Antifee

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30.05.2009 | 09:33

all nations - halluzinations!

Ein Festival gegen Nationalismus, zumal im Jahr nach der Fußball-EM sieht sich einer auf den ersten Blick sehr plausibel klingenden Kritik ausgesetzt: was das eigentlich sein soll, Nationalismus, und wo es den gäbe, wird dann gefragt. Lediglich demokratischen Patriotismus soll es geben und das Fahnenschwenken bei der EM sei doch ohnehin nicht Nationalismus, schließlich ginge es doch nur um Fußball. Warum also Kritik an Nationen und Nationalismus?

Die Zugehörigkeit zu Nationen, das wird nur allzu häufig vergessen, ist nichts „ewig da Seiendes“, das dem Menschen qua Natur zukommt, sondern ein bestimmtes, historisch gewachsenes Verhältnis. Die Nationen, wie wir sie kennen, gibt es seit der Entstehnung der modernen (das heißt auch: kapitalistischen) Gesellschaft.

Allein die „Künstlichkeit“ von Nationen ist jedoch noch kein hinreichender Grund, sie zu kritisieren. Schließlich ist in modernen Gesellschaften schlechterdings nichts natürlich, sondern unsere gesamte Umwelt ist ein Produkt gesellschaftlicher Prozesse, damit also Produkt des menschlichen Handelns. Die Nation stellt jedoch eine ganz besondere Form von gesellschaftlichem Zusammenhang her. Sie ist konstruiert als eine Instanz, die den Individuen und ihrem Leben Sinn geben soll - und die damit über das einzelne Individuum hinaus geht. Damit wird mit ihr eine Form von Gemeinschaftlichkeit produziert, der sich das Individuum unterzuordnen hat.

Die nationale Agitation, die die meisten Kriege des 20. Jahrhunderts begleitet hat und in der vom Individuum Opferbereitschaft für die nationale Sache verlangt wurde, sind nur der stärkste Ausdruck dieser ideologischen Dynamik. Der Patriotismus tritt dabei in Deutschland als die demokratisierte Form des Nationalismus auf und findet seine Funktion vor allem als Bindemittel einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Hier wird im Namen der Nation die Opferbereitschaft etwa im Bezug auf die Einschränkung des eigenen Wohlstands gefordert: Was machen denn schon 15 Jahre sinkende oder stagnierende Reallöhne, wenn "wir alle" „Deutschland sind“? Und es ist auch kein Zufall, dass die Aufforderung, sein eigenes Land mal „wie einen guten Freund“ zu behandeln, wie sie in der ersten „Du-Bist-Deutschland“-Kampagne erhoben wurde, Hand in Hand geht mit dem größten Prekarisierungs- und Verarmungsprogramm der deutschen Nachkriegsgeschichte, das im Namen eben jenes Freundes durchgesetzt wird. „Das Leben schmeckt halt nicht nach Zuckerwatte“.

Nach Innen tritt diese Vergemeinschaftung also als eine Unterdrückung der Einzelnen auf. Damit einher geht die Abgrenzung nach Außen. Im Nationalismus ist die selbstverständliche Einheit Aller gesetzt, die als zugehörig zu einer Nation gedacht werden. Auf dieser Grundlage geschieht dann die Sortierung in national Zugehörige und solche, die es nicht sind. Diese Einteilung der Menschen ist der ideologische Überbau für eine beispiellose, gewaltsame Entrechtung all jener, die als nicht zugehörig definiert werden.

Die Inhaftierung von tausenden Menschen, deren einziges Vergehen darin besteht, nicht ‘deutsch‘ zu sein, in deutschen Lagern wird durch diese Sortierung ebenso legitimiert wie die Abspeisung derselben Menschen mit Lebensmittelgutscheinen statt Bargeld durch die Sozialbehörden, von denen sogenannte Ausländer*innen deshalb abhängig sind, weil die Forderung der NPD - „Arbeit zuerst für Deutsche“ - längst im bestehenden Recht umgesetzt ist (Vorrangigkeitsprinzip nach § 39 Abs. 2 Nr. 1 des Aufenthaltsgesetzes) oder erst gar keine Arbeitserlaubnis erteilt wird.

