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In meinen Blog vom 22.04 (s.o.) hatte ich zum Schluss von der Abschaffung des Elternwahlrechts für weiterführende Schulen berichtet, und wie die Eltern aus den reichen Elbvororten dagegen Sturm laufen, weil sie verhindern wollen, dass ihre Kinder mit dem "gemeinen Volk" die Schulbank drücken.
Blogger Joerg H. meinte daraufhin in seinem Kommentar: Auch wenn mich in Sachen "Klassenkampf" von oben nicht mehr viel schocken kann, bin ich ziemlich überrascht.
Dazu habe ich heute unter unter "Gucci-Protest" (aus der "Zeit" vom 23.4.) einen Artikel von Matthias Krupa entdeckt, der das Ganze ebenfalls aufgreift. Es ist tatsächlich, um das einmal näher zu erläutern, ein Hamburger Phänomen - zumindest in dem Ausmaß.
Zwei Gymnasien im Hamburger Westen bekennen sich offen dazu, Schulen für die "Oberschicht" zu sein. Um aber auch ganz sicher zu gehen, dass man wirklich "entre nous" bleibt, haben sie, oder besser, die Schulleitung, einige Hürden gesetzt, die es weniger Besserverdienenden unmöglich machen, ihre Kinder auf diese Schulen zu schicken. Allen voran sündhaft teure Reisen; Fahrten nach China - Kosten: ca. 3000 Euro - gleich in der 5. Klasse gehören zum Standard. Und obwohl die Sozialbehörde für Hartz-IV-Empfänger Klassenfahrten übernimmt - in dieser Höhe ist das eher unwahrscheinlich.
Diese, sagen wir, natürliche Selektion, funktionierte über Jahrzehnte wunderbar. Ganze Generationen von Familien aus Nienstedten und Othmarschen, den Stadtteilen mit der höchsten Millionärs-Dichte und fest in der Hand von CDU-Wählern, schienen besonders auf eins dieser Gymnasien abonniert - unweit von Park und Elbe gelegen, und dank spendenfreudiger Eltern besonders gut ausgestattet...
Dessen Direktor sagte beim Tag der Offenen Tür: "Wir begreifen uns als ein Gymnasium für die Oberschicht. Aber (dabei schmunzelte er) ich will es nicht verhehlen: Wir haben auch zwei Sozialhilfeempfänger!"
Die Eltern dieser bisher geschlossenen Gesellschaft trafen sich also kürzlich in der Hamburger Innenstadt, um Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) den Kampf anzusagen. Für die meisten war es die erste Demo ihres Lebens.
Kleine Anekdote am Rand: Um den Eindruck zu erwecken, ihr Protest sei nicht nur auf "ihre" Stadtteile begrenzt, sondern würde von allen Hamburgern geteilt, hatten sie Schilder mit den Namen einzelner Stadtteile verteilt: St.Pauli, Rahlstedt usw. Die sollten ihre Sprößlinge in die Höhe halten. Darunter war auch "Wilhelmsburg", ein Stadtteil, der vorwiegend von einkommensschwachen Familien mit Migrantenhintergrund bewohnt wird. Dieses Schild wurde jedoch vergeblich herumgereicht - für einen "Wilhelmsburger" wollte nun wirklich keiner gehalten werden...
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Herrlich, vor allem bei der Randbemerkung geht mir als Exil-Hamburger das Herz auf. Es kann noch so viel passieren, manche Dinge ändern sich in der Hansestadt wirklich nie.
Einen beschwingten Gruß, Jan Jasper |
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Danke! Ihr Kommentar freut mich.
Ausserhalb Hamburgs glaubt mir das immer keiner... Hübsch war übrigens auch, dass Sky Dumont, der in den Elbvororten wohnt und als prominenter Vertreter der "Sache" und Redner geladen war, die Gelegenheit nutzte, großzügig Autogramme zu verteilen.... |
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Sorry, schreibt sich Sky du Mont...
Einen herzlichen Gruß zurück Anna |
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Nun, dass Viertel 'Wilhelmsburg' gibt es wohl in jeder grösseren Stadt (ich möchte in Wiesbaden auch nicht dem 'Mühltal' zugerechnet werden).
