Anette Lack

Hamburg und die Welt

03.05.2010 | 13:42

Mr. Obama hat sich geirrt

Sein politischer Instinkt und sein  Talent, im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden, müssen ihn einfach im Stich gelassen haben. Anders ist er nicht zu erklären, dieser lakonische Kommentar, den der Präsident der Vereinigten Staaten öffentlich abgeben ließ, kurz nachdem  am 22. April die BP-Ölplattform im Golf von Mexiko untergegangen war - und seine Fehleinschätzung der Situation noch Tage danach.

Natürlich bedauere Mr. Obama das Unglück. Trotzdem, so sein Sprecher Robert Gibbs damals weiter, ändere sich dadurch nichts an seiner Einstellung zu Bohrungen an Amerikas Küsten. Der Vorfall  eröffne keine weiteren Fragen, und es werde sicher nicht die letzte Plattform sein, die unterginge.  Denn Amerika brauche eine Ausweitung dieser Ölbohrungen, um sich in seinem Energieverbrauch unabhängiger zu machen. 

Obama und seinen Beratern muss hier das politische Fingerspitzengefühl kurzfristig  verloren gegangen sein. Anders lässt sich diese kühle Stellungnahme nicht erklären, und auch nicht die lange Abwesenheit vom Ort der Katastrophe.

Erst dreizehn Tage nach dem Unglück reiste Obama in den Süden, um den betroffenen Anwohnern persönlich Mut zuzusprechen. Für die meisten zu spät. Sie fühlen sich, wie damals nach dem verheerenden Hurrikan "Katrina", im Stich gelassen, Jahre später, von einem anderen Präsidenten. 

Der ist inzwischen eifrig darum bemüht, seine Landsleute wissen zu lassen, dass er den Ernst der Lage erfasst hat: Möglicherweise, so Obama, werde es sich um eine noch nie dagewesene Katastrophe handeln. Dafür, so versicherte der US-Präsident den betroffenen Anwohnern weiter, sei BP verantwortlich, und BP werde den Preis dafür bezahlen.  

Bemühungen um Schadensbegrenzung, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass Barack Obama sich  geirrt hat, indem er die Bedeutung des Vorfalls falsch einschätzte. Das wird ihn auch bei seinen Wählern Punkte kosten. Nicht nur BP, auch Obama wird für den Untergang der Bohrinsel bezahlen müssen.

 
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Kommentare
mh schrieb am 03.05.2010 um 14:08
das ding war zu dem zeitpunkt kein thema in den us-medien, entsprechen geringschätzig wurde es von ihm behandelt.

es wurde nur mal wieder offensichtlich, wie der typ tickt.

mfg
mh
Anette Lack schrieb am 03.05.2010 um 14:10
Wie tickt er denn, Deiner Meinung nach?
mh schrieb am 03.05.2010 um 14:14
"das ding war zu dem zeitpunkt kein thema in den us-medien, entsprechen geringschätzig wurde es von ihm behandelt."

mfg
mh
Hermanitou schrieb am 03.05.2010 um 15:24
Herrn Obama war ich schon immer eher skeptisch eingestellt. Ich meine, das ist mittlerweile auch gerechtfertigt. Dabei will ich nicht unterschätzen, welch dickes Brett er mit der Gesundheitsreform bohren musste, Diese ist trotz Abstrichen immer noch was sehr Gutes. Rein umwelttechnisch ist der Mann aber eine Katastrophe. Neue AKWs, keine Grenzwerte für Co2 und eigentlich auch kein Konzept... da dreht ihm der Republikaner Schwarzenegger in Kalifornien immer noch eine lange Nase und ist ihm um Längen voraus.
Magda schrieb am 03.05.2010 um 15:35
Ich habe dabei einen anderen Aspekt gesehen. Das Unglück mit der Bohrinsel ist "menschengemacht", ein Konzern hat es zu verantworten und nicht - wie bei Katrina - die reine Natur.

Die "Botschaft", die wohl transportiert werden sollte, war möglicherweise: Die Bohrungen können weitergehen, aber Ihr müsst den Laden ordentlich aufräumen und dafür bezahlen.

