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Blog von aph

25.02.2009 | 12:35

Der Kapitalismus betreibt Insolvenzverschleppung

Es ist erstaunlich, auf welch vielfältige Weise und in welch verschiedenartigen, sich zum Teil widersprechenden Erklärungsversuchen sich die Leugner des wirtschaftlichen Zusammenbruchs ergehen. Und doch zögern sie damit nur den Zeitpunkt des Endes hinaus, lassen es gleichzeitig umso dramatischer werden.

Sie alle betreiben Insolvenzverschleppung. Die Banker, die Finanzminister, die Regierungschefs, die Bankaufsichten, die Versicherer, die Unternehmer. Das  kapitalistische System bisheriger Ausprägung ist am Ende, insolvent, nicht überlebensfähig. Nicht mit Staatsgarantien, nicht mit Überbrückungskrediten, und auch nicht mit direkten Staatsbeteiligungen oder Finanzspritzen. Schlechtem Geld wird noch zu druckendes schlechteres Geld hinterhergeworfen.

Kennzeichnend für eine Solvenzkrise, im Gegensatz zur Liquiditätskrise, ist das Phänomen, dass einem unterstützten Kriselndem schon nach kurzer Zeit neue Hilfen bewilligt werden müssen, wenn die ersten nicht umsonst gewesen sein sollen. Ständig werden neue Löcher offenbar, die angeblich vorher nicht sichtbar gewesen seien. Wahr ist hingegen: Opel ist nicht zu retten, die HRE ist nicht zu retten, Schaeffler/Conti sind nicht zu retten, die westlichen Banken als solche sind nicht zu retten. Bei den faulen Papieren, deren Übernahme durch die Steuerzahler derzeit diskutiert wird, handelt es sich nicht um nur vorübergehend unbewertbare Papiere, sondern um komplett wertlose Papiere. Sie staatlicherseits abzukaufen, wie das jetzt bei der Royal Bank of Scotland geschieht, ist bewusste Insolvenzverschleppung.

Die Hilfen für Opel sind Insolvenzverschleppung. Und ebenso ist die deutsche Abwrackprämie Insolvenzverschleppung. Wenn die 600.000 Autos erst einmal mit 2.500 Euro gefördert, produziert und verkauft worden sind, so wird der Automobilmarkt, der vorher schon schleppend lief, endgültig und auf Jahre hinaus gesättigt sein. Nach der 600.000sten Auszahlung der Prämie können die deutschen Autowerke ihre Pforten direkt schließen - für immer.

Laut NZZ haben die 37 größten Industrienationen (Stand Januar 09) bereits 10-11 Billionen Dollar an direkten Hilfen oder Garantien gegeben, Tendenz weiter steigend. Kritisiert man die Garantien als Ausgaben, die in keinem Verhältnis beispielsweise zu den Bildungs-, Entwicklungshilfe oder Sozialausgaben stehen, so wird man als Ahnungsloser zurechtgewiesen, dass das ja nur Garantien seien, die vermutlich nie abgerufen werden und nur Vertrauen herstellen sollen. Da machen die Herren sich etwas vor. Die damit garantierten Papiere sind wertlos, und sollten alle Bilanzen erst einmal bereinigt sein (man spricht von 16-18 Billionen toten Aktiva in den Banken), so sind die Garantien futsch.

Aber auch die Staaten selbst betreiben Insolvenzverschleppung. Sie tun so als könnten sie endlos Schulden machen. Dabei haben sie schon jetzt Schwierigkeiten, Käufer für die Staatsanleihen zu finden und beschimpfen sich gegenseitig dafür. Am Ende bleibt nur der Griff an die Notenpresse, was zu weiteren Konflikten führen wird und dem internationalen Finanzsystem den letzten Todesstoß versetzen wird.

