Anne Roth

annalist

23.06.2009 | 01:26

Die Medien, die friedliche Revolution und die Pädophilen

Über die Berichterstattung über die Proteste im Iran habe ich mich das erste Mal gewundert, als ich in irgendwelchen Fernsehnachrichten (Tagesthemen?) zu Bildern von brennenden Autos (sic) und sich mit Polizisten prügelnden Demonstranten einen Kommentar hörte, der die "friedliche Revolution" pries. Na gut, nicht wirklich gewundert. Aber das Wort "friedlich" war schon ungewöhnlich in dem Kontext.

Dazu gibt es einen Artikel von Jens Scholz "Der Freiheitskämpfer im Ausland ist der Terrorist im Inland", der das vergleicht mit der Berichterstattung über unsere hiesigen AktivistInnen im Netz:

Die Leute, die da gerade für ihr Engagement bejubelt werden weil es für
sie eine völlige Selbstverständlichkeit ist, die Informationsfreiheit
dort zu ermöglichen, wo sie staatlich beschnitten und unterdrückt wird,
die Leute werden hier von unserem Wirtschaftsminister als
Pädokriminelle bezeichnet, das sind "diese...
Internetcommunitybenutzer", das sind diese amokgefährdeten
Killerspieler, das sind diese Schäubleschen "Störer" (deren TOR-Server
Anlass für Hausdurchsuchungen sind) ...

Ich breche das Zitat mal an der Stelle ab, wo es gleich um Bombenbauanleitungen geht, das scheint mir denn doch heikel - die BKA-Anmerkung dazu, warum ich das wohl eingebaut hätte, kann ich mir in etwa vorstellen. Immerhin bin ich ja deutsche Netzbewohnerin (und im Vergleich bin ich nicht mal besonders unglücklich darüber, trotz allen Ärgers, den das mit sich bringt).

Die Erklärung, warum das so ist, schön zusammengefasst:

Es geht gar nicht um ein paar DNS-Sperren. Es geht auch nicht um
Kinderpornografie und um angeblich rechtsfreie Räume für ein paar
Musikdownloads oder einen Filmstream, den ich mir im Kino ohnehin nie
angesehen hätte. Es geht um die Angst eines Staates vor
Kontrollverlust.

So sehr unsere Politiker über die Findigkeit und
Kreativität jubeln, mit der im Moment iranischen Menschen geholfen
wird, auf ihre Situation aufmerksam zu machen so sehr werden sie auch
daran erinnert, daß die selbe Transparenz ihnen hier ihr schönes System
aus sorgfältig und teuer aufgebauten Lobbysatelliten (wie z.B. die
Deutsche Kinderhilfe) ans Licht zerrt.

Daß ihnen ihre manipulativen
Umfragen, mit denen Sie Jahrzehnte lang mit ihrem repräsentativen und
unabhängigen Anstrich den Schein erweckten, die Wähler seien mit ihrer
Arbeit einverstanden, nun die Ohren fliegen, weil sie schon am selben
Tag im Netz komplett durchanalysiert und entlarvt werden.

Berlin ist nicht Iran.

Wenn ein Zivilpolizist die Waffe zieht, damit er in Ruhe jemanden festnehmen kann, wenn Clowns und Samba-Band festgenommen werden, weil angekündigt ein eingezäunte Grünfläche betreten werden sollte, dann sind wir in Berlin.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 23.06.2009 um 10:53
Genau so sehe ich das auch. Es ist eine unglaubliche Heuchelei - aber schon immer - in der Sicht deutscher Medien auf Menschenrechtsverletzungen und scharfe Gesetzgebung anderswo und auf die eigenen repressiven Aktivitäten.

Gruß
Magda
I.D.A. Liszt schrieb am 24.06.2009 um 00:41
Die typische Doppelmoral!

In Afghanistan gab es auch einst 'freedom fighters', als es darum ging, die Sowjetarmee zu bekämpfen. Später waren sie unter dem Namen 'Taliban' bekannt, und es wurde kopfschüttelnd über ihre Aktivitäten berichtet, wenn sie gerade mal wieder irgendwelche jahrhundertealte Buddha-Statuen zerstörten.

Erst als man daan ging, das Land mit Krieg zu überziehen, weil sich dort der Terrorrist bin Laden versteckt halten sollte, wurden die Taliban zu diktatorischen Monstren, die man mit Hilfe der sog. 'Warlords' vertrieb.

Von denen hört man heute so gar nichts mehr. Warum eigentlich nicht? Zuvor war es der veröffentlichen Meinung doch herzlich gleichgültig, daß diese Herrschaften nichts anders waren, als was in Südamerika 'Drogenbaron' genannt wird. Sie halfen aber damals gegen die undemokratischen und terrorristischen Taliban.

Und heute, da die Warlords und die Taliban damit beschaftigt sind, in dem Land wieder Bürgerkrieg zu führen, hört man nur noch von 'Aufständischen'. Hört sich irgendwie niedlich an. Und unsere Bundeswehr auf 'Friedensmission' wird der Lage schon Herr!

Ach, ist diese Sprechweise eklig! Und die Denkweise, die dahinter steckt, nicht minder.
Anne Roth
Ich lebe in Berlin, bin Medienaktivistin, Journalistin, Mutter zweier Kinder und seit Juli '07 vor allem bekannt als Partnerin von Andrej Holm, der in unserer Wohnung als Terrorist festgenommen wurde. Ich schreibe über das Innenleben einer Terrorismus-Ermittlung , den „Krieg gegen Terror“ und mehr.
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