe dazu auch mal was geschrieben. Aber die Meisten kennen den Fall Chile ja bestimmt.
Angelia schrieb am 17.11.2011 um 08:50
noch was zum Thema Ideologie:
Ideologien haben nach Hannah Arendt u.a. folgendes gemeinsam: Das Denken kreist nicht mehr um die reale Lebenswelt und den Alltagserfahrungen der Menschen, sondern um eine Idee. Ideologen setzen voraus, dass die Idee als geschlossenes System in sich logisch ist und sein muss. So bewegt man sich ausschließlich im Rahmen der Logik der Idee, ohne diese an der Wirklichkeit, von der man sich ja distanziert hat, prüfen zu müssen. Baumeister von Ideologien arbeiten auf der Basis von Annahmen, sie setzen Dinge einfach voraus.

Sinn und Zweck:
Ideologien sind dafür gedacht, das Wollen ihrer Erfinder und Nutznießer in die Realität zu tragen und diese somit in ihrem Sinne zu gestalten. Der Globalisierungsprozess der letzten Jahre ist nicht etwa ein Naturereignis, sondern genau so, im Sinne des Neoliberalen Wirtschaftmodells, gezielt gewollt.

Menschenbild:
Die Logik einer Ideologie fragt nicht nach dem Wesen des Menschen sondern danach, wie der Mensch sein soll, damit er in das Bild der Ideologie passt.
Popkontext schrieb am 17.11.2011 um 03:17
Ähm, nix für Ungut, aber Keynes war wenn mir nichts entscheidendes entgangen ist genau das andere Ende zu Friedman, der Österreichischen Schule und dem Neoliberalismus. Beide waren bestimmende Wirtschaftswissenschafter, aber mit gegensätzlichen Modellen und ihre Anhänger liegen sich bis heute in den Haaren. Keynes befürwortete einen starken Eingriff in die Wirtschaft durch den Staat, die Neoliberalen dagegen Deregulierung.
Angelia schrieb am 17.11.2011 um 08:01
Danke für den Hinweis auf die sprachliche Ungenauigkeit, habe es klarer ausgedrückt.
Und? was haltet ihr vom Podcast?
Angelia schrieb am 17.11.2011 um 08:56
Die wohl eindruckvollste Einführung des Kapitalismus konnte man in den Siebzigerjahren auf chilenischem Boden beobachten. Als der bekennende Marxist Salvatore Allende 1970 demokratisch zum Präsidenten gewählt wurde, kommentierte der damalige US- Außenminister Kissinger das Ergebnis folgendermaßen: „Ich sehe nicht ein, weshalb wir zulassen sollen, dass ein Land marxistisch wird, nur weil die Bevölkerung unzurechnungsfähig ist.“

Was Allende jedoch einsah war die Situation der 1,5 Millionen unterernährten Kinder, der 500 000 Obdachlosen und der Menschen, die trotz Arbeit arm waren. Allende sah jedoch nicht ein, dass sich der Landbesitz zu 80% in den Händen einer kleinen Oberschicht befand. Die für die chilenische Wirtschaft wichtigen Bodenschätze sammelten sich zu einem großen Teil im privaten Besitz ausländischer, hauptsächlich us-amerikanischer Investoren an. Diese wiederum fanden Allendes Pläne für umfangreiche Sozial- und Wirtschaftsreformen nicht so toll. Im Wesentlichen wollte Allende wichtige Industriebetriebe und das Bankenwesen verstaatlicht, so wie Großinvestoren enteignet werden. Aus diesem Grund beschwerten sich einflussreiche Unternehmer beim damaligen Präsidenten Nixon, der daraufhin die CIA ansprach. Allendes Amtsantritt sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Allende überlebte einen Mordanschlag, trat sein Amt an und setzte die geplanten Reformen um. Der Bevölkerung ging es zunächst wesentlich besser.

Kurzerhand organisierte die CIA dann einen Propagandakrieg gegen Allende, die Nixon-Administration einen Wirtschaftboykott, dem 14 Staaten Folge leisteten. Dies trieb Chile letztendlich in den Ruin. Dem Land fehlte nun schlicht echtes Geld. 1973 wurde Allende erfolgreich militärisch weggeputscht und der Diktator Pinochet ins Amt gehoben. Pinochet bat Milton Friedman, dem Professor für Wirtschaftsfragen aus Chicago, um Beratung. Während Nixon Friedmans Wirtschaftsideen seinerzeit noch als zu radikal ablehnte, konnte sich das Konzept der freien Wirtschaft in Chile erproben. Alle bis dahin stattgefundenen Reformen wurden rückgängig gemacht, chilenische Studenten in Chicago in Wirtschaftsfragen ausgebildet und später eingesetzt. Man deregulierte die Märkte, Gewerkschaften wurden wegen ihrer Nähe zu den Sozialisten verboten, die Wirtschaft und die Sozialsysteme weitestgehend privatisiert.

