Antonia Baum

Blog von Antonia Baum

31.10.2009 | 19:12

Internet AMEN

Der Schulungsraum für Verlagspersonal lag im Dunkeln. Der Form nach war dieser Raum ein Schiff, grauer Teppichboden, Neonleuchten an der Decke, weiße Tische, daran Menschen, die nach vorne ins Licht sahen. Es ging los. Am oberen Ende des Seminarraums stand ein glatzköpfiger Mann ohne Brauen und Wimpern. Er hatte sich wohl gerade noch den Matrix-Glibber aus dem Gesicht wischen können, um in adäquatem Zustand vor die Belegschaft zu treten, die er jetzt mit seinen schmalen Lippen anlächelte. Es ging heute darum, die Verlagsbelegschaft auf den neusten Stand zu bringen. Er sprach feierlich:

"Hey, ich sage Ihnen was: die Revolution ist längst da! Unter uns, hier, es passiert in dieser Sekunde und sie alle sind Zeugen!"

Er trug einen grau linierten Anzug und warf sich ein Smartphone von einer Hand in die andere. Dann stand er stramm und salutierte.

"Dieser gigantische Menschenapperat, der Inhalte produziert und verwaltet, wird mehr und mehr überflüssig werden. Alles und ich betone A L L E S — kann vollautomatisch erledigt werden. Die Menschen machen sich Arbeit, weil sie eine Daseinsberechtigung brauchen, um …" — der Seminarleiter lachte, sah in die andächtig lauschende Belegschaft und machte eine kleine Pause —

"… um da sein zu dürfen".

Der Seminarleiter stand vor seiner Powerpointpräsentation und hatte einen blauen Heiligenschein. Die Seminargruppe, welche auf den neusten Stand zu bringen war, folgte seinem Vortrag nur mehr nickend.

Er breitete dann die Arme aus und betete gemeinsam mit den Seminarteilnehmern:

Demokratisierungsprozess, Freier Informationszugang, aber was zählt sind die Klicks, Klicks, Klicks!

Backlink,

Clickrate,

Google,

Googlerelevant,

SEO,

Description,

Special Interest,

On Demand,

URL,

Pagerank,

Keywords,

ID,

PI' s,

Usability. 

Klicks, Klicks, Klicks, was wir wollen sind Klicks, Klicks, Klicks!

Der Seminarleiter sprach immer schneller und die auf den neusten Stand zu bringende Belegschaft nickte ebenfalls schneller. Es war, als würde er von elektrischen Impulsen beschleunigt, fast war er überhaupt nicht mehr zu verstehen:

<b>Oualitätsjournalismus — pah! </b>

<b>Online ist die Zukunft </b>

<div>Print versteht nicht online</div>

<p>Das Internet gilt bei vielen Experten als eine der größten Veränderungen des Informationswesens seit der Erfindung des <a href="/wiki/Buchdruck" title="Buchdruck">Buchdruckes</a> mit großen Auswirkungen auf diverse Bereiche des alltäglichen Lebens.</p>

<div> Print ist tot!!!title=MediaWiki:Common.css&amp;usemsgcache=yes&amp;ctype=;maxage=2678400

Print ist tot!!! </div>"

Und die Seminarteilnehmer sagten im Chor: <b>AMEN</b>.

Als aber der Seminartleiter würgte und nur noch Einsen und Nullen auspuckte, begannen die Seminarteilnehmer, welche auf den neusten Stand gebracht werden sollten, sich Sorgen zu machen. Sie schafften es gerade noch von seinem Smartphone aus einen Notruf zu tätigen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
luggi schrieb am 31.10.2009 um 19:20
Ja aber der Notruf war dann auch 110 :-))
mh schrieb am 31.10.2009 um 19:40
würdest du mir nun versichern, dass das alles wirklich passiert ist, würd ich das glauben. o_O

mfg
mh
Antonia Baum schrieb am 31.10.2009 um 21:48
ich schwörte, es war genau so und es passiert so jeden tag immer wieder.
mh schrieb am 31.10.2009 um 21:51
luggi schrieb am 31.10.2009 um 21:54
Ich glaube mal, versichern reicht. Beim schwören haben schon Kanzler, Kanzlerinnen, Ministerpräs...und Jungpioniere versagt. Und viele andere auch.

