Anette Lack

Hamburg und die Welt

21.09.2009 | 09:43

"Liebgewonnen": Guttenbergs sprachliche Feinheiten

Gestern abend bei Anne Will in der ARD: Seltsam unisono kündigten Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück einen Sparkurs an - nach der Wahl. Dabei übte sich Guttenberg einmal mehr in der Kunst der ... Rhetorik? 

Um Wahlversprechen sollte es gehen, kündigte Will an, und flugs zog Guttenberg wieder seine Steuersenkungen aus dem Hut - die Steinbrück, da noch erfrischend konkret,  "gaga" nannte. 

Dann aber wurde der Finanzminiser nebulös: Es werde "nach der Bundestagswahl garantiert Veränderungen auf der Einnahmen- und Ausgabenseite geben müssen - schon allein, um die neue Schuldengrenze einzuhalten". Nun weiss Steinbrück zwar vermutlich selber noch nicht genau, wo weniger Geld in die Staatskasse fließen  wird: Seine Sparpläne liegen allerdings garantiert schon ausgetüftelt in der Schublade. Dass er da nicht deutlicher wurde, ist eine Woche vor der Wahl zwar nachvollziehbar, aber trotzdem ein Schlag ins Gesicht der Wähler, die vorher darüber informiert werden sollten, was die Partei plant, für die sie ihre Stimme abgeben wollen.

Natürlich fuhren beide, Steinbrück und Guttenberg, mit ihren Aussagen den Kurs: "Ich bin ein ehrlicher Politiker und keiner kann mir hinterher vorwerfen, ich hätte nicht gesagt, was Sache ist."  

Hatte Steinbrück die Wähler schon mit seiner Taktik auf den Arm genommen, benutzte Guttenberg in seiner Einlassung ein Wort, das im allgemeinen Sprachgebrauch nur in sentimentalen Situationen verwendet wird - oder im Umgang mit Kindern und alten Leuten. Es würden Jahre kommen, so der Wirtschaftsminister, "wo gespart werden muss und manches Liebgewonnene auf den Prüfstand muss".

Was bezweckte Guttenberg mit diesem Ausdruck, der in der Politik normalerweise nicht verwendet wird, schon gar nicht von ökonomisch geschultem Personal? Er sicherte sich ab. Denn etwas, was man liebgewonnen hat, ist häufig nur eine Angewohnheit, vielleicht sogar Luxus -  man hat es eben "liebgewonnen". Was einschließt, das man auch wieder darauf verzichten kann;  dass es sich dabei um nichts Notwendiges handelt, und dem Wähler der Verzicht darauf, nach der Wahl, zuzumuten ist. 

Damit drückte Guttenberg auch aus, wie wenig ernst er die nimmt, in deren Auftrag er dort in Berlin sitzt - ein wenig jovial, ein wenig von oben herab. Und das war nur seine offizielle Sprechweise... 

"Ich glaube, wir werden uns nicht herumdrücken können um die Aussage, dass es ein hartes Jahr geben wird." Auch hier wieder: Guttenbergsches Politikerlatein. Damit will er ja einmal mehr sagen: "Ich drücke mich nicht, so ein aufrichtiger Kerl bin ich." Und der Zuschauer soll sich ernstgenommen fühlen. Warum nicht einfach: "Es wird sicher ein hartes Jahr"? Und wieso eigentlich nur ein Jahr? Woher will er das wissen? Oder hält er da wieder den Wähler klein und glaubt, diesem sei, wie einem Kind, die Wahrheit nur häppchenweise zuzumuten? 

Beide Politiker waren sich seltsam einig, redeten viel und sagten letztlich nichts. Honi soit qui mal y pense, sollte jemand bei diesem Auftritt wieder die Große Koalition gewittert haben: "Beschämt sei, wer Böses dabei denkt". 

Hier bitte ich um ein allgemeines Brainstorming: Was könnte Guttenberg mit Liebgewonnenes gemeint haben? Oder: Was haben Sie in den vergangenen vier Jahren der Großen Koalition liebgewonnen? 

 
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Kommentare
mh schrieb am 21.09.2009 um 10:07
wir können auf so gut wie alles verzichten, außer trinken, essen, fortpflanzung und soziale kontakte, wohnraum.

in der reihenfolge. und somit stellt guttenberg uns in aussicht, dass manches auch alles sein könnte was darüber hinaus geht.

die aussage impliziert aber auch, und das ist doch viel bemerkenswerter, dass wer bereits auf diesem niveau ist, so gar nichts mehr zu erwarten habe.

zum jahr: das ist leicht verdaulich. und alle gehen zur zeit davon aus, dass 2010 wieder den aufschwung mit sich bringen wird.

hart solls werden, da kann man also kürzen und kassieren. zu unser aller wohl, legitimiert das eine das andere und umgekehrt. wenns wirtschaftlich dann doch besser läuft, hat man zumindest vollere kassen.

steinbrück hingegen wirbt ganz offen für die große koalition:

www.stern.de/wahl-2009/video/bundestagswahl-steinbrueck-wirbt-fuer-grosse-koalition-1509110.html

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 10:20
Danke, MH, für den raschen Kommentar. Und danke für den Link!

Du hast recht - Guttenbergs Ausssage enthält all das. Er ist für mich zynisch, ein Wolf im Schafspelz. Ums mal unsachlich und politisch unkorrekt zu sagen: So wie er aussieht, sahen auch viele Jura-Studenten in Münster aus, Frisur, Kleidung, Habitus; die waren in Burschenschaften organisiert und fochten Mensur. Und ihre Freundinnen mussten sich bei den Verbindungs-Bällen von den alten männlichen Mitgliedern die Scheine in den Ausschnitt stecken lassen, es diente ja der "Sache" ihrer Freunde, Kontakte zu knüpfen, um später ganz nach oben zu kommen..

Aber Guttenberg hat keinen Schmiss im Gesicht, insofern ist das üble Nachrede, die ich hier treibe... Nein, ich halte ihn für einen relativ verantwortungslosen Karrieristen.

Herzlich, Anna
mh schrieb am 21.09.2009 um 10:24
kann man ihm vorwerfen... aber im endeffekt ist die traurige wahrheit doch eher:

entweder du bist mit dem system oder du bist gegen das system. bei letzterem bist du politisch gleich weg vom fenster.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 10:26
@ MH:

Bitte um nähere Ausführung: Was meinst Du mit dem "System"?
mh schrieb am 21.09.2009 um 10:40
das simple "wie es ist".

politisch aufsteigen kannst du nur, wenn du brav bist, hörig deinen oberen gegenüber und sie im rechten moment abschiesst.

dabei hast du alle freiheiten .. nur eben eine nicht, gegen das grundlegende systen vorzugehen. und da politiker heutzutage ohnehin von ihrem job abhängig sind, haben sie auch gar kein interesse dinge grundlegend zu ändern. viele kleine trippelschritte und alles nur im rahmen dessen was irgendwo ausgekungelt wird und somit konform ist und der karriere nicht schadet.

wer sich innerhalb dieses apperats bewegt, der muss einfach so sein wie guttenberg.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 10:54
Lieber MH;

wenn Du das wirklich ausnahmslos glaubst, wie bringst Du es dann noch fertig, ein politischer Mensch zu sein? Denn das bist Du ja. Fast eine Bananenrepublik, die Du da beschreibst...

Natürlich hast Du im Großen und Ganzen recht, leider. So sieht zumindest ein Karriere in der CDU aus, wahrscheinlich auch in der FDP, und leider auch zunehmend der SPD...

Vgl. dazu auch das Buch von Dr. Thomas Leif: Angepasst und ausgebrannt: Die Parteien in der Nachwuchsfalle - Warum Deutschland der Stillstand droht. www.amazon.de/Angepasst-ausgebrannt-Nachwuchsfalle-Deutschland-Stillstand/dp/3570011291/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1253522985&sr=1-1

Trotzdem glaube ich an Ausnahmen, die noch in der Linken und bei den Grünen, sicher auch bei den Piraten, möglich sind. Aber natürlich brauchen wir auch ein Umdenken, was die Geschwindigkeit und Beförderung politischer Karrieren betrifft. Denn bis einer bei uns nach oben darf resp. für ein wichtiges Amt kandidieren darf, unter Zustimmung der in der Hierarchie höher stehenden Parteigenossen, hat er sich längst die Hörner abgestossen und die durchaus brauchbaren Flausen austreiben lassen - und dann ist er so, wie Du ihn oben beschreibst.

Herzlich, Anna
mh schrieb am 21.09.2009 um 11:22
weil ich parteilos bin.

mfg
mh
mh schrieb am 21.09.2009 um 11:28
oder klarer formuliert:

als parteiloser kann ich es mir leisten politisch zu sein.

als politiker ist man nur erfüllungsgehilfe.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 11:32
@ MH:

Parteilos - was meinst Du wiederum damit?

- dass Du in keiner Partei bist?
- dass Du keiner Partei anhängst?

Aber ist es nicht schwer, dass politische Leben noch relativ ernst zu nehmen, wenn man es in seiner Gesamtheit so fatalistisch (ich hoffe: nicht REAlistisch) sieht wie Du?

Herzlich, Anna
mh schrieb am 21.09.2009 um 11:46
"- dass Du in keiner Partei bist?
- dass Du keiner Partei anhängst? "

na wenn schon dann beides.

aber es wirkt vielleicht grad etwas einseitig. das beschriebene ist zur zeit nur unser problem, doch es dauerte jahrzehnte ehe es zum problem wurde. d.h. es war auch eine zeitlang mal gut und somit nicht schlecht.

generell betrachtet ist diese generell menschliche abschottung gegenüber veränderungen auch nicht immer schlecht. sie verhindert einiges an exzess und das überschreiten inhumaner grenzen, z.b. bei der gentechnik.

das alles zu verstehen, in seinen details zu analysieren ist zumindest für mich hochspannend. vieles sehe ich bspw. auch beim freitag, wenn ein michael angele darauf beharrt nur den einzigen aspekt seiner artikel zu behandeln die er seinen lesern vorzugeben glaubt.

das gewohnte schemta, aus dem man hier nicht rauskommt, rauswill. das ist nichts anderes als ein politiker der einen skandal vertuscht um seine macht auszubauen und kontrolle über einen anderen politiker zu erlangen.

polemisches beispiel, aber gleiche verhaltensweise. man macht das halt so, man hat das immer so gemacht und anders geht es ja nicht .. bzw. geht es nur, wenn man unmittelbar dazu gezwungen werden würde. das systemische lässt sich schon in den köpfen nicht überwinden.

verstehst du die politik und die wirtschaft, verstehst du den menschen wie er ist. deswegen interessiert es mich. das macht es spannend.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 12:00
Lieber MH;

danke für die ausführlichen Gedanken: Immer wieder ein Gewinn, mich mit Dir auseinander- und zusammenzusetzen.