Niemandem nützt es, wenn der Präsident, der im Ringen um ein Gesetz zur besseren Kontrollel der Finanzmärkte gerade eine Niederlage einstecken musste, jetzt auch noch die Ölindustrie gegen sich aufbringt. Dann ist er überhaupt keiner, der irgenwo einen Fuß auf die Erde kriegt. Er braucht Bündnisse und da hilft so eine Versicherung, dass die Bohrungen weitergehen sollen, vielleicht.

Von daher finde ich sein Verhalten nicht ganz so unverständlich. Den Menschen nützt das nichts. Die wollen natürlich symbolische Gesten und - vor allem - schnelle Hilfe.
h.yuren schrieb am 03.05.2010 um 17:11
obama kann mich nicht enttäuschen. er ist gewiss ein smarter typ.

aber das ist nun mal zu wenig und eine maßlose überforderung für einen noch so fähigen mann.
wenn es schon nicht gutgehen kann, dass ein kleiner präsident das kleine frankreich in eine humane zukunft führen soll, dann ist es schier unmöglich für den us-präsidenten, das große land zu einem happy end zu führen.

regieren heißt balancieren, bis das gleichgewicht kippt.

ölverschmierte küsten und strände mitsamt fauna und flora gibt es seit jahrzehnten. damals waren es meist gestrandete tanker. mit den schwindenden ölreserven werden die offshore-bohrungen stets riskanter. das exxon-desaster ist zu toppen, egal wer gerade im weißen haus herumspaziert.
Rheinbogen schrieb am 03.05.2010 um 21:04
Mich kann Obama auch nicht enttäuschen, er hätte mich allenfalls positiv überraschen können, da ich nichts von ihm erwartete. Insofern macht er - "No we can't" - auch nichts von dem, was man von einem Heilsbringer (als den ihn erschreckenderweise viele zu sehen scheinen) zwar erwarten könnte, aber eben nicht von einem amerikanischen Präsidenten. Weder beendet er die grausamen Kriege (gar nicht zu reden von einem Eingeständnis, dass diese ungerechtfertigt sind und mit Tricks und Lügen herbeigeführt wurden), noch kann er für Frieden in Nahost sorgen, noch verordnet er seinen Landsleuten mehr Sparsamkeit im Umgang mit Resourcen wie Öl (sie haben ganz schön viel eigenes, was ihnen aber nicht genügt, weshalb auch Obama weiter Kriege führt und immer riskanter vor seinen eigenen Küsten bohren lässt, weil er den American Irrweg weiter zu beschreiten gedenkt) oder geht voran bei einer wirklichen Reform des Wirtschaftssystems. Er setzt die Außenpolitik der US-Regierungen seit Menschengedenken fort und macht eine in Nuancen unterschiedliche Innenpolitik im Vergleich zum Vorgänger, zumindest aus unserer Sicht, aus der die amerikanische Gesundheitspolitik eigentlich und aller Medienpräsenz zum Trotz die Relevanz eines umgefallenen Reissacks in China hat. Weshalb Bush in Europa so unbeliebt war, kann ich gut verstehen, weshalb aber Obama derart beliebt ist, bleibt für mich ein Rätsel. Wenn ich mir überlege, mit was für einem Wahlkampf er gewonnen hat und wie ihn am liebsten sogar viele Deutsche gleich mitgewählt hätten, schwant mir sehr Ungutes im Hinblick auf einen Blender deutscher Machart, der früher oder später auf den Plan treten und das Volk für irgendeinen Irrsinn begeistern wird. Da muss man sich nur mal an den Stammtischen umhören, was dort schon jetzt z.B. über Griechenland abgesondert wird, da wird einem ganz schlecht.
Anette Lack schrieb am 04.05.2010 um 17:44
Danke für die interessanten und ausführlichen Kommentare!

