Julius Herfurth

Generationsk(r)ämpfe...

26.07.2011 | 19:55

Über das Einmischen...

Mein Name, mein Vorname, meine e-mail-Adresse, ein kurzer Dreh am Mausrad, ein Klick und...voilá...soeben habe ich mich dafür engagiert, dass der Formel-1 Grand-Prix von Bahrain in diesem Jahr nicht stattfindet. Ich habe protestiert, habe mich dafür eingesetzt, dass die Welt ein kleines Stückchen besser wird. Ich musste dafür nicht einmal aufstehen; das Internet macht es möglich, meine Meinung bequem von Haus aus abzugeben.

Meinungsfreiheit wird in unserem Land ja heutzutage sowieso sehr groß geschrieben. Unsere Weltverbesserungsattitüde scheint, ein neues Hoch erreicht zu haben. Und so setzen wir uns für alles ein, was national oder international nur ein klein wenig Relevanz besitzen könnte. Wir retten den Regenwald und bedrohte Tierarten, sind Pazifisten, Veganer, Liberale und Ausländerfreunde, wir stellen uns gegen fragliche Bauprojekte oder rebellieren gegen eine maßlose Ökonomie-, Ökologie- und Globalisierungspolitik. Im Grunde helfen wir der Welt. Wir sind gut, in dem, was wir tun, auch wenn es längst nicht genug ist. Je einfacher, desto besser und umso mehr können wir bewegen.

Dennoch, in unserem schier grenzenlos scheinenden Hang zum Einmischen, vergessen wir mehr und mehr die kleinste Stelle: Uns und unser Umfeld. Der zunehmende Protest auf höchster, abstrakter Ebene, hat eine Abnahme eben dieser Fertigkeit auf sozialer Linie zur Folge. Dort herrscht Konsens. Wir [und ich, als Autor dieser Zeilen, nehme mich an dieser Stelle nicht heraus] tendieren dazu, uns unsere Freunde so auszusuchen, dass sie uns in unseren Handlungen und Einstellungen beistehen und diese gutheißen. Anders herum, wollen wir uns nur sehr ungern in den Wust des Lebens unserer engsten Mitmenschen einmischen, da uns diese Dinge nichts angehen. Auch diese Einstellung scheint verständlich, birgt aber zweifellos Schwierigkeiten.

Unsere ethisch und moralischen Grundsätze sind heute so vielschichtig und komplex, wie noch nie. Der Pluralismus der Individualität ist auch dort angekommen. Man ist sich selbst der Nächste, und das mit Recht, da die Gesellschaftsform, in welcher wir leben, dauerhafte Flexibilität und Aufopferungsvermögen von uns verlangt. Darunter leidet, im Kleinen, eben jener Aspekt des größtmöglichen Vorteils der Gruppe, welchen der klassische Utilitarismus eines John Stuart Mill einmal zum höchsten, erstrebenswerten Ziel erklärte. So schliddern wir geradewegs in eine Phase der sozialen Inkompetenz, da wir dieses Ziel versuchen, auf einer Ebene anzusetzen, der wir noch nicht gewachsen sind: Das Wohl der gesamten Menschheit.

Im engeren Kreis regiert das Wohl des Einzelnen, zwar unter Bezugnahme gesellschaftlicher oder Gruppenkonventionen, leider aber nur begrenzt, um damit die soziale Verbindung zu stärken, sondern eher, um mich und meinen Vorteil innerhalb dieser zu sichern. Dabei gehen wir nicht über Leichen, nein, wir halten uns lieber raus. Von einem reinen Egoismus können wir hier also auch nicht sprechen, vielmehr von einer Mischform, einer Art egoistischem Utilitarismus.

