Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

21.04.2011 | 15:44

Fiktion oder Wirklichkeit: Doku-Soaps als Bildungsfernsehen

21.04.2011 – Im privaten TV verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Gibt das Fernsehen die Wirklichkeit wieder oder erschafft es selber das Bild von einer Welt, in der Oben und Unten ebenso klar definiert sind wie Gut und Böse?

 

Gerichtsshows bei den privaten TV-Sendern

Begonnen hat alles mit den Gerichtsshows bei RTL und SAT1. Im Unterschied zu den frühen juristisch inspirierten Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sender von den 1960er Jahren an, steht hier die zwischenmenschliche Inszenierung, die Story und das gemeinsame Rätseln über einen „Fall“ im Vordergrund.

Der Zuschauer verfolgt ein fiktives Gerichtsverfahren aus der Position des Richters, ohne den tatsächlichen Tathergang, der zum Verfahren führte, im Vorfeld zu kennen. Gemeinsam mit dem Gericht bildet er sich im Laufe der Sendung ein Urteil und erhält am Ende, mit dem Richterspruch, die Auflösung des Falls.

Während es sich bei Angeklagten, Zeugen und Zuschauern um Laiendarsteller handelt, werden die Positionen der Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte mit echten Juristen besetzt, die unter ihren realen Namen agieren.

Als die ersten dieser Formate im Jahre 1999 auf Sendung gingen, wurden zunächst reale Fälle vor einem Schöffengericht verhandelt. Aufgrund der geringen Einschaltquoten haben sich die Sender ab 2000 zur Fiktionalisierung der Gerichtsshows entschlossen. So wurde es möglich, frei erfundene strafrechtliche Verfahren zu behandeln. Für echte Gerichtsverhandlungen in diesem Rechtsbereich gilt in Deutschland ein Übertragungsverbot.

 

Doku-Soaps als Spiegel der Welt

Durch die inhaltliche und konzeptionelle Veränderung der Formate konnten seit 2006 Marktanteile von rund 15 Prozent erreicht werden. Bestätigt durch diesen Erfolg entwickelten die privaten TV-Sender weitere pseudo-dokumentarischer Formate.

Mittlerweile sind die Zuschauer von RTL, SAT1, Pro7, Vox und anderen Sendern mit dabei, wenn Verdachtsfälle aufgeklärt, Schuldenberatungen durchgeführt, Erziehungsfragen optimiert, psychologische Probleme debattiert, Mahlzeiten zubereitet oder Auswanderer zurückgeführt werden. Der Unterhaltungswert der Sendungen ist unbestreitbar hoch. Ist man eines Familiendramas überdrüssig oder will man sich dem Werbeblock entziehen, so schaltet man auf ein anderes Programm um und taucht barrierefrei in eine andere Realfiktion ein.

 

Verschwommene Grenzen zwischen Fiktion und Realität

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass sich bei den beschriebenen Formaten durchgängig um Unterhaltungssendungen ohne Realitätsbezug handelt. Ein direkter und inhaltlich zutreffender Zusammenhang zur Wirklichkeit liegt hier ebenso wenig im Interesse und in der Intention der Macher wie bei der Produktion von TV-Krimis, Familienserien oder Soaps.

Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten ist allerdings der Einfluss, den die Gerichtsshows auf die Wahrnehmung der Zuschauer haben nicht verborgen geblieben. Vor deutschen Gerichten reagieren Angeklagte und Zeugen auf Maßregelungen durch den Vorsitzenden gerne mit dem Verweis darauf, dass dieses oder jenes Verhalten bei der Richterin Salesch oder dem Richter Hold gestattet ist. Anwälte müssen sich von ihren Mandanten nicht selten darüber befragen lassen, wann sie denn nun ihren Privatermittler einschalten und warum ein Angeklagter im RTL-Gerichtssaal ein geringeres Strafmaß erhalten hat als sie selber.

