Angelo D'Abundo

Blog von Angelo D'Abundo

27.01.2012 | 16:18

Kinder an die Urne?

Sandkästen und Klettergerüste sind bisher nicht als Räume intensiver politischer Auseinandersetzung bekannt. Das könnte sich bald ändern. Denn ein Antrag der Fraktion der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus zielt auf nichts weniger als die Politisierung der Spielplätze und Grundschulen: Die Piraten möchten das erforderliche Wahlalter für Berlinerinnen und Berliner schrittweise auf sieben Jahre senken und diese Altersbeschränkung schließlich völlig abschaffen.

Der Abgeordnete Fabio Reinhart (Piratenpartei) sieht das so: „Es gibt eigentlich keinen politischen Grund, dass jemand von seinem Wahlrecht aufgrund einer Altersbeschränkung ausgeschlossen wird.“ Es verletze den Grundsatz politischer Gleichheit, wenn man Kinder und Jugendliche wegen ihres Alters von Wahlen ausschließe – ähnlich wie man in der Vergangenheit Besitzlose oder Frauen vom Urnengang ausschloss. Dafür müssten sich Kindergärten und Schulen stärker als Orte der Demokratie verstehen und Medien wie Parteien Rücksicht auf ihre neuen kleinen Adressatinnen und Adressaten nehmen.

Geldpolitik in der Grundschule, Kommunismus im Kindergarten – überfordern diese Themen Kinder nicht schlicht? Schließlich setzt Urteilskraft ein gewisses Reflexionsvermögen voraus, das Bürgerinnen und Bürger – manche mehr, manche weniger – dazu befähigt, das Für und Wider komplexer Entscheidungen abzuwägen. Diese Fähigkeit zu vernunftgeleitetem Handeln ist auch der Schutzwall gegen Denkgebäude, die der Verfassung und den Menschenrechten wenig abgewinnen können. Kinder wären solchen Ideologien schutzlos ausgeliefert – erst recht, wenn deren Anhänger ihre Botschaften in harmlose Sprache kleiden. Kinder sind verführbar. Würde dieses emanzipatorische Projekt junge Demokraten und Demokratinnen nicht eher verwundbar machen, als sie zur politischen Teilnahme befähigen?

Diese Überlegung hat ein Verfallsdatum, das mit dem Ende der Kindheit eintritt. In Deutschland gilt als Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist. Wer über seine Religion entscheiden und von der Justiz für seine Taten belangt werden kann, sollte auch an der Entscheidung politischer Fragen mitwirken dürfen. Und das aus zwei Gründen: Erstens sollte Wählen kein Privileg der Älteren, sondern das Recht jeder mündigen Bürgerin sein. Und zweitens werden Jugendliche ab 14 Jahren noch wesentlich länger mit den Folgen demokratischer Entscheidungen leben müssen als ihre älteren Mitbürger. Insofern wäre ein Wahlrecht ab 14 Jahren ein längst überfälliger Beitrag zur Generationengerechtigkeit, der die politischen Kräfteverhältnisse kräftig durcheinander wirbeln könnte. Kinder aber sollten wir aus der Politik und auf dem Spielplatz lassen.

 
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Kommentare
Nashira schrieb am 27.01.2012 um 16:43
Wenn Siebenjährige wählen dürften, würden sie vielleicht als erste Dreier-Buchstabenkombi die Parteien kennenlernen? Malend zu erüben am besten ab fünf, damit man schon mal damit vertraut ist, wenn man mit Sieben Buntstiftbewehrt und ohne Mami ganz alleine in die Kabine schreitet.

Dann muss jedoch auch erlaubt werden, dass Siebenjährige noch ein Männchen dazu malen, einen Zwerg, einen Hund oder einen Zauberhut. Je nach Neigung des politisch hellwachen Kindes. Alles andere wäre nicht kindgerecht.

Und damit die Jugendlichen dann ab 14 aber nicht benachteiligt sind und wir hier auch die Menschenrechte einhalten gegenüber den Siebenjährigen, sollte man von 14-21 Graffity erlauben. Kleine Spritzpistolen zur kreativen Wahl in Schimmerfarben.

Ab 21 ist dann ein Kreuzchen erlaubt. Ordentlich, sauber, ins richtige Kästchen...

Bald ist Karneval, liebe Piraten!

