Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

26.10.2011 | 13:52

„Ich kann Dich einfach nicht mehr sehen“ – Angela Merkel

 26.10.2011 – Am letzten Wochenende ist es passiert. Die Kanzlerin landet als erste auf der neuen Bahn des Frankfurter Flughafens und hält anschließend die Festrede zu deren Inbetriebnahme. Die Ansprache wird zehn Minuten lang im hr-Fernsehen übertragen. Und mir wird klar: Ich kann sie einfach nicht mehr sehen.

Ich mag noch nicht einmal mehr über sie lachen. Nicht über ihre minimalistische Mimik oder ihre erstarrte Frisur, nicht über den watschelnden Gang und ihre unbeholfenen Gesten. Selbst ihre eigenartige Sprache oder ihre einfallslose Kleidung amüsieren mich nicht mehr. Ende. Schluss mit lustig.

Nicht, dass ich irgendwann einmal ein großer Anhänger gewesen wäre. Aber ich war zumindest immer etwas neugierig auf sie: Was wird sie sagen, wie wird sie sich verhalten, wie wird sie aussehen? Alles weg. Es interessiert mich nicht mehr. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich sie zum nächsten Mal sehen, wenn sie sich als 90-jährige Altkanzlerin am iRollator in Maybrit Obermanns Mosaik-Studio portiert.

Aus dem Jacob Jung Blog

 

Warum gerade jetzt?

Ich denke darüber nach, warum meine Abneigung gerade jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Vielleicht liegt es an der Ignoranz, mit der sie bei ihrer Ansprache Roland Koch erwähnt. Der hatte dem Bauunternehmen Bilfinger Berger im vergangenen Jahr den Auftrag über den Bau der Frankfurter Landebahn für 80 Millionen Euro zugeschustert und dazu unter anderem sein Wort vom Nachtflugverbot gebrochen. Im Gegenzug bekleidet er bei dem Bauriesen jetzt das Amt des Vorstandsvorsitzenden.

Vielleicht liegt es daran, dass sie auf die Tötung von Muammar al-Gaddafi zwar nicht mit großer Freude reagiert, in diesem Zusammenhang aber doch immerhin davon spricht, dass „mit dem heutigen Tag der Weg für einen demokratischen Neuanfang in Libyen endgültig frei ist“ und im Namen von uns allen Unterstützung zusichert, ohne irgend jemanden auch nur zu fragen, ob er damit einverstanden ist.

Vielleicht liegt es auch daran, dass sie mittlerweile die wenigen europäischen Entscheidungen, die sie überhaupt noch trifft, mit Sarkozy und einer Handvoll Bankster hinter verschlossenen Türen ausbaldowert und sich Einmischung und Nachfrage hierzu verbittet. Oder dass sie auf „Echte Demokratie Jetzt!“ mit One-Way Solidarität reagiert und Seibert zwitschern lässt, sie sehe sich von den Protesten in ihrem „Kurs“ bestätigt.


Inhaltsleer, arrogant, ignorant

In jedem Fall liegt es aber daran, dass die Kanzlerin keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass sie Entscheidungen ohne die geringste Berücksichtigung dessen, was die Bevölkerung will, durchprügelt. Dass ihre nichtssagenden Äußerungen, ihre leeren Worthülsen, ihr arroganter Umgang mit Kritikern und Fragestellern und ihre Ignoranz gegenüber jedem Einwand überdeutlich zeigen, dass ihre Rechtfertigung vor der Öffentlichkeit nicht mehr ist, als eine lästige Pflichtübung und ein letzter Rest demokratischer Tradition.

Sie pflegt intensive Kontakte zu Diktatoren, sie macht den Verkauf von deutschen Rüstungsgütern zur Chefsache und versorgt Unrechtssysteme mit Waffensystemen. Sie liefert die moralische Rechtfertigung für Kriege und Tötungsorgien auf fremden Territorien und sie schafft Tatsachen, unter denen wir alle über Jahre und Jahrzehnte zu leiden haben werden, während sie selber längst ihre postpolitische Karriere als Beraterin, Autorin, Interviewpartnerin, Vorstands- und Aufsichtsratsmitglied angetreten haben wird.

Deutlicher könnte Angela Merkel nicht zeigen, was sie von „ihrem Volk“ hält: Sie bekundet unermüdlich die Alternativlosigkeit ihres Handelns. Sie spricht damit jedem das Recht und die Fähigkeit ab, Umstände interpretieren und Entscheidungen bewerten zu können. Sie erklärt sich selber zum Maßstab aller Dinge, macht es sich im Zentrum der Macht bequem, wo sie alleine bestimmt, wann und über was sie sich öffentlich äußert.

Für eine Angestellte ist das ein reichlich eigenartiges Verhalten gegenüber ihren 80 Millionen Arbeitgebern.