@rheinbogen, @h.yuren @hermanitou:

Ich wollte vor allem die Enttäschung vieler Amerikaner vermitteln, so, wie ich sie zur Zeit in den US-Medien wahrnehme und von der mir meine amerikanischen Freunde berichten (echte, nicht solche wie bei Helmut Kohl: "Unsere amerikanischen Freunde..." :)

Ich wollte darstellen, dass man, wie Obama, eine Menge richtig machen kann, die Stimmung aber schnell kippt, wenn man dann EINEN kapitalen Fehler macht... Dieser Fehler wiederum hat mich erstaunt. Ich bin nicht enttäuscht von Obama, sondern habe mich über dieses vorschnelle und unkluge Statement gewundert.

Erstaunt bin ich über Eure doch ziemlich einmütige Skepsis oder offene Ablehnung. H.Yuren ist da noch am gnädigsten.

So sagt

@Rheinbogen: "Wenn ich mir überlege, mit was für einem Wahlkampf er gewonnen hat.." (und spricht von einem "Blender").

Da muss man einfach die Mentalität der Amerikaner berücksichtigen, ohne dass ich jetzt klugsch... rüberkommen möchte: Aber schon von frühestem Kindesalter an ist für die "Amis" (fast) alles Show. Sie sind sehr auf Aussenwirkung bedacht, witzig zu sein, ist ungeheuer wichtig (hier ist das ja eher anrüchig), alles soll eben Entertainment sein.

Die Wahl ist eben auch eine riesige Show, und nur wer dem (auch) Rechnung trägt, kann gewinnen. Das mag auf Deutsche manchmal befremdlich wirken. Trotzdem halte ich Obama für integer.

Und (auchdeswegen) bitte ich, last but not, least :),

@Magdas m.A. nach richtigen Kommentar zu berücksichtigen, der noch einen neuen Aspekt aufbringt:

"Die "Botschaft", die wohl transportiert werden sollte, war möglicherweise: Die Bohrungen können weitergehen, aber Ihr müsst den Laden ordentlich aufräumen und dafür bezahlen.

Niemandem nützt es, wenn der Präsident (...) jetzt auch noch die Ölindustrie gegen sich aufbringt. Dann ist er überhaupt keiner, der irgenwo einen Fuß auf die Erde kriegt. Er braucht Bündnisse und da hilft so eine Versicherung, dass die Bohrungen weitergehen sollen, vielleicht. "

Obama muss an vielen Fronten kämpfen. So lässt sich vielleicht auch seine Fehleinschätzung erklären. Mit seiner Bezichtigung BP gegenüber hat er sich schon ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt.

"Umwelttechnisch ist der Mann eine Katastrophe" schreibt Hermanitou, und das mag von hier vielleicht so aussehen. Schwarzenegger mag ihm da voraussein; aber zum einen ist das erwiesenermassen seiner Frau Maria Shriver geschuldet, die, ökologischer und radikaler als er, in vielen Punkten beeinflusst hat. Zum anderen hat er es relativ einfach, im ziemlich umweltbewussten Kalifornien.

Obama aber musste unbedingt einige Wähler im Mittleren Westen gewinnen, und da sitzen sozusagen die, die bei uns eingefleischte CSU-Wähler wären... Wäre er denen mit Ökologie gekommen, zusätzlich zur Krankenversicherung, hätte er nie gewonnen. Da musste er einfach Kompromisse schließen, und etwas leisertreten.

Zudem aber ist er immer noch Amerikaner, Umweltbewusstsein hat eine untergeordnete Priorität. Ich halte ich ihn nach wie für kompetent, klug, weitblickend. Ein Glücksfall, nicht nur für Amerika. Auch wenn er, Afghanistan betreffend, Entscheidungen trifft, die ich nicht immer nachvollziehen kann.
Frank Linnhoff schrieb am 05.05.2010 um 13:56
Wir, die wir keine US-Amerikaner sind, sollten nie vergessen, dass Obama alle Entscheidungen, alle Äußerungen auf ihre Wirkung in der amerikanischen Innenpolitik fällt. Seine Äißerungen und Handlungen sind für uns Europäer immer recht befremdlich. Ich halte ihn für einen durchaus integren Menschen, doch wir sollten nie vergessen, er ist zuallererst amerikanischer Präsident. Wir sollten genau seine Taten beobachten, nicht phantasieren.
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