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22:32, Was machst du gerade?
"Ich habe große Zweifel.
Ich habe auch mehrere Konten:
Bank, Ebay, Facebook, Mail und Studium, heißt Campus-Management, Punktesystem.
Alles offen. Auf meinem Konto fehlt Geld. Hoffentlich verdiene ich davon später mal so viel, dass ich mich über mein Gekauftes als Teil dieser Gesellschaft ausweisen kann. Also, ich meine schon der besseren. Schon gehobene Mittelschicht.
Ja, was kann ich dafür, dass es hier so einen hässlichen Riss gibt mit besser und schlechter!?!
Es fehlt mir jetzt aber die Zeit, um darüber nachzudenken, denn das Studienkonto muss voll werden. Morgen Referat, kritische Theorie, schon spät. Fehlen noch vier Module. Ich muss mich beeilen, die kritische Theorie verschwimmt vor meinen Augen.
Aber wer Geisteswissenschaften studiert, kann wirklich nicht an die Zukunft gedacht haben, meint mein Vater und sagte auch schon mein Klassenlehrer.
Musste dann sehen, wie du klar kommst.
Romina ist jetzt fertig, Skandinavistik und Geschichte. Es ist ihr peinlich, aber sie bekommt Harzt IV auf ihr Konto. Überall Konten.
Ich habe Angst.
Ich habe auch mehrere Praktika gemacht. Wirklich keine Zeit verloren.
Je jünger, desto besser und es kostet ja auch alles Geld, das nicht da ist.
Ja, wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Mechanismen sind komplex. Es ist kompliziert, sagen Politiker und auch sonst jeder.
Nun, die Studenten haben insgesamt einfach zu lange studiert. Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben, das ist eine ganz einfache Rechnung:
12 Jahre bis zum Abitur,
Bachelor,
Master.
Wenn alles gut geht (wenn man nicht zu den Seiten sieht und keine Zeit verliert), dann kommt schon nach 21 Jahren (max. 23 J.) ein richtig fertiger Mensch aus dem Bildungssystem raus!!!
Sofort einsetzbar!!
Yeah!
Thumbs up!
Ich habe keine Zeit mehr.
Ich habe zu wenig Schlaf, aber wirklich früh genug angefangen mit dem Referat.
Los jetzt!
Zur allgemeinen Beschleunigung wurden linierte Bahnen ausgerechnet. Man muss sie nur befolgen, ganz leicht. Es geht streng geradeaus, ganz ohne Umwege. Vorwärts!
1. Schule: 12 Jahre.
Meine Schwester ist 18 alt und muss in der Schule einmal die Woche zum Zukunftskurs. Man lernt dort, wie man auf dem Markt überleben kann:
"Ihr müsst ein sehr gutes Abitur machen, 1, 0 – 1, 5 … damit Ihr einen guten Studienplatz bekommt. Die NC' s ziehen an."
Theresa heult aus Angst um ihren Schnitt und vor ihren Eltern.
"Fremdsprachen, geht ins Ausland, möglichst während des Studiums, aber seht zu, dass ihr dabei keine Zeit verliert."
Jonas sagt, er geht nirgendwohin, er will schnell fertig werden.
"Du willst Architekt werden? Architekten werden in zehn Jahren überhaupt nicht mehr gebraucht!"
Verena studiert jetzt lieber auf Lehramt.
Angst presst auf die Bahn nach Arbeitsmarkt. Weiter ins Studium!
2. Uni: 3, max. 5 Jahre.
Da sitzen Leute und fragen sich gegenseitig nach dem Alter. Das zählt als Währung, Kontostand. Manche erzählen, dass sie erst 18 sind. Sie wollen schneller sein als ihre Tischnachbarn. Durchziehen! Nebeneinander auf linierten Bahnen in die Hörsäle nach Erfolg und Arbeitsplatz marschieren.
Wir werden Karriere und ausführende Kräfte!
Ich liege auf dem Schreibtisch und schlafe.
Ich liege wirklich nur kurz.
Gleich geht es weiter mit kritischer Theorie.
Augen zu.
Man sieht nur seine Bahn. Man rennt und sieht nicht mal, dass es eine ist und warum und kann nichts anderes mehr denken als Bahn nach Vorschrift. Bahngesellschaft.
Es kann noch einiges begradigt werden, am besten von uns, die wir Bahn gelernt haben.
Ich denke nur noch in Bahnen und hinter mir rennen Eltern, Lehrer, Politiker und Dozenten, gefolgt vom Arbeitsmarkt. Sie haben die linierten Bahnen gedacht und betoniert. Man fand das vernünftig. Die Bahnen sind zweckmäßig und deswegen muss ich da jetzt lang und das alles kann nur so sein, weil ihre Architekten nicht verstanden haben, was sie da machen, träume ich, denn, ja, wir leben in einer schwierigen Zeit. Schwer zu verstehen.