Und vom Inhalt her war das bestimmt ein Programm von Micro$oft.
Jakob Augstein schrieb am 31.10.2009 um 23:39
Jaaaaa!
Erst wenn die letzte Zeitung vernichtet ist, werdet ihr lernen, dass man Nullen und Einsen nicht essen kann.
Oder so.
luggi schrieb am 31.10.2009 um 23:51
Und erst, wenn die letzte amerikanische Postkutsche als Fiaker in Wiean oder Solzbuhrg verarmte Printmagnaten kutschiert, werdet ihr es begreifen, dass eine Fahrt mit dem TransAm preiswerter, bequemer, schneller, gefahrloser und.... ist.

Nur erst mal so zum Überdenken. Und da gab es auch mal so Eisenbahnkönige, ich glaube, die wurden Railwaytycoons genannt.
luggi schrieb am 01.11.2009 um 18:43
Ein Link zum weiteren überdenken

www.lesen.net/ereader/creative-plant-ereadermediabooktablet-1478/

Und wenn es diese Dinger in superflacher, falt- und rollbarer Form gibt, dann führen Printmedien ein Nischendasein.

Die zunehmende Verweigerung der Leser gegenüber den Printmedien hat nicht allein technische Ursachen. Von meinem Regionalblatt vom Wochenende hat mich weniger als 10% des Inhalts interessiert (einschl. Todesanzeigen). Der Rest ist rausgeschmissenes Geld. Ist bei 1,50 noch zu verschmerzen. Viele Zeitungsverlage haben es immer noch nicht verstanden, dass sich mit dem Internet neben dem riesigen Informationsaufkommen auch die Gewohnheiten des Lesens von Informationen geändert haben. Die ersten Sekunden entscheiden; bei Nichtgefallen "klick"; kein Abo abbestellen -> Lesezeichen, mit der Maus drauf und DEL oder umgekehrt mit copy & paste zum "abonieren".

Die Zukunft braucht, glaube ich, mehr denn je ausgezeichneten Journalismus. Also diesen kritischen, nachfragenden, nonkonformistischen und dialektisch informierenden Journalismus. Gegenwärtig gibt es eine Umbruchphase. Aber die Zukunft bietet reale Möglichkeiten für einen anderen Journalismus.

Die Bildbearbeiter von früher sind heute Photoshopisten; die Journalisten von heute werden die Visualisierer von morgen sein. Nicht alle.

eben geschrieben

luggi
mh schrieb am 01.11.2009 um 22:51
Das Eisenbahnfieber - Glanz und Elend nach 1800

www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,640127,00.html
luggi schrieb am 01.11.2009 um 23:01
@ MH...
Danke für den Link.

Damals die Gleise mit den Rockets, heute die backbones mit den CPU's.

Und bitte die sozialökonomische Wirkung der "Jenny" nicht vergessen
de.wikipedia.org/wiki/Spinning_Jenny
vomsehen schrieb am 02.11.2009 um 15:22
Aber Papier?!

:)
goch schrieb am 01.11.2009 um 00:05
Genial!
Form und Inhalt sind am Puls der Zeit.
goch schrieb am 01.11.2009 um 00:08
Genial!
Form und Inhalt sind am Puls der Zeit.
Die Megamaschine ist Null und Eins.
Alptraum und Realität verschmelzen zu einer Einheit.
Gibt es davon mehr?
mh schrieb am 01.11.2009 um 09:35
dazu passend, gibt es jetzt eine hochschule... die armen studenten

www.quadriga.eu/hochschule
Schackerbilly schrieb am 01.11.2009 um 12:22
Man kann ja auch einen Blick auf die staatlichen Hochschulen werfen. Da passt man sich diesen fragwürdigen Vorbildern immer stärker an.