Wir schauen weg, um nicht zu stören. So stärken wir unsere individuelle Position im sozialen Kontext. Wie selten kommt es vor, dass uns ein Freund beiseite nimmt und uns mitteilt, dass die Handlungen, die wir aussüben, etwas fehl am Platz sind? Wie selten machen wir andere darauf aufmerksam, dass das, was sie ihre Meinung nennen, nur eine mögliche Perspektive ist, und nicht die absolute Weltformel? "Das wissen die doch!", wollen wir da jetzt schreien, aber ganz so einfach ist das gar nicht, trotz aller Aufklärung, die wir erlebt haben. Und ohne einen Ich-Bezug funktioniert anscheinend nichts mehr. Wenn 'Ich' nicht direkter Teil einer sozialen Situation bin, so ziehen wir uns eher von dieser zurück, lassen sie geschehen, ganz gleich, ob sie unserer eigenen Einstellung nun entspricht oder nicht. Und was bei Schlägereien in U-Bahnhöfen beginnt, das setzt sich auch in unseren Freundeskreisen fort. Wenn Streits entbrennen, sich Leute gegenseitig unfair behandeln, sich mobben oder Ähnliches, so intervenieren wir nicht mehr, wir mediieren auch nicht. Lieber schauen wir zu, wie es ausgeht und helfen im Notfalle höchstens, die entstandenen Scherben aufzuwischen.

Es ist die Frage nach der Mitverantwortung am Leben der Menschen, die uns umgeben. Und hier ergibt sich ein paradoxes Phänomen: Wenn wir doch mitverantwortlich sind, dass es allen Bewohnern dieses Planeten gut geht, sollten wir dann nicht lieber bei uns und unseren engsten Freunden anfangen? Auch dies erfordert Einsatz und Courage und kann zu unangenehmen Situationen führen. An dieser Stelle sitzen wir einem weiteren drastischen Problem auf. Wenn ich mich gegen Stuttgart 21 engagiere und es dennoch zum Bau kommt, so verliere ich nichts. Stelle ich mich in bestimmten Augenblicken aber gegen die Verhaltensweisen eines Freundes, so kann es passieren, dass ich diese Person bald nicht mehr "Freund" nenne, beziehungsweise, dass diese Person mich bald nicht mehr als solchen bezeichnet. Der Protest auf abstrakter Ebene hat zur Folge, dass ich nichts direkt Spürbares entbehren muss. Protest auf sozialer Ebene jongliert dagegen mit realen Besitztümern, mit Werten, mit Gesundheit, mit dem möglichen Verlust unserer Integrität in der Gruppe. Und da wir im egoistischen Utilitarismus ja eigentlich das Beste für diese wollen, aber immer unter der Maßgabe, dass unsere eigene Position sicher bleibt, so ergibt sich hier der Zwang des "Nicht-Einmischens". So können wir dann, im Falle eines Auseinanderbrechens bestimmter Teile dieser Gruppe, zwar behaupten, dass wir nichts mit der Situation selbst zu tun hatten, dass wir doch alle Beteiligten ihren eigenen Kopf haben durchsetzen lassen, aber haben wir damit unsere Meinung egentlich klar geäußert? Wohl eher nicht. Heftige Vertreter dieser Einstellung preisen diese dann zwar in Gesprächen mit anderen, unbeteiligten Gruppenmitgliedern an, den sprichwörtlichen "Arsch in der Hose" besitzen wir aber kaum noch, uns an die Stellen zu wenden, an denen unsere Meinung angebracht wäre.

Natürlich soll dies hier keine absolute Verallgemeinerung sein, lediglich die Beschreibung einer Tendenz, die mir in den letzten Jahren zunehmend aufgefallen ist. Es gibt durchaus noch Menschen, die das, was ich hier vermissend anprangere, noch leisten. Aber auch hier trennt sich das Lager in jene, die vor Risiko nicht zurück schrecken, und jene, die dennoch versuchen dieses, um ihrer selbst willen, zu minimieren. Letztere suchen zwar, in Maßen, die Konfrontation, beschränken sich darin aber auf zugängliche Gesprächspartner, oder geben immens auf eine sehr sanfte, selten wirklich ehrliche Wortwahl acht. Zwar ist hier der Anfang geschafft, es bedürfe aber weiteren Anstrengungen.

