Anette Lack

Hamburg und die Welt

22.11.2009 | 18:09

Über den Tod hinaus

 

Die meisten "meiner" Toten  sind wirklich tot für mich. Es gab einen Status quo, und ich habe um sie getrauert, oder auch nicht. Zurück bleiben Erinnerungen: an gemeinsame Erlebnisse; an Ideen, Hoffnungen, Träume und Gedanken, die ich mit ihnen geteilt habe. Mit einigen habe ich gelacht, einige sehnsüchtig geliebt. Mit anderen verbinde ich nur Angst und Schmerz. Oder das Wissen darum, was ich mir mit ihnen wünschte, und die Einsicht, dass mehr nicht möglich war. 

In den letzten Jahren habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich einige meiner Beziehungen über den Tod hinaus verändert haben. Durch Erlebnisse oder das, was ich erst nach ihrem Tod über sie erfahren habe, sehe ich sie plötzlich  anders und ihnen einiges nach. Ich verstehe sie besser, und manchmal kann ich sie dadurch auf eine ganz neue Weise lieben. 

Vor allen anderen denke ich da an meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, die nicht seine wirkliche Mutter war: Mit ihrem Mann hatte sie den kleinen jüdischen Jungen 1920, als Säugling, adoptiert, und warum, unter was für Umständen, das gehört zu den Familiengeheimnissen, die ich noch nicht herausbekommen habe. (Obwohl ich in den vergangenen zehn Jahren, neben der Erziehung meiner Tochter, fast nicht anderes getan habe, als diese Geschichte, die auch eine Geschichte über Angst, Vorurteile und Gewalt ist, ans Licht zu befördern. Das wiederum ist eine andere Geschichte.)

Diese Großmutter starb an Krebs, als ich 16 war. In ihren letzten Nächten ging es ihr sehr schlecht, und ich bot mich an, bei ihr im Krankenhaus zu bleiben. Sie wachte in dieser Nacht manchmal noch kurz  auf und sagte immer nur einen Satz: "Ich wäre so gern noch etwas geblieben." Ich höre ihre Stimme noch; ich habe es nie vergessen.

Meine Großmutter wurde von meiner Mutter, aus Gründen der oben genannten und hier nicht weiter ausgeführten Geschichte, gehasst. Wenn wir, immer sonntags, bei ihr zum Essen - typisch schlesisch: Kaninchen und Karoffelklöße - eingeladen waren, war meine Mutter nie dabei.

Ich aber habe diese Frau, die herrisch war und unnahbar, aber auch stark und lebenslustig, geliebt. Bei ihr konnte ich entspannen: Dort gab es für mich Ruhe und Struktur. Ich erinnere mich kaum an das Haus meiner Eltern, an meine Kindergeburtstage oder wie unser Garten aussah; aber ich weiß heute noch genau, wie die Zimmer meiner Großmutter eingerichtet waren, ich erinnere mich an den Duft von Lavendel in ihren Kleidern, und  ich habe noch den Geschmack ihres etwas drögen Blechkuchens auf der Zunge, von dem ich nur die Streusel mochte. 

Es gab so etwas wie Frieden für mich in dieser kleinen Wohnung, die meine Großmutter nach dem Tod meines Großvaters mit ihrer Schwägerin teilte: Ich konnte einfach dasein. Ihr verdanke ich es, dass ich heute, trotz allem,  arbeiten, lieben und mein Kind groß ziehen kann. 

Nach dem Tod meiner Eltern, die vor einigen Jahren kurz nacheinander starben, habe ich auf mein Erbe verzichtet. Ich wollte nichts aus diesem Haus;  nicht die Juwelen meiner Mutter, kein Stück ihres wertvollen Porzellans, kein Buch aus der ausladenden Bücherwand meines Vaters, nichts aus seiner meterlangen Musiksammlung, und erst recht kein Geld. 

Seltsamerweise aber hob eine Cousine die Fotoalben meiner Großmutter für mich auf, als sie mit meinen Schwestern den Haushalt auflöste. Und als ich vor zwei Jahren zu einem meiner seltenen Besuche in der Stadt war, gab sie sie mir: Etwas zögernd, denn sie fürchtete wohl, dass ich darauf ähnlich ablehnend reagieren würde wie auf das Erbe.

Die Alben, vier Stück sind es, habe ich aber gern genommen. Auf den uralten Fotos - viele stammen aus der Wende des 19./ 20. Jahrhunderts und den Zwanziger Jahren - sehe ich meine Großmutter als junge, schöne Frau mit schwarzen Haaren und Augen;  sie wirkt sehr zart. Und mit all dem, was ich erst viel später recherchiert habe - wie sie versuchte, meinen Vater im Dritten Reich zu schützen und ihn doch nicht beschützen konnte, wie sie ihn sogar einmal erst recht verriet; und mit dem Wissen, wie sehr mein Großvater sie damit im Stich ließ  - ist mir klar geworden, dass sie dadurch so werden musste: Streng, stark, unnahbar; ihre Gefühle für immer wie eingeschlossen in einem fast undurchdringlichen Panzer. 

Manchmal aber, an ihren Geburtstagen, wenn die Wohnung aus allen Nähten platzte von Freunden und  Verwandten, Likör, Torten, Pastor und Gemeindechor,  dann lachte sie, hatte rote Wangen und sang. Und dann war ich, neun oder zehn Jahre alt, sehr glücklich. 

Wenn ich heute das Familiengrab besuche, in dem sie alle liegen, Großeltern, Eltern und Großtante, denke ich vor allem an sie. Ich wünschte, ich könnte noch einmal mit ihr sprechen. 

 
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Kommentare
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 18:26
He, Meisterfalk, Magda und Streifzug; obwohl ich den Blog ohne Kommentare gelöscht habe, ist der MIT verschwunden. Doofe Technik... Danke Euch fürs Lesen, das Lob und den Tipp mit dem Löschen.

Das ist mein richtiger erster privater Blog, in dem ich was von mir erzähle. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, soll heissen, er ist mir sehr schwer gefallen. Von meinen Gefühlen zu schreiben!

Danke, dass Ihr meine ersten Leser wart.

Anna
weinsztein schrieb am 22.11.2009 um 18:32
Hallo Anna, ich wollte auch gerade loben, aber wenn du den blog eh löschst, lass' ich's.
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 18:40
Nee; immer her mit dem Lob, lieber Weinsztein! :) (long time no talk!)

Das sind nämlich meine ersten Schritte beim WAHREN Bloggen, dessen Charakter ich erst allmählich wirklich begreife, meisterfalk sein Dank (wirklich). Ganz vorsichtig und noch etwas unbeholfen fühle ich mich dabei, s. oben. Das ist schon was anderes als journalistisches Schreiben, hier ein Stück von mir und meiner Seele offenzulegen...

Soll jetzt keine Beisshemmung sein. Aber so ist es wirklich, puuh! Alle, die ich da in Blogs vielleicht ungerecht kritisiert habe, bitte ich, mit dieser neuen Erfahrung, um Nach-Sicht...

Anna
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 18:34
Liebe Anna, ich war beim Kommentarschreiben, online im Feld und wollte gerade ok klicken, da dachte ich, Du könntest löschen und habe noch schnell kopiert. Hier also, was mir vorhin einfiel:

"Totensonntag, kaltes Novemberwetter, Friedhof, akribisch geharkte Wege, nassglänzende Grabsteine, Gravuren, hier und da eine Plastik, im hinteren Teil schiefe, verrostete gusseiserne Kreuze mit kaum noch lesbaren französischen Namen, Hugenottengräber, alles efeuüberwuchert, eine Großmutter, mit Harke und Gießkanne zugange, der dabei die Tränen liefen, und ich kleiner Knirps stehe daneben und habe kalte Füße - das sind so meine Assoziationen an diesem Sonntag.

Danke für Deinen Text!"
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 18:43
Danke Dir, meisterfalk für den Kommentar und diese lebendige Schilderung Deiner Assoziation: Ich sehe Dich als KNIRPS vor mir, mit den kalten Füßen und der weinenden Großmutter. Geheuer war Dir das wohl alles nicht, und wahrscheinlich wärst Du überall lieber gewesen als da?

Wo gibt es denn Friedhöfe mit so vielen Hugenottengräbern?

Herzlich, Anna
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 19:19
Ja, ich mochte es nicht. Ganz genau weiß ich nicht, warum.

In Preußen gibts noch viele Spuren der Hugenotten, die ein Vorfahre des ollen Fritz ins Land geholt hatte (Ende 17. Jh.).
Auf dem besagten Friedhof sieht es heute anders aus, Grabstellen liegen nicht mehr Jahrhunderte da, sondern solange man für sie bezahlt.

