Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

16.10.2011 | 13:14

Bewegung 15. Oktober: Mehr als nur Protest gegen Banken

15.10.2011 – Heute versammeln sich weltweit Menschen auf Straßen und Plätzen, um gemeinsam zu protestieren und ihrer wachsenden Empörung Luft zu machen. Über den ganzen Globus verteilt beteiligen sich rund 1000 Städte in insgesamt 82 Ländern an den Demonstrationen.

In Deutschland locken entsprechende Veranstaltungen vor allem in Berlin, Frankfurt, München oder Köln tausende Menschen vom Sofa auf die Straße. Geschätzte 10000 Demonstranten ziehen in Berlin vom Alexanderplatz über das Brandenburger Tor bis zum Bundeskanzleramt. In Frankfurt haben sich rund 6000 Menschen vor der Europäischen Zentralbank (EZB) versammelt.

Von den Medien werden die Proteste der Einfachheit halber als Demonstration gegen die Macht des Bankensystems in Anlehnung an die amerikanische Protestbewegung „Occupy Wall Street“ dargestellt. In Wirklichkeit steckt jedoch weit mehr hinter der „Bewegung 15. Oktober“ als nur die Reaktion aufgebrachter Bürger auf die Selbstherrlichkeit von Banken und Finanzspekulanten.

Aus dem Jacob Jung Blog

 

Das beschränkte Verständnis der Konzernmedien

Ein Blick auf die heutigen Schlagzeilen der deutschen „Qualitätspresse“ zeigt, wie sich die konzernabhängigen Redakteure den Aufstand der Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt erklären. So titelt die FAZ „Occupy Wall Street: Die Protestwelle erfasst alle Kontinente“, die FTD „Nach Wall-Street-Demos: Zentausende protestierten gegen die Banken-Diktatur“ oder das Handelsblatt „Anti-Wall-Street-Demos: Es geht gegen die Banken“.

In der jetzigen Phase ist es opportun auf Banken und Banker, auf Finanzspekulanten und Geldmarkt-Jongleure zu schimpfen. Um sich dieser Haltung anzuschließen, braucht es kein revolutionäres Potenzial, keine Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen und schon gar keine Auseinandersetzung mit den Folgen des raumgreifenden Turbokapitalismus.

In Zeiten, in denen Rentner ihre Investmentberater entführen und brave Bürger vor Gericht auf die Beratungspflichten von Bankmitarbeitern pochen, ist es nicht schwer, den Zorn der spießigen Mittelschicht auf die Geldinstitute zu lenken. Diese haben immerhin Traumrenditen für das Ersparte versprochen und die gierigen Erwartungen ihrer Kunden nicht erfüllt.

Allerdings lautet das Motto der Protestbewegung nicht #more-money oder #raise-interest sondern eben #globalchange. Und das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dass sich etwas ändern soll. Die Position der Banken ist dabei nicht Ursache sondern Symptom. Symptom für eine politische Realität in immer mehr Ländern auf der Welt, die das Wohlergehen der Mehrheit schamlos und konsequent der Gier einer Minderheit opfert. Und genau hieran soll sich etwas ändern.

An dieser Stelle endet die Empathie der Konzernmedien und dass muss sie auch. Schließlich profitieren sie als Teil der herrschenden Verhältnisse selber davon, dass die Wirtschaft die Politik als Marionette betrachtet und leistet durch die Art ihrer Berichterstattung einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung dieser Struktur.

#globalchange ist also weitaus mehr als nur der Widerstand gegen Banken und Geldinstitute, gegen Krisen an den Finanzmärkten und hochverschuldete Staaten. Doch was verbindet die Menschen, die ab heute ihre Häuser und Wohnungen verlassen, um gemeinsam auf der ganzen Welt zu demonstrieren?

Kein Follow-Up von Occupy-Wall-Street

Für die Medien folgt die „Bewegung 15. Oktober“ dem „Occupy-Wall-Street-Movement“, greift deren Zielsetzung auf und trägt sie weiter in die Welt. Das klingt zwar schlüssig, entspricht aber nicht der Wahrheit.

Der Aufruf zu den heutigen Demonstrationen geht auf die spanische Protestbewegung ¡Democracia Real YA!“ zurück, die ihre Anhänger bereits ab März 2011 zur globalen Mobilisierung aufgefordert hatte. Die zentralen Ziele gehen dabei deutlich über den Protest gegen die Macht des Bankensystems hinaus und wurden in der Folge von vielen Bewegungen, Organisationen und Sympathisanten auf der ganzen Welt aufgegriffen und weiterentwickelt.