Michael Angele, um ihn mal kurz etwas in Schutz zu nehmen, ist eben auch in erster Linie Redakteur - oder Redaktor, wie man in seiner Heimat sagt. Er ist praktisch in die gleiche Falle gelaufen, in die ich auch gelaufen bin, zumal er auch noch Ressortleiter ist. Für Journalisten ist das hier nicht einfach, ein Gratwanderung zwischen Beruf und privat - erst recht, vermute ich mal, wenn man Redakteur bei dieser Zeitung ist und mit jedem Kommentar auch seine berufliche Arbeit angreifbar macht. Das ist schon etwas anderes als hier unter einem Nickname zu bloggen - daher bitte ich um etwas Nachsicht.

Das ist sicher immer noch einer der Gründe, warum längst nicht alle Freitag-Redakteure bloggen.

Hast Du nicht auch selber schon die Erfahrung gemacht? Du schreibst einen Blog, erst kommen Kommentare zum Thema, dann entwickelt das eine Eigendynamik, und alle unterhalten sich bestens über etwas anderes und Deinen Kopf hinweg. Das muss man erstmal aushalten.

Dann aber ist es eine Chance, ich liebe das inzwischen. Und bin da gegen jede Kontrolle. Anarchie im Freitag! Da haben sich schon tolle Diskussionen entwickelt - oder lustige, nachdenkliche...

"verstehst du die politik und die wirtschaft, verstehst du den menschen wie er ist. deswegen interessiert es mich. das macht es spannend."

Absolut. Ich war erst auf einem humanistischen Gymnasium, dann ein paar Jahre im Ausland, und habe die Oberstufe auf einem Wirtschaftsgymnasium absolviert. Das war richtig gut nach all den Geisteswissenschaften, und ich habe unser System mehr durchschaut - und mit Begeisterung die Wirtschaftsseiten gelesen. Schade, dass sie nicht zugänglicher gemacht werden - bzw. Wirtschaftsjournalisten oft regelrechte Fachidioten sind.

Herzlich, Anna
mh schrieb am 21.09.2009 um 12:09
meine generelle erfahrung ist eher, dass alle sachen die ich gut finde, als schlecht empfunden werden und immer wenn ich meine, das is so halbgar .. dann findens alle toll.

also in bezug auf das was ich schreibe.

in bezug auf dein beispiel konnte ich bisher immer nachvollziehen, an welcher stelle man von einem thema ins andere kam und wirklich fern wars da nie. aber ich bin da definitiv von jeher mit sowas konfrontiert worden und resistent.

aber mir gings auch mehr um das beispiel, dass die generelle verhaltensweise eines einzelnen menschen absolut kongruent zu dem ist, was dann im großen läuft.

die meisten wirtschaftsredakteure die ich kennenlernen musste haben mE keine ahnung vom thema, deswegen müssen sie sich als fachidioten ausgeben.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 12:12
@ MH:

"meine generelle erfahrung ist eher, dass alle sachen die ich gut finde, als schlecht empfunden werden und immer wenn ich meine, das is so halbgar .. dann findens alle toll."

Das ist immer wieder der Überraschungseffekt hier - habe ich auch schon so erlebt. Kennst Du nicht das Lied von den Ärzten? Zitat: "Du bist immer dann am besten, wenn`s Dir eigentlich egal ist".... :-)

Anna
mh schrieb am 21.09.2009 um 15:19
nein, das issn generelles problem. die menschheit steht mehr auf die leichte kost und die ist mir egal. da schliesst sich der kreis :P

nun gehts aber wirklich zu weit vom thema weg .. obwohl das phänomen guttenberg auch sowas leichtfüßiges an sich hat.

ggf. ist er deswegen so beliebt, weil er gar nicht erst versucht den eindruck zu erwecken verstanden werden zu wollen.

wobei ich auch hier betonen möchte. der beliebteste einer absolut unbeliebten berufsgruppe.

mfg
mh
Kasper schrieb am 27.09.2009 um 13:32
Der Link auf stern.de enthält den wunderbaren Satz:"Besonders lobende Worte fand der Finanzminister für die Kanzlerin.", was, wenn man sich den folgenden Link ansieht, nicht verwunderlich ist. www.nachdenkseiten.de/?p=4175
Anette Lack schrieb am 28.09.2009 um 18:06
Lieber kasper (DER nickname und dann DAS Bild - den Zusammenhang müssen Sie mir unbedingt erklären....)

danke für den Link: Jetzt grüble ich, welcher "internationale Posten" könnte das sein? Außen macht Guido (leider), vielleicht Verteidigungsminister?!

Herzlich, Anna
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 18:28
Der kleine Ernesto war mal Klassenkasper.
Kasper schrieb am 02.10.2009 um 17:32
Liebe Anna,

ich habe Deinen Kommentar leider erst jetzt zur Kenntnis nehmen können. Mit "internationaler Posten" ist nehm' ich mal an eher Vitamin B gemeint. Ich kenne mich da mit den Zuständigkeiten nicht ganz aus, aber ich denke mal es wird vergleichbar sein mit diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/490382/index.do dieser Meldung.

Das Bild wählte ich da ich mir nach der Lektüre von Guevaras Lebensgeschichte zu teilen mit ihm sympathisiere. Und das Bild ... Nun ja, sagen wir mal: Ein Gespenst geht um ... Und was mir bei Gespenstern immer einfällt ist de.wikipedia.org/wiki/Casper_%28Film%29 ... Ok es ist angeblich ein Geist, aber den Unterschied verstehe ich sowieso nicht. Ich hoffe damit habe ich das geklärt (Ach ja und casper (mit c anstatt k) war mir dann doch zu anglizistisch.

Mfg

P.S.: Ich habe das gleiche aus Versehen zuerst unter den ganzen Artikel gesetzt ... So ganz bin ich da wohl noch nicht drin...
Peripatetik schrieb am 21.09.2009 um 10:26
"Von oben herab": schön beobachtet.

Steinbrück aber sollte man nicht zu ernst nehmen. Mich unterhält er immer prima mit seiner säuerlichen Miene, seiner losen Klappe und dem schönen Akzent. Ein legitimer Nachfolger von Schmidt-Schnauze, nur weniger eitel. Aber ausgetüftelte Sparpläne in der Schublade? Das bezweifle ich. Der ist doch immer im Fernsehen, wann er soll er da etwas austüfteln?

Wenn das, was die da oben tun, uns nicht gefällt, glauben wir ja gern, dass sie einen fiesen Plan auf unsere Kosten ausgeheckt haben. Aber ich fürchte, da überschätzen wir die da oben. Die Politik lebt von Tag zu Tag, probiert mal hier, versucht etwas dort und wird von den Entwicklungen überrollt. Die mit den Visionen sind nämlich immer noch beim Arzt.
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 10:34
Lieber Peripatetik;

danke für Ihre Kommentar. "Der ist doch immer im Fernsehen, wann soll er da etwas austüfteln?" :-)

Ich finde Steinbrück sonst auch erfrischend in seiner Schnörkellosigkeit und er ist sicher einer der kompetentesten Minister, die wir haben; aber sein Gebaren gestern abend war ja auch nicht freiwillig. Der sass da auf Wunsch von oben und hatte einen Maulkorb bekommen. Wahrscheinlich hat er sich selbst fast daran verschluckt, denn das Verschweigen liegt ihm nicht.

Dass er aber recht genau weiss, was er nach der Wahl tun MUSS (darauf bezogen sich die ausgetüftelten Pläne) nehme ich stark an. Er ist normalerweise so gut informiert und vorbereitet, das davon auszugehen ist, dass auch hier bereits die Bereiche feststehen, in den gespart werden soll bzw. noch gespart werden kann.

Herzliche grüße, Anna
Hermanitou schrieb am 21.09.2009 um 10:46
Liebgewonnenes ist in diesem Fall ziemlich sicher die Rente mit 67. Die hat zwar niemand lieb, aber irgenwoher muß der Guttenberg, dessen Lächeln mich im Übrigen irgendwie an meine Zitronenpresse erinnert, ja das Geld wieder lockermachen, das dieses Jahr an die Banker geflossen ist. Deshalb werden wir wohl demnächst die Rente mit 71 lieb gewinnen müssen.
Und die Mehrwertsteuer. Wetten, daß sie auf 21 oder 22 % steigen wird?
Werden wir wohl jemals Herrn Guttenberg liebgewinnen? Und dann auf den Liebgewonnenen verzichten wollen?

Grüße

Hermanitou
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 10:59
Lieber Hermanitou;

Ihr Kommentar :-D !! Danke dafür: Vor allem die Zitronenpresse und die Aussicht, Guttenberg liebgewinnen (zu müssen), haben es mir angetan.

So weit wie sie hatte ich noch gar nicht gedacht - die Rente mit 71... Schade, schade, dass sie die Renten festgeschrieben haben, sonst hätte er da vielleicht... Mehrwersteuer, auch eine Idee.

Ich werde als Anhang oben zum allgemeinen Brainstorming aufrufen: Was könnten Guttenberg mit "Liebgewonnenes" gemeint haben?

Vielen Dank für die Inspiration!

Herzlich, Anna
Magda schrieb am 21.09.2009 um 13:01
Hallo Anna,
"Nein, ich halte ihn für einen relativ verantwortungslosen Karrieristen."

Wir hatten vor einiger Zeit schon mal diesen Link zu einem interessanten Portal, in dem Guttenberg ein ausführliches Thema ist.

www.zeitgeist-online.de/online.html

Sehr spannend.

Gruß Magda
Anette Lack schrieb am 21.09.2009 um 13:17
Danke, Magda!
Wirklich sehr spannend, bin sofort darauf gegangen. Auch Dir immer wieder Danke für die weiterführenden Links wie die Carta etc. Das Internet steckt (auch) voller Perlen, nicht nur deren Taucher...

Die Tochter dieses Eric Warburgs, der die Atlantik-Brücke (die Guttenberg förderte) einst gegründet hat, die Ärztin Marie Warburg, ist übrigens mit unserem ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann verheiratet - der allerdings SPD ist.

Wenn ich mir das so durchlese, lag ich ja gar nicht so falsch damit, dass Guttenberg einer von diesen Verbindungstypen sein könnte - so glatt, so beflissen, so "mit allen Wassern gewaschen". Da ist doch wohl klar, dass er die "Sprache des einfachen Volkes" - so es sie gibt - weder spricht noch sprechen will. Der Wolf frißt dafür Kreide oder taucht seine Pfote in Mehl - aber ob das klappt?

Diese elitären Zirkel und ihre Verpflichtungen über Generationen hinweg - auch Guttenbergs Kinder werden vermutlich weich fallen und hoch fliegen - müssen wir dringend aufbrechen bzw. es versuchen; ganz gelingen wird es ja nie. Ich lebe in Hamburg!(und weiss, wovon ich spreche.) Trotzdem muss dies immer wieder publik gemacht werden, daher nochmal: Danke! Wie konnte mir das damals entgehen?!

Ist es nicht eigenartig und erschreckend, noch ein Aspekt, dass viele Leute gar nicht unbedingt die Partei wählen, die ihre Interessen vertritt, sondern immer häufiger die, zu deren bevorzugter Klientel sie gern gehören würden? Also viele z.B. FDP wählen, weil sie so gern zu diesem gut situierten Mittelstand gehören würden?