Meine Großmutter, der ich viel zu verdanken habe, ist später auch dort begraben worden. An die Beisetzung und anschließende Verwandtenfeier habe ich eher unangenehme Erinnerungen. Nachdem ich ein paar Jahre später mein Heimatdorf verlassen habe, bin ich nie wieder auf diesem Friedhof gewesen. Vor kurzem habe ich erfahren, dass die Gräber, auch ihrs, eingeebnet wurden.
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 19:33
Ja, nach 25 Jahren werden Gräber, hier bei uns "Wessis" jedenfalls, eingeebnet. Wenn man nicht neu anmietet. (Ich habe vor kurzem eine Geschichte über den Ohlsdorfer Friedhof gemacht, der ja der größte Parkfriedhof der Welt ist, nach Chicago. Daher bin ich im Bilde ...

Ich habe mich ja am Freitag zum ersten Mal mit jemandem aus der Community getroffen, und das war sehr schön.

Falls Du - oder jemand anders hier - mal nach HH kommt: Es gibt noch eine Menge abseits von Reeperbahn und Hafen, und dieser Friehof ist wunderschön - mit vielen selten Vogelarten, die sich dort niedergelassen haben, mit einem muslimischen Friedhof, mit zahllosen schönen alten Bäumen....

Und wer Lust hat, dem zeige ich ihn auch!
Anna
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 19:34
Ich frage mich aber auch gerade, meisterfalk, ob das komisch für Dich war, als Du von der Einebnung erfahren hast.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 19:50
Ja, ich habe zu spät begriffen, dass ich das noch mal hätte tun wollen, hingehen, mich da hinsetzen, wie ich als Knäblein zu ihren Füßen auf ner Fußbank hockte, und meinen Erinnerungen an sie nachzuhängen.
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 19:57
Das tut mir sehr Leid für Dich; "zu spät", das ist immer sehr bitter. Und irgendwie ist es eben doch wichtig, einen Ort zu haben.

Deine Großmutter scheint ein besonderer Mensch gewesen zu sein.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 20:06
Na ja, besonderer als Deine sicher auch nicht. Jetzt kommt die Plattitüde: Jeder Mensch ist besonders! - Nee, ich bin tatsächlich dieser Meinung. Man sieht bloß erst nur Schemen. Dann nimmt langsam das Bild Konturen an. Das ist z.B. mein Aha-Effekt hier auch.

Nächste Plattitüde: Jeder trägt eine Maske! - Ganz bestimmt, aber auch die Maske ist besonders.

:)
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 20:50
Meisterfalk: Du hast Recht, und oranier hätte mir für dieses Klischee jetzt sicher eins aufs Dach gegeben.

Kennst Du das "Sams" von Paul Maar? Da heisst es doch immer "Du musst genauer wünschen!" Frei danach sage ich, ich muss (noch) genauer schreiben!

Was ich meinte: Sie scheint ein besonderer Mensch für Dich gewesen zu sein. Einer, an den Du starke Erinnerungen hast.

Jeder trägt eine Maske? Kommt drauf an, wo und mit wem ich bin. Meiner Tochter gegenüber nicht. Sie ist der Mensch, der mich am besten kennt.

Und sonst: In Abstufungen transparent bis semi-transparent. Je nachdem, wie sehr ich vertraue - und worum es geht.
Knüppel schrieb am 22.11.2009 um 18:44
Hallo Anna,

wie Du feststellen kannst, habe ich mich nicht "vom Acker gemacht" :-)

Dein Beitrag, ein sehr persönlicher, hat mich überrascht, weil Du 'mal sinngemäß geschrieben hattest "Journalisten würden wenig oder nichts über sich selbst schreiben". Also warst Du hier heute "sehr privat, als Bloggerin" unterwegs.

Zum Inhalt:
Er ist anrührend und ich kann einiges davon nachempfinden; auch in meiner Familie, mütterlicherseits, gibt es "eine jüdische Linie", wie in so vielen deutschen Familien. Mein Vater hat diese Wurzeln meiner Mutter immer versucht zu verdrängen und sogar zu verleugnen.

Zur Privatheit solcher Blogs:
Ich hatte neulich einen Beitrag mit dem Titel "Regenbogenfamilie" geschrieben. Am nächsten Tag habe ich ihn wieder gelöscht, weil ich (und diejenigen, die in dem Beitrag vorkamen) den Text viel zu persönlich fanden. Das fiel mir erst auf, nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte.

Einen schönen Sonntagabend
und danke für diesen Beitrag zum Totensonntag.
SP
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 18:55
Danke, Sexpower, für Deinen Kommentar.

Anna
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 19:05
Sexpower, der gelöschte Beitrag war mit Abstand einer Deiner besten.
Streifzug schrieb am 22.11.2009 um 19:08
Hallo Anna,

da ich als Streifzug hier nicht menschel, bleibt mir das WAHRE Bloggen verwehrt. Solche Gedanken sind die Folge:
Die Inschrift am Dachfries "Dem Wahren Schoenen Guten" veranlasste den Frankfurter Dichter Adolf Stoltze zu seiner hessischen Variante "Dem Wahre, Scheene, Gute, die Berjerschaft muß blute".
Selbst Streifzug erschöpft sich allerdings nicht ganz in reiner Unpersönlichkeit, daher nun noch eine etwas wärmere Textpassage:
... Unter den Vulkanen, vor den Schneebergen, zwischen den großen Seen - der wohlriechende, der stille, der wilde chilenische Wald ... Die Füße versinken im toten Laub, ein brüchiger Zweig knackt, die riesigen Araukarien recken ihre krause Gestalt, ein Vogel des kalten Urwalds kommt geflogen, flattert, läßt sich im schattigen Gezweig nieder. Und wie eine Oboe ertönt es aus seinem Versteck ... Durch die Nasenflügel bis in die Seele hinein dringt das wilde Aroma des Lorbeers, das dunkle Aroma des Boldostrauchs ... Die Zypresse der Guaitecas hemmt meinen Schritt ... Es ist eine senkrechte Welt: ein Volk von Vögeln Massen von Blättern ... Ich stoße an einen Stein, durchwühle die entdeckte Höhlung, eine riesige, rotbehaarte Spinne blickt mich an mit starren Augen, reglos, groß wie ein Krebs ... Ein goldener Laufkäfer entsendet seinen giftigen Hauch gegen mich, während wie ein Blitz sein strahlender Regenbogen verschwindet ... Weiter laufe ich in einem Wald aus Farnen, die viel höher sind als ich: sechzig Tränen fallen aus ihren grünen kalten Augen auf mein Gesicht, und noch lange zittern ihre Fächer hinter mir ... Ein morscher Stamm: welch ein Schatz! - Schwarze und blaue Pilze haben ihm Ohren angehängt, rote Schmarotzerpflanzen haben ihn mit Rubinen besät, andere träge Pflanzen haben ihm ihre Bärte geliehen, und blitzschnell schießt aus seinen morschen Eingeweiden eine Schlange hervor wie ein Geist, als entweiche dem toten Stamm die Seele ... (...) Hoch oben, wie Pulsadertropfen des zauberischen Urwalds, schwingen die roten Schlingpflanzen ... Die rote Schlingpflanze (Lapageria R¢sea) ist die Blume des Bluts, die weiße Schlingpflanze ist die Blume des Schnees ... Mit einem Zittern der Blätter durchbrach die Geschwindigkeit eines Fuchses die Stille, doch die Stille ist das Gesetz dieses Blätterreichs ... Nur der ferne Schrei eines verstörten Tiers ... Der durchdringende Zwischenruf eines verborgenen Vogels ... Die Pflanzenwelt murmelt nur, bis ein Gewitter alle irdische Musik zum tönen bringt.

Wer den chilenischen Wald nicht kennt, kennt diesen Planeten nicht.

Von dieser Erde, diesem Lehm, von dieser Stille bin ich ausgezogen, um zu singen für die Welt.

Pablo Neruda
Ich bekenne, ich habe gelebt.
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 19:20
Streifzug;

Ja, Neruda! Und dann noch seine Liebesgedichte....

"... da ich als Streifzug hier nicht menschel, bleibt mir das WAHRE Bloggen verwehrt."

Da muss ich doch etwas lachen, mein Lieber: In Deinen Blogs menschelt es doch 1.) ganz gewaltig und 2.) hatte ich mal einen Freund, der schrieb nur in Druckschrift. Er hatte Angst, dass seine Schrift graphologisch etwas über ihn sagen könnte ...

Daran erinnerst Du mich gerade: Bedenke, mit allem, was Du NICHT sagen willst, sagst Du ja gerade etwas über Dich. Und da sind wir wieder bei meinem Beruf, denn sowas ist ja meine Leidenschaft und fordert mich heraus ....