Optimismuswettbewerb im Fernsehen

Umso blütenreicher werden die Beteuerungen und Prognosen, die noch immer eine Belebung der Konjunktur ab Mitte 2009 vorhersagen. Bert Rürup glaubt, dass ja schon die gesunkenen Energiepreise ein Konjunkturprogramm für die Bürger seien. Dass die Preise aber aufgrund der Rezession gesunken sind, und dies im Falle einer tatsächlichen Wiederbelebung sofort kassiert würde, ignoriert er. Ich verstehe nicht, wieso solche Typen immer noch als "Wirtschaftsweise" bezeichnet werden.
Minister von Guttenberg beschwert sich über die miesen neuen Prognosen von -5% und schlimmer. Gleichzeitig bleibt er die Korrektur der Gloschen Annahme von nur -2,25% fürs Gesamtjahr 09 schuldig, die inzwischen nur noch als lächerlich bezeichnet werden kann, wurde doch dieser Wert schon nahezu im 4. Quartal 08 erreicht und voraussichtlich im 1. Quartal 09 erneut überboten.
Im Fernsehen überbieten sich hingegen die Talkshows, in denen Optimismus versprüht werden soll. Titan Oliver Kahn darf Kassiererinnen ermuntern an ihre Ziele zu glauben, und Schauspieler Ralf Möller reckt derweil die Arme in die Höhe um zur Wahl der FDP aufzurufen. Dass sein eigenes Motivationsprogramm für Hauptschüler ausgerechnet im laufenden Schuljahr keinen neuen Sponsor gefunden hat, erwähnt er nur nebenbei wie einen unbedeutenden Zwischenfall.

Ich frage mich, was der Sinn hinter all dem ist. Die einzige Antwort darauf kann nur lauten, dass die Damen und Herren Zeit brauchen, um ihre Pfründe zu sichern. Kapital aus dem Finanzmarkt abziehen, in Gold und Immobilien umwandeln, auf die Ehegatten überschreiben ... das kostet alles Zeit. Also wird die Öffentlichkeit möglichst lange in dem Glauben gelassen, dass der Karren noch einmal aus dem Dreck gezogen werden kann. Selbstverständlich wissen auch Bernanke, Merkel und Brown, dass dies nicht geschehen wird. Und auch dem Bürger schwant es mehr und mehr.

Ich gebe der Insolvenzverschleppung noch maximal 5 Monate, wenn die Bilanzen für die Quartale I und II '09 auf dem Tisch liegen. Dann wird es auch dem letzten klar, was hier vor sich geht. Aber ich werde vorbereitet sein. Der Kriseneinkauf ist erledigt - sollen sich die anderen doch von der Bundeswehr ihre Lebensmittelmarken aushändigen lassen.
 
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Kommentare
Magda schrieb am 25.02.2009 um 17:26
ich habe mir darüber auch so meine Gedanken gemacht -sehr allgemeine. Anlässlich von

Hannes Waders Aktualisierung von

„Trotz alledem“

Es scheint als ob das Kapital
In seiner Gier und alledem
wie eine Seuche sich total
unaufhaltsam trotz alledem

über unseren Planeten legt
überwältigt und beiseite fegt
was sich ihm nicht freiwillig
unterwerfen will trotz alledem

Gnadenlose und verhängnisvolle Verknüpfung zwischen Kapital und Freiheit - genau so war es seit fast 30 Jahren - eine brutale Umdefinition
Viele haben es gesehen, beklagt, angeklagt und wurden als Spinner, als Populisten als Ewiggestrige und was sonst noch beschimpft oder in den Medien gar nicht ins Wort gelassen.

Schon gleich nach der Wende in der DDR – schon 1990 - hat das Peter Rühmkorf sehr hellsichtig in seinem Tagebucheintrag in „Tabu I“ umrissen:
„Freiheit das große Passepartout für jederart Gruppenegoismen, Stammesfehden, kompromissunfähiges Selbstbestimmungswüten. Kenn das Ende vom Lied, das sich immer wieder für einen Anfang hält, noch von früher her auswendig- "Freiheit das Ziel,/Sieg das Panier/ Führer befiel - /Wir folgen Dir.“

Als ich das zum erstenmal las, meinte ich als frisch in die „Freiheit“ entlassene DDR-Bürgerin noch, dass diese Linken immer übertreiben müssen. Aber jetzt ..
Mir sehr einleuchtend mit dem unglaublichen Wüten der Neoliberalen, die den Freiheitsbegriff pervertiert haben.
Wollt Ihr die totale Freiheit – ist ähnlich gefährlich wie Repression, vor allem, wenn nur eine Seite die Macht hat, zu definieren, was Freiheit ist. .

