Antifee

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28.05.2009 | 11:34

Gender und Sprache

Immer wieder kommt dieses unsägliche Thema auf: Dass Menschen darauf achten, nicht nur Männer, sondern auch Frauen anzusprechen, nicht nur von Schülern, sondern auch von Schülerinnen zu sprechen, gilt als übertrieben und unnütz. „Die sind doch mitgemeint“ heißt es darauf immer. Das müssen die für ihren Sprachgebrauch Kritisierten dann glauben. Bis ihnen Zusammenhänge auffallen, in denen Frauen scheinbar doch nicht mitgemeint sind.

Bis 1971 etwa durften Frauen in der Schweiz nicht wählen. Die Verfassung der Schweiz vergab das Wahlrecht lediglich an alle Schweizer. Da konnten sich Frauen noch so sehr mitgemeint fühlen – wählen durften sie nicht. Erst seitdem sie gesondert erwähnt werden, dürfen auch sie an der Wahl teilnehmen. Es scheint also doch einen Unterschied zu machen, was da gesagt und geschrieben wird.

Aber auch sonst finden wir in der Alltagssprache viele Beispiele dafür, das Frauen vermeintlich mitgemeint sind, dann aber plötzlich doch wieder gesondert behandelt werden. Wenn etwa von Arbeitern die Rede ist, die mit ihren Frauen in den Urlaub fahren oder von den Handwerkern, die in der Mittagspause ihre Frauen anrufen. Und so gibt es dann auch viele Sätze dieser Art, die wir sagen können. Wir können etwa sagen: „Alle Arbeiter gehen mit ihren Frauen zur Betriebsfeier“. Aber wir können nicht sagen: „Alle Arbeiter gehen mit ihren Männern zur Betriebsfeier“. Mal abgesehen davon, dass Beziehungen hier immer als heterosexuelle Zweierbeziehungen gedacht werden: Obwohl doch alle mitgemeint sein sollen, mit Arbeiter also angeblich alle gemeint sind, klingt das eine offensichtlich schräg.

Das hat durchaus Tradition. Kant etwa fügte der Rechtlosigkeit von Kindern wie selbstverständlich die von Frauen hinzu. Frauen galten nicht als Teil des öffentlichen Lebens, sie sollten sich um Kinder und Küche kümmern. Egal ob Thomas von Aquin den „wesentlichen Wert der Frau“ in „ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen“ ausmachte, ob Martin Luther ihnen das Reden verbieten wollte oder Hegel, Heine und Karl Kraus ihnen Denken und Wissenschaftlichkeit per se absprachen - sie gehörten nicht dazu. Und mussten deshalb auch nicht eigens erwähnt werden. Die Welt galt und gilt als eine Männliche – und deshalb wurde stets auch nur das Männliche erwähnt

Sicherlich haben Frauen viele wesentliche Dinge zum gesellschaftlichen Leben beigetragen, nur wurde das nie erwähnt. Deshalb erscheint die Wissenschaft in der Rückschau noch viel männlicher, als sie es ohnehin schon war. Und wer immer nur von Managern und Automechanikern spricht, der oder die sollte sich nicht wundern, wenn es am Ende auch nur Manager und Automechnaniker gibt.
180°

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.05.2009 um 18:38
Da ist durchaus was dran. Es gilt aber auch umgekehrt: wer immer nur von Erzieherinnen spricht, sollte sich nicht wundern, dass es kaum Männer gibt, die sich für diesen Beruf interessieren. Dazu sehe man sich nur mal die aktuelle Berichterstattung zum Kita-Streik an, auch in der taz.
Ähnlich verhält es sich mit den Krankenschwestern. Und mit "Lehrerinnen", wenn über Grundschulen gesprochen wird.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.05.2009 um 19:16
q
Joachim Losehand schrieb am 28.05.2009 um 19:52
In den Sprachen, in denen es Genera (masc., fem., neutr.) gibt, wird nicht ntowendigerweise der weibliche oder männliche Sexus durch das Genus abgebildet; ebensowenig wird ein Sexus "mitgemeint", es sind (bspw. im Plural) beide Sexus gemeint. Wenn von "Koryphäen" die Rede ist (das Beispiel hatten wir schon mal auf freitag.de), sind nicht die Männer "mitgemeint", sondern mit "die Koryphäen" sind - grammatikalisch - Frauen und Männer gemeint.

