Anna Dorothea

Aus Hamburg

22.04.2009 | 15:51

Länger gemeinsam lernen: Hamburg krempelt die Bildung um

"Versetzung gefährdet" - diese Bemerkung wird es unter Hamburger Zeugnissen bald nicht mehr geben. Denn Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) schafft das Sitzenbleiben ab. Statt dessen sollen Schüler ab 2010 durch gezielte "Lerncoachings" gefördert werden. 

Eine überfällige Massnahme: Das Wiederholen einer Klasse ist teuer und längst nicht immer erfolgreich. Oft geht ein Schüler, der aus seiner Klassengemeinschaft gerissen wurde, danach in die "innere Kündigung", scheitert erneut am Klassenziel und muß unter Umständen sogar die Schulform verlassen. 

Das ist aber nicht die einzige schulpolitische Neuerung des schwarz-grünen Senats. Bisher einzigartig in Deutschland ist das Festschreiben von Klassengrößen per Gesetz. In den Primarschulen, die die bisherigen Grundschulen ersetzen, sollen damit  höchstens 25 Kinder, in "sozialen Brennpunkten" nur noch 2o, eine Klasse besuchen.

Unter dem Motto "Länger gemeinsam lernen" startet zeitgleich Goetschs ehrgeizigstes Projekt: Statt der bisherigen Grund- ,Gesamt-, Haupt- und Realschulen und der Gymnasien - wird es in Hamburg  in Zukunft neben den Gymnasien nur noch so genannte Primar- und Stadtteilschulen geben. 

In den Primarschulen bleiben die Kinde zwei Jahre länger als bisher, bis zur sechsten Klasse, zusammen, bevor sie sich  in Stadtteilschulen mit (Hauptschul- und Realschulabschluss sowie Abitur in Klasse 13) und Gymnasien (Abitur in acht Jahren) splitten: Zu diesem Zeitpunkt, so die Schulsenatorin, könnten Prognosen über die "weitere Lernentwicklung" viel besser getroffen werden.

Trotz dieser ambitionierten Pläne ist der Jubel bei Hamburger Eltern, Schülern und Lehrern äusserst verhalten. Zum einen sind alle noch vollauf damit beschäftigt, die vorangegangenen, kurz aufeinander folgenden Schulreformen zu verkraften:  Das Abitur in acht Jahren bei nicht entrümpeltem Lehrplan und die Profiloberstufe, die ab Sommer 2009 das Kurssystem in der Oberstufe ersetzen soll. 

Das Projekt Primarschule hat bei näherem Hinsehen zudem einen ausgeprägten Pferdefuß. Zwar werden ihre Schüler bis zur sechsten Klasse gemeinsam lernen - allerdings nicht immer in derselben Schule. Für die dreizügig angelegte Primarschule fehlen dort meistens die Räume.

Die ersten Jahre in  der einen Schule, dann ein Wechsel mit der gesamten Klasse in eine andere, und nach zwei Jahren ein erneuter Umzug  - so könnte das Szenario im ungünstigsten Fall aussehen. Das Motto "Kurze Beine, kurze Wege", nach dem gerade die Anfänger eine "wohnortnahe" Schule besuchen sollen, wird damit außer Kraft gesetzt.

Auch die Gymnasiallehrer müssen in Zukunft mobil sein: Weil sie nach der Reform sowohl in Primarschulen als auch in Gymnasien unterrichten sollen, werden sie bisherigen, unter Umständen stundenweise, zwischen den Schulen pendeln müssen. Ein normaler Schultag könnte für sie so aussehen: Zwei Stunden Englisch in der Primarschule, in der großen Pause Wechsel zum Gymnasium, um dort zwei Stunden Deutsch in Kl. 9 zu unterrichten, danach in Kl. 8 zwei Stunden Englisch, der Nachmittagunterricht wird wieder in der Primarschule erteilt... Kein Wunder, dass viele Lehrer Goetschs Initiative  in dieser Form ablehnen.

Auf die erbittertsten Gegner stößt die Schulsenatorin aber in den reichen  Elbvororten. Deren Bewohner, sonst eher als Demonstrations-Muffel bekannt, hatten ihr vor kurzem - medienwirksam unter Mitwirkung Prominenter -  mit einem Zug durch die Innenstadt den Kampf angesagt.

Hintergrund für ihr Engagement:  Auch gegen den ausdrücklichen Rat der Lehrer konnten Eltern ihr Kind bisher an einem Gymnasium anmelden. Mit Einführung der Reform wird das Elternwahlrecht abgeschafft - künftig wird es den begehrten Platz  nur noch mit einer so genannten Empfehlung  geben. 

 

 
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Kommentare
johannpeterwerth schrieb am 22.04.2009 um 18:06
Warum bedarf es immer des Wortes "fein"? Wenn Eltern ihre Kinder auf Gymnasien schicken wollen, dann ist das ihre Angelegenheit und nicht die der Senatorin. Gymnasien sind doch dazu da, die Eliten auszubilden und auf ein Studium vorzubereiten. "Elite" meint hier: Diejenigen, die studieren können und wollen. Das hat nichts mit "fein" zu tun. Dieser Neid, der in dem Wörtchen mitschwingt, ist wirklich abenteuerlich.

Die Vorstellung, dass man von einem Urteil eines Lehrkörpers abhängig ist, ist entsetzlich. (Es ist natürlich ebenso schlimm, besonders für das betroffene Kind, wenn die Eltern es trotz mangelnder Befähigung aufs Gymnasium zwingen, wo es schlicht überfordert ist und nur noch Misserfolg erfährt.)