Kannst ja z.B. versuchen, Studenten heutzutage dazu zu bewegen, sich in der Bibliothek Fotokopien zu machen und die zu lesen. Keine Chance. Wenn Du denen ihr Material nicht einscannst und ins Netz stellst, lesen sie's eh nicht mehr. Von selbstständiger Literaturrecherche, die über ein paar Google-Treffer hinausgeht, einmal ganz zu schweigen.
Schackerbilly schrieb am 01.11.2009 um 12:17
Ich beobachte seit längerer Zeit mit Entsetzen, dass es immer mehr Journalisten gibt, die beinahe ausschließlich im Internet über das Internet berichten. Gleichzeitig scheint die Zahl der Auslandskorrespondenten drastisch zurückzugehen.

Aber wozu braucht man die schließlich auch, wenn es YouTube und Blogs gibt, die mit mindestens genauso großer Verlässlichkeit über das Geschehen in der Welt informieren??? (Achtung, Sarkasmus!)
Magda schrieb am 01.11.2009 um 17:00
"beinahe ausschließlich im Internet über das Internet berichten."

Fällt mir auch auf. Wie heißt das doch gleich? Selbstreferentiell oder so ähnlich.
mh schrieb am 01.11.2009 um 22:44
zeitungen sind da noch cooler. die schreiben im print dagegen und online dafür.

mfg
mh
Antonia Baum schrieb am 01.11.2009 um 23:01
ja, bei medienumbrüchen rasten die leute immer völlig aus. soll auch früher schon so gewesen sein, wie ich mal gelesen habe. das alles ist ernst, aber auch lustig.
mh schrieb am 01.11.2009 um 23:07
streich das medien raus. früher gabs den scheiterhaufen für rothaarige und veränderer. :)

seit rund 300 jahren sind solche veränderungen jedweder art auch immer mit hypes und anschliessendem verderben verbunden. das ist der zeitraum auf den sich börsliche hypes zurückführen lassen. davor dürfte es wenig anders gewesen sein ... ein grundverständnis kann ich da durchaus aufbringen und je höher die wahrungsrate, je radikaler der drang zum umbruch.

im bereich medien hat aber noch nie ein neues ein altes gekillt. da könnte man es lockerer angehen und über das miteinander alles etwas verdaulicher gestalten. theoritisch natürlich, nicht praktisch.

mfg
mh
Schackerbilly schrieb am 02.11.2009 um 07:22
Zumindest die von mir angeprangerte Veränderung der Auslandsberichterstattung lässt sich an handfesten Zahlen belegen. (Vgl. Oliver Hahn: Deutsche Auslandskorrespondenten: Ein Handbuch. Konstanz: UVK 2008.)
mh schrieb am 02.11.2009 um 07:28
deswegen stirbt sie doch aber nicht aus... sie verändert sich lediglich. z.b. so:

snipurl.com/t02os

und die FAZ hat bspw. eine kooperation mit der NZZ, da spart man sich auch mal was eigenes.

ansonsten wird doch über mord und totschlag im ausland berichtet wie wahrscheinlich nie zu vor. das wird bleiben, in welcher form auch immer.

mfg
mh
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.11.2009 um 19:16
Und diese "I-Reporter" sind obendrein auch kostenlos.
Schackerbilly schrieb am 03.11.2009 um 07:39
>deswegen stirbt sie doch aber nicht aus... sie >verändert sich lediglich. z.b. so:
>
>snipurl.com/t02os

Die Wahlen im Iran waren ein besonders erschreckendes Beispiel. Wacklige, unscharfe YouTube-Bilder, auf denen so gut wie nichts zu erkennen war, und Blogs, von denen niemand sagen konnte, wer sie wirklich geschrieben hatte und wie repräsentativ sie waren, ersetzten den Auslandskorrespondenten.

>ansonsten wird doch über mord und totschlag im >ausland berichtet wie wahrscheinlich nie zu vor. das >wird bleiben, in welcher form auch immer.