Sich einzumischen heißt: Stellung beziehen. Stellung beziehen heißt: Konsequent sein, und dies erforsert, auch manchmal Menschen, die einem sehr nahe stehen, auf den Fuss zu treten. Vielleicht könnten wir damit beginnen, das Komfortabilitätskissen, welches wir uns aufgrund anhaltender Harmoniesucht in unserem engsten Kreis, unter die Köpfe gelegt haben, wieder zu verbannen. Vielleicht sollten wir uns, anstatt dauerhaft Konsenz zu suchen, wieder um eine angemessene Streitkultur bemühen, in der es nicht gleich ein Weltuntergang ist, wenn uns ein Freund mal grundlegend die Meinung geigt. Und wenn es dann soweit ist, vielleicht sollten wir auch damit beginnen, die Perspektiven des Gegenübers mit in unsere Überlegungen einzubeziehen, schließlich geht es nicht darum, uns als "dumm" dastehen zu lassen, sondern darum, uns zu helfen. Courage auf kleinster Ebene bedeutet keine Kritik, ihr Zweck ist vielmehr, Lösungen zu zeigen, die vorher so eventuell gar nicht in Betracht gezogen wurden, und welche im Endeffekt zur Funktionalität im sozialen Raum beitragen sollen.

Die Welt zu verbessern, ist ein ehrenwertes Ziel. Doch anstatt gleich auf den Gipfel zu springen, müssen wir lernen, den gesamten Anstieg zu meistern, Schritt für Schritt. Altruistische Ambitionen, wie das Eingangsbeispiel des Formel-1 Grand Prix von Bahrain, sind gute Dinge. Die Kunst aber, liegt darin, den selben Willen zum Einmischen auch im Kleinen, im Sozialen, zu erhalten.

 
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Kommentare
nil schrieb am 26.07.2011 um 20:30
Sehr weise gedacht. Freud mich. Ich teile Deine Ansichten, von ganzem Herzen. Wir müßen stets bei uns Selbst anfangen, um die Gesellschaft, in der wir Leben, ein Stückchen wahrhaftiger, schöner und besser zu gestalten. Integrales Denken tut genau das. Das integrale Denken des amerikanischen Philosophen Ken Wilbers ist eine wunderbare Sache.
glaubdir schrieb am 26.07.2011 um 23:47
@julius herfurth, ein guter beitrag, gefällt mir. ganz nach dem motto, was nützt mir ein weltverbessender onlinebeitrag, wenn ich der oma im supermarkt die tür vor die nase knallen lasse. ;-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.07.2011 um 09:50
Danke!

Ein Anstoß, sich raus aus der eigenen Komfortzone des Lamentierens zu bewegen und mal wieder den Schritt zu tun zum Streiten (nicht zum Zanken) um die richtige Sicht der Dinge. Auch mit dem Ergebnis, das unterschiedliche Sichtweise ihre Bereichtigung haben können. Wenn es dann nur nicht bei diesem (ersten) Schritt bleibt.

Sehr gern gelesen.

Gruß

Meta
Jan Fremder schrieb am 27.07.2011 um 15:37
Wo fängt legitimes Einmischen an, wo hört es auf?

z.B. jemanden sagen, dass:
- ihm/ihr ein Kleidungsstück nicht steht
- eine bestimmte Person gut zu ihm passen würde (bis hin zur "Kuppelei")
- ein bestimmter Beruf / eine Ausbildung nicht zum Typ passt
- die Lebensführung aus Gesundheitsgründen besser zu ändern
usw.

Da ist die Grenze zur Bevormundung doch fließend.
Einzig beim letzten Punkt sehe ich es als legitim wirklich eine Einmischung zu unternehmen und ansonsten ist Meinung sagen, mehr als genug.