Und mal ehrlich: Wer will sein Kind in einer Klasse sehen, in der es schon an der Sprache und der Kultur (im Sinne von Erziehung!) mangelt? Soll man Reichen immer vorwerfen, dass sie reich sind und sich einen Umzug leisten können? Sie haben eben Glück oder hart gearbeitet.
Anna Dorothea schrieb am 22.04.2009 um 19:04
Lieber Johannpeterwerth;

warum immer gleich so grantig, und solche Unterstellungen? Kleine Nachfrage, und das Missverständnis - das eins ist - wäre geklärt.

Vermutlich kommen Sie nicht aus Hambur, und leider haben Sie den Artikel auch nicht ganz aufmerksam gelesen bzw. der Zusatz "im Hamburger Westen" ist Ihnen entgangen.

Tatsächlich gibt es zwei Gymnasien im Hamburger Westen (soll heissen in den Elbvorten Nienstedten und Othmarschen, die die reichsten Stadtteile Hamburgs sind und in denen die meisten Einkommensmillionäre wohnen) die bevorzugt Kinder aus begüterten Familien aufnehmen und dies auch offen sagen.

Als ich mit meiner Tochter nach einem Gymnasium suchte (wir wohnen im Hamburger Westen) besuchte ich den "Tag der Offenen Tür" bei einer dieser Schulen.

Der Direktor wörtlich bei seiner Vorstellung in der Aula: "Ich sage es gleich ganz offen: Wir begreifen uns als ein Gymnasium für die Oberschicht. Vielleicht noch für die gehobene Mittelschicht."

Sozialhilfeempfänger, so sagte er weiter, könnten sich die Schule ja gar nicht leisten: Gleich am Anfang der fünften Klasse würde eine Klassenfahrt nach China gemacht, die rund 3000 Euro koste...

Sehen Sie, das meine ich mit "fein". Nicht das Geld schlechthin, es gibt nämlich viele sehr anständige "reiche" Leute in Hamburg, die das durchaus auch als Verantwortung begreifen.

Mit "fein" meine ich hier: Leute, die sich nur aufgrund ihrer finanziellen Situation besser vorkommen als andere. Das finde ich tatsächlich "unfein". Neidisch bin ich aber nicht, warum? Mein Kind besucht ja ein (anderes) Gymnasium und ist glücklich dort.

Und glauben Sie wirklich, alle "Reichen" (bitte, diese Bezeichnung als Substantiv haben Sie gebracht!) ".. haben eben Glück oder hart gearbeitet"?! Dann würde ich Sie für etwas naiv halten.... Hier in Hamburg gibts Leute, die sind von Beruf "Erbe/ Erbin". Auch darauf bin ich übrigens nicht neidisch, denn wie wir alle wissen, macht Geld allein noch lange nicht glücklich.

Und wie kommen Sie bloß darauf, dass es den Kindern in einer Gesamt-/ Haupt-/Realschule an Sprache, Kultur und Erziehung mangelt?!

Herzlich

Anna
JoergH schrieb am 23.04.2009 um 06:02
Liebe Anna,

nur eine kurze Nachfrage zu den "feinen" Gymnasien für die "feine" Gesellschaft: Es handelt sich tatsächlich um staatliche Gymnasien, die sich diese Form sozialer Selektion leisten? Anscheinend ja, private Schulen wären ja nicht betroffen. Und ist das in Hamburg allgemein bekannt? Auch wenn mich in Sachen "Klassenkampf von oben" nicht mehr viel schocken kann, bin ich von der Offenheit ziemlich überrascht.
LG,
Jörg
Streifzug schrieb am 22.04.2009 um 18:31
Hallo Anna,

wenn das Fundament fehlerhaft ist, wackelt das ganze Haus. Es ist hinlänglich bekannt, dass die frühe "Selektion" für Kinder zu viele Nachteile bringt. Egal wer es entscheiden soll - das überhaupt so früh entschieden werden muss ist Mist. Hier fehlt es den Grünen an gesunder Sturheit. Das faule Realisierbarkeitsargument fällt ihnen immer wieder auf die eigenen Füße. Etwas mehr Mut und Konsequenz ist gefragt: Kinder bleiben zusammen und werden den Fähigkeiten entsprechend gefördert - Ende aus Mickymaus.

Ich habe einen neuen Artikel geschrieben - wenn du Lust hast schau doch mal vorbei ;-)

Das Zeitalter der SchlachtBank
oder
Die Selbstverblödung der Mittelschicht.
www.freitag.de/community/blogs/streifzug/das-zeitalter-der-schlachtbank
Anna Dorothea schrieb am 24.04.2009 um 07:41
Lieber JoergH;

"Es handelt sich tatsächlich um staatliche Gymnasien, die sich diese Form sozialer Selektion leisten?"

Ja, beide sind staatlich. Ich lebe zwar schon seit langem in Hamburg und kenne die Verhältnisse sehr gut, aber über diese "Offenheit" war ich auch verblüfft. Noch mehr aber darüber, dass alle, denen ich dies erzählte, nur die Schultern zuckten. Die gebürtigen Hamburger schockt offensichtlich schon lange nicht mehr.

Die Ansage ist klar, an beide Seiten: Liebe Upper Class, hier braucht Ihr keine Angst zu haben, dass Eure Kinder mit dem gemeinen Pobel in Berührung kommen. Und: Liebe Hartz-IV-Empfänger, es gibt noch so viele andere Gymnasien in Hamburg. Euch wollen wir hier nicht."

Herzlich

Anna
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