Du sagst es. Mord und Todschlag. Gute Auslandsberichterstattung war einmal deutlich mehr.
mh schrieb am 03.11.2009 um 09:12
da scheinen wir das gleiche mit vollkommen anderen zu sehen. es sollte reichen, das artikuliert zu haben.

mfg
mh
Michael Angele schrieb am 03.11.2009 um 16:23
@schackerbilly und magda. Gutes Anschauungsmaterial für Ihre These der überbordenden Selbstreferentialität bietet übrigens der FREITAG respektive die Community-Seite unserer Homepage, in der sich gefühlt jeder zweite Blog-Eintrag mit sich selbst, oder vornehmer gesagt: mit dem Internet/der Blogosphäre beschäftigt.
mh schrieb am 03.11.2009 um 16:55
dieses "gefühlt" ist auch mehr selbstreferentielle bestätigung als beweis.

mfg
mh
Magda schrieb am 03.11.2009 um 16:57
"die Community-Seite unserer Homepage, in der sich gefühlt jeder zweite Blog-Eintrag mit sich selbst, oder vornehmer gesagt: mit dem Internet/der Blogosphäre beschäftigt."

Ja, aber wirft dann die Oberste Heeresleitung auch immer noch ein Scheit dazu ins Feuer, wie heute?
Streifzug schrieb am 03.11.2009 um 17:01
@Michael Angele,
ist ja auch ein relevantes Thema ;)
luggi schrieb am 01.11.2009 um 23:22
Ich verstehe die erhöhte Gefühlsregung von JA nicht richtig (s.o.). Er arbeitet doch auch tagtäglich mit Nullen und Einsen, oder ist sein Satzprogramm für den Freitag eines mit "beweglichen Drucklettern"? Die vielen in diesen Zeiträumen freigesetzten Arbeiter in der Druckindustrie (das ist jetzt allgemein) konnten ihre Familien auch nicht mit Nullen und Einsen ernähren. Ein bekanntes Ehepaar, das wegen des Technologiesprungs entlassen wurde, betreibt seit einigen Jahren einen Hausmeisterservice. JA, man kann Nullen und Einsen nicht essen. Aber man kann ihre nahrhafte Wirkung erkennen und mehren.

bis BYTE

luggi
Jakob Augstein schrieb am 01.11.2009 um 23:48
Lieber luggi,
das weiß ich doch :)

Manchmal packt es mich einfach und dann bricht mein altes Ich hervor - ich bin ja ein digital immigrant, sozusagen ... Und die Nostalgie und die Sehnsucht nach den alten Zeiten, die wohnt ja noch in meinem Herzen. Schnüff.

(Wenn ich allein daran denke, wie einfach es war, im Sommer die Zeitung zu rebrushen - und wie ungeheuer kompliziert es ist, den Online-Auftritt überzubürsten ... Aber dafür ist Online eben auch ungeheuer viel interessanter und lebendiger und vielseitiger und berauschender. Man gewinnt, man verliert. Am Ende gewinnen wir alle mehr. Das ist meine feste Überzeugung. Hugh!)

JA
luggi schrieb am 02.11.2009 um 00:09
Danke und bitte. Ich habe auch gesprochen (Hugh).

Im TV gibt es eine Serie über aussterbende Handwerke. Also ich mach mal jetzt keine Schwarzmalerei und Teufelsaustreibung. Aber so in schlappen fuffzich Jahren hätten die aus heutiger Zeit einen Haufen Content und könnten so ihre Brötchen verdienen.

Man sagt, Handwerk hat goldenen Boden, aber wer kennt noch einen Zeidler als Berufsbezeichnung. Oder Mollenhauer.

Ja, und Nostalgie. Hab bei mir noch kiloweise analogen Krempel (Hardware et Software). Kann mich aber irgendwie nicht trennen. Jedes Magnetband -> stundenlange Aufnahmebereitschaft bei 5,6,7 oder 8 Sendern. Heute? Pah.

und jetzt mit hoffnungsvollen Grüßen

luggi
Schackerbilly schrieb am 02.11.2009 um 07:24
"Man gewinnt, man verliert. Am Ende gewinnen wir alle mehr. Das ist meine feste Überzeugung. Hugh!)"

Wenn der Blogger den Auslandskorrespondenten ersetzt, was beim Online-"Freitag" schon jetzt oft genug der Fall ist, wohl weniger.
Antonia Baum
Autorin
Mitglied seit:
2 Jahre 38 Wochen
Zuletzt aktiv:
22.04.2010
Status:
Autorin
Aktivität:
Beiträge: 25
Kommentare: 5
Logbuch
18:27
merdeister hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:27
Lethe hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:25
merdeister hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:24
Stepstone hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:24
Alien59 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG