Anna Dorothea

Aus Hamburg

20.07.2009 | 09:24

Carstensen, Demokratie und "Hitlers Regierungsform"

Vor zwei Tagen hatte ich hier einen Blog zum Vorwahl(show)kampf in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen gepostet. Einen Tag später wurde der Inhalt schon wieder von der Realität bzw. dem Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen überholt

Tagesschau gestern abend, 20 Uhr. Carstensen habe zugegeben, bei seiner Schilderung der Vorfälle um die Koalition nicht ganz die Wahrheit gesagt zu haben, hieß es da lapidar. Darauf wurde ein Spot vom Sommerfest der Landes-SPD eingeblendet, viele in einheitlich roten (!) Poloshirts. Die Stimmung locker, aber, Focus auf den Fraktionschef, Ralf Stegner findet das natürlich alles unglaublich. Dabei lächelt er fröhlich und entspannt. Vielleicht findet er alles auch nur noch absurd.

Danach Einblendung von Carstensen, er sitzt am Schreibtisch und notiert sich etwas (vielleicht: "Und was sage ich morgen?"). Kein O-Ton, aber kurze Abbildung seines Schreibens ans Landesparlament; darin ist der Satz gelb markiert, dass auch die SPD der Millionenzahlung an HSH-Chef Dirk Jens Nonnenmacher zugestimmt habe. Im Off wird Carstensen zitiert, er habe da wohl doch nicht ganz die Wahrheit gesagt.

Sprach- und Ratlosigkeit überall. WAS SOLL DAS? Ist das Dummheit, Vergesslichkeit oder eine so raffinierte Taktik von Carstensen, sozusagen dreimal um die Ecke gedacht, dass keiner sie mehr durchschaut?

Im öffentlich-rechtlichen Lokalradio, dem CDU-nahen NDR, gabs  heute morgen eilig eine Umfrage zu den Ereignissen um Carstensen. Die Befragten, meist Leute auf dem Weg zur Arbeit, kommentierten überwiegend genervt, "politikverdrossen", nannte es der Reporter. 

Kleine Assoziation dazu: In der Parallelklasse meiner Tochter (Gymnasium, 10. Klasse, Hamburg-Altona) wurden die Schüler im Politikunterricht neulich zu Staatsformen befragt. Von 22 lehnten 8 (!) die Demokratie als Staatsform ab. 

Geradezu alarmierend  war, dass einige noch sagten, klar, das mit Hitler sei irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Aber seine Regierungsform sei doch gar nicht so schlecht gewesen... Zu hoffen und zu befürchten ist, dass sie nicht wirklich wussten, wovon sie sprachen. 

Natürlich ist Carstensen nicht allein verantwortlich dafür, dass viele Jugendliche, und nicht nur sie, nicht mehr an das glauben, was als Demokratie oft verkauft wird. Trotzdem: Wie hoch bzw. niedrig wird die (Bundestags)Wahlbeteiligung diesmal sein? Ich höre schon die betroffenen Kommentare der Politiker... Nach der Wahl. 

 
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Kommentare
mh schrieb am 20.07.2009 um 09:51
ein guter diktator und die welt ist in ordnung. wäre auch meine bevorzugte regierungsform. diktaturen sind jedoch spätestens in der dritten generation nur noch von machtbesessenheit geprägt und schon ab der zweiten ineffizient.

meine uroma, zu kaisers zeiten voll begeistert. den fand sie richtig gut.

mfg
mh
Anna Dorothea schrieb am 20.07.2009 um 11:19
Ja, meine Urgrosstante sang auch noch dieses Lied: "Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben - mit`m Bart..." Pure Nostalgie, denn DER hatte politisch wenig Durchblick. Aber danach die Weimarer Republik... Das war zuviel für die Führung gewohnten Deutschen.
h.yuren schrieb am 31.07.2009 um 10:44
hallo MH120480,
"ein guter diktator und die welt ist in ordnung. wäre auch meine bevorzugte regierungsform."
sprachkritisch ist anzumerken, dass die verbindung des adjektivs "guter" und des substantivs "diktator" semantisch und historisch unzulässig ist. es hat niemals einen guten diktator gegeben. der ausdruck ist nonsense.
zur besserung der geistigen gesundheit empfehle ich das milgram-experiment genau zu lesen. wenn das nicht hilft oder/und vorbeugend mein buch "Die Evolution kassiert die Kriegskultur".
Magda schrieb am 20.07.2009 um 11:09
Ich strapaziere auch gern mal den Spruch: "Es lebt sich nicht schlecht in einer sanften Diktatur." Das ist mehr so kabarettmäßig gemeint.
Aber - so wie die Dinge in Deutschland liegen - gibt es keine Traditionen in diese Richtung. Da wirds gleich wieder zackig.
Anna Dorothea schrieb am 20.07.2009 um 11:22
Die Grenzen sind sicher fließend, schaut man sich Amerika so an. Ich wünsche mir das allerdings noch nicht mal kabarettmässig, ehrlich gesagt.

Sehr deutsch ist doch auch immer, dass da ein großer Starker kommen soll... Na ja, jetzt haben wir eine. Große. Starke.
Anna Dorothea schrieb am 20.07.2009 um 11:23
Nachtrag: Nicht, dass Obama eine Diktator wäre!!! Aber alles zentriert auf eine Person, das meinte ich damit.
mh schrieb am 20.07.2009 um 11:37
obama ist ein diktator der worte.

der deutsche is mE ein kontrollfreak, von daher wird der starke, also kontrollierende, auch gerne geduldet. das denken in verschwörungstheorien ist auch nichts anderes als die verinnerlichte hoffnung darauf, dass alles kontrollierbare wäre.

ist es aber nicht. und mit verlaub, merkel hat nunmal keine eier und die stellt sie uns tagtäglich zur schau.

mfg
mh
mh schrieb am 20.07.2009 um 12:28
zum thema carstensen noch nachstehende erinnerung:

www.spiegel.de/spiegel/0,1518,617645,00.html

mfg
mh
h.yuren schrieb am 31.07.2009 um 10:26
liebe anna, ich kenne die auffassungen von jugendlichen.
in den 70er jahren lernten die schüler/innen im politik- und/oder sozialkunde-unterricht (wenn sie ein lehrbuch und/oder lehrer/innen auf der höhe der zeit hatten), wie demokratisch der besitz im land verteilt ist und wie sich das entwickelt; sie lernten auch, wie demokratisch die wirtschaftsunternehmen funktionieren, speziell die banken usw.
da lag dann (womöglich von tanten, onkels, omas etc. im familiären umfeld gefördert) manchmal die frage in der luft, ob nicht so ein alter fritz, kaiser, hitler etc. besser war. dieses entweder-oder zeugt von jugendlicher unkenntnis der geschichte, der gesellschaft usw.
aber gerade neulich hier auf der freitag-seite konnten wir in dem artikel (Guardian) zu arundhati roy lesen, dass sie sich gedanken über ein leben nach der demokratie macht. sie ist bekanntlich 47 jahre jung und kennt die indische demokratie. ist ihr das zu verübeln? steht sie im verdacht, mit diktatoren zu liebäugeln?
Anna Dorothea
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