Liegt es vielleicht daran, dass die meisten von euch noch keine ausreichende Kindererfahrung haben und die eigene Kindheit noch nicht so ganz bei jedem vorbei ist?... wohlwollend nachgefragt!
Nizzre Dra'Velven schrieb am 27.01.2012 um 16:51
Lieber Herr D'Abundo,
dabei stellt sich doch eine ganz wichtige Frage: Warum haben zur Zeit Menschen unterhalb von 18 Jahren kein Wahlrecht? Obwohl sie, wie Sie richtig feststellen, mit den Folgen der Politik am Längsten leben müssen. Wohingegen Senioren, auch diejenigen, die bereits in einem Pflegeheim oder Hospiz leben, ein Wahlrecht bis zum letzten Lebenstag genießen - und damit das Recht und die Möglichkeit über die Lebenswirklichkeit und die Lebenschancen der U18-Generation zu entscheiden.

Schon jetzt leidet unsere Gesellschaft an der Vergreisung und an den daraus resultierenden politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Denn nicht das Wohl der U18er und ihrer Eltern ist Mittelpunkt unserer Politik, sondern das Wohl der alles überstimmenden, mit maximalen Geldmitteln ausgestatteten Generation 55plus.

Diese Waage wird in den kommenden Jahren noch weiter kippen und ich wage zu bezweifeln, dass jeder Senior "das Beste" für die nachfolgenden Generationen wünscht. In erster Linie wollen die meisten das Beste für sich selbst (und im Zweifel für die eigenen Enkel, aber auf keinen Fall für die Enkel von anderen). So ist der Mensch nun mal.

Aus diesem Grund wäre es meiner Meinung nach höchste Zeit - auch angesichts der drängenden Zukunftsthemen von Bildung über Globalisierung, Schuldenkrise bis hin zur Umweltpolitik - denjenigen, die alles was wir anrichten auch ausbaden müssen, eine Stimme zu geben.

Und zwar vom Moment ihrer Geburt an. Gern stufenweise über ein Elternwahlrecht, eine "begleitete Wahl" bis zur vollen Stimme mit z.B. 14 Jahren.
Nashira schrieb am 27.01.2012 um 17:24
Wie wäre es denn mit einer Stimmenbündelung nach folgender Punkte-Formel:

Jeder bekommt bis zum 67. Lebensjahr (dem gewünschten regierungsamtlichen Renteneintrittsalter) pro Jahr und Wahl einen Stimmenpunkt.

ALso Einjährige einen Punkt, Zehnjährige 10 Punkte, 35jährige 35 Punkte pro Jahr. Ab 67 werden wegen statistischer Demenz pro Lebensjahr wieder 5 Punkte abgezogen.Also die 67jährigen erhalten 62 Punkte, die 76jährigen 17 Punkte und die Achtzigjährigen, die eh schon lange die Rentenkassen belassen, stehen im Wahlstadium der Ungeborenen mit Null Punkten, was statistisch dann auch ihrem Geist entspricht.

Für Frühvergreiste, Spätzünder und ALtersgenies gibt es Prüfverfahren, wo die Bonus-Malus-Punkte gesammelt werden können. Evtl. gleich direkt mit einer Führerscheintauglichkeitsprüfung, wenn man sie bei einer solchen Gelegenheit eh schon gleich zusammen hat.

Ob ich ein Altersrassist bin? Iwo, wir steuern doch alle früher oder später dorthin! Aber das mit den Kindern und dem Urnengang inspirierte mich zum weiterdenken.

Und gar nicht nebenbei, sondern ausdrücklich an Nizzre: Ihre Argumentation oben stimmt schon recht gut, was die Motivation angeht. Da müssen wir echt aufpassen!
Nizzre Dra'Velven schrieb am 27.01.2012 um 20:51
Liebe Nashira,
ich finde Ihren, sicher satirisch gemeinten, Beitrag wirklich putzig. Allerdings geht mir dabei die Ernsthaftigkeit des Anliegens etwas verloren. Denn ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung eins sagen: Die Generation meiner Großeltern hatte tatsächlich das Wohl der Nachgeborenen als oberstes Ziel. Das "unsere Kinder und Enkel sollen es mal besser haben".
Diese Generation hatte den ersten Weltkrieg als Kind und den zweiten als Erwachsene, mit kleinen Kindern, erlebt. Und die wollten eine bessere Welt. Und haben auch dafür eine sehr politische Bürgerkultur gepflegt.