Herzliche Grüße, Anna
Peripatetik schrieb am 22.09.2009 um 10:25
Liebe Anna und Magda,

die Beobachtung, dass immer häufiger Leute die Partei wählen, zu deren bevorzugter Klientel sie gern gehören würden, finde ich sehr interessant. Das gehört in einen größeren Rahem von gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, den ich im Moment noch nicht erkenne.

Aber bei der Zeitschrift "ZeitGeist" wird mir ganz anders. Sehen sie nicht, welche rechtsnationalen Verschwörungstheorien da ausgebreitet werden?

Im "ZeitGeist" wird auch propagiert, AIDS habe nichts mit dem HI-Virus zu tun, weil es dieses Virus nicht gebe. In Wirklichkeit wolle nur die Gesundheitsindustrie abkassieren.

Der Klimawandel findet nicht statt, weil laut Theorie die Atmosphäre aus mehreren Schichten bestehen müsste, und das kann nicht sein. In Wirklichkeit sollen wir nur höhere Steuern akzeptieren.

Die Grippe ist völlig ungefährlich, denn wir alle haben immer wieder Schnupfen und sterben nicht daran.

Einen Klick weiter ist Erdöl unendlich vorhanden. Noch einen weiter ist Obama kommender Weltdiktator. Nicht weit davon haben die Dinosaurier in der Steinzeit gelebt und müsste niemand an Krebs sterben, wenn Deutsche nach der Germanischen Neuen Medizin behandelt würden.

In diesem Zusammenhang gebe ich keinen Pfifferling darauf, was im "ZeitGeist" über Guttenberg steht.

Respektvoll, Peripatetik
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 10:40
Lieber Peripatetik;

danke für Ihren Kommentar und die weiteren Hinweise.

"Aber bei der Zeitschrift "ZeitGeist" wird mir ganz anders. Sehen sie nicht, welche rechtsnationalen Verschwörungstheorien da ausgebreitet werden?"

Tatsächlich habe ich gestern nur das gelesen, worauf Magda mich aufmerksam gemacht hatte, die Karriere Guttenbergs bzw. wie sie zustande kam... Das sind ja sozusagen harte, nachweisbare Fakten, auf die "ZeitGeist", so sie gern wollten, wenig Einfluss haben, auf die "man" also durchaus etwas geben kann.

Die anderen Punkte, auf die Sie dort hinweisen bzw. aufführen, werde ich jetzt mal unter die Lupe nehmen... denn, natürlich haben Sie Recht, es ist wichtig, zu wissen, welche Richtung ein Medium/ eine Website etc. verfolgt. Also danke dafür.

"..die Beobachtung, dass immer häufiger Leute die Partei wählen, zu deren bevorzugter Klientel sie gern gehören würden, finde ich sehr interessant. Das gehört in einen größeren Rahem von gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, den ich im Moment noch nicht erkenne."

Ich vermute, dass das häufiger geschieht, als bisher angenommen wurde. Das hat auch viel mit Identifikation zu tun: Wenn ich in einem Umfeld wohne, sagen wir Hamburger Elbvororte, wo ich weiss, dass die meisten dort CDU, bestenfalls FDP wählen, werde ich dann SPD wählen, auch wenn ich das Programm besser finde? Ratsam ist es jedenfalls, nicht darüber zu reden, wenn man weiter zu Partys eingeladen werden will und die Kinder da ihre Freunde haben...

Anderes Beispiel, krasser: Eine ehemalige Kollegin von mir möchte wahnsinnig gern zur "upper Class", dem gehobenen Mittelstand in einer Hamburg-nahen Kleinstadt gehören. Sie hat sich in einer der entsprechenden Straßen eine Wohnung genommen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten kann, ihre Kinder auf die Schule geschickt, auf die auch Fielmanns Kinder gehen, und kleidet sich entsprechend (Burberry-Mantel, Hermès-Tuch etc.) Und entsprechend wählt sie "FDP". Dabei ist sie Reisebüroangestellte, arbeitet in einem TUI-Reisebüro halbtags am Schalter und alleinerziehende Mutter - man kann also nicht sagen, dass die FDP ihre Interessen vertritt, denn "besserverdienend" ist sie nicht.

Das meine ich.

Herzliche Grüße, Anna
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 10:43
Nachsatz:

"ehemalige Kollegin" bezieht sich darauf, dass wir mal eine Zeit, während meines Studiums, im gleichen Café gejobbt haben."
klara schrieb am 21.09.2009 um 15:26
Hallo Anna,

ich hab die Sendung nicht bis zum Ende geguckt, aber noch einen großen Teil von zG und PS mitbekommen.

Ich sag jetzt mal was ganz schlimm Neoliberales: Guttenberg meinte mit "Liebgewonnenes" auch Institutionen, die sich am Steuergeld sattleben. Das hat er auch gar nicht im Dunkeln gelassen. Es gibt viele halb oder wie auch immer Viertel gemeinnützige Unternehmen, die sich eine Nische erkämpft haben, unter Anderem durch Lobbbyarbeit bei Politikern, in der sie ganz gut leben können. Was tun sie da? Weiß man nicht so genau, wäre mal eine Recherche wert. Sie verwalten zum Beispiel die ehrenamtliche Außendarstellung (vgl. Stiftung Bürgermut) oder bschaffen sich anders Arbeit, indem sie Wettbewerbe initiieren. Es gibt, glaube ich, immer noch allerlei MÖglichkeiten, Staatsgeld abzugreifen, wenn man sich nicth ganz dumm anstellt. Auch PR_Agenturen nutzen jede Möglichkeit, noch eine Website mehr, noch einen Flyer mehr herbeizuberaten, die sie dann konzipieren, texten, produzieren, verteilen. Das wird zwar immer schwieriger, die Konkurrenz härter, dsa Pflaster auch, aber es wird noch immer einiges - "liebgewonnene" - Geld ausgegeben, bei dem die Verhältnismäßigkeit von Einsatz und Wirkung zumindest überprüft werden sollte...

Ich sage noch was Schlimmes: Ich fand Guttenberg gestern nicht so schlimm. Ich fand, er hat dieses Geckenhafte, dieses Shooting-Star-Mäßige verloren und wirkte nicht so schlimm.

Viellicht könnten Politiker anfangen, auf manches Liebgewonnene zu verzichten. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an: Warum sollte ein Bundestagsabgeordneter sein ganzjähriges Umweltticket nicht von seiner eigenen Diät bezahlen anstatt die der Bürger noch zu verschärfen? Das wäre im Staatssäckel wenig, in der Zeichensetzung viel.

Solange aber von liebgewonnenen Abendessen mit Ackermanns nicht Abstand genommen wird - und die Kanzlerin hat ja hinreichend klar gemacht, dass sie das Gerede darum albern findet und auf künftig einladen würde, wen es zum Kontakten braucht - dürfte Guttenberg allerdings nicht allzu überzeugend fordern, dass der Hartz IV-Empfänger "Liebgewonnenes" aufgebe.

klara
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 08:59
Liebe Klara;

danke für Deinen Kommentar - interessant und anregend. Und soviel Liebgenwonnenes, was Du entdeckt hast, dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll mit meiner Antwort... :-)

"Institutionen, die sich am Steuergeld sattleben" - das ist ein Hinweis, den ich sehr wertvoll finde. Denn daran hatte ich gar nicht gedacht. Zweifellos haben die ihr Leben dieser Art schon lange liebgewonnen.... Also auf Guttenbergs Prüfstand damit!

Schlimm? Neoliberal? Ich denke und beurteile nicht nach solchen Schubladen, damit kannst Du mich also nicht "schocken" :) Was mir sinnvoll erscheint, kann meinetwegen auch von der CDU kommen (wenn es denn käme), und von der Linken kommen auch Vorschläge, die einfach nicht machbar oder manchmal auch idiotisch sind. Wenn ich das nicht mehr (kritisch) sehe, wäre ich genau die Art Bürger und Wähler, die ich hier nicht (sein) will. Also: Don`t worry - ich hatte mal Rosa Luxemburg als Motto oben in meinem Profil ("Am schwierigsten ist immer, das zu sagen, was gerade ist"). Und ich bin Dir immer wieder dankbar, wenn Du das sagst, was gerade ist - auch wenn es erst mal voller Widersprüche scheint zu dem, was wir hier gerne hätten...

"Vielleicht könnten Politiker anfangen, auf manches Liebgewonnene zu verzichten."

Eine prima Idee! Und manche Banken und Banker - wie HSH-Chef Nonnenmacher, der trotz der Appelle "seines" Ministerpräsidenten Carstensen den 2,9-Millionen-Bonus einstrich, als Belohnung dafür, dass er das Geldinstitut gerade in den Sand gesetzt hatte.

Guttenberg? Nur weil einer "neoliberal" aussieht und "Karl-Theodor zu" heisst, muss er noch lange nicht dem Klischee entsprechen, daher danke für Dein scharfes Hinsehen. Dann wäre das alles zu einfach (s. oben). Ich halte ihn tatsächlich nicht für neoliberal. Es könnte aber sein, dass er mit den Aufgaben der nächsten Jahre überfordert ist. Da fehlt ihm möglicherweise die Erfahrung und das Fingerspitzengefühl. Das wird sich zeigen.

"...dürfte Guttenberg allerdings nicht allzu überzeugend fordern, dass der Hartz IV-Empfänger "Liebgewonnenes" aufgebe."

Ich habe auch keine Idee mehr, wo Hartz-IV-Empfänger noch auf "Liebgewonnenes" verzichten sollten!

Herzlich, Anna
klara schrieb am 22.09.2009 um 09:23
Hallo Anna,
viel schlimmer ist doch: Sie antworten nicht. Sie sagen (uns) VOR der Wahl nicht, wo sie (uns) NACH der WAhl nehmen wollen. Sie verhindern, dass wir Bürger eine Etnscheidung auf Grundlae von Fakten und Zahlen treffen können. Sie werfen zwar mit Zahlen herum, aber sie machen keine Ansagen. Und, noch perfider: Sie verhindern dies mit dem ARgument auf die anstehende Wahl! GErade Steinbrück scheint ein neues Hobby gefunden zu haben: Hase und Igel mit der Presse spielen. "Ich schließe nichts ein , und ich schließe nichts aus." Genial. Also entscheidet - egal, wer die Wahl "gewinnt" - eine Clique mit Geheimwissen über Dinge, die ALLE betreffen. Dieses Herrschaftswissen wird manchmal ein bisschen von Trüffelschweinchen (Journalisten) aufgeschüttelt, angeschnüffelt, aber die Öffentlichkeit erfährt immer nur Häppchen, weil auch die Medien Teil des Systems sind, angewiesen auf Zuckerbrot und Peitsche aus der Politik. Sie sind auch insofern Teil des Systems, als sie selbst - Steinbrück liegt hier ja völlig richtig - aus jeder Tatsache eine Schlagzeile machen, die sofort instrumentalisierbar ist. Also: Wenn Steinbrück z. B. ankündigen würde: "Die Mehrwertsteuer muss 5% hoch, die Ausgaben für Bundeswehr 10% runter, das Kindergeld wird gestrichen und die Hartz IV-Sätze gesenkt" - dann könnte die SPD gleich alle Koffer packen. Ein Teufelskreis. Aber ich denke: Wenn er NICHT sagt, was ist, wenn diejenigen in der Politik, die von oben Überblick haben, Einblick in Akten, Zahlen, und ein bisschen Entscheidungsmacht, wenn die uns nicht sagen, was sie da tun, verlieren sie die Berechtigung für ihr bisschen Entscheidungsmacht.

