09.07.2009 | 15:41

»fackelkopf.de« - Wenn Schriftsteller am Internet leiden

Deutscher Schriftsteller zu sein ist nicht einfach. Kein Mensch liest mehr und wenn, dann skandinavische Krimis oder amerikanische Vampirgeschichten. Immer sahnen Daniel Kehlmann und Ingo Schulze sämtliche Geld-Preise ab und dann muss man auch noch den ganzen Tag dankbar sein für die vielen Stadtschreiber-Stipendien.

Und schließlich der korrupte 'Betrieb'! Nicht zu reden von noch korrupteren Rezensenten!

Und dann ist auch noch Karl Kraus tot. Schon lange, und niemand weit und breit in Sicht, der es mit ihm und also der Journaille aufnehmen könnte.

Bislang.

Denn jetzt wirft sich der Schriftsteller Bruno Preisendörfer ins Gefecht um urdeutsche Werte wie Bildung (Dekameron für Leserinnen), Sprachpflege (Konjunktivkolumne) und Hitler-Bashing (Hi Hitler).

Auf der Seite www.fackelkopf.de veröffentlicht er nun regelmäßig Beiträge unter verschiedenen Rubriken. Im ersten Satz macht er aber unmissverständlich klar, dass der fackelkopf  keine Internet-Zeitschrift ist. Was anderes, als online zu publizieren bleibt dem armen Mann aber nicht übrig, denn, so Preisendörfer Der publizistische Markt funktioniert heute anders als zu Zeiten von Karl Kraus.

Ja, und auch die Medizintechnik und die Staatsform.

Die Texte lesen sich gut und auch das Design im HTML-Retro-Look gefällt. Aber in einer Disziplin ist Bruno Preisendörfer wirklich Spitze: im Zaunpfahlwinken. Denn aufgemerkt: Intellektueller Querulantismus ist in Druckform nicht mehr finanzierbar. Und Der fackelkopf befindet sich am Ende der Rohrleitung, wo die Gase der öffentlichen Erregung abgefackelt werden.

Das ist zweifelsohne schön ausgedrückt. Aber Subtilität ist auch eine Kunst.

Mit lodernem Fackelkopf manifestiert er: Es gibt keine Bilder, kein Geflimmer, kein Denglisch. Statt >Content< zum >Downloaden< bietet er [der fackelkopf, Anm] Texte zum Durchdenken. Er wendet sich nicht an >User<, sondern an Leserinnen und Leser.

Süß, das ist so dermaßen 2004. Ich glaube in Internet-Kursen geriatrischer Kurorte kommt das gut an. Da sollte dann auch folgende Erklärung nicht fehlen: Das aktuelle Babel steht an oberster Stelle, ältere Kolumnen folgen im Anschluss.

Im Grunde das Prinzip Blog. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Bruno Preisendörfer bei dem Wort Blog zusammenzuckt. Denn die Individualität und Subjektivität des Bloggens ist ihm in Wirklichkeit nicht geheuer, so dass er das Verhältnis prompt umgkehrt: Lässt sich das alles übertragen auf die grassierende Ichigkeit, vom Reklamesprech bis zur kollektiven Dauerbeichte im großen Chor der Blogger?

Preisendörfer stimmt schließlich noch den Klagegesang vom Untergang des Abendlandes an: Kann sein, dass sich das literarische Lesen als >Kulturtechnik< verflüchtigt. Kann sein, dass sich nicht einmal mehr von selbst versteht, was mit >literarischem Lesen< überhaupt gemeint ist. Das alles klingt so Ex cathedra, dass man sich dann doch lieber von Don Alphonsos stilistischen Swarovsky-Steinchen annerven lässt.

Wie gesagt, Subtilität ist nicht Preisendörfers Sache, das zeigt sich insbesondere in seiner Hitler-Kolumne, wo er den "Führer" anspricht: Du hältst eine Rede und schreist und gestikulierst und führst diesen ganzen Charisma-Kram vor, über den man sich nicht einmal lustig machen kann, weil die Leute auch heute noch ganz versessen sind auf Charisma. An der medialen Wirkung von „Yeswecan“ kann man das gut studieren. Und fügt schleunigst hinzu: Oh nein, ich vergleiche Hitler nicht mit Obama, reg Dich nicht auf, lies genauer!

Das eigentlich doofe daran ist, dass »Hitler« hier ein pars pro toto ist. Eigentlich sind schon genau die gemeint, die ganz versessen sind auf Charisma. Ich fühle mich angesprochen. Ronald Pofalla ist nicht so mein Held.

Bruno Preisendörfer leidet daran, dass er leider aufs Internet ausweichen muss, dorthin wo, brutal um sich greifende Blogs wuchern. Wie gesagt, das mit dem Print läuft nicht mehr so. Das intellektuelle Apostelwesen wird wohl eines Tages auf die Bequemlichkeit gedruckter Sprachrohre verzichten müssen. Stattdessen müssen sie selber zu Installateurgesellen werden, um erfolgreich an den »Rohrleitung[en]«, wie es Preisendörfer nennt, zu werkeln.

Die Verzweiflung und der Ärger vieler Autoren, nichts mit Online-Publikationen zu verdienen (und im schlimmsten Falle auch nichts mit Print), ist verständlich. Aber mit elitärem Intellektualismus-Dünkel fliegen einem vermutlich auch nicht die Herzen und somit die Banknoten der Leser zu.

Als süchtige Klicktouristin (Preisendörfer) konnte ich mir zum Glück noch einen Funken Souveränität bewahren, klicke bei manchen Webseiten einfach weg und nehme stattdessen lieber ein gebundenes Druckzeugnis in die Hand. So richtig old-fahioned eben.

 

 
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Kommentare
Joachim Losehand schrieb am 10.07.2009 um 22:56
Kann bitte jemand Herrn Preisendörfer darauf hinweisen, daß sein lesenswertes Angebot (STRG+D) ein Impressum benötigt?

www.linksandlaw.info/Impressumspflicht-Notwendige-Angaben.html
Anousch O.
Ich lerne noch.
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18:11
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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merdeister hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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