In Bezug auf Gerichtsshows ist es also offenbar geworden, dass viele Zuschauer mit der Differenzierung zwischen Fiktion und Realität überfordert sind und – was vielleicht noch schwerer wiegt – ihre vermuteten Kenntnisse aus den rein fiktiven Unterhaltungsformaten beziehen.

 

Die ganze Welt zu Gast auf Deinem Sofa

Beschränkten sich die Gerichtsshows noch auf die fiktive Darstellung der juristischen Welt, so haben weitere Doku-Soap-Formate mittlerweile eine Vielzahl anderer Lebensbereiche erfasst und prägen so unter den Zuschauern das Bild der vermeintlichen Wirklichkeit.

Ohne sich vom Sitzmöbel zu erheben, erhält man hier tiefe Einblicke in das Leben von Arbeitslosen, Kinderreichen, Verschuldeten, Auswanderern, Ausländern, Fahrlehrern, Schrottplatzbetreibern, Chefs, Ausreißern, Polizisten, Modells, Drogenabhängigen, Schönheitschirurgen oder Homosexuellen.

Die hier vorgestellten Personen und „Schicksale“ haben dabei nicht nur unterhaltende Wirkung sondern prägen vor allem auch Meinungen und Auffassungen der Zuschauer und vertiefen Vorurteile.

Hier bestätigt sich, dass Hartz-IV-Empfänger meist fett, faul und dumm und Verschuldete in der Regel selber schuld sind. Kinderreiche sind mit der Erziehung überfordert, Auswanderer sind zu dämlich, um sich vor ihrer Abreise über die Gegebenheiten im Zielland zu informieren. Schwule sind tuntig und Lesben sind dick. Modells sind zickig und Polizisten auch nur Menschen. Drogenabhängige haben es nicht anders gewollt und Schrottplatzbesitzer waschen sich vor dem Essen nicht die Finger.

Führt man sich vor Augen, dass die Betroffenen selber einen nicht unerheblichen Anteil der Zuschauer entsprechender Formate bilden, dann wird der traurige Fatalismus der verbreiteten Botschaften offenbar.

 

Doku-Soaps bringen Ordnung ins Chaos

Die Welt um uns herum ist kompliziert und gefährlich geworden. Die privaten Sender helfen dabei, sie zu verstehen und befreien die Zuschauer von der Aufgabe, sich selber ein Bild von der Realität um sie herum zu verschaffen. Sie vermitteln dem Zuschauer den Eindruck Bescheid zu wissen und die Welt zu kennen.

Und noch mehr: Sie sorgen sogar für Ordnung, denn sie definieren ganz klar wo Oben und wo Unten ist, was richtig und was falsch ist. Sie markieren den rechten Weg und warnen eindringlich vor den Folgen einer verkehrten Lebensführung. Sie zeigen Polizisten, Richter, Erziehungs- und Schuldenberater als aufopfernde Kämpfer für die Gerechtigkeit und deren „Klienten“ als verirrte Schafe, denen man durch das Fernsehgerät exakt so lange die Hand reicht, wie sie den Anweisungen von Beratern und Zuschauern willig folgen.

 

Zufall oder Strategie?

Nach einigen Stunden Fernsehkonsum ist dann die komplizierte Welt wieder aufgeräumt und gebrauchsfertig. Bis 19 Uhr sind die Zuschauer ausreichend auf die Nachrichtensendungen eingestimmt, in denen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit dann endgültig aufgehoben werden.

In einem bunten Potpourri aus Berichten über unbewaffnete libysche Rebellen, die Brüste von Pamela Anderson, die Risiken eines zu schnellen Atomausstiegs, den Hundesalon von Michele oder den jüngsten Ehrenmord im Ruhrgebiet ordnet sich selbst die große weite Welt zu einem anschaulichen und verständlichen Modell.

Die privaten Programmverantwortlichen rechtfertigen sich damit, dass sie in ihrer Quotenorientierung nur das aufgreifen, was ohnehin der mehrheitlichen Auffassung entspricht.