Interressant ist, ob die Demo etwas erreicht hat? Auch ich konnte damals nicht alle Klassenfahrten mitmachen, da mein Erzeuger Alleinverdiener war - und mit 2 'kleinen' Brüdern war halt für solche Dinge nicht immer ausreichend Geld da. Zum Glück wurde ich von meinen damaligen Schulkameraden/-innen nicht ausgegrenzt, nur weil ich das Pech hatte (?!), keine reichen Eltern zu haben. In der heutigen Zeit ist dies für Heranwachsende sicherlich ein ganz anderes Problem. Unabhängig davon verstehe ich aber den Ansatz des Blogs nicht zu 100%. 'Eltern wollen nicht, dass Ihre Kinder mit dem gemeinen.....' - na und? Welche Eltern, deren Kinder zum 'gemeinen Volk' gehören, sind denn so versessen darauf, Ihre Spösslinge auf einer der beiden 'Elite-Schulen' unterzubringen? Und warum? Wie gesagt, so ganz verstehe ich die Argumentation nicht - ich lese nachher mal den gesamten Blog. Vielleicht kann ich dann dem Thema etwas abgewinnen. Peter Wohlgemuth |
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Lieber vaderpeter;
"so ganz verstehe ich die Argumentation nicht" Bei der Schulreform, in die die Abschaffung des Elternwahlrechts (gegen die diese Eltern, s.o., demonstrierten) eingebettet ist, geht um um einen ganzen Strauss von Veränderungen, von denen dies nur einen Massnahme ist. Die ist durchaus umstritten, eben weil sich dadurch wiederum soziale Ungerechtigkeiten ergeben könnten. Nun demonstriert wahrscheinlich jeder nur, wenn ihn eine Sache wirklich angeht... aber dass diese Eltern an der ganzen Reform nur dieser Aspekt aufregt und interessiert, ist schon ein Hammer. "Eltern wollen nicht, dass Ihre Kinder mit dem gemeinen.....' - na und?" Meine Sie das ernst? Finden Sie es in Ordnung, dass Kindern der Zugang zu einem von öffentlichen Geldern finanzierten Gymnasium verwehrt wird, nur weil eine Möchtegern-Elite meint, sie habe Anspruch auf die schönen Schulen, und auf die bessere Ausbildung? Bitte, das ist kein Sozialneid: Ich habe an der Elbchaussee (unverbaubarer Elbblick, teuerste Adresse Hamburgs) jahrelang gelebt, in einer Familienvilla, genau in diesen Gegenden, die ich oben beschreibe. So doll ist das übrigens auch nicht... aber das ist eine andere Geschichte. Herzlich Anna |
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Hallo Anna Dorothea,
die Schilderung der Hamburger Zustände sind interessant - und ziemlich traurig. Verweisen auf eine tiefe Spaltung, ein Gegeneinanderausspielen von Interessen. Verweisen auch auf Eltern mit Brettern vor den Köpfen, denn was lernen denn die hochgestylten Kids, wenn sie nur mit hochgestylten Kids und i-phone-Lehrern zu tun haben? Wenig über manche Realität, Tunnelblick, Ellbogen, Habenhabenhaben als wichtiger denn Leben. Solidarität hieße, die Gesellschaft ganzheitlich wahrzunehmen - und die Bildung nicht als privat zu sponsornde Investition in kleine Statussymbol-Lernmaschinen, die ihren teuren Mode-Marken alle Ehre machen sollen... Es hat auch was mit Aufklärung zu tun, und mit Werten... Mit nichtmal bewusstem Zynismus. Mit Seelenarmut. klara |
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Hallo Klara;
"die Schilderung der Hamburger Zustände sind interessant - und ziemlich traurig." Danke für Deinen Kommentar: Ja, sie sind sehr traurig. Noch viel trauriger ist es, dass hier alles so hingenommen wird. Andrerseits sind die reichen Leute in Hamburg normalerweise klug, das ist ein Grund für den sozialen Frieden (es gibt hier wirklich SEHR viel Geld in der Stadt): 1. Sie protzen nicht Besitz und Geld. "Man trägt den Pelz nach innen" heisst es hier, und auch Pelz ist zum Glück selten geworden. Nicht kiloweise Goldschmuck und Dauerabo auf der Sonnenbank plus grosskotziger Sportkarosse, wie z.B. in München. Das Geld offenbart sich erst auf den zweiten Blick, besonders klare Haut, teurer Haarschnitt, gute Schuhe... Je schlichter in HH jemand aussieht, desto mehr Geld hat er vermutlich. 2. Die Hamburger sind Meister im Einrichten wohltätiger Stiftungen, es gibt nirgends in Deutschland mehr. Eigentum verpflichtet, viele denken hier so. Es gibt ein Spendenparlament, und die "Hamburger Tafel", die Vorreiter aller Tafeln in Deutschland war, hat auch eine wohlhabende Dame gegründet, die nach dem Tod ihres Mannes etwas Sinnvolles machen wollte. Aber die Schere ist in Hamburg schon erschreckend weit aufgeklappt - und, s. mein Kommentar oben, dass das eine Gesellschaftsschicht meint, sie habe Anspruch auf etwas, ist unglaublich. Zynisch, wie Du schreibst. Aber gibt es das in Berlin nicht auch? Ich habe u.a. dort studiert, und wenn ich so an Nikolassee denke... Herzlich Anna |