Doch wie tragfähig und vor allem gerecht, stellte sich das neue freie Wirtschaftsmodell langfristig dar? Tatsächlich war das Konzept erfolgreich. Die Wirtschaftsleistung stieg, auch die Armut reduzierte sich. Allerdings gehört Chile zu den Ländern mit einer extrem hohen ungleichen Verteilung des Wohlstands. Das heißt, es gab Wenige mit richtig viel Geld, Viele mit wenig bis richtig wenig Geld. Dieser Umstand wirkte sich nicht nur negativ auf die Möglichkeiten zur privaten Vorsoge für Alter und Krankheit aus. Das an marktwirtschaftliche Bedingungen geknüpfte Bildungssystem schuf eine gravierende Ungleichheit der Zukunftschancen. Viele konnten sich private Schulen nicht leisten, das staatliche Bildungssystem war schlecht. Ebenso war das Konzept anfällig für Krisen innerhalb des Wirtschaftssystems. Doch in solchen Fällen wurde dann ausnahmsweise der Staat geduldet. Während man die Gewinne größtenteils privatisiert hatte, solidarisierte man in Krisenzeiten die Schulden. Unternehmen wurden durch Staatsgeld gerettet, während man Millionen von Chilenen in die Armut entließ. Natürlich waren auch die privaten Renten-Fonds vor Krisen nur unzureichend geschützt. Viele Chilenen bekamen weniger Geld ausbezahlt, als sie einzahlten.

Friedmans Wirtschaftsstudenten gingen übrigens als „die Chicago Boys“ in die Geschichte ein. Denn sie tauchten nicht selten immer dann auf, wenn ein von Krisen geschütteltes Land um neue politische und wirtschaftliche Strukturen rang. Überhaupt schienen sich Krisen besonders gut für politische und wirtschaftliche Umgestaltungen zu eignen. Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein zitiert dazu in ihrem Buch „Die Schock - Strategie“(S.107) Milton Friedman, der 1982 in einem Aufsatz schrieb: „Nur eine Krise - eine tatsächliche oder eine empfundene - führt zum Wandel. Wenn es zu einer Krise kommt, hängt das weitere Vorgehen von den Ideen ab, die im Umlauf sind. Das ist meiner Ansicht nach unsere Hauptfunktion: Alternativen zur bestehenden Politik zu entwickeln, sie am Leben und verfügbar zu halten, bis das politisch Unmögliche unvermeidlich wird.“
Uwe Theel schrieb am 20.11.2011 um 19:56
Entschuldige Angelia,

so korrekt du das Meiste über das Chilenische Glück (Allende) und Unglück (Pinochet/Friedman/USA) schreibst, in zwei Punkten muß ich Dir widersprechen:

Allende hat nichts "übersehen" (nichts "nicht eingesehen"), schon gar nicht die ungerechte Landverteilung, die einen Bodenreform ja gerade beseitigen sollte. Allende wußte zu jeder Zeit, welche Gefahr er persönlich und sein Land liefen, von den USA/das Kapital in ihrem sozialistischen Weg gestoppt zu werden. Allende ist, durch demokratische Wahl legitimiert dieses Risiko mit vielen, vielen Chilenen bewußt eingegangen.

Auch hat kein "Propagandakrieg der CIA", noch wirtschaftlicher Druck Chile "in den Ruin" getrieben. Der Putsch und der Quasimord an Allende war die Antwort des Kapitals auf dessen "Einsicht", dass es Chile unter Allende nicht würden in den Ruin treiben können, was für das Kapital hieß, Allende und sein Projekt wieder "abgewählt" zu bekommen. Erst Der Putsch schuf die Möglichkeit, das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen auf die Zeit vor dem Sozialismus.

lg
Uwe
Angelia schrieb am 20.11.2011 um 22:13
oah Uwe....

mein Satz auf den du dich beziehst (Allende hat nichts "übersehen" (nichts "nicht eingesehen"),) lautete:

Allende sah jedoch nicht ein, dass sich der Landbesitz zu 80% in den Händen einer kleinen Oberschicht befand. Dass meint: Er fand nicht gut (im Sinne von es ist nicht einzusehen/ akzeptabel), dass...

Ansonsten kann man mit Hilfe des Internets deine und meine Ausagen zu den Aktivitäten der CIA und den USA in Chile jederzeit auf Richtigkeit sowohl im Netz als auch in Bibliotheken selbst prüfen.
Uwe Theel schrieb am 20.11.2011 um 23:37
@ Angelia am 20.11.2011 um 22:13

liebe Angelia, deine Verwendung von der anderen der zwei Bedeutungen von "nicht einsehen" im jetzt erklärten Sinne eben, macht natürlich einen guten Sinn; ich habe das beim Lesen nicht so verstanden, ergo nehme ich meinen Kritik in diesem Punkt zurück.