Warum kann Steinbrück sich einfach rausreden? Warum gibt es keine Auskunftspflicht - VOR der Wahl? Warum ist "Öffentlichkeit" eine Hülse geworden, weil jede Entscheidung hinter verschlossenen Türen getroffen wird - man nimmt Meinungsumfragen dazu, ermittelt die Ergebnisse aus Focusgruppen und schickt Trendscouts ins Land, man schöpft quasi erwartbare Reaktionen im Vorfeld ab und richtet danach die Etnscheidung bzw. ihre Kommunikation aus - aber man informiert nicht! Man spricht nicht wirklich mit denjenigen, die es betrifft! Und beschwert sich dann darüber, dass diejenigen, die es betrifft, die nicht ernstgenommen werden - die POlitik nicht mehr ernstnehmen können. Für sich ernstnehmen.

Oh Mann, da liegt so viel im Argen, und jeder Politiker legitlmiert sein Verhalten durch das der anderen, Steinbrück auch, weil er das Spiel mitspielen müsse. Das Spiel der Intransparenz. Der Verschleierung. Das Spiel der Eliten. Keiner sagt, was Sache ist. Schlimmer (ich übersetze Steinbrück): Wer vor einer Wahl sagt, was Sache ist, wäre schön blöd.

Warum regt sich da eigentlich kein Mensch drüber auf? Warum ist die Will so zahm? Warum sind sie alle so handzahm? Warum ist es erste Priorität, freundlich zu bleiben, zu lächeln, als Fernsehjournalist? Warum kann man nicht mal - immer höflich - unfreundlich werden und mit dem verdammten Lächeln aufhören?

klara
klara schrieb am 22.09.2009 um 09:27
P.S. und das liegt nicht nur an "den" Politikern. Jede kleine Lobby, jede Gewerkschaft, jede Institution verteidigt ihre Schäfchen, Nischen und Geldflüsse wie eine Löwenmutter ihr Junges. Mit allem Mediengewitter, das zu haben ist. Kaum einer hat einen ganzheitlichen Blick auf Gesellschaft, weil es überall um Partikularinteressen geht, die man leugnet. Da hat hat sich auch so eine Empörungsrhetorik eingegebürgert, die nicht konstruktiv ist.

Man müsste vielleicht eine Volksabstimmung machen, eine Prioritätenliste zum Geldausgeben. Und diejenigen, die danach weniger bekommen, werden sich umorientieren, es ist alles so furchtbar starr!

Sparen können wir an x Stellen. Sparen kann kreativ sein. Sparen dürfen wir auf keinen Fall an Schulen, Familien und Gesundheit. Schon aus volkswirtscahftlichen Erwägungen: Das käme am Ende teuer. Eigentlich ist es ganz einfach ;-)
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 10:07
Danke, Klara!

Erstmal: Ich teile Deine Empörung - daher auch der Blog. Das war DIE Vera...... schlechthin! Wills Dauerlächeln habe ich weiter unten bei Bildungswirt, den das auch nervt, ebenfalls kritisiert. Warum muss bei einem so wichtigen Thema eigentlich immer so showmässig gelächelt werden? Warum hakte Will nicht noch mehr nach?!

Klar sind die/ wir Journalisten Trüffelschweine, und leider auch angewiesen auf den Goodwill der Politiker. Wenn Du Dich hier im Hamburger Rathaus z.B. unbeliebt machst, bei Ole oder Christa, dann kriegst Du so schnell kein Interview mehr. Oder kein ehrliches, sondern wirst mit Floskeln abgespeist. Das ist immer eine Gratwanderung. Manche klüngeln da, mehr oder weniger offen, mit den Politikern: "Gibst Du mir diese Info, verschweige ich dafür die Nachricht, von der ich weiss, dass sie Dir schaden könnte". Das ist so, das ist ein Geben und Nehmen. Und ich vermute mal, dass hat so ziemlich jeder Politik-Journalist schon so gemacht. Das muss er natürlich vor sich verantworten können, und die Verantwortungsbewussten halten nur die kleineren Sachen gesagt.zurück. Das aber müssen sie, denn sonst kommen sie nie an eine Exklusiv-Info... So läuft das Geschäft, wirklich unabhängig ist da keiner. Zum K...., ehrlich

Da traut sich auch im Fernsehen keiner, wirklich hart nachzufragen... oder nur so pseudo, wie bei dem "Duell". Könnte ja sein, Steinbrück oder Guttenberg sind dann so beleidigt, dass sie nicht wiederkommen... Wer braucht hier eigentlich wen? Wer arbeitet für wen?

Immerhin fragt Trittin nach - im eigenen Interesse, aber trotzdem (heute aus der Mopo).

"Grünen-Spitzenkandidat Trittin forderte die Unionsparteien auf, den Wählern ihre Kürzungspläne offenzulegen. Wirtschaftsminister zu Guttenberg sollte klar sagen, was er mit der Kürzung liebgewonnener Gewohnheiten meint, sagte Trittin der «Berliner Zeitung».

Herzliche Grüße, Anna
mh schrieb am 23.09.2009 um 23:20
da hast du jetzt sehr schön zusammengefasst, warum medien als vierte macht so gar nicht taugen und warum es zumindest mal wichtig ist, dass wir innerhalb der medien jede politische richtung ausreichend stark vertreten haben.

selbst letzteres ist immer weniger der fall.

mfg
mh
Bildungswirt schrieb am 21.09.2009 um 16:07
Hallo Anna,
"Libgewonnenes", immer flankiert von "wir müssen mal ehrlich sein, "fair miteinander umgehen" - das ist die faktische Macht der Sülze, auf die ich schon öfter hinwies. Guttenberg ist ein Exzellenzvertreter dieser positiv konnotierten Sülze.Steinbrück hatte dagegen einigermaßen Klartext gesprochen. Seine Zahlenangaben stimmten. Betrachte aber noch die maskenlächelnde Will, Gestik und Mimik von DGB und BDI-Figuren ...das ganze Schauspiel ...
Vielleicht wird dadurch auch mein Beitrag von vor vier Wochen klarer:
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/zum-lustprinzip-der-bundestagswahl

Die Belastungen fürs gemeine Volk werden zunehmen - mit und ohne Rhetorik.
Gruß BW
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 09:10
Lieber Bildungswirt;

danke für Deinen Kommentar, mir gefällt besonders der Satz "Guttenberg ist ein Exzellenzvertreter dieser positiv konnotierten Sülze".

Ich erinnere mich gut, dass Du darauf resp. diese Rhetorik hingewiesen hattest. Steinbrück hatte soviel Klartext gesprochen, wie er durfte... Will verliert immer mehr an Format (warum muss eigentlich permanent gelächtelt werden), hakt nicht mehr genug nach, es muss am Format liegen, sie verchristianisiert immer mehr.

"Die Belastungen fürs gemeine Volk werden zunehmen - mit und ohne Rhetorik."

Das fürchte ich auch. Und das war schon mal der vorsichtige "Teaser" dazu... Ich habe nur keine Idee mehr, wo gespart werden könnte, was das "gemeine" Volk angeht.

Herzlich, Anna
Bildungswirt schrieb am 22.09.2009 um 10:12
Liebe Anna,
"hakt nicht mehr genug nach, es muss am Format liegen,"
Hatte sie schon mal wirklich etwas zugespitzt?
liegt am Format - Du sagst es!!! Oberflächentalk, damit sichs besser schläft. Es gäbe Alternativen - nur das getraut sich ARD/ZDF nicht, zu stark am Gängelband der Politik.

So, ich muss los ...
Gruß BW
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 10:16
Hallo Bildungswirt;

"ich muss los"... dann bitte später:

Was schlägst Du für Alternativen vor?

Einen schönen Tag, Anna
Giuseppe Navetta schrieb am 21.10.2009 um 00:36
"Guttenberg ist ein Exzellenzvertreter dieser positiv konnotierten Sülze" - Bravissimo! Defenitiv Gesülze - sallerdings langweiliger als Stoiber seinerzeit und der war im Sülzen nicht schlecht!
Anette Lack schrieb am 21.10.2009 um 10:38
Lieber Giuseppe Navetta;

finde Sie nicht auch, dass sich diese Politiker-Thirty-Something irgendwie wahnsinnig ähneln? Guttenberg, Söder (der ist allerdings nicht so erfolgreich)... Irgendwie glatt unangreifbar, austauschbar, öde... Stoiber hatte doch noch einen gewissen Unterhaltungsfaktor!

Herzlich, Anna
Giuseppe Navetta schrieb am 21.10.2009 um 19:55
Definitiv! Frank Zappa hatte einen solchen Typus in seinen Texten/Songs, also den aalglatten, neurotisch konformen wie gesichtslosen Karrieristen und Technokraten, ob nun aus "Unter- oder Oberschicht" stammend, mit den dazugehörenden zappaesken zynischen Übertreibungen, schon Jahrzehnte zuvor sehr oft beschrieben bzw. besungen. Wenngleich Technokraten vor 30 oder 40 Jahren ein zuweilen doch noch anderes Aussehen hatten. Aber was macht das schon, heute sehen sie oft genug halt so ein bisschen "katalogmäßig" und "telegen" aus. Ich könnte mir Guttenberg auch als Moderator einer der zahlreichen Gewinnspiel- und Quizsender vorstellen. Die machen einfach halt einfach "nur" ihren "Job" - aber das erinnert mich an etwas... ...was war das nochmal...nun, ich will hier nicht zu weit gehen und dem Mann Unrecht tuen...

Bei Stoiber hatte man das Gefühl, dass auch ein Coaching nicht ausreichen würde und er weiter wie Neffe Donald durch TV- und Pressekanäle stolpert!
Giuseppe Navetta schrieb am 21.10.2009 um 20:08
Hey there, people, I'm Bobby Brown
They say I'm the cutest boy in town
My car is fast, my teeth is shiney
I tell all the girls they can kiss my heinie
Here I am at a famous school
I'm dressin' sharp 'n' I'm
actin' cool
I got a cheerleader here wants to help with my paper
Let her do all the work 'n' maybe later I'll rape her

Oh God I am the American dream
I do not think I'm too extreme
An' I'm a handsome sonofabitch
I'm gonna get a good job 'n' be real rich
Bildungswirt schrieb am 22.10.2009 um 23:02
@Giuseppe Navetta
Ja, Zappa war noch ne anarchistische Wucht. Das wäre aber wieder eine neue Geschichte, da lassen wir mal das Guttenbergerle weg - einfach zu schwach. Und doch: Vielleicht kann aus dem bekennenden AC/DC-Fan G.doch noch ein gescheiter Kerl werden?
Gruß BW
Giuseppe Navetta schrieb am 23.10.2009 um 04:50
@Bildungswirt
...erinnert mich daran, dass Olaf Henkel immerhin Charlie Parker Fan ist...naja, warum auch nicht...
Spielst Du Saxophon?
Anette Lack schrieb am 24.10.2009 um 10:10
Lieber Giuseppe Navetta;

danke! Ja, Frank Zappas "Bobby Brown", unvergessen, ich kann den Text tatsächlich heute noch auswendig. Obwohl ich seine Musik nie so mochte, aber die Texte waren sehr "innovativ". Manchmal ein bisschen zu sehr für die Amerikaner.