Besonders aktiv zeigte sich hierbei der deutsche Ableger der Protestbewegung, der unter seinem Namen „Echte Demokratie Jetzt“ bereits im Juni diesen Jahres unter dem Hashtag #worldrevolution zu den heutigen Demonstrationen aufgerufen hatte. Dennoch heißt es in annähernd jedem heute erschienenen Zeitungsbericht, die Bewegung ginge auf Occupy-Wall-Street zurück, wobei das Movement in den USA erst vor vier Wochen entstanden ist.

Natürlich geht es hier nicht darum, sich um die Urheberschaft der Protestbewegung vom 15. Oktober zu streiten. Es ist völlig unerheblich, wer erstmalig hierzu aufgerufen hat. Allerdings verschleiert diese Darstellung den Blick auf die eigentlichen Ziele der Bewegung und erzeugt den Eindruck, als ginge es hier lediglich darum, sich gegen die Machtbestrebungen von Großbanken zur Wehr zu setzen,

Demokratiebewegung mit weitreichenden Forderungen

Die Absichten und Ziele der Bewegung gehen weit über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bankensystem hinaus. Den Protesten liegt die besorgniserregende Beobachtung zugrunde, dass moderne Herrschaftssysteme zwar dem Namen nach demokratisch sind, in Wirklichkeit aber den Willen, die Bedürfnisse und die Forderungen der Mehrheit dem Einfluss einer reichen und mächtigen Minderheit opfern.

Immer mehr Menschen leben am Rande des Existenzminimums. Sie haben keine Aussicht auf einen sicheren und würdigen Arbeitsplatz, auf Bildung und Ausbildung und auf eine gesellschaftliche Teilhabe. Die Sozialsysteme werden unter dem Druck der Wirtschafts- und Finanzkrisen immer weiter herunter geschraubt. Die fortschreitenden Verarmung, Verelendung und Perspektivlosigkeit einer rasant wachsenden Bevölkerungsschicht auf der einen, ist dabei nur die logische Konsequenz der ausufernden Gewinne reicher Minderheiten auf der anderen Seite.

Die Bewegung 15. Oktober wendet sich gegen diese Entwicklung und fordert eine fortgeschrittene Form der Demokratie, in der tatsächlich die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund stehen. Sie tritt für gerechte Sozialsysteme, den kostenlosen Zugang zu Bildung und Ausbildung und einen fairen Arbeitsmarkt ein.

Die Rolle der Banken innerhalb dieser Systeme ist nicht mehr als eine logische Folge der fortschreitenden Liberalisierung der Märkte, der ausufernden Gier einer Minderheit nach immer höheren Profiten und der zunehmenden Bereitschaft der Politik, denen, die bereits den größten Teil der Vermögen besitzen, zu noch mehr Reichtum zu verhelfen.

Die internationale Demokratiebewegung und ihre Proteste am 15. Oktober 2011 auf eine bankenkritische Position zu reduzieren ist der Versuch, von ihren eigentlichen Zielen abzulenken. Politische Parteien und Organisationen springen auf den Zug auf, versuchen die Demonstranten für sich zu vereinnahmen und verwässern deren Forderungen auf ein Maß, dem sich vom Politik-Darsteller über den Konzernvorstand bis hin zum Großinvestor und Finanzspekulanten annähernd jeder anschließen kann.

Es geht um echte Demokratie und Mitbestimmung, um eine gerechte Verteilung von Ressourcen, um die Chancengleichheit aller Menschen, um einen fairen Arbeitsmarkt, einen behutsamen und nachhaltigen Umgang mit der Umwelt, um das friedliche Zusammenleben der Völker und um das Ende eines Systems, in dem wenige Mächtige und Reiche über die Lebensumstände und die Existenz der Mehrheit entscheiden.

Es liegt nun an den Anhängern der Bewegung, dafür zu sorgen, dass ihre Ziele und Forderungen in die Öffentlichkeit getragen werden. So erfreulich es auch auf den ersten Blick auch erscheint, dass die Medien in diesem Fall über die Proteste berichten (bei den bisherigen Proteste in Griechenland, Spanien oder auch in Deutschland war das nicht so): Hierin liegt auch eine große Gefahr. Überlässt es die Bewegung jetzt ausgerechnet den Konzernmedien, über sie zu berichten und ihre Ziele im Eigeninteresse zu interpretieren, dann verspielt sie hiermit ihrer Chance auf tatsächliche Veränderungen und überlässt es ein weiteres Mal den Reichen und Mächtigen, über ihr Schicksal zu entscheiden.