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Hallo Anna,
"Aber gibt es das in Berlin nicht auch? Ich habe u.a. dort studiert, und wenn ich so an Nikolassee denke..." Nikolassee ist ja fast nicht mehr Berlin ;-) Nee, im Ernst: Natürlich gibt es Berlin wohlhabende Leute dieser oder jener Art. Aber in dieser Qualität habe ich es hier nicht gehört. Insgesamt ist die Stadt viel ärmer, heterogener, durchmischter. Auch in Zehlendorf gibt es Obdachlose. Auch auf Wohlstandsschulen sind Kinder aus ärmeren Verhältnissen oder Migranten. Der Reichtumlevel ist hier einfach insgesamt niedriger - und der Armutslevel höher. Glaub ich. HAb jetzt keine Zeit, Statistiken zu suchen. Und: Wir haben hier eine rot-roten Senat, der gerade in der Bildung Einiges umwälzt. Zum Beispiel gibt es bald Sekundarschulen und die Richtung geht zumindest gewollt immer mehr in Richtung gemeinsam länger lernen, Gemeinschaftsschulen bis zur zehnten Klasse sind Modellprojekte - auch in gehobeneren Westbezirken wie Charlottenburg. Gruß Klara |
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Sehr geehrte Anna Dorothea,
ich muss sehr schmunzeln ueber Anekdoten, welche scheinbar aus dem Nichts entstehen - und dann von unbedarften Bloggern (wie Ihnen) ungeprueft uebernommen werden. Deine nett klingende Anegdote am Ende des obigen Artikels muss ich leider zurechtruecken. An Eides statt versichere ich, dass ich der Teilnehmer der Demo gewesen bin, welcher das Schild "Wilhelmsburg" slebst ertellt und bei besagter Demo hochgehalten hat. Ich war als Vater auch einer der Demo-Redner auf der Buehne. Zum Schluss der Demo hat mein kleiner Sohn die Eisdiele am Rathausmarkt entdeckt. Um ihm ein Eis zu holen, wollte ich das Schild meiner Frau kurz zum Halten geben. Da sie jedoch die Jacke des Kleinen auf dem Amr trug samt seinem Kinderrucksack mit Trinken etc. bat sie einen Vater neben uns, das Schild solange zu nehmen. Offenbar hat das jemand beobachtet - und die kleine Anekdote oben daraus gestrickt. Tatsaechlich ist Wilhelmsburg ein sehr liebenswerter Stadtteil, der von seinen Bewohnern ueberwiegend sehr geliebt wird, und mag er noch so verrufen sein. Und: auch wenn viele Wilhelmsburger sich wenig fuer die Schulpolitik interessieren (90% der Kinder hier besuchen nicht das Gymnasium, sondern die Geamtschulen bzw. H+R-Schulen) und deshalb der Widerstand gegen die Goetsch-Reformen ein wenig leiser ausfaellt: auch den gibt es hier !! |
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Lieber "Wilhelmsburger";
danke für Ihren Kommentar - und das Zurechtrücken. Diese Geschichte wurde mir tatsächlich kolportiert, und das so zu interpretieren, scheint amüsant: Bitte sehen Sie das aber vor dem Hintergrund, dass von den Elbvorortlern tatsächlich Schilder verschiedener Stadtteile gemalt und verteilt wurden - das weiss ich aus direkter Quelle, und es wurde auch von "Demonstrationsteilnehmern under Cover", solchen nämlich, die für die Schulreform sind, beobachtet - dass gemalte Schilder von den Elbvorortlern verteilt wurden ("Wer nimmt Jenfeld?"). Einfach deshalb, weil es nicht genug Widerstand gegen die Goetsch-Reformen in den anderen Stadtteilen gibt - der meiste Protest regt sich in den Elbvororten. Selbst in Sasel, Poppenbüttel etc. tut sich längst nicht soviel. Natürlich ist Wilhelmsburg sehr viel besser als sein Ruf, und den Bewohnern wird mit dem ständigen Zitieren der Vorurteile Unrecht getan. Trotzdem gibt es sie in einer bestimmten Bevölkerungsschicht in HH, eben die, die ich oben beschrieben habe. Darauf wollte ich mit dem Erzählen dieser beobachteten und falsch interpretierten Anekdote anspielen. Wenn Sie selber einer der "Protestler" sind, dann wird es Sie ja sicher interessieren, dass heute das Gesetz in erster und zweiter Lesung verabschiedet werden soll? Und was halten Sie davon, dass einer der Initiatoren der Bürgerinitiative "Wir wollen lernen" die Schöpfer der Reform in die Nähe von Nazis gerückt haben? Ich stehe der Reform auch nicht vorbehaltlos gegenüber, denn wie bei so vielem in der Hamburger Schulpolitik, in der fast alles schief läuft, gilt auch hier: Gut gemeint, aber noch lange nicht gut gemacht. Mich interessiert, da seit langem mit Schulpolitik befasst: Was stört Sie Mit herzlichem Gruß |
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Nachtrag:
Da ist mir der Kommentar vorschnell "entwischt". Ich wollte sagen: Was stört Sie daran? und natürlich: Mit herzlichem Gruß, Anna |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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