Das Bild des "Businessman" ist ja sozusagen der personifizierte amerikanische Traum: tatkräftig, fleissig, unbedingt sportlich (!) (wobei Teamplayer weitaus mehr gefragt sind als Leute, die nur in Fitnessstudios schwitzen) und auf eine gewisse Weise skrupellos. Was ihn von Guttenberg unterscheidet: Amerikaner haben ein hohes Ethos, was Familie, "Vaterland", Fair Play betrifft. Mafiosis nicht unähnlich, manchmal. Sie sind (meistens) ritterlich. Und sie können verlieren.

Ob "G" diese Fähigkeiten auch hat, wird sich zeigen.

"dass Olaf Henkel immerhin Charlie Parker Fan ist...naja, warum auch nicht..."

Nicht jeder Jazz-Liebhaber ist ein guter Mensch, leider... (sonst wäre es einfach). Olaf Henkel steckt ohnehin voller Widersprüche, was ihn fast schon wieder sympathisch macht....

Herzliche Grüße, Anna

"dass Olaf Henkel immerhin Charlie Parker Fan ist...naja, warum auch nicht..."
Anette Lack schrieb am 24.10.2009 um 10:16
Lieber Bildungswirt;

"Vielleicht kann aus dem bekennenden AC/DC-Fan G.doch noch ein gescheiter Kerl werden?"

Hm. Durchaus missverständlich, dieser Satz, da muss ich nachhaken: :) Findest Du jetzt a) dass G. DURCH die Liebe zu AC/ DC eine gewisse Intelligenz zeigt und daher auch zu weiteren Hoffnungn berechtigt? oder b) dass man gescheit werden kann, AUCH wenn man AC/ DC liebt?

Herzliche Grüße nach Frankfurt, Anna
poor on ruhr schrieb am 21.09.2009 um 16:35
Ich habe gestern Guttenberg´s sprachliche Feinheiten nicht gehört, aber mir reicht schon dieses Bikd in New York. Diese Politmanagerpose war in ihrem Kontext fast schon obszön, auch wenn der Herr Wirtschaftsminister vom Gesicht her nicht so wirkt. Man vergleiche das mit dem Foto von Kanzler Schröder 98 nach der Wahl im Armani-Anzug und mit der dicken kubanischen Zigarre im Mund. Das Bild von Guttenberg in New York reicht aus. Es kommen Mehrbelastungen auf uns zu. Hat dieser feine Herr gestern nicht davon geredet, dass wir alle Verzicht üben müssen, wie ich es heute auf WDR 2 gehört habe? Eine Beleidigung aller Hartz IV-Empfänger! Wann werden solche Clown´s endlich in die Wünsche geschickt? Das ist ABER WOHL EINE rhetorische Frage , die man an den berühmten Bob Dylan -Song "How many roads..."anschließen könnte.
Ich kriege einen dicken Hals, wenn ich an all das denke!
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 09:28
Lieber poor on ruhr;

danke für Ihren Kommentar! Ich erinnere mich noch gut an das Bild von Guttenberg in NY, und vermute, so wird er sich nicht mehr fotografieren lassen! Der Vergleich mit Schröder, der gern auf dicken Maxen machte, passt gut.

Verzicht? Wir alle, aber sich selber meint Guttenberg sicher nicht damit. Ich wünsche mir jetzt einen Artikel, eine Politiker-Umfrage zum Thema: Auf welches "Liebgewonnene" werden sie, hart auf Sparkurs, persönlich nach der Wahl verzichten?

Herzlich, Anna
entrevista schrieb am 21.09.2009 um 16:39
was ich in 4 jahren großer koalition ´liebgewann´: inhaltsleere,schwindeleien,demagogie,polarisierung,panikmache,selbstverliebtheit,selbstüberschätzung,
mitte…lmaß,banker,boni,steuererhöhungen,kürzungen von sozialleistungen,polemik,wahlbetrug,mobbing,stellenkürzungen,lobbyismus,schwache
gewerkschaften,udo-walz styling,zensursulas, stiefelputzer,bayreuther festspiele,die kanzlerin,präkariatsbegriff: mit guttenbergs verzichtsaussichten kann ich gutt leben und freue mich auf(agenda?)2010!
Bildungswirt schrieb am 21.09.2009 um 16:49
es winkt agenda 2020
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 09:14
Lieber entrevista;

danke für den Kommentar und die aufschlussreiche, reichhaltige Aufzählung alles "Liebgewonnenen" in den vier Jahren Großer Koalition!

Mir fällt noch ein: Auf manche liebgewonnenen Politiker (im Sinne von: wir haben uns an sie gewöhnt wie an die Tagesschau - niemand glaubt mehr unbedingt an ihre Kompetenz, aber sie ist irgenwie ein Ritual) könnte ich gut verzichten. Wir brauchen einen Politiker-Prüfstand, einen Poli-TüV sozusagen!

Herzliche Grüße, Anna
rama schrieb am 21.09.2009 um 16:39
Ich teile die Wahrnehmung nicht, der "Abschied vom Liebgewonnenen" sei ungewöhnlich im Sprechen von Politikern wie Herrn Guttenberg. Ich habe eher den Eindruck, sie gehört zum festen Bestand dieses auf Stanzen angewiesenen Geredes. Und was er materiell damit meint: in seinem Ministerium ist es noch in diesem Jahr zusammengeschrieben worden, nachzulesen etwa in der Frankfurter Rundschau vor nicht mal einem Monat oder auch hier: www.neues-deutschland.de/artikel/154151.wunschzettel-fuer-unternehmer.html

Das läppische Dementi danach ist keiner Beachtung wert. Der meint das so, und die machen das so. Wenn wir sie lassen.
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 09:22
Lieber Rama;

danke für Kommentar und Link, den ich mir gerade angesehen habe. Informativ, und ich fürchte auch, dass die "das so machen". Wenn Westerwelle schon öffentlich davon spricht, dass es einen "Unterschied geben muss zwischen denen, die morgens aufstehen, und denen die liegenbleiben" - dann meint er auch die Herabsetzung von Sozialleistungen.

"Liebgewonnenes" finde ich im Politikereinheitsbrei doch noch ungewöhnlich. Es ist eine Verniedlichung, ein nicht Ernst-Nehmen. Das kreide ich von Guttenberg an.

Herzlich, Anna
poor on ruhr schrieb am 21.09.2009 um 16:40
Danke entrevista!
SteinMain schrieb am 21.09.2009 um 18:34
Liebgewonnen...

das ist so der Stil eines Juniorchefs einer Grossbäckerei, der sich in der Zeit der Krisen- und Arbeitsplatzverlustangst, die Gunst der Stunde nutzend, vor die Versammlung der Mitarbeiter stellt, mit den Worten: "Wir müssen jetzt alle Verzicht üben lernen, ich gehe da voran und verzichte auf die Hälfte eures Gehaltes."
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 09:25
Liebe(r) SteinMain;

danke für den Kommentar und: Genau. Sie sprechen von: Wir müssen sparen, aber wann hat ein Politiker dieser Größenordnung in der letzten Zeit an etwas gespart, was ihn selbst betrifft? Siehe Klaras Kommentar und Vorschläge weiter oben. Da sollten wir sie "auf den Pott setzen"!

Herzlich, Anna
Anette Lack schrieb am 22.09.2009 um 09:36
Nachsatz im Sinne eines "wachsenden Artikels":

- "Liebgewonnenes" schlage ich schon jetzt für das Un-Wort des Jahres vor;

- im Sinne von Klaras Kommentar möchte ich die Diskussion hier erweitern: Auf welche "liebgewonnenen Dinge" könnten die Politiker verzichten? Was ist ihnen ans Herz zu legen, was überflüssig, Luxus, Schnickschnack? Klaras Vorschlag, das Umweltticket vom eigenen Geld zu bezahlen finde ich da schon mal gut...

- gehört es auch zum Liebgewonnenen, dass Steuerzahler unverantwortliche Aktionen von Banken und Unternehmen finanzieren, wie z.B. die HSH-Nordbank? Auszug heute aus der "Hamburger Morgenpost":

"Die HSH-Nordbank sorgt nach Sex-Skandalen und Milliarden-Verlusten ein weiteres Mal für Kopfschütteln. Die marode Bank hat offenbar ohne Not 45 Millionen Dollar an die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs überwiesen.

Goldman Sachs hatte sich bei der HSH-Nordbank gegen eine Pleite von Lehman Brothers versichert. Als dieses Institut dann vor mehr als einem Jahr tatsächlich zusammenbrach, hätte die Nordbank eigentlich 45 Millionen Euro Richtung USA überweisen müssen. Eigentlich. Denn offenbar verpasste Goldman Sachs eine Frist um mehr als drei Wochen, sodass die Ansprüche verfallen waren. Diese Meinung vertraten zumindest die Rechtsabteilung der Landesbank und eine internationale Anwaltskanzlei. Dennoch floss das Geld. Besonders pikant: Der Aufsichtsrat war offenbar in keiner Weise eingebunden.

Das Vorgehen war rechtlich umstritten, sagte gestern eine Sprecherin der Bank. Das Institut hätte Gerede in der Branche vermeiden wollen, die HSH-Nordbank komme ihrer Zahlungsverpflichtung nicht nach. Dies hätte negative Auswirkungen auf die Liquidität haben können."
h.yuren schrieb am 22.09.2009 um 11:12
hallo liebe anna, beim lesen des blogs und der kommentare ist mir wieder der große amerikanische journalist walter lippmann eingefallen, der in seinem hauptwerk "Public Opinion" das hier beäugte verhältnis zwischen politik und papier (in den 20ern gabs ja noch kein radio, tv, netz etc.) gründlich analysiert. muss jede/r journalist/in kennen, sag ich mal. dann braucht sich niemand mehr zu wundern über das lächeln der moderatoren/journalisten und politiker. dann ist alles klar.
das system hat null zukunft, ganz gleich, wo gleich gespart und verschwendet wird. sloterdijks kritik der zynischen vernunft wirst du doch gelesen haben, hoffe ich. das buch ist eine schöne ergänzung zu lippmann, weil es hauptsächlich auf den erfahrungen der 20er jahre beruht.
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 08:56
Lieber h.yuren;

danke für den Kommentar: Lippmann kenne ich tatsächlich nicht und bin deswegen sehr dankbarf für den Tipp, überhaupt für weiterführende Links, Infos - weiterführen im Sinne von dazu-lernen etc. !