Wenn Sprache patriarchalisch geprägt sein soll, dann wäre z. B. zu erwarten, daß männlich-positive Abstrakta eindeutig immer als Masculinum, männlich-negative A. immer eindeutig als Femininum markiert werden (undsoweiter). Tatsächlich folgt die Zuordnung des grammatikalischen Geschlechts jedoch nicht denen, die die feministische Linguistik ausgemacht hat. Schon allein, damit die Frau auch immer im Munde führt, daß Intelligenz männlich, aber Hochmut weiblich ist.
Titta schrieb am 29.05.2009 um 00:50
der Mann - die Männer

der Mensch - die Menschen

der Vergewaltiger - die Vergewaltiger

irgendwas scheinen die bösen Männer da falsch gemacht zu haben...
Joachim Losehand schrieb am 29.05.2009 um 11:27
Der Artikel "die" ist kein ausschließlicher Marker für Femininum. Der Plural behält das Genus des Singulars.

Der Mann (m) - die Männer (m)
Die Koryphäe (f) - die Koryphäen (f)
Das Haus (n) - die Häuser (n)
Titta schrieb am 29.05.2009 um 11:37
Ist klar.
War nur der Versuch, das argumentative Niveau von Antifee etc. zu persiflieren.
Titta schrieb am 29.05.2009 um 11:39
P.S.
Deutsch ist schon deshalb eine gute Sprache, weil in ihr Mensch und Mann nicht das gleiche sind.
Wolfgang Hildesheimer
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.05.2009 um 20:38
Ich finde diese Feststellungen gut zusammengefaßt und sie sind sehr wahr in meinen Augen. Allerdings könnte man dazu sprachwissenschaftliche Entwickluungsintergründe einbeziehen - Sprache, Soziolekt, Idiolekt oder wie dat alles heißt und miteeinander verschmilzt-vernetzt, trägt sicherlich eine große Rolle wie diese Anglizism oder Chatkürzelsprache - ist also eine Weiterentwicklung. Sprachen entwickeln sich immer weiter, deshalb finde ich mittlerweile einiges bei der n. RSR auch logisch und sinnvoll.

Antifee sagte:…''Wenn etwa von Arbeitern die Rede ist, die mit ihren Frauen in den Urlaub fahren oder von den Handwerkern, die in der Mittagspause ihre Frauen anrufen. Und so gibt es dann auch viele Sätze dieser Art, die wir sagen können. Wir können etwa sagen: „Alle Arbeiter gehen mit ihren Frauen zur Betriebsfeier“. Aber wir können nicht sagen: „Alle Arbeiter gehen mit ihren Männern zur Betriebsfeier“. Mal abgesehen davon, dass Beziehungen hier immer als heterosexuelle Zweierbeziehungen gedacht werden: Obwohl doch alle mitgemeint sein sollen, mit Arbeiter also angeblich alle gemeint sind, klingt das eine offensichtlich schräg.''

Klar, doch wie Sie selbst sagen, hat diese Ausdrucksweise etwas mit Tradition, Handwerk=Männerdomäne, ich nenne es salopp 'gängere deutscher Sprachgebarauch', zu tun. (Habe zwei Berufe, einer hat mit Druckindustier zu tun: Druckerinnen würden sich schlapplachen, wenn ich sagte, 'Hey, gib' ma' 'n bißchen mehr Druckerinnenschwärze (anstatt K=Key=>Schwarz) 'drauf. :o)
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.05.2009 um 20:39
…Bei solchen (sprachlichen sowieinhalten/Tatsachen) fühle ich mich nicht ungerecht behandelt, da gehört sehr viel mehr dazu, aber dat ist ein weiteres artverwandtes Gebiet. Schräg klingt es übrigens auch, wenn altmodische Handwersberufe/Berufsbezeichnungen auf 'In' bei der Endung getunt werden. Viel blöder finde ich es, dass es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass (kleine) Handwerksbetriebe pro forma ein separates DamenWC vorweisen müssen, um Frauen auszubilden und einzustellen. Das macht oft Sinn, da man sich oft waschen und umziehen muss, aber stellt nicht wirklich ein Hinderniss für den Gesamtzsammenhang dar.
HandwerkerInnen sind auch oft voll verKant: Frauen und Kinder zuerst! ;o)

Mein Eindruck: Frauen werden in akademsichen Berufen eher ungerecht bezahlt nicht ernstgenommen und behandelt, natürlich auch, da es keine Tariflohn vorgesehen ist. Vielleicht ein Grund, deshalb so viele Frauen diese Laufbahn scheuen.