Anna

Das WAHRE Bloggen war etwas ironisch gemeint. Aber wenn meisterfalk sagt, ein Blog ist ein Tagebuch, dann hat er wohl Recht. Und dann habe ich das hier meistens etwas missverstanden. Und finde, dass ich auch mal etwas Neues ausprobieren kann.
Streifzug schrieb am 22.11.2009 um 19:29
Anna,

als junger Hüpfer hast du geradezu die Pflicht immer mal was Neues auszuprobieren ;)
kay.kloetzer schrieb am 22.11.2009 um 19:16
Liebe Anna,
zwar kann ich im Moment nicht nachvollziehen, was hier wann gelöscht wurde oder doch nicht, jedenfalls bin ich froh, diesen Blog gelesen zu haben. Über die Klassifizierung persönlich/journalistisch würde ich mir mal gar keine Sorgen machen. Dies ist ein Text, und der ist überwältigend privat, erzählt so viel über Leben und Erinnerungen. Natürlich möchte ich gern mehr erfahren von Deinem Vater, den Umständen, den Auswirkungen - was und wieviel davon in Dir Dein Leben bestimmt.
Herzlich
kk
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 19:22
Es war ein ungewollt doppeltes Posting, und beim Versuch, einen Teil zu löschen, waren dann beide weg. Muss an der Technik gelegen haben...
merdeister schrieb am 22.11.2009 um 19:19
Danke. Sehr.
Magda schrieb am 22.11.2009 um 19:26
Hallo Anna,
ich erinnere mich nur, dass ich vermutet habe, dass es in Deiner Familie auch allerhand zu erzählen gibt. Und dass mir der Text etwas gesagt hat, habe ich auch geschrieben.

Gruß
Magda
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 19:39
Ja, danke, Magda.

Ja, es gibt viel zu erzählen oder gab es (s.unten). Irgendwann fand ich, es muss auch einmal gut sein, und wollte nicht mehr darüber reden.

Oder die anderen wollten es nicht; weil es auch Tabus berührt. Und, weil ich es hier nicht so geheimnisvoll machen will, z.B. die Frage: Kann ein Jude, der im Dritten Reich verfolgt wurde, später zum Täter werden?

Anna
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 19:28
Liebe Kay. Kloetzer;
lieber merdeister;

danke für Eure Kommentare. Ich freue mich, dass dieser Text bei Euch angekommen ist, im wahrsten Sinne des Wortes.

In und bei der Auseinandersetzung in Klaras Blog mit der Dünnen Seele habe ich auch noch einmal viel über mich erfahren. Auch Dinge, die mir nicht gefallen.

Und mir ist aufgefallen, dass ich hier viel lese, Privates, dass sich hier viele zeigen und etwas wagen. Auf einmal kam ich mir ein bisschen vor wie ein Voyeur, mit meinem Pochen darauf, mich persönlich bedeckt zu halten.

Und heute wusste ich einmal, ich riskiers und es ist Zeit für etwas Neues.

@Kay. Kloetzer:

Über meinen Vater und seine/meine Geschichte ist ein Kapite in einem Buch erschienen, dass ich zwar recherchiert habe - daher die zehn Jahre, es war sehr kompliziert - dass ich aber nicht aufschreiben konnte. Wo ich sonst ALLES schreiben kann. Es war zu schmerzhaft.

Wenn Du magst, nenne ich Dir den Titel (ich verdiene nichts daran) gern per PM.

Herzliche Grüße, Anna
Magda schrieb am 22.11.2009 um 20:37
Mir bitte auch den Titel per PM, ja?

Gruß
weinsztein schrieb am 22.11.2009 um 20:08
Liebe Anna,

starkes Stück. Es beschäftigt mich seit zwei Stunden, ich denke an meine Eltern und an die eine Oma, der ich in kindlicher Feindschaft zugetan war und sie mir. Ihre Vermutung "Du wirst noch mal am Galgen enden" traf nicht ein. Dein "erster privater blog" ruft mir nun viele Anekdötchen in Erinnerung, die mit meiner Großmutter zu tun hatten.

Und ich stimme Kay Kloetzer zu in ihrem Lob für dich. Und auch in der Sache journalistisch/persönlich. Lass' dich bitte von nichts abhalten, künftig auch auf diese Art sehr persönlich zu schreiben.

Und wenn hier jemand mit unsachlicher Kritik ankommt, wird der verhauen.
Danke, Anna
weinsztein

Zum persönlichen Gruße an dich ein ebensolches Gedicht von Peter Hacks.

Lass mir deiner Blumen eine,
Eine nur aus deinem Strauß,
Oder ich fall um und weine
Mir vor Gram die Augen aus.
Schenk mir einen Blick beim Scheiden,
Wenn ich geh in fremdes Land,
Oder sprich: ich mag dich leiden,
Oder nimm mich bei der Hand.
Gib mir einen Kuß zum Scheine,
Eine einzge Silbe sprich.
Laß mir deiner Blumen eine
Und den Wahn, du liebtest mich.
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 20:33
Lieber weinsztein;

danke für das schöne Gedicht! Von Peter Hacks kenne ich noch nichts, werde ihn aber mal googeln. (Hast Du keine Angst vor Urheberrechten und so? Musste ich hier ja mal viel darüber lernen, bei Brecht).

"Du wirst noch mal am Galgen enden"! Was für eine Großmutter! Was für eine Wortwahl! Wie alt warst Du, als sie diese düstere Prophezeiung aussprach? Und vor allem, vor welchem Erfahrungshintergrund wurde die gemacht?

Soll heissen: Welchen Anlass hast Du ihr dafür gegeben? Und gut, dass es nicht so gekommen ist. Und, nebenbei, wo gab es zu dem Zeitpunkt noch Galgen? Ich musste spontan an "Spiel mir das Lied vom Tod" denken, das fängt doch mit diesem Galgen an.

Dass Du für mich eventuell jemanden verhauen willst, finde ich, m.V., sehr süss. :)

Das tut mir gut, nachdem in in den vergangenen Tagen doch sehr über meine Schattenseiten nachgedacht habe. Und das ist keine Koketterie.

Großmuttererinnerungen gibt es einige hier, siehe Meisterfalk. Und da frage ich mich auch, wo eigentlich die GroßVÄTER waren?

Herzlichen Gruß, wo steckst Du gerade, in die Türkei?

Anna
Magda schrieb am 22.11.2009 um 20:42
"Und da frage ich mich auch, wo eigentlich die GroßVÄTER waren?"

Damit beschäftige ich mich auch gerade.
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 20:45
Gibts da vielleicht bald was zu lesen? :)
kay.kloetzer schrieb am 22.11.2009 um 21:00
Liebe Anna,
der Peter Hacks ist ja sehr umstritten wegen seiner politischen Ansichten, die mitunter an Stalinsimus grenzten und weißgott nicht immer freundlich waren. Ich liebe und schätze ihn auch für seine Irrtümer und deutlichen Worte. Wiglaf Droste hat sich in den vergangenen Jahren sehr um Hacks' Werk verdient gemacht. Da gibt es die hinreißende CD "seit du dabist auf der welt: vertonte liebesgedichte." Das schönste: "Lass mir deiner Blumen eine". Und es gibt die Festschrift "In den Trümmern ohne Gnade" mit Texten über Hacks von Eberhard Esche, Rainer Kirsch, Robert Gernhardt und vielen anderen. Gerade ist das Buch "Staats-Kunst. Der Dramatiker Peter Hacks", erschienen, eine Dokumentation der ersten wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft. Am besten aber sind natürlich die Originale (Werkausgabe im Eulenspiegelverlag), darunter auch zauberhafte Kinderbücher.
herzlich
kk
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 21:05
Kay, wo Du gerade Gernhardt erwähnst... Ich hoffe, es ist jetzt hier kein Sakrileg, aber ich liebe Gernhardt, und irgendwie passt es ja auch zu Totensonntag:

Das Einhorn hüpft von Grab zu Grab
wie gut, dass ich noch keines hab.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 21:07
Ha, Armer Ritter, Onkel Mo, Meta Morfoß usw., herrlich, amüsant, witzig, geistreich, bisschen böse, ein Genuss für die kleinen Zuhörer und den großen Vorleser!!!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 21:08
...äh, Kinderbücher von Hacks, meine ich.
kay.kloetzer schrieb am 22.11.2009 um 21:27
... nicht zu vergessen die Briefwechsel, leider nicht mehr alle lieferbar. den mit schernikau hätte ich so gern mal gelesen!
kk
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.11.2009 um 22:46
kay.kloetzer, Du kannst das Buch immerhin unter der Signatur -1993 A 30745- in der DNB in Leipzig für den Lesesaal bestellen.
weinsztein schrieb am 23.11.2009 um 02:24
Liebe Anna,
zu Großmutters Prophezeihung, ich werde irgendwann am Galgen hängen, war ich acht oder neun Jahre alt. Das war meine Brandstifterphase. Ich klaute Streichhölzer und zündelte gern in Trümmerhäusern der Nachkriegszeit. Vor allem Seegrasmatratzen mochte ich, die schwelten ewig und qualmten vor sich hin. Bis irgendwann die Feuerwehr kam, und zwar immer und nur für mich! Die Feuerwehr liebte ich, vor allem ihr TatüTata. Irgendwann wurde ich von Nachbarn als Feuerteufel enttarnt, so erfuhren auch meine Eltern von meinen Taten, auch die Großmutter.
Später wurde ich Fensterscheibenbewerfer, weil es so schön klirrte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gut, Anna, dass du nach Peter Hacks googelst. Er starb 2003, unter deutschen Dichtern ist er mir einer der Liebsten. Anders als Kay Kloetzer sehe ich nicht, dass die politische Ansichten von Peter Hacks "mitunter an Stalinismus" grenzten. Aber keine Hacks-Debatte jetzt. Kay Kloetzer liebt und schätzt ihn, ich auch. Sehr verdient um Hacks Werk hat sich nicht nur Wiglaf Droste verdient gemacht, sondern vor allem André Müller. (Lohnt sich sehr zu googeln.)