Die Einhelligkeit der vermittelten Bilder und Klischees spricht allerdings eher dafür, dass dieses hohe Maß an Vulgarität ganz bewusst genutzt wird, um Meinungen zu bilden, idealtypische Gesellschaftsbilder zu prägen und letztlich dafür zu sorgen, dass die Chance auf Veränderung an der Trägheit der Masse scheitert.

Gerichtsshows, Nachmittags-Talks, Doku-Soaps, Boulevard-Magazine und Nachrichtensendungen bauen geschickt aufeinander auf und verführen die Zuschauer zum Verharren in einer gemütlichen, passiven und denkfaulen Welt, in der alles seine Ordnung und jeder seinen angestammten Platz hat.

 

 
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Kommentare
TheHungryCow schrieb am 21.04.2011 um 16:09
"Fernsehn bildet, mein Mann, viel wo man was lernen kann...", um einmal eine Akteurin aus einer aktuellen Folge der bekannteren "Doku-Soaps" auf RTL2 zu Wort kommen zu lassen. Dem ist meiner Meinung nichts mehr hinzuzufügen, außer möglicherweise, dass für mich persönlich das TV-Format sowieso ausgestorben ist. Am Pc kann ich mir mit Hilfe des Internets immerhin noch aussuchen, wodurch ich mich verdummen lasse.
Ein ansprechender Beitrag ihrerseits allemal, hier scheine ich wohl eher wieder etwas dazuge- als verlernt zu haben.
Liebe Grüße
die hungrige Kuh
KalleWirsch schrieb am 21.04.2011 um 16:57
Es mag knickerig erscheinen, aber die Richtershows waren nicht der Anfang. Viel früher ging die "Fahrschule" als erste Doku Soap der heutigen Art auf Sendung. Die Mutter des Ganzen, aber mit weitaus höherem Niveau und mehr Anspruch noch, waren die Fußbroichs auf WDR.

Was alle von dir angesprochenen Formate vereint, ist ihre gewinnoprimierte Machart. Ich glaube, das ist die ganze Verschwörung an der Sache. Es ist durch und durch kapitalistisches Fernsehen. Eine Soapfolge kostet knappe 10.000 €. Da lässt sich eine enorme Gewinnspanne mit erzielen. Noch effektiver sind Dokusoaps, weil sie noch weniger kosten. Da reichen eben ein oder zwei Redakteure vor Ort, die entweder eine geskriptete Geschochte haben, oder die teils sogar reale Geschichte aufpimpen. Die Redakteure und der Staff sind für TV Verhältnisse übel bezahlt und mit Praktikanten hoch versorgt. Wenn der Sender nun ein Dokusoapformat rausbringt und das floppt, dann geht ihm das am allerwertesten vorbei. Die Ausgaben sind sehr gering gewesen. Quasi Portokasse. Wenn das Ding einschlägt, dann ist die Gewinnspanne enorm. Ich bin überzeugt, wenn die Leute sich für die (im übrigen komplett ausgedachten) X-Diaries nicht interessieren würden, dann gäb es das nicht mehr. So wie es fast keine nachmittäglichen Talkshows mehr gibt. Aber was bleibt ist der Billig TV Sektor, weil Fernsehen eben Kapitalismus pur ist.

Das hier nur Klischees rausgehauen werden liegt einerseits daran, dass man die beste Quote macht, wenn den Leuten das bietet, was sie eh denken. Andererseits aber auch daran, dass man Zeit und damit auch Geld braucht, um gute, differenzierte Geschichten zu erzählen. Wenn ich das will, dann muss ich Geschichten mindestens bei ner Weekly Serie erzählen oder besser noch in nem 90 Minüter. Oder anstelle Dokusoap eben eine richtige Dokumentation machen, die eine Menge Arbeit beinhaltet und somit kostet. 37° ist nun mal teurer als das perfekte Dinner.