Die Mechanismen sind komplex, es ist kompliziert, sagen Politiker und auch sonst jeder. Deswegen braucht man mehr Zeit um die Zeit zu begreifen. Mehr Zeit für Lesen, Denken und Reden, aber das haben sie einfach auf ihrer Rechnung vergessen, denke ich, reiße mir die Augen auf und hacke mein Referat zu Ende.
Und ich habe große Zweifel.
Aber wirklich keine Zeit dafür, da ich mich um meine Konten kümmern muss."
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Vertrauen ist gut. Im Web 3.0 aber gibt's das nicht und wer das glaubt oder naive ist, ist einfach blöd. Virtuelle Konten sind Quatsch!
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Keine Zeit? Immerhin hast Du Dir die Zeit genommen, dieses Blog zu schreiben. Danke!
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Hallo Antonia Braun,
das ist ein wunderbarer Text! Danke dafür. Nein, natürlich es ein furchtbarer Text - umso mehr danke dafür. Ich habe mal studiert ("Geisteswissenschaft") und mir wenig Zeit gelassenm, weil- ach, das ist eine andere Geschichte. Damals gab es noch keinen Bachelor oder Master in Deutschland. Man beneidete die Länder, in denen das Studium klarer strukturiert war. Auch ich fand es zu chaotisch "bei uns", und hatte Zweifel. Zum Beispiel am "Unistreik" (was für ein Unsinn). Aber auch an anderen Dingen. Jetzt bin ich Mutter, meine Töchter werden, so Gott und die Lehrer und allerlei in- aus- und unmenschliche Faktoren wollen, binnen zwölf Jahren Abitur machen. Oder ein Austauschjahr, dann 13 Jahre. Das Zeitgerede nervt mich jetzt schon - vor allem, wie infiziert man davon wird, wie man sich unter Druck setzen lässt. Immer mehr bekomme ich den Eindruck, dass es weniger um Zeit, und mehr um Menschen gehen sollte. Die Zeit haben. Dürfen. Sich nehmen. Sollen. Nie mehr kann man so viel (auch: Freiheit) lernen wie während des Studiums. Freies Lernen. Konnte man. Vergangenheit? Oder Zukunft? Wir haben jetzt eine Familienministerin, die sich keine Zeit gelassen hat, sondern alle Zeit "investiert" hat. In Karriere. In "Fortkommen". In "Erfolg". Sie wird punkten und noch mehr Stimmung machen. Es gab mal einen Beppo Straßenfeger, der hat sich Zeit genommen. Für den Besen. Furchtbar wurde das Fegen erst, als die grauen Männer kamen. Sie sind längst da. Wir alle sind graue Herren geworden. Zeiträuber, wir rauben uns selbst die Zeit und horten sie in verrottenden Gehirnen, die sich selbst hinterherlaufen, auf der Aschenbahn, im Kreis herum. Wir sind Robin Hood, nur andersrum. Und meine Mutter sagt, bei jeder Gelegenheit, und dafür immerhin könnte ich sie küssen: "Man muss das nicht mitmachen." Nichts muss man mitmachen. Man kann auch mal stehenbleiben und überlegen. Wenn eins meiner Kinder rumturnt und ich Angst kriege, dass was passiert und ich immer rufen will "Vorsicht! Pass auf!", und das manchmal auch nicht unterdrücken kann, dieses Rufen, dann sage ich mir, vor hoffentlich mindestens jedem zweiten Rufen, was für ein dummes Rufen. Ich stelle mir den worst case vor. Wenn der worst case ein gebrochener Arm ist, zwinge ich mich, ncith zu rufen. Wenn der worst case ein gebrochenes Genick ist, rufe ich, gehe hin, verhindere. Ich bin ein Angstmensch. Was wäre der worst case, wenn man nicht alles mitmacht, was mitgemacht wird? Zeitverlust? Oder Zeitgewinn? Herzlich klara |
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hallo klara, danke für ihren kommentar. der hat mich gefreut. besonders wegen dem straßenfeger. ich liebe momo.
zum worst case: betrifft z. b. jemand, der auf bachelor studiert und kein bafög mehr bekommt, weil er über der regelstudienzeit liegt. oder jemand, der, trotz schlechter aussichten etwas studiert, nur weil er es will. der hat angst davor, dass er später sein leben nicht bezahlen kann. also, es sind schon recht konkrete ängste, für die man sich da entscheiden müsste. herzlich, antonia |
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schrieb am
01.12.2009 um 07:10
@ merdeister
Gefällt mir sehr gut das Vid. Passt ja auch 1A zum Thema. Marius, seine guten Songs hatte ich schon vergessen. Marius war mal ein Nachbar von uns. @ Antonia Baum Dein Blog gefällt mir auch. Danke für diesen Text. |
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Danke, Antonia Baum!