Sloterdijk? Erst neulich las ich irgendwo: "Wenn man nur EINEN Philosophen lesen wollte - dann sollte das Sloterdijk sein.

"das system hat null zukunft, ganz gleich, wo gleich gespart und verschwendet wird."

Nein. Aber das ist offensichtlich auch so etwas "Liebgewonnenes" - vielleicht hat Guttenberg ja das System gemeint, dass nach der Wahl auf den Prüfstand muss? :-D

Dir einen schönen Tag, Anna
RGabriel schrieb am 22.09.2009 um 12:39
Ich weiß, was er mit 'liebegewonnen' meint. Die reduzierte Mehrwertsteuer auf Hundefutter natürlich.

Jetzt mal ernst, persönlich und unsachlich: Ich kann vuzG nur zusehen, wenn ich die Fernbedienung in der Hand hab. Um immer fluchtbereit zu sein, wenn so ein Schwurbel im Anmarsch ist. Der Mann ist so eitel, auch in der Rede, dass es mich schüttelt. Kein Milligramm Authentizität, eine Rhetorik, die zu 98% Deko ist. Dabei hat er immer so einen narzisstischen Oh-wie-toll-drück-ich-mich-aus-Gesichtsausdruck.

Es ist mir ein Schleier, warum dieser schnöseligste aller Schnösel so beliebt ist oder sein soll.
merdeister schrieb am 22.09.2009 um 14:45
Was passiert eigentlich, wenn man bei "Feinheiten" das "n" durch ein "g" ersetzt?
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 08:59
Wow, merdeister!

Du bist ein hintersinniger (Sprach)-Fuchs. Ist mir schon bei dem Stuhl von poor on ruhr aufgefallen, den mit dem schwarzen Loch, auf den Du Westerwelle mal über Nacht ablegen wolltest...

Sehr schön. DAS wäre die Überschrift gewesen! Kann ich Dich bitte vor dem Posten jetzt immer kurz konsultieren? :)

(Bei Bild haben sie Leute, die sich nur um die Überschriften kümmern... Manchmal merkt mans :))

Herzliche Grüße, Anna
I.D.A. Liszt schrieb am 22.09.2009 um 22:04
Liebe Anna,

zu (hier eine Präposition, kein Adelsprädikat!) Guttenbergs sprachlichen Feinheiten fällt mir folgendes ein: liebgewonnen haben die Deutschen (zumindest die, welche von Meinungsforschungsinstituten befragt worden sind) offensichtlich Herrn Guttenberg, denn ich habe vernommen, er sei hierzulande der zweitbeliebteste Politiker, gleich nach Frau Merkel.

Hier sehe ich durchaus dringenden Bedarf, Liebgewonnenes nicht nur auf den Prüfstand zu stellen, sondern sich unbedingt davon zu trennen.

Im übrigen weist ja auch das "zu" im Namen des Betreffenden darauf hin, daß wir es hier mit einem Übermaß zu tun haben (vgl. etwa "zu konservativ", "zu oberflächlich", "zu dumm", kurz: "zu viel").

Wollen wir also Liebgewonnenes endlich aufgeben!

Herzlichst,
I.D.A. Liszt
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 09:10
Lieber I.D.A. Liszt;

"liebgewonnen haben die Deutschen (...) offensichtlich Herrn Guttenberg, denn ich habe vernommen, er sei hierzulande der zweitbeliebteste Politiker, gleich nach Frau Merkel."

Ja, und sie haben ihn auch zum schicksten gewählt (beste Garderobe). Da kam Merkel nur auf Platz sieben. Schon komisch. Bei Schröder haben sie sich noch über Brioni-Anzüge aufgeregt. Merke: Ein Sozi darf - na, sagen wir, Anson`s oder allerhöchstens Boss - tragen. Ein Christlich-Sozialer, noch dazu ADELIG - da erwartet man ja nachgerade, dass er im edlen Zwirn... Noblesse oblige. Adel verpflichtet einfach!

"Hier sehe ich durchaus dringenden Bedarf, Liebgewonnenes nicht nur auf den Prüfstand zu stellen, sondern sich unbedingt davon zu trennen."

Genau! Sollte man sich nicht, so man all den Life-Style-Beratern glaubt, regelmässig, nicht nur von Plunder, sondern auch Liebgewonnenem, trennen? Damit frischer Wind durch die Räume wehen kann. Veranstalten wir also einen grossen Flohmarkt mit "Liebgewonnenem", dass der eine oder andere ja vielleicht noch anderen Zwecken zuführen kann. Recyceln, Du weisst...

"Im übrigen weist ja auch das "zu" im Namen des Betreffenden darauf hin, daß wir es hier mit einem Übermaß zu tun haben..."

Deine Süffisanz hat jedenfalls unter der Pause nicht gelitten, lieber I.D.A. Liszt (und das freut mich!)

Ja, er ist ganz einfach "zu" Guttenberg. Ein einfacher Guttenberg bereitet ja schon Kopfschmerzen, ein "zu" kann zu Übelkeit führen, bei Nachwirkungen und Nebenwirkungen...

Wirklich, für unsere (Volks)-Gesundheit: Üben wir Verzicht!

Herzliche Grüße, Anna
I.D.A. Liszt schrieb am 23.09.2009 um 17:01
Hallo Anna,

>Ja, und sie haben ihn auch zum schicksten gewählt (beste Garderobe).<

Und ganz sicher hat er auch nicht einfache Pomade von Schwaarzkopf auf den Schopf geschmiert, sondern sich mit dem excluxiven Frisiergel 'Pour monsieur' von Chanel das Haupthaar gesalbt ...

Liebe Grüße,
I.D.A. Liszt
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 18:12
@ I.D.A. Liszt:

"Und ganz sicher hat er auch nicht einfache Pomade von Schwaarzkopf auf den Schopf geschmiert, sondern sich mit dem excluxiven Frisiergel 'Pour monsieur' von Chanel das Haupthaar gesalbt ..."

Gibt`s das wirklich? Benutzt vielleicht heimlich Du.... :-D

Klar, und als Duft "Antaeus (ebenfalls von Chanel)", denn Wiki sagt:

"Er war der Sohn des Poseidon und der Gaia mit nahezu unbezwingbarer Stärke. Beheimatet war er in Libyen und er maß über 60 griechische Ellen (28,44m). Er pflegte alle vorbeiziehenden Reisenden zu zwingen, mit ihm zu kämpfen - und gewann stets. Aus den Schädeln der Unterlegenen fertigte er für seinen Vater Poseidon einen Tempel.

Antaios lebte in seiner Höhle oder in der Stadt Tingis, die er einst selbst errichtet haben soll und jagte Fremde, Löwen (die er verspeiste) und Einwohner seines Landes: Als der Held Herakles auf den Riesen traf, wurde er von Antaios zum Kampf herausgefordert; es war ein ungleicher Kampf, da Antaios immer wieder aus der Erde neue Kraft erhielt. Herakles erkannte während des nahezu aussichtslosen Kampfes, dass die Stärke des Riesen von seiner Mutter Gaia, der Erde, kommen musste, hob ihn weg von der Erde in die Luft und erwürgte den seiner Kräfte beraubten Antaios dort."

Nun, so ein Ende wünscht man ihm natürlich nicht. Und wer sollte schon Herakles darstellen?

Herzliche Grüße, Anna
misterl schrieb am 22.09.2009 um 22:37
An sich ist es ja schon fast peinlich. Aber ich gebe zu, ich habe es auch gesehen.

Die geballte Rhetorik ist an sich nicht mein Thema, weil ich mir einbilde auf dererlei Wortakrobatiken nicht mehr rein zufallen - egal von wem.

Was mein Thema hier als Kommentar wird, ist die Dreistigkeit deren, die sich in eine Informationssendung begeben um dort offen mitzuteilen, dass sie dem Souverän dieses Landes vor der Wahl einfach nicht mehr mitteilen, was in den Akten, Analysen, Schubläden und Hintergrundinformationen steht und damit an sich zur Auswahl ansteht. Diese taktisch argumentiert motivierte Verachtung vorm Volk als Volksvertreter zum Wohle des Volkes zu agieren und diesem Volke im Prinzip mitteilt: "es wird schlimm, aber das geht dich nichts an, obwohl du es zahlen wirst."

Dazwischen eine eingefroren dauergrinsende Anne Will, die anstatt an dieser Stelle vielleicht mal eine Sendung spontan auf einen anderen inhaltlichen Kurs bringt (Vorabsprachen zum Trotz), um dieses unglaubliche Demokratiedefizit zu thematisieren - Fehlanzeige.

Das Guttenbergsche "Liebgewonnene" ist am Ende vielleicht doch bereits unsere manchmal zweifelhafte Demokratie.
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 09:24
Lieber misterL;

vielen Dank für Ihren Kommentar, der das, was hinter der Rhetorik stand, noch einmal auf den Punkt gebracht hat:

" Diese taktisch argumentiert motivierte Verachtung vorm Volk als Volksvertreter zum Wohle des Volkes zu agieren und diesem Volke im Prinzip mitteilt: "es wird schlimm, aber das geht dich nichts an, obwohl du es zahlen wirst."

Wie hinter "Liebgewonnenem" stand hinter der ganzen Sendung resp. ihren Protagonisten diese Verachtung. Steinbrück empfinde ich da nicht ganz so, wie gesagt, ich vermute, er hatte einen Maulkorb um. Aber ansonsten war es eine Frechheit, vom Sparen zu reden, ohne konkret zu werden. Und eine journalistische Frechheit, das durchgehen zu lassen.

"Das Guttenbergsche "Liebgewonnene" ist am Ende vielleicht doch bereits unsere manchmal zweifelhafte Demokratie."

In der Stufe meiner Tochter (Oberstufe, Gymnasium) waren bereits die Hälfte der Schüler für die Abschaffung der Demokratie! Warum wohl?

Herzlich, Anna
Cassandra schrieb am 23.09.2009 um 15:44
Für die Abschaffung der Demokratie? Haben sie auch gesagt, was sie stattdessen vorziehen würden?
misterl schrieb am 23.09.2009 um 15:52
Liebe Anna.

"In der Stufe meiner Tochter (Oberstufe, Gymnasium) waren bereits die Hälfte der Schüler für die Abschaffung der Demokratie! Warum wohl?"

Das kling/ist ja entsetzlich. Allerdings fallen mir durchaus zum "Warum wohl?" ein paar widersprüchliche Optionen ein:

- weil sie objektiv keine grossen Entwicklungen mehr möglich macht.

- weil die Kompromisse allesamt am Ende bestenfalls nicht schlecht sind.

- weil man den "Blöden" (a la "Seichtgebieten") das Wahlrecht entzogen sehen möchte.

- weil jede/r eine Stimme hat, gleich wieviel Bedeutung/Geld/Macht er/sie hat.

- weil, etcpp.