Was mir auffält: Mädchen, junge Frauen und (erfolgreiche) Faruen wrden in den Medien immer beim Spitznamen genannt oder es wird ebner konstruiert - der bezieht sich im mer auf den Vornamen, frei nach dem Motto: 'Das Zelbst bei der FDP-Werbung wird 'Silvana' großgedruck auf einigen Plakaten…

Jungs hingegen wurden damals ganz 'cool und unpersönlich' beim Nachnamen genannt, auch unter Mitschülern und sogar Freunden. Bei männl. 'öffentlichen Personen wird auch oft eine Koseform genutzt, allerdings fast immer auf den Nachnamen bezogen. Derartiges prägnant, da es so verschleiert und verschwurbelt ist und nur die wenigsten dat merken. Und zum Teil auch nervig.
Titta schrieb am 29.05.2009 um 00:55
Das Weib schweige in der Gemeinde ist von Paulus, nicht von Luther.
Juli schrieb am 29.05.2009 um 08:50
Es gibt ja tatsächlich viele Beispiele dafür, dass männliche, allgemein Formen alle Menschen mitmeinen. Machen wir den Google-Test und gegen ein "Sekretärin". Treffer 1:

www.sekretaerin.de/
Stellenmarkt und Serviceplattform für Sekretärinnen, Assistentinnen und Office-Managerinnen.

Nun geben wir ein "Sekretär", die allgemeine Form dieses Berufes, in dem die diskriminierende und überflüssige weibliche Benennung weggelassen wird. Hier finden wir ganz oben:

eBay Einkaufstipps: Sekretär
Hier finden Sie Sekretäre aus den unterschiedlichsten Epochen, egal ob Biedermeier, Jugendstil oder Gründerzeit.

Wäre die männliche Form tatsächlich die "neutrale", dann müssten doch aber auch hier Stellenangebotte erscheinen....
Joachim Losehand schrieb am 29.05.2009 um 11:54
Mein Hinweis bezog sich allg. auf die grammatikalische bzw. morphologische Konstellation in Sprachen.

Der Nachweis für die These, Sprache sei ein "Herrschaftsinstrument des Patriarchats" läßt sich in den Sprachen, in denen es Genera gibt, schlicht nicht erbringen. Damit meine ich, daß die Entscheidung, sofern wir überhaupt von einer bewußten und gelenkten Entscheidung ausgehen dürfen (was bezweifelt werden kann), für ein bestimmtes Genus nicht notwendigerweise mit dem "realen" Sexus zusammenhängen muß. Zudem gibt es keine stringente und einheitliche Verteilung der Genera in Sprachen.

Der Begriff "Baum" ist im Dt. masc. ("der Baum"), das lat. Aequivalent ("arbor") hingegen fem., das Deutsche markiert die Pflanze also als männlich, das Lateinische hingegen als weiblich. Der Begriff "Meer" (lat. maris) hingegen ist in beiden Sprachen Neutrum. Usw.

Die römische Tugend - "virtus" - wird grammatikalisch mit dem Feminum markiert (nicht von der -us Endung irre machen lassen), obwohl "virtus" i.d.Hs. die männliche Tugend, d.h. Tapferkeit, Mut usw. des Kriegers und Politikers bezeichnet. Einzelne Tugenden wie Besonnenheit, Standhaftigkeit usw. sind im Altgr. und Lat. (wie im Dt.) nicht "gender"-markiert, sondern, obwohl die Männer i.d.R. die Träger solcher Tugenden sind, ausschließlich Femininum. Usw.

Wenn Sprache patriarchalisch orientiertes Herrschaftsinstrument sein soll, dann haben die Männer schon in den antiken patriarchalischen Gesellschaften erheblich geschlampt - und nachfolgende Generationen haben diese offentlichen Schnitzer nicht beseitigt.
Juli schrieb am 29.05.2009 um 12:32
@Joachim

Wo genau kommt die These denn her, Sprache sei ein "Herrschaftsinstrument des Patriarchats? In dem Text steht sie jedenfalls nicht.

Wir müssen das ja auch nicht immer so personalisiert denken. Warum ist es denn so unwahrscheinlich, dass sich patriarchale Strukturen in Sprache niederschlagen? Und das diese so geprägte patriarchale Sprache ihrerseits andere patriarchale Strukturen stützt? Das heißt doch alles noch nicht, dass da Männer die ganze Zeit bewusst zu Werke gehen. Sowas passiert oft "hinter dem Rücken" der Beteiligten, ohne dass die das merken. Tollfinden müssen wir es ja aber deshalb noch lange nicht....
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