Ja, ich bin noch in der Türkei, bis nächsten Montag. Dann für 10 Tage in Deutschland.

Liebe Grüße
weinsztein

Ach ja, Robert Gernhardt!

Der Kragenbär
der holt sich
munter
einen nach
dem anderen
runter
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.11.2009 um 04:13
Lieber Weinsztein,
wenn Du in Deutschland bist, dann kannste ja mal zum Essen rüber kommen. ;)
weinsztein schrieb am 23.11.2009 um 04:39
Sehr gern, liebe chrisamar,
aber wer kocht? Sei lieb gegrüßt spät in der Nacht (hier in der Türkei ist es gar eine Stunde später).
weinsztein
Anette Lack schrieb am 23.11.2009 um 17:48
Lieber weinsztein:

Hier habe ich noch einen Gernhardt, extra für Dich :)

Eines Tags passiert' es Kant
dass er keine Worte fand
ihm fiel absolut nichts ein
darum ließ er das Sprechen sein
erst als man ihn zum Essen rief
wurd' er wieder kreativ
und er sprach die klugen Worte:
Gibt es hinterher noch Torte?

Anna
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.11.2009 um 07:45
Du natürlich!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.11.2009 um 08:34
Pardon:

@ Weinsztein
Du natürlich!
Anette Lack schrieb am 24.11.2009 um 13:55
Lieber weinsztein;

danke für die Feuerteufel-Geschichte! Du warst also ein kleiner Pyromane... Auf alle Fälle wurde es da, wo Du warst, nicht langweilig! Und Fensterscheibenwerfer, hm... ich vermute, dass war um einiges später?

Und trotzdem ist aus Dir "was geworden". Du solltest wirklich einen Text darüber schreiben, wie Du die Kurve gekriegt und NICHT am Galgen gelandet bist. Ich habe da eine Freundin, die ihren 17jährigen Sohn gerade nach Arizona verfrachtet hat. Kurz nach dem er dort gelandet war, stand bei ihr die Polizei auf der Matte, morgens um 7 (!) Uhr: Ihr Sohn hatte, aus reiner Loylität, bei einem Einbruch in der Nähe Schmiere gestanden. Er ist nämlich wirklich ein gutmütiger Kerl. Die bräuchte so eine hoffnungsvolle Ansprache!

Und über Gedichte können wir uns ewig austauschen. Ich habe da noch ein paar Lieblinge in petto....

Liebe Grüße, Anna
Titta schrieb am 22.11.2009 um 21:45
Liebe Anna,

dies ist einer der besten Blogbeiträge, die ich hier bisher gelesen habe. Ausgesuchte Form verbindet sich mit Inhalt und Tiefe, und läßt etwas von dem Existenziellen und Essenziellen durchscheinen, was uns als Menschen miteinander verbindet. Erlebnisse verdichtet zu Erfahrung und Erkenntnis. Genauso wie es sein sollte, wenn man denn WIRKLICH schreiben will.

Danke für den Beitrag, den Ausschnitt aus deinem Leben, in den du mir Einblick, und damit auch Vergleich und Verbundenheit, gewährt hast. Durch deine Erfahrungen und Erkenntnisse kann ich mich weiter und besser mit meinen eigenen auseinandersetzen. Und das ist doch mit das Beste, was wir als Menschen aneinander tun können.

Sei ganz herzlich umarmt.
Titta
Anette Lack schrieb am 22.11.2009 um 22:15
Danke, Titta. Ich freue mich jetzt einfach sehr über Deinen Kommentar.

"Durch deine Erfahrungen und Erkenntnisse kann ich mich weiter und besser mit meinen eigenen auseinandersetzen. Und das ist doch mit das Beste, was wir als Menschen aneinander tun können."

Ja, darum geht es mir auch, meistens. Schön, dass Du das auch so empfindest.

Und es war für mich auch sehr überraschend, welcher Mensch da schreibend zum Vorschein kommt, wenn ich mal den Duktus der fast-all-wissend-sein-wollenden und manchmal sehr strengen Journalistin ablege.

Ich fühle mich von Dir verstanden. Mehr brauche ich heute abend nicht mehr :)

Anna
ed2murrow schrieb am 22.11.2009 um 23:10
einfach nur schön
Anette Lack schrieb am 23.11.2009 um 16:14
:) Danke, ed2murrow!
Rahab schrieb am 23.11.2009 um 10:20
was mich nun etwas verblüfft, ist, dass die passage über das 'persönlich schreiben' und deine bitte um verzeihung an all jene, deren 'persönliches schreiben' du heftig kritisiert hattes, wieder herausgenommen hast. ich finde das schade, denn das war der teil, der mich am meisten beeindruckt hatte! und für den ich dir eben ein dickes lob hinschreiben wollte - weil du dich damit angreifbar gemacht hattest.

zu trauer und all dem anderen ... mag ich jetzt nicht. dazu habe ich im moment zu wenig abstand - so sagt sich das wohl - denn gerade lebe ich in einem zustand allmählich anwachsender trauer (nach dem tod meines vaters vor gut drei wochen). was nicht nur meine trauer ist sondern auch die meiner familie. die nun (wieder mal) anders miteinander lebt ... auch wenn wir nicht ständig auf einem haufen leben. und auch all die anderen toten in meinem leben erleben eine art widerauferstehung ...
Anette Lack schrieb am 23.11.2009 um 10:31
Liebe rahab;

danke für Deinen Kommentar! Es tut mir Leid, wenn Du Dich u.U. etwas vera... fühlst.

Nein, ich lösche keine Kommentare und lasse sie auch nicht löschen :)
nur, ich hatte den Blog zweimal gepostet bzw. mit der Technik stimmt hier was nicht bei mir. Und deshalb habe ich einen gelöscht, und da sind dann leider auch die Kommentare, unter anderem der von mir, mit verschwunden.

Dazu stehe ich auch weiterhin, aber ganz so war der Kommentar in meiner Erinnerung nicht: "Persönliches" Schreiben habe ich, denke ich, nie kritisiert. Im Gegenteil, gerade weil ich es immer bewundere, wenn hier jemand den Mut hat und sich offen zeigt. Weil es mir so schwer fällt, über mein "Inneres", meine Gefühle, zu schreiben. Es ist viel einfacher, über andere(s) zu berichten. Obwohl für Hellhörige auch in journalistischen viel über den Schreiber steht.

Ich sagte, glaube ich, dass ich hier alle um Nachsicht bitte, deren "persönliche" Texte, in denen sie von sich erzählen, ich zu hart kritisiert habe.

Kritisierte habe ich auch Texte, in denen ich das Gefühl habe, dass jemand einen "Seelen-Striptease" macht; soll heissen, scheinbar Gefühle zeigt und von sich erzählt, dabei aber in der Hauptsache manipuliert. Das war manchmal mein Gefühl, und da kam dann die manchmal unangenehm strenge Journalistin in mir zum Vorschein.

Mit dem, was ich in den vergangenen Tagen hier gelernt habe - danke, Community! - sage ich heute: Hier kann jeder schreiben, was er will. Wer bin ich, diese Geschichten zu kritisieren und zu hinterfragen? Ich muss ja nicht jede lesen.