 

 
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Kommentare
silvio spottiswoode schrieb am 26.10.2011 um 16:58
C'est génial Jacob!

Mit der musikalischen Untermalung ein richtiges kleines Gesamtkunstwerk (– aber Achtung, Aznavours "Tu t'laisses aller" ist ein echt schräges LIEBES-lied!!). ;D

Auch was Du da über Roland Koch schreibst hat mich sehr gefreut. Die filzigen Nachwehen seiner Amtszeit gehen immer noch tief: Von den ausgebremsten Steuerfahndern des Frankfurter Finanzamts, die mit Befehl von ganz oben bei der Commerzbank abgezogen wurden, über die Parteispendenaffäre mit der "Zaunkönig" Stiftung; da tun sich Abgründe auf.
Jacob Jung schrieb am 26.10.2011 um 17:04
Vielen Dank, Silvio! Über Deine Worte habe ich mich sehr gefreut. LG, Jacob
Dennis82 schrieb am 26.10.2011 um 17:18
Danke für den Beitrag. Unterschreibe ich so.

Ich glaube selbst bei Volker Pispers ist es inzwischen soweit. Er meinte ja auch mal, er sei immer genauso gespannt auf dass, was Merkel gleich sagen wird wie sie selber. Wenn sie so da steht. Wie sie halt so da steht.

Die Merkel nehmen die meisten nicht Ernst. Dabei ist sie ein gerissenes Biest - und nicht nur als Anagramm ein Bankenzinsluder.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.10.2011 um 17:49
Mit Verlaub, mein Herr: Weshalb kotzen Sie sich hier öffentlich über Frau Merkel aus? Mich schaudert's bei dem Anblick Ihres krumm gebeugten Kreuzes und der Eimer scheint mir überzulaufen.
Schwer verdauliche Kost, die mir den Magen umdreht, meide ich, mein Herr.
Versuchen Sie's, es hilft oder wollen Sie gar wem gefallen?
Jacob Jung schrieb am 26.10.2011 um 17:53
Meinem Magen geht es prima. Ihre Reaktion ist der eigenen Fanatsie geschuldet und entzieht sich gleichermaßen meinem Einfluss als auch meinem Interesse.
Magda schrieb am 31.10.2011 um 15:43
Ich lese Sie seit geraumer Zeit schon nicht mehr. Ich kann Sie nicht mehr lesen.

Alles, woran sie so unter Merkel leiden, haben kann man anderen Kanzler und Politikern hierzulande auch vorwerfen. Ich finde Ihren Stl holzhammermäßig unelegant und dröge.

Meine Güte, Sie als Mann, der sich als "links" versteht: Nix, aber auch gar nix gelernt. Genau so krachledern und reaktionär wie jeder beliebige Konservative am Stammtisch auch.
Diesen Politikerinnenhass finde ich persönlich ohnehin verdächtig, wird auch meist an Frauen abgearbeitet oder an Schwulen.

Danke für den Anschaungsunterricht
mit vorzüglicher Verachtung
Jacob Jung schrieb am 31.10.2011 um 15:47
Aber Sie haben es doch gelesen...
ed2murrow schrieb am 02.11.2011 um 12:45
Sich an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu reiben, dient ja bekanntlich der eigenen Popularität, lieber JJ. Alleine in Ihrem Blog-Teaser lese ich Jacob Jung ganze 6 Mal. So billig ist auch dieses Artikelchen.
Ullrich Läntzsch schrieb am 03.11.2011 um 12:54
Lieber Jacob Jung,

bin gerade erst durch Magdas Kritik hierher gelangt. Und habe es sehr gern gelesen. Die Kritik wundert mich vort allem deshalb ganz besonders, weil ich noch nie so viel Bilder Merkels auf einmal sah, die ihr in einem Maße schmeicheln, wie ich es niemals könnte.

Auch wundere ich mich über dies späte Auftauchen dieses Gefühls. Oder war dies der Rhetorik geschuldet?

@ Dennis82

Richtig, man soll sie nicht unterschätzen. Wie oft ich auch immer auf ihre Dummheit hinweise, so beherrscht sie eines meisterlich, das Spiel auf dem Klavier der Macht. Allein es nützt ihr nicht mehr viel - so wenig das Klavierspiel einen Einfluß auf den Kurs der Titanic hatte.

Ihre Melodei, egal wie fein vorgetragen, Volle Kraft voraus, ist dabei sich als fatal zu erweisen.

Doch es gibt auch eine Chance. Jetzt könne wir sie vorantreiben, z.B. mit dem Mindestlohn.

Wir müssen es nur wollen - und

OCCUPY MINDESTLOHN

auf die Tagesordnung setzen.

Sie hätte keine Chance sich dem zu entziehen.

Siehe auch

www.freitag.de/community/blogs/rick/scheitern-wir-an-55-cent

Allerbeste
Ullrich Läntzsch
Jacob Jung
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