Politik Blog von Jacob Jung, 10/2011

 
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Kommentare
Gold Star For Robot Boy schrieb am 16.10.2011 um 14:54
Wie immer eine gute Analyse, Jacob!
Ein Nachtrag:Die Staatsmedien sind keinen Deut besser:

ARD-Umfrage 16.10.:Die angebliche Macht der Banken und die Ohnmacht der Politik: „ Es begann in New York mit „Occupy Wall Street“. Mittlerweile demonstrieren Menschen nicht nur in zahlreichen anderen US-Städten, sondern weltweit gegen die angebliche Macht der Banken und Ohnmacht der Politik. Teilen Sie die Kritik der „Occupy“-Bewegung?“

Drei „Fehler“ in einer Frage:
1. Es begann nicht in New York
2. Die Banken sind mächtig
3. Politik ist/war nicht ohnmächtig

tinyurl.com/3pqa4g3
Gold Star For Robot Boy schrieb am 16.10.2011 um 15:33
der Menschen einer schrieb am 16.10.2011 um 15:56
Klar, es liegt nahe, sich auch eigene Wunsch-Utopien in die Proteste zu verorten.

Nüchtern betrachtet sind es doch eher "Event-Demos" organisiert über Trojaner-Netzwerke wie Facebook & Co.

Das erinnert mich stark an den Hype, der in die Piraten-Partei hinein projiziert wurde; auch da bleibt abzuwarten, was am Ende dabei heraus kommt.

Ich fürchte schon mal vorsorglich, und zur Vermeidung von Frust, leider sehr wenig bis NICHTS!
Joachim Petrick schrieb am 16.10.2011 um 16:32
Dazu fällt mir nur ein:

Wer hat uns verraten?, nicht holländische Tomaten, es waren, es sind die Finanzaristokraten!“

Wer will uns weiter beraten und verladen?
Jetzt alle!

FINANZARISTOKRATEN!!“

Demokratie geht nicht mit Leiharbeitspersonal!“
Demokratie geht nur?
Jetzt alle!

„Mit STAMMPERSONAL!

Wer ist das STAMMPERSONAL?
Das VOLK
Wer ist das VOLK?
Jetzt alle!
„Wir sind das VOLK!“

„Weg mit dem Überhang an Leiharbeiter Qual!

Zerschlagt die global aufgestellt Fianzaristokratie! JETZT!"

siehe:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/aktionstag-15oktober-2011-jochens-hamburger-rede

16.10.2011 | 00:35
Aktionstag 15.Oktober 2011 „Jochens Hamburger Rede!“
hamburgaktionstag_15.oktoberoccupy_wallstreetweltfinanzkrisebankenkriseeurokrisefinanzaristokratierolf_breuerdeutsche:bankgoldman_sachsmorgan_stanleyiwfweltbanksarah_wagenknechtkapitalismusfinanzmafiavermögen_dr_völker
Mein Name ist Joachim Petrick
Ich bin Blogger bei www.freitag/Joachim Petrick.de

Völker Europas, Afrikas, Amerikas, Australiens, Asiens,
Bürger von Hamburg!,
fordert die Zerschlagung der weltweit aufgestellten Finanzaristokratie!
hscholtz schrieb am 16.10.2011 um 22:01
Der Artikel ist ein guter Ansatz und weist auf das jetzt auch von opportunistischen Gesellen betriebene Bankenbashing hin, obwohl dieses Bashing überhaupt nicht der Grund für die Bewegung ist. (und sowieso "verkürzte Kritik")

Allerdings labeln sie , warum auch immer, die Bewegung erstens als homogen und desweiteren als Bewegung für "Chancengleichheit aller Menschen, um einen fairen Arbeitsmarkt".

Die Anschlussfähigkeit von Medien und selbst Herrn Schäuble liegt doch genau in dieser affirmativen Haltung gegenüber dem Kapitalismus, den Teile der Bewegung innehaben. Aber eben nicht alle!

Ich persönliche möchte überhaupt keinen Arbeitsmarkt (auf Märkten verkauft man etwas, in diesem Fall seine Arbeitskraft) mehr, sondern basisdemokratisch-organisierte Arbeitsteilung für die Bedürfnisbefriedigung. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse sind überholt und müssen dringend abgeschafft werden, da sie nur noch weiteres Elend produzieren. Die Chance liegt auch im internationalen Charakter dieser Bewegung.

Wenn Presse und alteingesessene Parteien schon wieder die Richtung vorgeben, kann man es auch gleich bleiben lassen...
claudia schrieb am 17.10.2011 um 07:00
Gerade im Bayerischen Rundfurz gehört:

"Andreas Schmitz, der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Banken, räumt Fehler in der jüngsten Vergangenheit ein."