Die Generation meiner Mutter (ich werde in Kürze 45) dagegen ist nach dem Krieg geboren und mitten ins "Wirtschaftswunder" hinein.
Als die Alt-68er revoltiert haben, war meine Mutter Kind und sie hat davon profitiert.

Diese Generation - und ich beurteile das danach, dass wir hier eine sehr zahlreiche Community pflegen - hat tatsächlich nur ihr eigenes Wohl im Blick. Die sind mit Wohlstand aufgewachsen, haben ihr Erwachsenenleben mit Wohlstand verbracht und sind heute sehr sehr wohlhabene Menschen im frühen Rentenalter.

Die liebevolle Großelternschaft der Generation davor ist denen völlig fremd. Ebenso, wie das Verzichten zugunsten der nachfolgenden Generationen oder das zukunftsorientierte mitgestalten von Politik.

Und das macht mir Sorge.
Ein Schelm schrieb am 28.01.2012 um 03:42
Mir macht eher Ihre Ahnungslosigkeit Sorgen. Wie wäre es, wenn Sie sich einmal darüber informieren, wie "sehr sehr wohlhabend" heutige Rentner wirklich sind?
Und Grundrechte daran zu knüpfen, wie "moralisch" sich eine vermeintliche Bevölkerungsgruppe angeblich verhält - damit verdienen Sie auf jeden Fall einen Preis für die abseitigste Idee seit langem.
Nietzsche 2011 schrieb am 28.01.2012 um 12:29
@ Nizzre Dra'Velven um 16.51

Sie vergessen, dass es das kommunale Wahlrecht ab 16 Jahren gibt. Für Sie vielleicht nicht relevant. Aber Sie sollten sich mal informieren - die Wahlbeteiligung Ihrer gepriesenen Generation liegt noch unter dem (ohnehin geringen) Prozentsatz.
Angelo D'Abundo schrieb am 28.01.2012 um 12:35
Liebe Nizzre Dra'Velven,

in ihrem Kommentar stecken einige interessante Punkte. Herausgreifen möchte ich den letzten.

Der Vorschlag eines "Eltern-"/"Familienwahlrechts" ist ja nicht neu. Äußerst problematisch finde ich an diesem Konzept, dass es mit der Gleichheit und Unmittelbarkeit zwei Prinzipien freier Wahlen verletzt.

Der demokratische Wille einer kinderlosen Mutter (1 Stimme) wäre weniger wert als der eines Familienvaters (2 oder mehr Stimmen). Weil Kindern dieser Idee nach die unmittelbare Wahl verwehrt bliebe, bin ich bezüglich der Vorzüge dieses Konzepts recht skeptisch.

Hier steht eine demokratische Gemeinschaft also vor der Wahl, die Verletzung des Grundsatzes politischer Gleichheit beizubehalten oder aber konstitutive Merkmale freier Wahlen zu beugen, ohne das Problem politischer Ungleichheit zu lösen. Das ist eine harte Nuss!
Nizzre Dra'Velven schrieb am 28.01.2012 um 16:57
Das sehe ich absolut ein. Es ging mir auch in erster Linie darum, die aktuelle komplette Wahlrechtslosigkeit der Unter-18-Jährigen gegen das garantierte lebenslängliche Wahlrecht einer rapide vergreisenden Gesellschaft zu setzen.

Im Grunde zeigt das Dilemma ja überdeutlich, wie wichtig es wäre, auf politischer Ebene - in dem Bewußtsein, dass die "Minderheit" der Jungen eben KEINE Möglichkeit der politischen Interessenvertretung hat - eine entsprechende Fürsprache-Vertretung einzurichten.

Denn aktuell ist es doch so, dass gerade die junge Generation sich eher von der Politik im Stich gelassen fühlt. Und dass - leider - viele ausgerechnet mit Wahlverweigerung reagieren, was als "Denkzettel" (niedrige Wahlbeteiligung) gedacht ist, aber nur zu einem noch deutlicheren Meinungsübergewicht der 50+ Generation führt, die Wählen gehen mehrheitlich als BürgerPFLICHT erachtet.