An dieser Stelle würde ich der Schüler Gründe und Hintergründe kennen, um Deine Ansage besser werten zu können.
I.D.A. Liszt schrieb am 23.09.2009 um 16:53
Es wäre nicht unbedingt so schrecklich, diese Form der Demokratie, wie wir sie jetzt haben, abzuschaffen. Es gibt ja auch andere Formen, wie z.B. Räte ins Parlament zu entsänden, die jederzeit von ihrem Wahlkreis auch wieder abgewählt werden können.

Das hat leider schon mal nicht funktioniert, aber wenn etwas einmal nicht funktioniert hat, weil es durch massiven Druck von außen ge-, vielleicht sogar zerstört wurde, muß es ja nicht unbedingt sein, daß es ein andermal nicht klappt.

Ich argwöhne nur, daß den jungen Leuten etwas ganz anderes vorschwebt...
Es laufen ja inzwishen sooooo viele ungeniert mit Lonsdale-Jacken herum, und der allgemeine Zeitgeist weht aus so einer reaktionär-faschistoiden Richtung, daß einem angst und bange davon werden kann.
Cassandra schrieb am 23.09.2009 um 17:27
Deswegen habe ich gefragt - weniger wegen der rechtsextremen Strömungen, die umfassen zum Glück eine Minderheit. Nicht, dass ich das Phänomen hier klein reden will, im Gegenteil. Ich habe da aber einen anderen Gedanken.

Kommt man in die Stadt, sind Jugendliche (nur Jugendliche?) Politik gegenüber ganz anders eingestellt als auf dem Land.
In der Stadt sind wesentlich mehr interessierte junge Leute, die sich auch intensiv mit einzelnen Themenaspekten auseinander setzen; die dann je nachdem auch eine andere Variation von Demokratie bevorzugen würden, bspw. Räte.

Auf dem Land gibt es eine Mehrheit in die andere Richtung. Da wird man oft mit der Meinung konfrontiert, ein Großteil der Menschen sei nicht reflektiert genug um Entscheidungen zu treffen bzw. zu wählen. Einen konkreten Änderungsvorschlag am System gibt es dann meist aber nicht. Deswegen interessiert mich, wie es in diesem Hamburger Beispiel aussieht und ob meine Stadt-Land-These danach immer noch stimmt.
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 18:30
Liebe Cassandra,
lieber misterL;
lieber I.D.A. Liszt;

wir - meine Tochter und ich - fanden das auch erschreckend. Sie hat sich auch ziemlich mit den Leuten angelegt (es war eine Umfrage im Rahmen des PGW-Unterrichts) gerade weil sie davor auch die NS-Zeit mit der Abschaffung aller demokratischen Möglichkeiten behandelt hatten.

An der Schule meiner Tochter haben 70% der Schüler einen ausländischen Hintergrund. Nicht nur migranten-, sondern quer durch den Garten: viele türkischstämmige, aber ebenso mit thailändischen, mexikanischen, englischen, spanischen, tunesischen, afganischen, indischen Wurzeln - ich könnten noch viele aufzählen - und natürlich vielen verschiedenen Religionen. Davon profitieren die Schüler, nach meinen Beobachtungen und auch den Berichten der Freunde meiner Tochter, durchweg, was Toleranz und Verständnis, auch im Hinblick auf eine globalisierte Welt angeht. So gibt es keine Gewaltprobleme an der Schule, keinen Vandalismus. Es führt zu weit, leider, in diesem Kommentar, zu dezidiert zu erklären, warum.

Aber viele SChüler fühlen sich deshalb eben auch nicht so einer Demokratie verpflichtet - aus den Erzählungen der Eltern heraus, von diesem Land, aus dem sie stammen. Aus ihrer Geschichte, viele einige sind Flüchtlinge. Viele Eltern, dass kann ich auch aus meiner schulpolitischen und Elter-Arbeit dort sagen, sind hier nicht wirklich in dieser Demokratie angekommen. Das liegt zum Teil an mangelnder Integrationsarbeit von deutscher Seite, zum Teil an ihrer Abschottung und der Parallelwelt, die es einfach gibt. Da gibt es nichts schönzureden.

Weiterhin an mangelndem Interesse, aber auch an Politikern, die die Tatsache, dass wir soviele Jugendliche mit ausländischen Wurzeln haben - und ihre Schwierigkeiten - weiterhin stur ignorieren. Nur bei Gewalttaten kocht das Thema immer mal wieder hoch. Diese Jugendlichen fühlen sich nicht wahr- und mitgenommen. Eine gefährliche Tendenz, die mehr Beachtung verlangt. Was sie statt dessen wollten, konnten sie übrigens gar nicht so genau sagen: Einige sprachen ganz offen von Diktatur. Das wäre doch gar nicht so schlecht...

@ Cassandra:

"Kommt man in die Stadt, sind Jugendliche (nur Jugendliche?) Politik gegenüber ganz anders eingestellt als auf dem Land.
In der Stadt sind wesentlich mehr interessierte junge Leute, die sich auch intensiv mit einzelnen Themenaspekten auseinander setzen; die dann je nachdem auch eine andere Variation von Demokratie bevorzugen würden, bspw. Räte."

Das trifft nach meiner Beobachtung durchaus zu, das Interesse an Umwelt und Politik. Hier kommen die Jugendlichen an solchen Themen gar nicht vorbei. Es ist alles sehr schnell, man muss hier schon wach sein...

Herzliche Grüße, Anna
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 18:33
Für die vielen Flüchtigkeitsfehler bitte ich um Entschuldigung: Nebenbei musste ich noch eine Radiosendung anhören, aus Zeitgründen, und dann passiert sowas leider (ein Multitasker bin ich nicht...)

Herzlich, Anna
Cassandra schrieb am 23.09.2009 um 23:11
"Was sie statt dessen wollten, konnten sie übrigens gar nicht so genau sagen: Einige sprachen ganz offen von Diktatur. Das wäre doch gar nicht so schlecht..."

Damit habe ich gerechnet, auch, wenn es in meinem Umfeld nicht wörtlich ausgesprochen wird: Die Tendenz geht in diese Richtung (nicht bei der Mehrheit, aber es ist schon auch kein Einzelphänomen).

Es sind ja nicht nur die ausländischen MitschülerInnen deiner Tochter, die kein Interesse haben (wenn ich das jetzt richtig verstanden habe). Hier im ländlichen Gebiet ist der Anteil von SchülerInnen mit Migrationshintergrund relativ gering. Trotzdem auch hier: Kein Interesse, (weil?) keine Ahnung von den einfachsten Grundstrukturen.

Das Problem liegt hier mE nicht nur im direkten, sichtbaren, täglichen Verhalten von Guttenbergs & Co, sondern v.a. an der begrenzten Anzahl Sozialkundestunden. Der Unterricht ist ein Witz. Im Rückblick auf meine Mittelstufenzeit komme ich auf 3 Wochenstunden verteilt auf zwei Jahre (in Klasse 9 waren es noch zwei, in 10 nur noch eine). Hier kommt schnell Frust auf, weil die Lehrkraft unheimlich hetzen muss, für Diskussionen bleibt kaum Zeit, weil nicht nur das politische System sondern nebenbei in der kurzen Zeit auch noch "soziale Themen" wie bspw. "Familie heute" durchgearbeitet werden müssen.

Oberstufe? Mit Schwerpunkt Geschichte oder Erdkunde im Leistungskurs Gemeinschaftskunde hat sich die Sache dann für ca. die Hälfte eines Abiturjahrgangs (jedenfalls in RLP) von selbst erledigt. Es gibt zwar eine Pflichtstundenzahl von zwei Wochenstunden Sozialkunde, die fällt aber meist unter den Tisch, weil weder die fachfremde Lehrkraft noch der Kurs Lust dazu haben oder der Unterricht sowieso schon "gekürzt" ist und Stunden weg fallen.

Wenn also nicht im Elternhaus rege diskutiert wird oder die SchülerInnen "von selbst" beginnen sich zu interessieren, dann bleibt Politik auf der Strecke. Die Vor- und Nachteile von verschiedenen politischen Systemen werden nie ausführlich behandelt. Was hängen bleibt sind dann höchstens die Fernsehnachrichten. Klar, dass hier der Eindruck aufkommen kann, dass Demokratie nichts taugt - wenn es immer nur mit negativen/Niederlage-Erfahrungen behaftet ist, wohin man schaut...

Es gibt dann immer wieder Lehrpersonen, die dem versuchen abzuhelfen, obwohl es eigentlich nicht hauptanteilig in ihren Unterricht gehört. Deutsch (Erörterung mit Schwerpunkt auf politischem Tagesgeschehen), Geschichte (Rätesystem im Vergleich zu Aktualität) u.ä., aber das ist willkürlich und hängt nur vom guten Willen und Interesse des Lehrers ab.

Ich vermute, dass es dann schließlich auch daher kommt, dass sich die wenigen Schülerinnen und Schüler, die regelmäßig Anne Will u.ä. ansehen, meinen, sie seien durch diese vollkommen informiert.

Das oben dargestellte Abiturientenbild ist eine Vereinfachung. Natürlich gibt es engagierte, interessierte, kritische SchülerInnen. Auch, wenn sie leider nicht in der Mehrzahl sind, unter den Tisch fallen lassen will ich sie hier nicht ganz...
I.D.A. Liszt schrieb am 23.09.2009 um 23:23
@ Cassandra:

Die Tendenz besteht aber doch schon, und zwar genau so:

politisch desinteressiert -> unpolitisch -> reaktionär -> faschistoid.

Und daß manche sich eine Diktatur wünschen, weil die Demokratie nicht alle Probleme im Handstreich lösen kann, entspricht genau dem Sprüchlein, daß die Generation, die noch vor dem Kriege geboren war, so gern ab und zu im Munde führt(e=: "Nur mal für ein halben Jahr so'n kleinen Adolf (Andeutung der Größe mit Daumen und Zeigefinger, ca. 5 cm), dann solltest du mal sehen, wie schnell wieder Ordnung herrschen würde ..."

Vielen Dank!
Ich möchte keinen Adolf wieder haben, sei er auch noch so klein, und ich möchte keine Art der Diktatur, sei sie auch noch so milde.

Und ich habe schreckliche Angst vor Leuten, die so daherreden, denn entweder meinen sie das ernst - dann sind sie potentielle Faschisten, oder sie sind so dämlich, daß sie gar nicht merken, wie sie da mental schon einen Pakt mit dem Satan schließen - dann sind sie einfach aufgrund ihrer Dummheit extrem gefährlich.
Cassandra schrieb am 23.09.2009 um 23:35
Es fehlt einfach das Bewusstsein, was Diktatur bedeutet. Das könnte ganz leicht geändert werden. Bildung.

Ich versteh deine Bedenken und es mag sein, dass ich da etwas naiv-sorglos bin, aber nicht die Mehrheit, sondern nur ein kleiner Teil der Desinteressierten entwickelt sich zu Menschen mit faschistischem Gedankengut. Die interessiert es nicht und das war's dann. Wenn ich es richtig einschätze, sind solcherlei Aussagen einfach unüberlegt. Ob die Leute dann auch tatsächlich solche Strukturen unterstützen würden, wenn es darauf ankommt, bezweifel ich.
Anette Lack schrieb am 25.09.2009 um 09:10
Liebe Cassandra;

lieber I.D.A. Liszt;

vielen Dank für Eure interessierten und interessanten Kommentare, die ich nicht nur für den Blog, sondern auch für mich als bereichernd und anregend empfinde.