Heute an anderer Stelle wird Horst Eberhard Richter beim Neujahrsempfang des DGB zitiert: „Die Freiheit, hinter der sich Gier und Egoismus im Neoliberalismus verstecken, ist nicht die von der Französischen Revolution gemeinte Freiheit, die von Gleichheit und Brüderlichkeit (besser Geschwisterlichkeit) aufgefangen wird.“

Es ist befreiend, wenn dieser Freiheits-Verlogenheit endlich ein Ende gemacht wird, wenn der Begriff auf seine Ursprünge zurückgeführt wird.
aph schrieb am 26.02.2009 um 11:30
Ich nehme an, dieser Kommentar bezieht sich allgemein auf das von mir eingetragene Motto zur Beschreibung meiner Person, also das Thema "Grenzen der Freiheit", und weniger auf meinen aktuellen Blogbeitrag?

Auch wenn ich dem Motto in der Tat eine große Bedeutung in meinem Leben beimesse, sei es im privaten Bereich, sei es im beruflichen, und natürlich aum im politischen Bereich, so ist das Blog zunächst einmal dazu gedacht, den aktuellen Krisenprozess praktisch zu begleiten und Hilfestellung zu geben.

Eventuell schaffe ich es trotzdem, das Motto-Thema aufzugreifen und auch hierzu erläuternde Texte zu schreiben. Mal sehen ...
ebertus schrieb am 28.02.2009 um 09:13
Den wenigen Mächtigen, Besitzenden alles lassen, aber "die Kinder vom Bahnhof Zoo" zum konsumieren anfixen.

Substantielle Steuersenkungen für Wenige, für die Anderen vom Helicopter (Spiel)Geld abwerfen, auf das es in den Blödmarkt gebracht wird.

Schonung deren mit den weissen Kragen im Tessin etc. der Zocker und Hinterzieher, aber drakonische Strafen für die Underdogs bei vielleicht gestellten, in jedem Fall geringen Vergehen.

H4-Stigmatisierung immer größerer Teile der Bevölkerung, die Armen gegen die noch Ärmeren ausspielen.

Fünf Monate sind dennoch zu kurz bemessen, wenn es um die Existenz geht, werden die/unsere Eliten alle Kräfte mobilisiert um den Rücksturz in die Masse zu verhindern - und Bürgerkrieg gibt's erst mal woanders. Hierzulande stellen wir uns geordnet an, wenn die Bundeswehr im Inneren die Lebensmittelmarken verteilt. Endzeitstimmung, ja! Insolvent gehen lassen, ja! Kleine Sparguthaben 1:1 entschädigen und darüber hinaus nach oben mit immer schlechterer Quote. Wo ist das Problem? Das Problem für die überwiegende Mehrheit der Menschen? Wo?

Ansonsten ganz realistisch und wohl richtig erkannt. Tage- gar wochenweise Schließungen der Banken, Lebensmittelknappheit, Strom, Wasser und Gas nur stundenweise, das ist möglich, aber frühestens im nächsten Winter, weil eben im Winter der existentielle Erpressungsfaktor höher ist. Vorräte für rund sechs Monate sind da schon angebracht. Ein Problem wird die Verteidigung sein...
aph schrieb am 04.03.2009 um 14:59
Die Annahme, dass die "Mächtigen" die ganze Chose erst nach der Wahl hochgehen lassen, setzt voraus, dass die Mächtigen den Ablauf überhaupt noch unter Kontrolle haben. Sicherlich: Sie können noch massenhaft Geld ins System pumpen oder gar neues drucken. Allerdings erfährt das Ganze momentan eine Eigendynamik, die auch kein Politiker noch aufhalten kann. Nämlich dann, wenn durch diese Verzögerungsmaßnahmen das Vertrauen in das Papiergeld schwindet - was bereits passiert. Ab einer bestimmten kritischen Masse an Misstrauen kippt damit das Papiergeldsystem fürs Erste, und wir rutschen in eine Hyperinflation bzw. Währungsschnitt, einen Zusammenbruch des Wirtschaftslebens inbegriffen.
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