Liebe Grüße, Anna
Anette Lack schrieb am 23.11.2009 um 10:32
...und für die vielen Flüchtigkeitsfehler bitte ich auch um Nachsicht. Bin in Eile, muss zum Zahnarzt :(((((
Rahab schrieb am 23.11.2009 um 12:53
liebe Anna,
genau das, was du nun aus der erinnerung nachgezeichnet hast, das meinte ich. das war - aus meiner warte und vor allem deine kriti an Klara im leserlich ohr - das, was ich an deinem text am meisten beeindruckt hatte. und da es jetzt gewißermaßen auch wieder da steht - dafür ein explizites lob!
Anette Lack schrieb am 23.11.2009 um 17:44
Liebe Rahab;

danke für Dein Lob. Ja, mit einigem Abstand wird mir meistens etwas klar: Mein eigener Anteil an dem, was passiert, oder warum ich, wie bei Klara, so heftig reagiere... Dann geht es ja selten NUR um den aktuellen Anlass. So war es auch hier. Da vermischte sich etwas, und da musste ich aussteigen und mich besinnen.

Mir tut es sehr Leid, dass Dein Vater gestorben ist. Das habe ich erst jetzt, beim genaueren Lesen Dein erster Mail, erfasst, vorher war ich wirklich sehr in Eile. Ich hoffe, Du verzeihst mir, dass ich es nicht als erstes erwähnt habe.

Ich weiss gar nicht, was ich Dir dazu sagen kann. Alles hört sich so abgeschmackt an. Um meinen Vater habe ich anders getrauert als um meine Mutter. Jedesmal war es aber wieder eine Erfahrung, die mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Darauf war ich nicht vorbereitet und denke, darauf kann man sich auch nicht vorbereiten. Letztlich geht es vor allem darum, sich selber Zeit zu geben. Und Trost.

Liebe Grüße, Anna
Anette Lack schrieb am 23.11.2009 um 17:55
Und sich trösten zu lassen... Ich hatte da sehr gute Freunde. Ich hoffe, Du hast sie auch.

Anna
outnumber schrieb am 23.11.2009 um 20:26
Hallo Anna,

danke für die schöne Geschichte.

vielleicht magst du -wenn es nicht zu privat ist- ein paar photos aus dem album ins netz stellen. beim lesen entsteht immer kopfkino, ich fragte mich, wie sie aussah und wie die photos damals inszeniert wurden
Anette Lack schrieb am 24.11.2009 um 13:59
Lieber outnumber;

schön, dass Dir die Geschichte gefällt. Ich stelle gern ein paar Fotos ins Netz. Sie sind noch in sepiafarben, Du weisst, wie alte Fotos früher waren.

Nur muss ich noch etwas warten: Ich will mir nämlich einen neuen Drucker mit WLan kaufen, und der, den ich haben will, ist gerade nicht lieferbar :(.

Wenn Du also noch etwas Geduld hast...

Liebe Grüße, Anna
outnumber schrieb am 24.11.2009 um 17:25
es lohnt sich darauf zu warten :-)
h.yuren schrieb am 23.11.2009 um 22:17
hallo liebe anna, mit dem totensonntag kann ich gar nichts anfangen, mit deiner biografischen geschichte sehr wohl. über die "Blamage des Sterbens"(günther anders) schreibt es sich nicht leicht. das verstehe ich. auch kenne ich die kluft zwischen persönlicher und sozusagen offizieller schreibe. ich bin aber nicht der ansicht, dass blogs nur tagebuchtexte bieten sollten. die sind vielmehr so offen wie tagebuchtexte, können beinahe alles aufnehmen, wenn auch in kurzform.
Anette Lack schrieb am 24.11.2009 um 14:04
Lieber h.yuren;

danke für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass Du mit dieser Geschichte etwas "anfangen" konntest.

"mit dem totensonntag kann ich gar nichts anfangen..."

Solche Gedenktage sind genauso bedenklich wie der Muttertag, ganz klar. Ich hatte ihn auch gar nicht so "auf der Uhr", aber dann las ich Magdas hübschen Blog über Fritz und Franz, und auf einmal... fiel mir meine Großmutter ein. Aber ich denke auch sonst sehr oft an sie. Besonders in den letzten Jahren, wo mir ihre Bedeutung für mein Leben klar geworden ist.

"Ich bin aber nicht der ansicht, dass blogs nur tagebuchtexte bieten sollten. die sind vielmehr so offen wie tagebuchtexte, können beinahe alles aufnehmen, wenn auch in kurzform."

Das finde ich auch. Es macht mir sehr viel Spass, dass fast alles geht; sehr inspirierend ist das!

Liebe Grüße, Anna
Peripatetik schrieb am 24.11.2009 um 04:19
Liebe alle,

diese Seite ist das Schönste, was ich seit langem im Internet gelesen habe. Die ganzen warmherzigen und mitfühlenden Kommentare zeigen mir, dass ich in der Freitag-Community richtig bin. Gerade letzte Woche habe ich wieder gezeigt bekommen, welche Seltenheit Respekt und Takt im Internet sind.

Meine Großmutter liegt seit einigen Jahren in Ohsldorf, d.h. ich bin mir nicht sicher, ob es nicht nur ihr Körper ist, der dort liegt. Über achtzig Jahre lang hielt sie den größten Abstand zum Christentum, den man in Hamburg nur haben kann. Am Ende aber entwickelte sie ein starkes Interesse an Engeln. Sollte sie letzen Endes den Glauben an eine unsterbliche Seele entwickelt haben, will ich das respektieren und sagen, dort liegt nur ihr Körper. Das kriege ich vielleicht noch raus.

Über meine Großväter, nach denen ja gefragt wurde, weiß ich wenig. Sie sind beide ziemlich genau so lange tot, wie ich lebe. Es wird in der Familie selten über sie gesprochen. Der eine soll ein Scheusal gewesen sein, der andere lächerlich.

Soviel von mir persönlich. Ob es irgendwelchen Tatsachen entspricht, wer weiß das schon? Ist das wichtig? Ich selbst gebe nicht viel auf das Persönliche, das Echte und Authentische bei Menschen, die ich nicht persönlich kenne.

Sie, liebe Anna, sind für mich ein Name, eine Reihe von meinungs- und sentimentstarken starken Texten und das Wappen von Hamburg. Ich bin für Sie ein Name, sehr wenig Text und eine Seerose (glaube ich). Kennen hat doch viel mit Sehen, Hören, Riechen und Anfassen zu tun. Bei jemandem, den ich so wahrnehmen kann, interessiert mich auch das Authentische (bin ich altmodisch?). Bei anderen, stets Fernen, fehlt mir der Rahmen, in den ich sich authentisch Gebendes einordnen kann.

Deshalb lese ich - und das ist keine Kritik an Ihrem bewegenden Text, Anna, sondern die Einstellung, mit der ich ihn gelesen habe - zu Themen wie Liebe, Familie und Tod lieber Texte, die sich als Fiktion ausgeben und verschiedene ästhetische Möglichkeiten nutzen, um mir etwas zu zeigen, das ich noch nicht oder noch nicht so gesehen habe. Ich lese Gedichte, Romane, Erzählungen, Dramen. Und siehe da, in den Kommentaren wenden sich auch viele der Kunst zu. Hier wird Gernhardt zitiert, Maar, Hacks, auch Anders. Sehr schön.

Mich habe ich nämlich zuerst gefragt, ob ich denn auch persönlichere Texte hier einstellen will. Wenn richtiges Bloggen so geht, sollte ich wohl. Aber ich will nicht. Weil ich nicht dran glaube. Fiktionale Texte behalte ich mir vor, aber die haben ein anderes Forum.

Gute Nacht und guten Morgen,
Peripatetik
weinsztein schrieb am 24.11.2009 um 04:36
danke klara
klara schrieb am 24.11.2009 um 08:58
@weinsztein? "danke klara"?? Ich finde, der Text ist alles Mögliche: gut (flüssig) geschrieben, angenehm zu lesen, Spannung erzeugend durch Andeutungen, die wie Beobachtungen präsentiert werden, aber erstmal ins Nirgendwo führen, hübsch angerissene Szenen, die durch das Schlesische eine große Sinnlichkeit bekommen, Licht und Schatten auf Dinge und Menschen, eine Ich-Erzählerin, die schon dadurch sympathisch wird, dass sie einen adoptierten jüdischen Jungen als Familienmitglied zusammenbringt mit einem (aus nicht weiter erläuterten Gründen) abgelehnten Erbe - etc. aber als "persönlich" empfinde ich den Text nicht. Eher wie einen Romanstoff. Und wahrscheinlich ist er gerade deshalb so gut zu lesen. Man wird neugierig auf die Geschichte.
Anette Lack schrieb am 24.11.2009 um 14:23
Liebe Peripatetik;

danke für Deinen ausführlichen und warmherzigen Kommentar. Dazu wiederum gibt es viel zu sagen:

"Diese Seite ist das Schönste, was ich seit langem im Internet gelesen habe. Die ganzen warmherzigen und mitfühlenden Kommentare zeigen mir, dass ich in der Freitag-Community richtig bin. Gerade letzte Woche habe ich wieder gezeigt bekommen, welche Seltenheit Respekt und Takt im Internet sind."