Für diesen tollen, atmosphärischen Text. Ich werd' selber schon ganz hektisch beim Lesen. Meine Tochter ist jetzt in der 11. Dummerweise auch noch hier in HH, wo eine Schulreform die nächste jagt. Jetzt ist gerade die Profiloberstufe eingeführt worden, unmittelbar nach dem Abi in 12 Jahren, das schon absoluter Wahnsinn ist ohne Entrümplung der Lehrpläne. Profiloberstufe heisst, u.a.: Interdisziplinär lernen (in der Theorie), Leistungskurse wurden abgeschafft, Mathe, Englisch, Physik oder Chemie dafür bis zum Abitur, und Mathe auch als Abi-Prüfungsfach. Sie kommt fast jeden Tag erst zwischen fünf und sechs nach Hause, dann noch Hausaufgaben bis 21, 22 Uhr... Sie lernt sehr leicht und sagt trotzdem: "Die Schule bringt mich noch um." Wenn ich ihr von meiner Schulzeit erzähle, macht sie grosse Augen. Wir hatten Zeit! Haben viel gefeiert. Konnten es uns leisten (na ja, einigermassen) zu schwänzen. Gotteseidank will sie Schauspielerin werden, und dazu nach London an die Schule gehen. Das wird auch nicht einfach, aber diesen Studienwahnsinn hier wird sie nicht mitmachen. Denn selbst wenn ich der Hysterie in den Schulen versuche, etwas entgegenzusetzen ("Die Schule ist längst nicht alles. Du machst in jedem Fall Deinen Weg!") - der Hype ist, wie Sie oben so gut schildern, ansteckend. Ich habe auch die sog. Geisteswissenschaften studiert. Und habe mir jede Freiheit genommen, u.a. die, an drei verschiedenen, weit auseinanderliegenden Unis zu studieren, des "anderen Ansatzes" wegen, und überhaupt. Drei Jahre davon waren, abgesehen von den Erfahrungen in den Städten, verschwendete Zeit und Anhäufung von nutzlosem Wissen. Richtig beurteilen kann ich das aber nicht, weil mein Beruf ja in eine andere Richtung ging. Ohne mein Zeitungs-Volontariat sässe ich vielleicht auf der Strasse, wie meine Freundin, die 18 Semester Italienisch und Deutsch studiert hat. Ihnen wird das aber nicht passieren. Sie sind eine andere Generation, anders aufgewachsen. Wir sind ja in den Siebzigern aufgewachsen, Erfahrungen machen war alles, und die meisten dachten, dass die Welt nur auf sie gewartet hat. Letztlich gilt: Lassen Sie sich nicht verrückt machen. Nichts einreden. Versuchen Sie das zu machen, was Ihnen so viel Spass wie möglich macht.... Herzliche Grüße, Anna |
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"Drei Jahre davon waren verschwendetete Zeit"... ich habe in der Regelstudienzeit von 12 Semestern abgeschlossen. Sechs hätten auch gereicht. Dicke.
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hallo anna, vielen dank für ihren kommentar. ich lasse mir nichts einreden. es ist ja auch nicht so, dass die professoren, dozenten und lehrer einem aktiv was einreden wollten. die glauben das ja selbst, was sie da sagen, wenn auch viele kritisch sind. wie auch ich. und trotzdem handele ich oft anders. sachzwänge eben.
was ist unnützes wissen? herzlich, antonia |
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Unnützes Wissen: Wenn man in deutscher Sprachwissenschaft Mediavistik machen muss, reinschnuppern ist ja gut, aber warum soll musste ich sämtliche Grammatik lernen? Warum musste ich das "Hadubrand Lied", ebenfalls mittelalterlich, in einer Hausarbeit behandeln? Warum braucht man heute noch für Deutsch das kleine Latinum? usw. usf.
Unnützes Wissen, damit meinte ich, dass unglaublich viel Stoff vermittelt wurde, der das Studium unnötig in die Länge zog. |
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"Da sitzen Leute und fragen sich gegenseitig nach dem Alter. Das zählt als Währung, Kontostand."
Anders gesagt: Die Jugend fragt immerzu nach dem Alter, weil sie selbst so wenig davon hat... |
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Alter, was willst Du denn...?
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Traurig aber wahr. Mich hat der Beitrag zum Würgen gebracht.
Warum schreibt sie so was wäre eine doofe Frage. Besser wäre, warum muss sie so was schreiben und trifft damit den realexistierenden Nerv der Bildung in diesem Land. Auf Grund der bestehenden Parallelen würde mich der gleiche Artikel von Seiten eines Hartzis interessieren. Die Frostkälte in der gesamten Sozialpolitik seit einigen Jahren schafft eins, zwei, viele Realitäten und sollte auch bei der "gehobenen Mittelschicht" angekommen sein. Grüße an alle Bildungsstreikenden und natürlich Frau Schavan. |
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Frau Schavan streikt doch schon seit Jahren...
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Ausgabe 08/12
23.02.2012
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