Leider konnte ich gestern nicht online gehen, daher meine Antwort erst heute:

Danke für die ausführliche Schilderung, Cassandra. Übrigens waren es, ich habe nochmal nachgehakt, mehr deutsche Schüler, die die Demokratie abschaffen wollten! Ich sehe das Problem zwar auch in mangelnder politischer Bildung, wie Sie; durch Schule und die Focussierung falscher Schwerpunkte. Aber hier in der Großstadt ist das nicht unbedingt so; die Schüler diskutieren viel, auch offensiv, wirklich raushalten kann sich da kaum jemand.

Es ist schon die viel erwähnte Politikverdrossenheit bei den Jugendlichen, mangelnde Unterschiede bei den großen Parteien, mit deren Protagonisten sie sich nicht identifizieren können - da kommt da Unmut auf, der sich wieder mal in dem Wunsch nach dem EINEN äussert, der es richten soll. Eine Vaterfigur vielleicht, auf alle Fälle jemand mit Charisma.

"Und ich habe schreckliche Angst vor Leuten, die so daherreden, denn entweder meinen sie das ernst - dann sind sie potentielle Faschisten, oder sie sind so dämlich, daß sie gar nicht merken, wie sie da mental schon einen Pakt mit dem Satan schließen - dann sind sie einfach aufgrund ihrer Dummheit extrem gefährlich."

Mir geht es ähnlich. Faschistoide Tendenzen äussern sich ja nicht unbedingt in Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit. Ausgeprägt ist vor allem immer der Führerkult, das Zentrieren auf eine Person - und da nehme ich in letzter Zeit, gerade bei Jugendlichen, einen Trend wahr: Die Suche nach Gangs, und da nach jemandem, der die Verantwortung übernimmt.

Da müssen wir aufpassen. Es gibt schon lange eine Subkultur, Strömungen ausserhalb dessen, was Politik - und auch der Freitag hier - erfasst. Ganz einfach, weil die, die es betrifft, und die diese Strömungen erzeugen, hier nicht bloggen, in politischen Foren im Internet möglicherweise gar nicht zu finden sind.

Mit herzlichem Gruß, Anna
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.09.2009 um 15:02
Dieser zu Guttenberg ist doch nur ein Atlantik-Brücke-Kissinger-Klon, wie die Kollegin Friederike Beck auf ZeitGeist-online eindeutig dargelegt hat. Über diese Art der Nachwuchsschmiede (Özdemir stammt wohl aus derselben) wird zu wenig geredet, damit auch oft am Kern vorbei.
mh schrieb am 23.09.2009 um 15:08
fischer hatte da auch immer ganz gute kontakte...

mfg
mh
Peripatetik schrieb am 23.09.2009 um 21:11
Lieber Magnus Göller,

ich sags einfach nochmal. Nicht jede, die angebliche Fakten "eindeutig" darlegt, sagt deshalb gleich die Wahrheit. Im "ZeitGeist" wird online wie offline sehr Vieles "aufgedeckt", über das "zu wenig geredet" wird. Das meiste davon ist haarsträubend, einiges geradezu gefährlich. Bitte überprüfen Sie alle Informationen, die Ihnen im "ZeitGeist" angeboten werden, (ist auch bei anderen Medien keine schlechte Haltung) oder, besser, lesen Sie das Blatt nur zur Unterhaltung. In letzterem Fall kann man sich köstlich amüsieren, falls man sich traut zu lachen.

Gruß, Peripatetik
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.09.2009 um 15:10
Liebe Anna,

es tut mir leid, dass ich gerade mal wieder etwas besserwisserisch aufgetreten bin; Deine Beobachtung mit dem "Liebgewonnen" ist sehr wichtig; und als Philologe schätze ich diese Genauigkeit des Blicks noch einmal ganz besonders.

Mach' weiter so !

Magnus
Anette Lack schrieb am 23.09.2009 um 18:05
Lieber Magnus Göller;

danke für Ihre Kommentare! Zwar schätze ich Selbstkritik - und reflexion, aber besserwisserisch fand ich Dich gar nicht. :)

Magda hat in ihrem obenstehenden Kommentar schon auf die Atlantik-Brücke hingewiesen, und ich bin ganz Deiner Meinung: Das muss immer wieder öffentlich machen: Diese Netzwerke, die normal Sterblichen kaum offen stehen.

Was Sprache angeht, sind wir uns ebenfalls einig...

Herzliche Grüße, Anna
mh schrieb am 23.09.2009 um 21:30
man wird die netzwerke nicht wegbekommen. man müsste da allerdings für transparenz sorgen.

faktisch isses doch so, dass wenn ich mich mit a und b gut verstehe, kommuniziere ich mit denen und bin entsprechend vernetzt. find ich c doof, dann is der raus.

netzwerke sind eine folge der kommunikation und wie alles im leben professionalisieren sie sich um einfluss zu nehmen.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 25.09.2009 um 08:56
Genau, lieber MH;

nichts gegen Netzwerke. Ohne geht es nicht. Wohl aber etwas gegen elitäre Netzwerke, heimliche Netzwerke, geschlossene Männerbünde... da gäbe es noch viel aufzuzählen. Letztlich wird es sie immer weiter geben. Aber es sollte, da bin ich mit Dir, bekannt sein, dass es sie gibt, und wer hier wen fördert.

Herzlich, Anna
pkaras schrieb am 24.09.2009 um 09:11
Möchte mich Magnus Göller anschliessen. Wichtiger Blog.
Ich hatte die Sendung nicht gesehen, hatte aber im Videotext den Guttenberg-Kommentar gelesen, der mir sehr aufstiess.
Was mögen Menschen denken, die mehrere Jahrzehnte Arbeit auf dem Buckel haben, jetzt womögl. in die Sozialhilfe abgerutscht sind und sich von einem, der noch nicht so lange im Berufsleben steht, dieses sich sagen lassen müssen.
Die Perfidie dieses Kommentares liegt meiner Meinung nach darin, dass er angibt mitfühlend zu sein, meint, die Menschen zu verstehen, was Menschen über die Jahre liebgewonnen haben, weil es sie andauernd begleitet hat. Wie bei einem Kleinkind die Puppe. Er täuscht Bürgernähe vor.
Die Wirklichkeit ist das Gegenteil. Diese bevormundende Haltung sieht Menschen nicht als vollwertige Individuen, sondern als Klasse die unter einem steht, die nur einen Zweck hat, nämlich den Interessen der eigenen Klasse zu dienen.
Diese Begriffspervertierung ist ein entscheindendes Phänomen des Neoliberalismus, weil es Widersprüche verschleiert und darauf setzt, dass Menschen in Ihrer eigen Welt 'gefangen' bleiben, ohne dabei grössere Zusammenhänge zu erkennen.
mh schrieb am 24.09.2009 um 09:57
der spiegel kümmert sich zum glück noch um die linken und grünen und ihre radikalen ideen:



wie es um die linke und den spiegel steht, darf hier bewundert werden:

ptrace.fefe.de/gysi-spiegel.pdf
zelotti schrieb am 24.09.2009 um 17:32
Das Merkwürdige ist, dass wir davor ja auch nicht unseren Luxus gelebt haben, sondern die politische Klasse verkündete, man müsse den Gürtel enger schnallen. Das ist wie bei der Freisetzung von Arbeitskräften, da gibt es auch immer eine neue wirtschaftliche Notwendigkeit. So wie ein Krieg mit wechselnden Fronten, der nie aufhört. Die Verabschiedung des "Liebgewonnenen" ist also nichts anderes als die Vernichtung des Bestehenden durch einen Konservativen im Zeichen fremder Gewalten. Wie sich diese Gewalten bändigen lassen, steht nie zur Debatte, nur wie man sich den Gewalten noch besser ausliefern kann. Der Freiherr ist kein Deichbauer sondern bereitet die Gemeinde auf den Tod in den Fluten vor, die lieben Kinder werden in die See geschmissen um den Zorn der Götter zu besänftigen.
Anette Lack schrieb am 25.09.2009 um 08:53
Lieber Zelotti;

danke für Ihren Kommentar - der Vergleich mit dem Deichbauer (ich lebe in Hamburg!) machte ihn besonders plastisch.

Letztlich entscheidet nicht über den Erfolg eines Politikers, wie gut er mit seinen Wählern umgeht bzw. wie gut es Ihnen geht, nachdem sie ihn/ sie gewählt haben - sondern wie gut er die Partei als Gesamtes darstehen lässt. Und das sind, siehe CDU, zwei verschiedene Paar Schuhe. Wobei Westerwelle die Ausnahme ist, die die Regel bestätigt. Seine Partei hat TROTZ seiner Auftritte wieder Erfolg - und er ist nur in Ermangelung eines anderen Kandidaten noch am Ruder.

Herzlich, Anna
Kasper schrieb am 02.10.2009 um 17:30
Liebe Anna,

ich habe Deinen Kommentar leider erst jetzt zur Kenntnis nehmen können. Mit "internationaler Posten" ist nehm' ich mal an eher Vitamin B gemeint. Ich kenne mich da mit den Zuständigkeiten nicht ganz aus, aber ich denke mal es wird vergleichbar sein mit diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/490382/index.do dieser Meldung.

Das Bild wählte ich da ich mir nach der Lektüre von Guevaras Lebensgeschichte zu teilen mit ihm sympathisiere. Und das Bild ... Nun ja, sagen wir mal: Ein Gespenst geht um ... Und was mir bei Gespenstern immer einfällt ist de.wikipedia.org/wiki/Casper_%28Film%29 ... Ok es ist angeblich ein Geist, aber den Unterschied verstehe ich sowieso nicht. Ich hoffe damit habe ich das geklärt (Ach ja und casper (mit c anstatt k) war mir dann doch zu anglizistisch.

Mfg
Anette Lack schrieb am 05.10.2009 um 10:03
Lieber Kasper;

danke für Deinen Rück- Kommentar - den hab ich wiederum gerade erst gesehen, da ich ein paar Tage nicht "on" war.

Den Film mit "Casper" kannte ich nicht, danke für den Link! Den Zusammenhang mit Che Guevara zwischen Gespenst einerseits und Sympathie andrerseits habe ich aber immer noch nicht ganz verstanden, und da ich immer alles GANZ verstehen will - ich hoffe, es nervt Dich nicht.

Als ich so 18, 19 war, hatten fast alle ein Poster von Che an der Wand, jedenfalls die politisch Interessierten. Da es aber fast alle hatten, hatte ich es gerade nicht... er interessierte mich damals auch nicht so. Richtig nahe gekommen ist er mir eigentlich erst jetzt, durch den Film und meine Tochter (17), die ihn politisch gut findet - aber auch optisch... Und ich teile Deine Sympathie.

Was aber ist nun das Gespenst daran?

Herzliche Grüße, Anna
Anette Lack
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