Die Abgrenzung nach Außen wurde auch während der Jubelfeiern anlässlich der Herrenfußball-WM vor 2 Jahren deutlich. Nachdem lange Zeit alle behaupteten, es ginge nur um Fußball, wurden nach der Niederlage gegen Italien italienische Restaurants belagert, Italiener*innen von bislang friedlichen Fans angegriffen und mit dem Ruf „Ihr seit nur der Pizzalieferant“ ein rassistisch-germanozentrisches Ressentiment gegen ehemals sogenannte Gastarbeiter*innen wiedererweckt. Friedliches Miteinander sieht jedenfalls anders aus. Und auch nach Innen hat die WM einiges bewegt. Denn geichzeitig zum vorherrschenden nationalen Hochgefühl hat die Bundesregierung daran weitergearbeitet, die letzten sozialen und freiheitlichen Grundrechte wegzureformieren. Das jedoch kümmert kaum einen Menschen: Die Proteste sind noch geringer als sonst schon gewohnt und die Berichterstattung in den Medien ist auch eher verhalten. Erst kommt Fußball, dann die Sozialhilfekürzung - so ließe sich das Motto jener Zeit zusammenfassen. Damit hilft die Fußball-Hysterie gemeinsam mit der „Du-bist-Deutschland“-Kampagne dem Nationalismus, seine althergebrachte Aufgabe zu erfüllen: sich aufzuopfern für Standort und Vaterland.

Die Szenen nach der Niederlage gegen Italien sind nicht nur unschön gewesen, sie stellen auch die gängige Einteilung von gutem Patriotismus und bösem Nationalismus in Frage. Patriotismus gilt als „Vaterlandsliebe“ und soll sich angeblich abgrenzen vom Nationalismus, der im Gegensatz dazu eine „Überhöhung der eigenen Nation“ zum Inhalt haben soll. Dass diese scheinbar unpolitische und neutrale Vaterlandsliebe aber im Konfliktfall nur als Überhöhung der eigenen Nation zu haben ist, wurde vor drei Jahren eindrucksvoll demonstriert.

Entsprechend ist dann auch im Schatten der WM der Nationalstolz noch einmal angestiegen. Mittlerweile sagen 86% der Deutschen von sich, sie seien „stolz darauf, deutsch zu sein“. Dass dies für gewöhnlich mit dem Hinweis garniert wird, mensch dürfe ja gar nicht mehr stolz sein auf Deutschland, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: alle sind es, und tun doch so, als wären sie in der Minderheit. So als scheinbar verfolgte Minderheit definiert, muss sich der oder die Einzelne nicht mehr darüber Gedanken machen, auf was er oder sie da wohl stolz sein will. Auf Deutsch-Südwestafrika? Auf den Holocaust, die Berufsverbote oder die deutsche Vizemeisterschaft bei den Waffenexporten? Selbstverständlich nicht! Nur müssen diese Dinge stets ausgeblendet werden, will sich die Idee vom Stolz auf die deutsche Nation nicht blamieren. Der Sozialstaat wird dann als Grund angeführt. Als würde der nicht gerade im Namen eben dieser Nation wieder abgerissen.

Hier wurden nur einige Kritikpunkte an dem Konzept Nation angerissen. Insbesondere in Deutschland entfaltet der als Patriotismus umettiketierte Nationalismus noch eine besondere Dynamik, denn das Konzept der Nation lebt gerade davon, dass der*die Einzelne*r in die Kontinuität einer nationalen Geschichte integriert wird. Dieser positive Bezug auf die nationale Geschichte ist in Deutschland jedoch durch den Nationalsozialismus verstellt. Es ist deshalb kein Zufall, dass die vermehrten Zustimmungswerte zu deutschem Nationalstolz einher gehen mit einer revisionistischen Schlussstrich-Mentalität. Doch auch jenseits davon fördert die positive Identifikation mit der eigenen Nation die aggressive Abgrenzung gegenüber denen, die als „fremd“ konstruiert werden. Nach innen ist das nationale große Ganze inzwischen zu einer der wirksamsten Anrufungsinstanzen geworden, wenn es darum geht, dem Individuum Einschränkungen abzuverlangen. Wenn Emanzipation also die Befreiung von gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen bedeutet, kann es keinen positiven Bezug auf dieses herbeibeschworene, abstrakte "Wir" geben. Der Nationalismus ist heutzutage als eines der antiemanzipatorischsten politischen Konzepte zu bekämpfen!

 
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