Ich sehe es deshalb als wichtig an, provokante Forderungen zu stellen, weil nur damit die Diskussion in Gang gebracht werden kann. Letztlich wird, realistisch gesehen, wenn überhaupt, nur ein Minimalkonsenz zu erzielen sein. Schönes Wochenende :)
Achtermann schrieb am 28.01.2012 um 18:13
@Nizzre Dra'Velven

Denn aktuell ist es doch so, dass gerade die junge Generation sich eher von der Politik im Stich gelassen fühlt. Und dass - leider - viele ausgerechnet mit Wahlverweigerung reagieren, was als "Denkzettel" (niedrige Wahlbeteiligung) gedacht ist, aber nur zu einem noch deutlicheren Meinungsübergewicht der 50+ Generation führt, die Wählen gehen mehrheitlich als BürgerPFLICHT erachtet.

Es ist immer sehr leicht, im Ungefähren zu bleiben. Nehmen wir mal an, die Jungen, also die Nichtvergreisten, um mich mal deiner Wortwahl anzulehnen, gingen alle zur Wahl. Welche Partei hätten sie deiner Kenntnis nach zu wählen, damit sich für die Nichtvergreisten alles zum Guten wendete?

Das ist das eine. Das Andere: Niemand, wirklich niemand, hindert die Nichtvergreisten daran, politisch aktiv zu werden und für ihre Interessen einzutreten, wie z.B. Mißfelder (CDU), der Hüftgelenke ab einem bestimmten Alter nicht mehr eingesetzt wissen wollte. Oder ein Ärztefunktionär, der ein sozialverträgliches Ableben anmahnte.

Ein Vergreister, der dem Ableben in jungen Jahren entkommen ist, hat zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gegen das Vergessen im Bundestag geredet: Marcel Reich-Ranicki (91). Er selbst konnte aus dem Warschauer Ghetto fliehen. Seine Eltern wurden in den Gaskammern von Treblinka ermordet. Bedrückend ist: Nach einer Stern-Umfrage können 21 Prozent der 18- bis 29-Jährigen mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen. Sollen solche Menschen politische Verantwortung tragen?
Nizzre Dra'Velven schrieb am 28.01.2012 um 21:19
Lieber Achtermann,
zuerst einmal, als 45jährige stehe ich zwischen beiden Polen. Ich habe sehr sehr hoche Achtung vor Herrn Reich-Ranicki und vor allen, die mit Menschenwürde die Zeit des Dritten Reiches und des Krieges überlebt haben.

Aber um die geht es gar nicht. Und erst recht halte ich es für sehr billig, die Frage nach dem dritten Reich hier in diese Diskussion einzubringen, denn sie ist durchaus eine "moralische Keule", die hier keineswegs angemessen ist.

Junge Menschen dafür zu verurteilen, dass sie - aus mangelnder Schulbildung und mangelnder Bildung des Elternhauses, die Schrecken des dritten Reiches nicht ermessen können, ist ebenfalls billig.

Aus meinem persönlichen Alltag kann ich darauf nur antworten: Ich habe - obwohl es "freigestellt" war, gestern mit meinem 10jährigen Sohn den Gedenktag in seiner Schule für die Opfer des dritten Reiches aktiv begangen. Weil ich es enorm wichtig finde, das nicht zu vergessen. Allerdings stamme ich auch aus einer Familie, die genau das NIE vergessen wird. Das würde aber hier zu weit führen.

Es sei den jungen Menschen verziehen, wenn sie ins Morgen blicken und nicht ins Gestern. Und ich habe keineswegs Verständnis dafür, dass sich viele nicht nur vor dem Gestern drücken, sondern vor allem vor der Gegenwart und der Zukunft, in dem sie "unpolitisch" bleiben. Aber ich kann nur bei meinem eigenen Sohn etwas dafür tun und ich kann dafür sprechen, den Jungen die Möglichkeit zu eröffnen und Fürsprecherin sein.

Nicht alles, was die Jungen tun und lassen muss mir gefallen. Auch das ist ein Trugschluss. ICH, als "Mittelalte" habe aber die Pflicht, ihnen die Möglichkeiten zu eröffnen, auch wenn mir das Ergebnis nicht gefällt. Einfach deshalb, weil den vorherigen Generationen NIEMALS gefällt, was die Jugend fabriziert.

Soviel Größe erwarte ich von jedem Senioren und Erwachsenen, dass er akzeptiert, dass die Jungen "anders" sind. Schon in der Antike haben die Alten über die Jungen gewettert und das wird sich auch nicht ändern. Aber wir müssen ihnen die Rechte einräumen, auch wenn uns die Ergebnisse vielleicht nicht gefallen.
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