Über den ersten Satz habe ich mich sehr gefreut; und auch darüber, dass Du hier offensichtlich angekommen bist. Mir geht das auch so, je mehr ich von mir zeige... und merke, dass ich auch damit hier sein darf. Das macht mir Mut.

Beim letzten Satz (s.o.) komme ich ins Grübeln, was Du wohl für eine Erfahrung gemacht hast. Hört sich nicht gut an.

"Meine Großmutter liegt seit einigen Jahren in Ohsldorf, d.h. ich bin mir nicht sicher, ob es nicht nur ihr Körper ist, der dort liegt."

Seit ich meinen Vater kurz nach seinem Tod gesehen habe, bin ich sicher, dass dort nur die Körper liegen. Es ist ein Klischee, ich weiss, aber er war wirklich nicht mehr da. Das war beruhigend für mich.

Meine Großväter kenne ich auch nicht leider. Nur einen angeheirateten, das war ein Muskelprotz und 19 Jahre jünger als meine Großmutter (mütterlicherseits), und er war mal in allen Zeitungen, weil er in Australien eine sehr gefährliche Schlange erlegt hatte :) Den mochte ich aber nicht.

"Soviel von mir persönlich. Ob es irgendwelchen Tatsachen entspricht, wer weiß das schon? Ist das wichtig? Ich selbst gebe nicht viel auf das Persönliche, das Echte und Authentische bei Menschen, die ich nicht persönlich kenne."

Das verstehe ich nicht so richtig. Auch das Nachfolgende nicht:

Deshalb lese ich - und das ist keine Kritik an Ihrem bewegenden Text, Anna, sondern die Einstellung, mit der ich ihn gelesen habe - zu Themen wie Liebe, Familie und Tod lieber Texte, die sich als Fiktion ausgeben und verschiedene ästhetische Möglichkeiten nutzen, um mir etwas zu zeigen, das ich noch nicht oder noch nicht so gesehen habe. Ich lese Gedichte, Romane, Erzählungen, Dramen."

Ich habe das gar nicht als Kritik verstanden, danke Ihnen aber, liebe Spaziergängerin, für Ihr Takt- und Feingefühl: Gedichte, Romane und Erzählungen sowie Dramen lese ich auch. Ich lese überhaupt "wahnsinnig" gern und viel. Aber auch Zeitschriften, Zeitungen, wirklich Erlebtes. Letztlich geht es mir immer um die Vielfalt, mit der Menschen leben und erleben; und auch die fiktionale Form erzählt ja etwas darüber.

Warum sie aber die fiktionale Form vorziehen, interessiert mich: Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie meinen (ich übersetze das jetzt mal für mich): "Wenn schon einer von sich erzählt, will ich ihn auch erleben, mit allem Drum und Dran..."

"Mich habe ich nämlich zuerst gefragt, ob ich denn auch persönlichere Texte hier einstellen will. Wenn richtiges Bloggen so geht, sollte ich wohl. Aber ich will nicht. Weil ich nicht dran glaube."

Wie h.yuren oben schreibt, ist ja beim Bloggen fast alles möglich und erlaubt, wie Du ja auch in diesem Forum sehen kannst.

Ich habe es einfach mal gewagt, weil ich merkte, dass mir das sehr schwer fiel. Da ist ja häufig der Weg, wo's lang geht; wo die Angst ist, und ich hatte Angst davor: "Was passiert dann? Wie werden die anderen darauf reagieren, mich finden, wenn ich nicht aus einer sozusagen "höheren Warte" (der der rationalen Journalistin) schreibe? Und wie geht es mir damit, wenn ich mich hier noch angreifbarer mache?

Das Ergebnis war überraschend, in jeder Hinsicht. Ich bin froh, dass ich es riskiert habe. Aber da gibt es eben keinen allgültigen Massstab, und jeder sollte das tun, was ihm für ich selbst passend erscheint.

Liebe Grüße, Anna
Anette Lack schrieb am 24.11.2009 um 14:25
Danke, Klara, für Deinen Beitrag.
Titta schrieb am 24.11.2009 um 19:43
Hallo Peripatetik,

ich hab mich über die ersten beiden Sätze auch sehr gefreut, und mit dem dritten erging es mir wie Anna. Hoffentlich berührt Sie das anscheinend sehr Unangenehme nun nicht mehr so.

Jetzt würde ich noch gerne wissen, ob Forum im allgemeinen Sinne gemeint war, oder ob es sich vielleicht um ein bestimmtes handelt, wo man dann auch Ihre Texte lesen könnte.

Was die Bevorzugung fiktionaler Texte betrifft, beschäftigen mich fast exakt die gleichen Fragen wie Anna. Vielleicht antworten Sie ja noch einmal darauf.

Herzlich
Titta
Peripatetik schrieb am 25.11.2009 um 02:10
Liebe Anna und Titta,

vielen Dank für Ihre ausführlichen Reaktionen. Obwohl ich schon seit über vierzig Jahren spreche, gelingt es mir immer noch nicht, mich so klar auszudrücken, dass ich auf Anhieb verstanden werde. Ich weiß es zu schätzen, wenn jemand die Geduld hat nachzufragen.

Mein Kommentar war eigentlich nur eine öffentliche Meditation darüber, ob ich auch so schreiben will wie Anna mit diesem Text, ob ich meine Seele offen legen will, die mir offline ohnehin aus allen Nähten quillt, und ob ich das im weiteren Rahmen einer Zeitung tun will, von der ich genau den sich rational gebenden Journalismus erwarte, aus dessem Griff sich Anna hier ein Stück weit befreien will.

Auf keinen Fall will ich anderen vorschreiben, was sie schreiben sollen. Trotzdem bilde ich mir eine Meinung und äußere sie auch gern einmal, ehe ich zu einem gültigen Schluß gekommen bin. Durch die Reaktionen, die ich erhalte, komme ich nämlich schneller weiter auf dem Weg der Meinungsbildung.

Ich war irritiert, und bin es noch, über die Aussage, ein Blog sei ein Tagebuch. Für mich könnte der Unterschied kaum größer sein. Ein Blog steht Lesern weltweit offen, ein Tagebuch dagegen wird meistens nicht einmal von seinem eigenen Autoren gelesen. Genau dieses Nicht-Gelesen-Werden ist m.E. die Stärke eines Tagebuchs, weil es einem ermöglicht, einmal die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Ansonsten, seien wir ehrlich, sind wir ja schon nicht mehr ganz ehrlich, wenn wir allein vor einem Spiegel stehen.

Für das tägliche Leben haben wir alle Masken auf, und ich finde das gut. Wenn ich ein Joghurt kaufe, will ich nicht diskutieren, warum ich nicht schlafen kann oder wie ich meine Kinder erziehe, sondern dann will ich das verdammte Joghurt haben. Ich finde es auch gut, wenn der Verkäufer mich angrinst, als wäre Joghurtverkaufen seine absolute Erfüllung. Ich grinse zurück, und im Idealfall versteht er, dass ich sein Grinsen als Maske erkenne und dass ich ihm diese Maske nicht selbstherrlich herunterreißen will.

So gehe ich auch an Texte heran. Oft vergesse ich, auch diesmal, dass das längst nicht alle tun. Klara hat einen Romanstoff erkannt, wo ich mit meiner Einstellung keinen sehen kann. Aber es ist mir auch hier wichtig, die Maske dort zu lassen, wo sie ist.

Anna, Sie schrieben, sie hätten mit ihrem Text Ihre Seele offen gelegt. Das hat mich dazu gebracht, beim Verarbeiten des Gelesenen innerlich einen Schritt Abstand zu nehmen, was ich bei einem Freund oder einer Verwandten nicht getan hätte, im Gegenteil. Vielleicht macht das meine Hamburger Abstammung mit mir. Wenn Sie geschrieben hätten, guckt mal, was ich mir ausgedacht habe, wäre ich wohl näher an den Text herangerückt, sicher, dass ich in keine Sphäre eindringe, die mich nichts anginge.

Wo ich dies schreibe, fällt mir selbst auf, dass Sie, Anna, Ihren Text uns allen zum Lesen gegeben haben und sicher selbst am besten wissen, wie weit Sie sich relativ Unbekannten öffnen. Kann es sein, dass ich das mit meiner Lesehaltung nicht genügend respektiere? Ich bin ja auch immer noch vom Politischen des Privaten überzeugt. Hier muss ich wohl weiter nachdenken.