Bezüglich meiner zweiten Kritik an der Aussage, der "Propagandakrieg der CIA habe Chile in den Ruin getrieben" in Deinem ansonsten von mir gerne gelesenen Artikel, muß ich aufrechterhalten, da ich davon ausgehe, dass der "Wirtschafts- und Propagandakrieg" gegen Chile zwar eine harte Prüfung für das Land war, seinen Fortschritt extrem behinderte, die es aber hätte bestehen können. Das wußten die USA irgenwann und deshalb schlugen sie der von ihnen auserkorenen Hydra den Kopf ab und beendeten das Projekt der Unidad Popular und des chilenischen Volkes mit militärischer Gewalt und anschließendem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das erst "ruinierte" den realen, realisierten Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz in Südamerika.
Angelia schrieb am 21.11.2011 um 08:26
Ich verstehe worauf du hinaus willst. Aber darum geht es nicht, Uwe. Es geht nicht darum das eine theoretische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell (Sozialismus/Kommunismus) gegen das andere (Kapitalismus/Neoliberalismus) zu verteidigen. Sondern es geht darum zu begreifen, dass es immer um Macht, Herrschaft und Vorteil geht und welche Wege gegangen werden, um diese Ziele zu verfolgen.

Wichtig ist nämlich, dass amerikanische Regierungen und deren Freunde aus der Wirtschaft keineswegs von ihren Strategien ablassen und das, obwohl sie nicht nur die Weltwirtschaft -Gesellschaft in eine tiefe Krise stürzten, sondern weil selbst im eigenen Land die Auswirkungen ihrer Politik empfindlich zu spüren sind.

Ja, ihnen bleibt mittlerweile sogar nichts anderes übrig als zu zeigen, wie weit sie für die Umsetzung ihrer Ziele bereit sind zu gehen. Warum wohl wird versucht die Occupy-Bewegung bereits durch Räumungen und rabiate Polizeieinsätze im Keim zu ersticken?

Sieh bitte unter diesem Aspekt einfach nochmal genauer hin.
Uwe Theel schrieb am 21.11.2011 um 12:31
@ Angelia schrieb am 21.11.2011 um 08:26

"Es geht nicht darum das eine theoretische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell (Sozialismus/Kommunismus) gegen das andere (Kapitalismus/Neoliberalismus) zu verteidigen. Sondern es geht darum zu begreifen, dass es immer um Macht, Herrschaft und Vorteil geht und welche Wege gegangen werden, um diese Ziele zu verfolgen."

Es geht immer um beides. Nur so bildet sich revolutionäres Bewußtsein. Da wird übrigens dann nicht immer nur "theoretisch" ein "theoretisches" Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell (Sozialismus/Kommunismus) gegen das andere (Kapitalismus/Neoliberalismus) verteidigt.

Bezüglich Deines Textes ging es mir daher konkret darum, dass Du der "CIA-Propaganda" als solcher die Wirkung zugeschrieben hast, den nur der reale, gewalttätige Militärputsch und die folgenden Untaten hatten.

In der "theoretischen" Einschätzung sonst liegen wir ja gar nicht groß auseinander?!
Angelia schrieb am 21.11.2011 um 17:51
Uwe, du weißt ja aus vergangenen Diskussionen, dass und warum ich von Modellen nur bedingt etwas halte. Mir käme es nicht in den Sinn ein Modell zu verteidigen, höchstens abzuwägen, welche Teile welcher Konzepte und Modelle in der Vergangenheit zu etwas Gutem geführt haben, was davon destruktiv war und was auch für die Zukunft noch trägfähig sein könnte.

Für Wesentlich halte ich dagegen die Erkenntnis, wie Macht und Herrschaft funktioniert. Dazu bietet der Verlauf im Fall Chile wunderbares Anschauungsmaterial.

Der Militärputsch war in diesem Fall eine Tabula Rasa Handlung. Es hätte halt schlicht zu lange gedauert, bis der Wirtschaftsboykott und die Propaganda zur demokratischen Abwahl Allendes geführt hätten. So lange wollte man eben nicht warten.
Das Ergebnis wäre wahrscheinlich das Selbe, nur zu einem späteren Zeitpunkt gewesen.
Uwe Theel schrieb am 21.11.2011 um 19:08
Liebe Angelia,

ich wollte Dir hier auch nicht den Schwur auf den Sozialismus abnehmen, sondern den realen Kraftakt benennen, der Allende stürzte:

Allende hätte unter allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die schon zu seiner Amtszeit ihm durch die USA und deren dazu Verbündeten gemacht wurden, m.E. eine 60%ige Chance zur demokratischen Wiederwahl bei den nächsten Wahlen gehabt.

Zu diesen Wahlen ist es nicht gekommen: Sie haben Allende und den das sozialistische Modell in Chile vorher getötet.

Wäre es anders, hätten sie ruhig abwarten können, bis sie das Kupfer dann durch Wahlen in ihre Hände bekommen hätten. Es wäre billiger und imagefördernder gewesen, als die folgende Diktatur und deren Kosten.
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