Die Bereitschaft vieler Menschen das Fernsehen als Realität anzunehmen ist erschreckend, aber nicht neu und vor allem nicht rein privat. Schon Herr Wussow wurde auf der Strasse um medizinischen Rat gefragt, wie Frau Marjan (als Kinderlose) um Erziehungshilfe.

Ich selbst gucke den Quatsch ja manchmal ganz gerne, allerding dann im Netz wann ich will, mit weniger Werbung. Klar ist das mieser Fernsehstoff, Trash eben und in den allermeisten Punkten der Kritik gebe ich dir vollkommen recht. Ich kann mich nur trotzdem über einige der Sachen amüsieren und ich habe ein tragisches Faible für schlechte Darsteller.

Und ich glaube, es steckt kein System dahinter. Es ist eine simple Gewinnoptimierung. Worüber ich mich wirklich ärgere, ist, dass das Erste zum Beispiel der Hauptauftraggeber für Daily Soaps ist. Das ist den Privaten mittlerweile zu teuer. Ich finde nur, seit dem es Privatfernsehen gibt, sollten die Öffentlich rechtlichen sich aus dem Geschäft zurückziehen und sich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren, damit es ein Gegengewicht gibt.
Und ich gebe zu RTL Nachrichten bereiten mir auch Bauchschmerzen.
Knüppel schrieb am 21.04.2011 um 17:28
Ich könnte es "amüsant" finden, wenn nicht diese unglaubliche Verwechslung von Realität und Fiktion bereits so weit fortgeschritten wäre, dass ich von - sorry! - planmäßiger Verblödung reden möchte ...

Beispiele:

Eine Figur in der Endlos-Soap "Lindenstraße" sitzt seit vielen Folgen im Rollstuhl. Als dieser Schauspieler von einer Zuschauerin im Alltagsleben entdeckt wird, sagt sie völlig entgeistert: "Herr Dr. ...., Sie können ja gehen!"

-----------

Als vor Jahrzehnten "Die Konsequenz" im Fernsehen lief (für die später Geborenen: "Der Sohn eines Gefängnisdirektors? verliebt sich in einen Strafgefangenen, sie haben auch Sex und alles wird schließlich furchtbar tragisch, schluchz" ...)
Eine Zuschauerin schreibt anschließend einen Leserbrief, in dem sie "den Beiden alles Gute wünscht ..."

-----------

usw. usw. ...

Harmlos, oder besorgniserregend?

Wenn man bedenkt, dass diese Leute aktives und passives Wahlrecht haben ... :-)
KalleWirsch schrieb am 21.04.2011 um 20:43
Ich glaube, es ist eine Illusion, dass die Menschen früher schlauer waren. Und wählen durften sie auch.
Matthias Goetzke schrieb am 22.04.2011 um 00:16
Wow - das ist ein gelungener Artikel! Vielen Dank für die anschauliche Zusammenfassung des Phänomens. Da wir anscheinend nur 0,00001% der Wirklichkeit bewusst wahrnehmen, ist Fernsehen und deren Informationen nicht zu unterschätzen.

Wenn man in Problemen denken möchte, wäre eines davon die Bevölkerung an sich - die sich dieser Berieselung massenhaft hingibt. Das andere "Problem" sind natürlich die, die das Programm gestalten.

Sofern man in Lösungen denken möchte, gibt es die Wahl zwischen:
- "Der Freitag" durchstöbern und sich auch auf anderen Medien weiter zu bilden
- selbst nicht mehr fern zu sehen
- bewusst durch die Welt gehen und mehr von der Wirklichkeit wahrnehmen als von der "Wirklichkeit". Mal wieder eher einen Spaziergang im Wald machen, an einen See fahren, den Körper bewegen und spüren anstatt sich berieseln zu lassen.

In diesem Sinne noch eine gute Nacht!
Jacob Jung
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