Von mir gibt es tatsächlich fiktionale Texte, die ich meistens in meiner lokalen Schreibgruppe vortrage. Viele dort halten alles, was ich schreibe, für autobiographisch und meinen auch immer mal wieder, selbst in meinen Texten vorzukommen, was sie ob der Darstellung dann übelnehmen. Umgekehrt ist, was andere in der Gruppe als fiktional vortragen, oft nicht offen gegenüber Verbesserungsvorschlägen, weil es heißt: "Das kann ich nicht ändern, ich habe es doch genauso erlebt." Dann sitze ich da und denke, mensch, die vorgeschlagene Änderung würde den Text soviel stärker machen, soviel prägnanter und für Fremde lesenswerter.
Auch daher, und da bin ich vielleicht ungerecht, kommt meine Vorsicht bei als persönlich deklarierten Texten.

Nun habe ich viel geschrieben und möglicherweise nichts geklärt. Es ist nicht so leicht, wenn man nur mit einer Hand schreibt, aber mit der anderen muss ich meine Maske festhalten.

Dabei hat Anna recht: Wo die Angst ist, da gehts lang.

Gute Nacht und, tja, guten Morgen,
Peripatetik
Anette Lack schrieb am 25.11.2009 um 09:56
Liebe Titta,
liebe Peripatetik;

dass ist hier spannend mit Euch/ Ihnen. Ich denke ganz neu nach.
Und möchte da unbedingt noch präzisieren:

@ Peripatetik:

"Mein Kommentar war eigentlich nur eine öffentliche Meditation darüber, ob ich auch so schreiben will wie Anna mit diesem Text, ob ich meine Seele offen legen will..."

"Anna, Sie schrieben, sie hätten mit ihrem Text Ihre Seele offen gelegt."

Ich habe jetzt noch mal meine eigenen Kommentare nachgelesen, und ich kann das - dass ich meine Seele offengelegt habe - hier nirgends finden. Das beruhigt mich. Denn ganz ehrlich, Peripatetik, das würde ich niemals tun. Ich bin doch nicht wahnsinnig! Meine Seele offenlegen - das mache ich nur bei Personen meines ganz besonderen Vertrauens. Und das ist eine Handvoll.

Ich bin weder exhibitionistisch noch masochistisch veranlagt - und das müsste man sein, wenn man das hier täte. Wo die Reaktionen oft auch von Projektionen, Konkurrenzgefühl oder Profilneurosen (die Unterzeichnende nimmt sich da nicht immer aus!) geprägt sind...

Ich habe auch darüber hinaus nicht das Bedürfnis, zu zeigen, wie es mir geht und was gerade mit mir los ist. Daher auch die Andeutungen in dem Blog. Ohne ging es nicht, zum Beispiel, um im Ansatz zu erklären, warum ich das Erbe (von dem ich als Alleinerziehende eines nicht ganz anspruchslosen Teenagers zumindest die gar nicht so unbeträchtliche Geldsumme sehr gut hätte gebrauchen können) ausgeschlagen habe.

Die Gründe dafür nur anzudeuten war aber kein stilistisches Mittel, sondern ein Bedürfnis: Der Rest gehört mir, ist absolut privat, das habe ich überhaupt nur einem einzigen Menschen ganz und gar anvertraut.

Für mich ist das auch ein Akt der Rücksichtnahme, der Frage nämlich, wie sehr man Menschen stören und verstören darf - und in peinliche Situationen bringen, weil sie nicht wissen, wie sie auf derartige "Geständnisse" um reagieren sollen.

Und was hätte ich auch davon? Mitleid will ich nicht, ich würde mich höchstens ausgestellt fühlen.... Ich habe also nicht das Bedürfnis.

Bei mir ist es eher umgekehrt, und 22 Jahre in HH (Sie spielen ja auch auf Ihre Hamburger Herkunft an :) ) kommen noch dazu: Ich zeige niemandem, wie es mir wirklich geht. Vielleicht gerade noch meiner Tochter, im Ansatz. Aber was wirklich los ist.... Ich lächle strahlend und sage "Alles gut", damit es den anderen gut geht damit.

In den vergangenen Jahren habe ich allerdings erkannt, dass das auch einsam macht - auch wenn ich viele Leute kenne und gute Freunde habe. Ich zeige zu wenig von mir, mache mich zu wenig angreifbar. Und "authentisch", echt, ist das auch nicht. Das aber, vor allem, möchte ich sein: Sagen, was ich tue, und tun, was ich sage.

Und so habe ich hier ein Stück von meinem Innen-Leben und meinem Leben gezeigt. Das ja.

"...und ob ich das im weiteren Rahmen einer Zeitung tun will, von der ich genau den sich rational gebenden Journalismus erwarte, aus dessem Griff sich Anna hier ein Stück weit befreien will."

Hm. Die Community ist für mich nicht gleichzusetzen mit der Zeitung, aber natürlich haben Sie Recht. Ich habe aber gar nicht das Bedürfnis, mich vom Rationalen zu befreien - journalistisch rational möchte ich hier trotzdem weiterhin schreiben.

Befreien, will ich mich höchstens von dem Image der "Nur-Rationalen" im Blog hier.
Aber im Job so objektiv wie möglich sein, das ist wohl klar.

Ich wollte etwas neues ausprobieren, mich neu ausprobieren. Das Wichtigste beim Schreiben ist nämlich für mich, dem Ereignis, dem Menschen, über den ich schreibe gerecht zu werden - die präzisesten Worte zu finden, um zu beschreiben - nach meinem Motto und Ziel, das ich mir für Beruf und Leben gesetzt habe:

"Am schwierigsten ist es, das zu sagen, was gerade ist." (Rosa Luxemburg)

Was die Verbesserungsvorschläge in Ihrer Schreibgruppe angeht - (hört sich schön an für mich; dann brauchen Sie das hier ja wirklich nicht so sehr): Stilistisch lassen sich ja auch biografische Texte immer verbessern. Und sonst stelle ich mir das schon schwierig vor, fiktionale und biografische Texte zusammen zu behandeln...

Wobei: Wo ist die Linie zwischen Fiktion und Biografie? Na gut, wer fiktional schreibt, muss nicht genau sein. Das macht die Arbeit, aus meiner Perspektive, etwas leichter (wo bei mir alles wasserdicht sein muss.) Dafür muss er sein Fantasie bemühen, sich ein Gerüst bauen, wo ich an der Realität entlang hangeln kann.

Aber jeder Autor schreibt doch vor dem Hintergrund von persönlichen Erfahrungen: Er schöpft aus seinem eigenen Fundus. Und somit ist in seinen Texten immer sehr viel von ihm enthalten - sorgsam kodiert.

Hoffentlich sehen wir uns noch oft wieder - der Austausch mit Ihnen macht mir viel Spass!

Herzliche Grüße nach HH-irgendwo (ich sitze in Ottensen)

Anna

Andrer
Peripatetik schrieb am 26.11.2009 um 04:56
Liebe Anna,

aufgrund der vielen Missverständnisse, die ich überall hervorrufe, ist mir immer etwas bange, nachdem ich geschrieben habe. Um wieviel beglückender ist es, derart Schmeichelndes von Ihnen zu lesen. (Der Hamburger in mir, auf der anderen Seite, schämt sich dessen gebührlich, keine Sorge.)

"Das ist schon was anderes als journalistisches Schreiben, hier ein Stück von mir und meiner Seele offenzulegen...", schrieben Sie ganz oben in Ihrem zweiten Kommentar, und das habe ich offenbar stark überbewertet. Darin berichtigt zu werden, beruhigt mich ungemein, fast schon zu sehr.

Denn völlig sicher bin ich mir meiner Sache natürlich nicht. Bestimmt kann man zum Thema persönlich/öffentlich bzw. authentisch/maskiert auch mit Fug und Recht ganz anders meinen. Allerdings bin ich im Laufe des Tages nachdenkend weiter in die eingeschlagene Richtung gewandert. Vielleicht kriege ich noch genug Kohärenz in meine Gedanken, um sie hier "zu Papier" zu bringen, selbstverständlich gesättigt mit skrupulös kodierten persönlichen Erfahrungen.

Zu sagen, was man tut, und zu tun, was man sagt, bedeutet für mich nicht Authentizität, sondern Zuverlässigkeit, ein handfestes und lohnendes Ziel, wenngleich auch nicht leicht zu erreichen. Ob Authentizität, die eigene oder die anderer, privat oder auf offener Bühne, auch erstrebenswert ist, gehört zu den Gedanken, die ich gegenwärtig mahle.

Ich gebe Ihnen Recht, dass Fiktion und Biografie schwer zu trennen sind, zumal als gelungene Biografie oft (oder immer?) etwas empfunden wird, was im Grunde eine stimmige Fiktion ist. Beim Schreiben ist der Unterschied jedoch wesentlich. Eine Fiktion kann man mir-nichts-dir-nichts (also mit viel Kleinarbeit) an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit versetzen, man kann Personen hinzufügen oder streichen. Das Autobiografische ist entsprechenden Vorschlägen gegenüber, die ich in meiner Schreibgruppe ab und zu anbringen möchte, nicht offen.