"Finanzbehörden erwägen weitere Ankäufe von "Steuersünder-CD's"

Zweifellos werden in den nächsten Tagen noch mehr Beruhigungspillen verteilt werden.

Sobald wir uns davon sedieren lassen werden sie den Spiess wieder umdrehen.

Das sagt uns die politische Erfahrung, die wir als Bürger ja haben...

Natürlich geht es nicht nur um Banken, sondern um ein Wirtschaftssystem, das über "Lobbyismus"* und Drohung mit "Investitionsemigration" eine absolutistische Herrschaft ausübt und uns immer grössere Schäden zufügt, die wir nicht mehr länger hinnehmen können.

*Lobbyismus = euphemisierende Umschreibung für Korruption.
silvio spottiswoode schrieb am 17.10.2011 um 15:14
Das trifft natürlich den Nerv, dass die Bewegung sich jetzt nicht vereinnahmen lassen darf, von Konzernmedien, um "nicht ein weiteres Mal die Reichen und Mächtigen über ihr Schicksal zu entscheiden zu lassen".

Stimmt völlig und ist selbstverstaendlich eine Gefahr; – mit der man aber umgehen muss. Wenn alles gut läuft verändern sich dadurch die Medien.

Mich persönlich beeindruckt einfach die hoffnungsvolle Stimmung und das grosse uneigennützige Engagement, mit dem da an die Sache rangegangen wird.

Die Idee, dass Wirtschaft dem Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt – die dann auch nicht an nationalen Grenzen halt macht, das ist etwas ganz Anderes, so radikal Neues. Wo bis vor ein paar Jahren von Regierungsseite in Deutschland noch "Ich-AGs" verordnet wurden, geht es plötzlich um das WIR, das Miteinander und um so grundsätzliche Fragen wie das Menschenbild und die Lebensgrundlagen einer Gesellschaft.

Die Konzernmedien offenbaren doch ihre volle Impotenz, mit gutgemeinten Statements wie beispielsweise, "Der Protest richtet sich gegen die Aussicht, als Generation der gebildeten Armen in die Geschichte einzugehen". (Stephan Hebel, FR "Leitartikel" S.11) Gott, wirf Hirn herab. Wer soetwas schreibt, hat doch wirklich Nichts kapiert, oder?

"Geschichte": Was für eine Geschichte soll denn da noch sein, bei schmelzenden Polkappen, überfluteten Küstenregionen, Klimawandel und Atomkatastrophen? "Arm", "Reich", nach wessen Masstab überhaupt. Dass wir alle ärmer sterben als unsere Eltern, damit haben wir uns doch schon längst abgefunden. Diese Freiheit haben wir uns hart erkämpft. Angesichts der Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen ist die Problemlage viel umfassender geworden: Die gesamte Lebensgrundlage steht doch mittlerweile zur Disposition. Der Erkenntnisgewinn wird da nicht unbedingt gefördert, wenn man in Kategorien wie Boni, Wachstum und Rendite denkt.

Wachstum ist erledigt und schon lange kein wirkliches Thema mehr, ausser vielleicht im Finanzwesen. Kein Wachtum, keine steigende Geldmenge. Deshalb hat ein Finanzsystem, das auf Krediten und Zinswesen aufgebaut ist auch keine Zukunft. Da hilft logischerweise kein Rettungsschirm. Wir stehen vor nichts weniger als einem Paradigmenwechsel. Bei aller Ratlosigkeit, angesichts der Dimension der Probleme, haben die Kids zumindest dies verstanden.
claudia schrieb am 17.10.2011 um 19:36
>>…dass Wirtschaft dem Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt<<

Ja.

von Billionen Piepen für Billionen Piepen gemacht
zu
von Milliarden Menschen für Milliarden Menschen gemacht
Das ist der gesellschaftliche Fortschritt, den wir erreichen wollen und erreichen müssen.

---
Wieder mal BR-Nachrichten: von der Leyhen kritisiert die freiwwillige Selbstverpflichtung der "Wirtschaft" für eine Frauenquote im Managment als unzureichend und betont wieder ihre Forderung, dass mehr Oberschichtlerinnen in Konzernvorstände aufsteigen müssen. K. Schröder hingegen sei "zufrieden". Die "Opposition" unterstütze die Position von v.d.L.

Das sind so die Sorgen, die diese weltabewandten Luxusleute umtreiben. Von dieser Hierarchieebene haben wir nichts zu erwarten ausser Hohn & Spott für unsere Sorgen.
Jacob Jung
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