Mit vorlieb greifen doch gerade solche "Umfeld-Verbesserer" an den Stellen an, wo sie eben leicht was ändern können, bei denen die sich weniger widersetzen können. Nicht aus Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft, sondern aus dem Bedürfnis nach Selbstpropagierung.
Es wird den andern die eigene Ansicht übergestülpt. Und das hat nichts mit objektiven Maßstäben zu tun.
Ich halte nichts von dieser sozialen Optimierung. Damit treibt man Leute aus dem Leben und der gemeinschaftlichen Teilhabe hinaus, bis hin zum Suizid. Weil sie eben bei hinreichendem Verstand irgendwann merken müssen, an ihren eigenen Bedürfnissen in wesentlichen Punkten vorbeigelebt zu haben. Man haftet ohnehin immer selbst für das, was man tut. Und da ist es besser für die eigenen Fehler zu zahlen als die, die man auf anraten aus dem sozialen Umfeld gemacht hat.
Julius Herfurth schrieb am 27.07.2011 um 16:11
@Jan Fremder

Danke für die kritischen Worte.
Natürlich sind Grenzen zur Bevormundung, im Sinne der vorgebrachten Thesen, fließend. Die Gefahr, diese Zeilen als "dogmatisch" anzusehen, ist groß, da hast Du Recht. Ich stimme Dir zu: Meinung zeigen ist mehr als genug! Mein Eindruck ist aber leider der, dass genau dies heute immer weiter verschwindet. "Einmischen" soll hier nicht für "Lebensweise" aufzwingen stehen, und davon möchte ich mich klar und deutlich distanzieren.
Respekt im Umgang mit Anderen hat auch innerhalb dieses Denkentwurfes höchste Priorität. Wenn man dies bewerkstelligen kann, dann wird man schwierig Leute in den Suizid treiben, da man ihnen ihr Recht lässt, das Leben zu leben, wie sie es wollen. Man lässt es lediglich nicht unkommentiert. Ich denke, dass ein sensibleres Handlungs-Konsequenz-Denken unter uns nicht unangebracht wäre. Dass dies nicht durch diktatorischen Meinungsaufzwang zu bewerkstelligen ist, möchte ich hier auch noch einmal unterstreichen. Eine weitere Perspektive vorzubringen, soll nicht bedeuten, dass diese dann die fatalistisch korrekte ist. Und ein wenig soziale Optimierung täte einer Gesellschaft, in der ich zunehmend das Gefühl bekommen, die Leute erwarten immer sofort das Schlimmste von Einem, sicher gut.
Jan Fremder schrieb am 27.07.2011 um 16:23
@Julius Herfurth
Zitat: "Man lässt es lediglich nicht unkommentiert."

Bei einem schon starken / autonomen Selbst, ist das nicht nur nicht schlecht, sondern sogar hilfreich, da aus verschiedenen Handlungsmöglichkeiten ausgewählt werden kann.

Wo dies nicht der Fall ist, können auch schon Kommentare manipulativen Charakter haben. Es ist ja nicht unüblich, dass die Kommentare von Bezugspersonen, Erziehern und Umfeld verinnerlicht werden.
Und auf die damit einhergehende Gefahr habe ich hingewiesen.

Die Frage nach dem Kommentieren ist also nicht losgelöst von der Frage zu beantworten, wie jemand in die Situation versetzt wird, selbst wählen zu können.
Jan Fremder schrieb am 27.07.2011 um 16:25
PS: Wie gesagt ein paar Beispiele wären vielleicht nicht schlecht
Julius Herfurth
geboren am 25.05.1983 in Weimar, lebt und studiert heute in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität.
Mitglied seit:
1 Jahr 9 Wochen
Zuletzt aktiv:
27.07.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 1
Logbuch
18:41
wwalkie hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:41
Heiko Zorn-Bürger hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Alien59 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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rheinhold2000 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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