Was Luxemburg sagt, ist wohl leider war. Ich möchte aber ergänzen, das zu sagen, was ist, ist nicht nur schwierig, sondern auch ungemein wichtig. Darum geht es ja auch in den von mir bevorzugten Gedichten und Geschichten. Sie sind ausgedacht und handeln trotzdem von dem, was ist. Ich will nicht der Schlamperei mit Fakten das Wort reden, aber der in meinen Augen größte Unterschied zum journalistischen Schreiben besteht in der Geschwindigkeit, mit der Sie in Ihrem Beruf schreiben müssen.

Ich sitze hier, müde aber gemütlich, schon wieder anderthalb Stunden an diesen paar Zeilen und säße bereits viel länger, hätte ich mir Anna, Peripatetik und alle anderen sowie den Freitag erst ausdenken müssen. Schneller geht es bei mir nicht, aber bei meinem einzigen längeren Text des Tages kann ich mir das leisten. Wenn Sie aber Ihre Artikel (nach der Recherche!) in dem Tempo schrieben, müsste Ihre Tochter wohl um ihr Schulbrot fürchten, denke ich. Umso bemerkenswerter finde ich es, dass sie in Ihrer freien Zeit noch mehr schreiben und sich sogar an neuen Ausdrucksformen versuchen.

Meine dahin rieselnde Zeit ist auch deswegen nicht vertan, denn allein dieser Dialog hat mich schon ungemein bereichert. Wer weiß, was noch kommt!

Ihre Hamburger Grüße haben mich über Umwege erreicht, denn ich habe die Stadt, genauer Volksdorf, schon früh mit meinen Eltern verlassen. Außer Herkunft ist nicht viel geblieben, und meine stärkste Erinnerung an die Stadt, nämlich an den Klang der damaligen U-Bahn-Waggons, die Sie auch noch erlebt haben müssten, verhallt langsam.

Grüße aus den "Alpen",
Peripatetik
Anette Lack schrieb am 26.11.2009 um 19:47
Liebe Peripatetik;

da haben Sie mich kalt erwischt. Das habe ich also wirklich geschrieben, das mit der "Seele offenlegen". Kann mich jetzt nur noch so aus der Bredouille ziehen, dass ich sage, ein "ein Stück" ist aber nicht die ganze... Lassen Sie das gelten?

"Zu sagen, was man tut, und zu tun, was man sagt, bedeutet für mich nicht Authentizität, sondern Zuverlässigkeit, ein handfestes und lohnendes Ziel, wenngleich auch nicht leicht zu erreichen."

Auch hier muss ich Ihnen - nach ein paar Minuten Nachdenken - Recht geben. Ist übrigens hier in HH - ich lebe seit 22 Jahren hier - zu einem ganz neuen, wichtigen Wert für mich geworden. Das ist ja sehr hamburgisch.

Aber Authentizität ist etwas anderes, ja. Vor allem die Fähigkeit, sich selber gegenüber aufrichtig zu sein. Denke ich.

"Was Luxemburg sagt, ist wohl leider war. Ich möchte aber ergänzen, das zu sagen, was ist, ist nicht nur schwierig, sondern auch ungemein wichtig. Darum geht es ja auch in den von mir bevorzugten Gedichten und Geschichten. Sie sind ausgedacht und handeln trotzdem von dem, was ist. Ich will nicht der Schlamperei mit Fakten das Wort reden, aber der in meinen Augen größte Unterschied zum journalistischen Schreiben besteht in der Geschwindigkeit, mit der Sie in Ihrem Beruf schreiben müssen."

Das ist aber mein Ziel, mein Wunsch in meinem Beruf: Sagen, was ist. Eben aus den ganzen Familiengeheimnissen heraus, die vor allem mir das Leben schwer gemacht haben. Wortwörtlich. Es ist wichtig, nicht schlampig zu sein mit den Wahrheiten und die Worte nicht zu verdrehen, damit eine Geschichte rund oder eine Pointe gut wird. Das ist mir ungeheuer wichtig. Natürlich darf man auch mit Sprachen spielen - aber dann muss es ganz klar als Spiel erkennbar sein.

Was mein Schreibtempo angeht: Ich schreibe blind, zehn Finger und wirklich rasend schnell, sowohl auf dem Laptop als mit der Hand. Da schaffe ich schon was weg - :) allerdings geht mir eben auch mal was durch die Lappen, s.o. Leider. Aber ich denke, dass es schon noch eine Menge Kollegen gibt, die ebenso sorgfältig sind in ihrer Arbeit.

Ja, ich schreibe wieder gern. Habe aber eine achtjährige Pause hinter mir, in der es mir die Sprache verschlagen hatte. (Mein Kind war sehr krank). Ich war nicht sicher, ob ich je wieder schreiben würde. Und könnte. Und jetzt macht es wieder so viel Spaß!

"Ihre Hamburger Grüße haben mich über Umwege erreicht, denn ich habe die Stadt, genauer Volksdorf, schon früh mit meinen Eltern verlassen. Außer Herkunft ist nicht viel geblieben, und meine stärkste Erinnerung an die Stadt, nämlich an den Klang der damaligen U-Bahn-Waggons, die Sie auch noch erlebt haben müssten, verhallt langsam."

Meinen wir den gleichen Klang? Je nachdem, wie lange Sie schon weg sind. Aber das ist spannend, dass das Ihre stärkste Erinnerung ist.

So sind wir beide also "Audio-Menschen": Es gibt diese Theorie, die besagt, dass jeder Mensch besonders stark auf ein Sinnesorgan fokussiert ist. Manchen nehmen am intensivsten hörend war, andere visuell usw.

Für mich ist die stärkste Assoziation das Tuten der großen Schiffe auf der Elbe. Wir haben eine Zeitlang an der Elbchaussee gewohnt, jetzt in Ottensen höre ich die Schiffe auch, besonders Silvester, um 12 Uhr. Gänsehaut!

Liebe Grüße, Anna
Peripatetik schrieb am 27.11.2009 um 07:43
Liebe Anna,

ich wollte eigentlich nur kurz dies sagen:

:)

weil ich geistig jetzt bei Ikea bin. Und nach einiger Überlegung belasse ich es auch dabei. Es gäbe noch viel zu sagen, aber ich bin ja nicht so schnell. Damit meine ich gar nicht die Finger. Die schaffen das hier ganz gut, aber mein Kopf, der ist rund, und die Gedanken wechseln ständig die Richtung. Das ist zwar ganz hübsch anzusehen, wie sie so durcheinander tanzen, aber schwer in verständliche Sätze zu bändigen. Ich werde oft gefragt, warum ich mein Glück nicht im Journalismus suche. Darauf antworte ich immer, ich habe zwar mannigfaltige Fähigkeiten, aber das Einhalten von Abgabeterminen gehört nicht dazu. Auf dem Gebiet habe ich bloß Respekt.

Okay, das noch: lange her. Meine Eltern waren jünger als ich heute.

Guten Morgen,
Perpatetik
Urmel auf dem Eis schrieb am 28.11.2009 um 22:32
Schreiben Sie weiter, liebe Anna ,

wie war das genau: Als Ihre Großmutter versuchte, Ihren Vater zu schützen und ihn doch nicht beschützen konnte; wie sie ihn sogar einmal erst recht verriet; und mit dem Wissen, wie sehr Ihr Großvater Ihre Großmutter damit im Stich ließ....

Es könnte eine Geschichte in der Geschichte sein.

Ebenso:
Warum hasste Ihre Mutter Ihre Großmutter ?

Sehr interessiert an Ihrer Antwort ( meine Großmutter hasste meine Mutter )

und mit herzlichsten Grüßen

das Urmel
Anette Lack schrieb am 29.11.2009 um 14:56
Lieber Urmel auf dem Eis;

(ich mag Ihren Nickname, denn ich mag Urmel :)

danke für Ihren interessierten Kommentar:

Als Ihre Großmutter versuchte, Ihren Vater zu schützen und ihn doch nicht beschützen konnte; wie sie ihn sogar einmal erst recht verriet; und mit dem Wissen, wie sehr Ihr Großvater Ihre Großmutter damit im Stich ließ....

Es könnte eine Geschichte in der Geschichte sein.

Es ist vielmehr DIE Geschichte über allem. Aber ich trainiere das hier gerade, mit dem Zeigen, peu à peu, lassen Sie mir also noch etwas Zeit...

Warum hasste Ihre Großmutter ihre Mutter? Meine Großmutter hasste meine Mutter wiederum auch: Ich weiss gar nicht, was eher da war... Sie hasste sie, weil sie Kinder bekommen konnte, und meine Großmutter nicht. Und weil sie eine andere für meinen Vater vorgesehen hatte.

Mit herzlichen Grüßen, Anna
Anette Lack
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