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Wenn ich früher auf die Vorwürfe meiner Mutter, den Muttertag mal wieder vergessen zu haben entgegnete: „Das ist doch ein Nazi-Feiertag, so was feiern wir nicht!“, dann war das eine reine Schutzbehauptung.
Da die Behauptung aber so ungemein wirksam war, habe ich es immer unterlassen, sie zu überprüfen. Heute hole ich das nach.
Die Tradition der Ehrung der Mütter geht auf zwei Amerikanerinnen zurück. Ann Maria Reeves Jarvis (1832 - 1905) hatte bereits 1858 die „Mothers Days Works Clubs“ gegründet, deren erklärtes Ziel darin bestand, Arbeiterfamilien mit Medikamenten und Haushaltshilfen zu unterstützen und so der hohen Kindersterblichkeit entgegenzuwirken.
Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) weitete Ann Maria Reeves Jarvis ihr Engagement aus und organisierte „Mother´s Friendship Days“, um sowohl die Verwundeten der Nord- als auch der Südstaaten zu versorgen. In der Nachkriegszeit veranstaltete sie ab 1865 Sitzungen von Soldatenmüttern beider Kriegsparteien und setzte sich für die Begründung eines Muttertags ein, der unter dem Zeichen von Pazifismus und Sozialdienst stehen sollte.
Fast gleichzeitig kämpfte auch Julia Ward Howe (1819 - 1910) für einen politisch ambitionierten Ehrentag aller Mütter. 1870 forderte die bekannte Führerin der amerikanischen Frauenrechtspartei in ihrer „Mother´s Day Proclamation“ die Einführung eines Muttertags, der in ihrer Vorstellung ein Protesttag gegen den Krieg sein sollte.
Die Tochter von Ann Maria Reeves Jarvis, Anna Marie Jarvis, setzte das Engagement ihrer Mutter nach deren Tod fort. Am 12. Mai 1907 organisierte sie einen Gedenkgottesdienst zu Ehren ihrer Mutter und kämpfte fortan für die Einführung eines „Tages der Mutter“. In den USA erfolgte dessen Anerkennung als offizieller Feiertag im Jahre 1914.
Am 8. Mai 1914 verabschiedete der US-Kongress die „Joint Resolution Designating the Second Sunday in May as Mother's Day“ und führte den Muttertag damit als nationalen Feiertag ein. Als Anna Maria Jarvis allerdings feststellte, dass mit der zunehmenden Verbreitung des Muttertags vor allem dessen Kommerzialisierung in den Vordergrund trat, distanzierte sie sich von ihrer eigenen Bewegung und kämpfte stattdessen erfolglos für eine Abschaffung des Feiertags.
Das US-amerikanische Modell vom Ehrentag der Mutter verbreitete sich rasch über die gesamte westliche Welt. In Deutschland setzte sich der Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber ab 1922 für dessen Einführung ein und warb mit Plakaten „Ehret die Mutter“ in den Schaufenstern seiner Verbandsmitglieder um Blumenkäufer. Die Bemühungen des deutschen Verbandes, den Muttertag als offiziellen Feiertag einzuführen, blieben allerdings zunächst fruchtlos.
Erst 1933 proklamierten die Nazis den „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“, der am 20. Mai 1934, gleichzeitig mit der Einführung des NS-Mütterdienstes, erstmalig begangen wurde. 1938 wurde zudem von Adolf Hitler das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ per Reichsverordnung gestiftet und am 21. Mai 1939 erstmalig verliehen. In der Präambel der Verordnung hieß es: „Als sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter stifte ich das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter.“ Die erste Trägerin war Louise Weidenfeller aus München, Mutter von acht Kindern.
Drei Voraussetzungen mussten vorgeschlagene Mütter damals erfüllen, um das Ehrenkreuz erhalten zu können: Sie musste erstens „deutschblütig“ und zweitens „sittlich einwandfrei“ sein. Drittens mussten ihre Kinder lebend geboren worden sein. Je nach Anzahl der Kinder erfolgte die Verleihung des Ehrenkreuzes in drei Stufen: Mütter von vier oder fünf Kindern erhielten das Ehrenkreuz der dritten Stufe, Mütter von sechs oder sieben Kindern das Abzeichen der zweiten Stufe. Ab acht Kindern erfolgte die Verleihung des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter mit Stufe eins.
In der Bundesrepublik wurde der Muttertag gesetzlich nicht verankert. Stattdessen handelt es sich bei der Festlegung des bis heute gültigen Datums für den nicht-gesetzlichen Feiertag um eine Übereinkunft verschiedener Wirtschaftsverbände.
Ursprünglich war der Muttertag also als Tag des Friedens, des Pazifismus und der Solidarität konzipiert worden. Die Verbreitung des Feiertags in den USA ging mit einer zunehmenden Kommerzialisierung einher, die von deutschen Blumenhändlern in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts interessiert aufgegriffen wurde. Zum gesetzlichen Feiertag wurde der Muttertag in Deutschland erst durch die Nazis erklärt, die den Tag ab 1939 zum Anlass für die Begründung ihres religiös anmutenden, völkischen Mutterkults nahmen, der in der Verleihung von geschätzten zehn Millionen Ehrenkreuzen der Deutschen Mutter gipfelte. Das Mutterkreuz darf in der BRD übrigens erst seit 1957 nicht mehr offiziell geführt werden.
Heute hat meine Mutter offiziell darauf verzichtet, am Muttertag geehrt zu werden.
via Jacob Jung Blog (bebilderte Version)
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Muttertag, ph - heute ist vor allem erstmal "Tag der Befreiung".
Hier ein Text von mir, der auch mit Frauen und Krieg und Befreiung und so etwa zu tun hat. Ist schon ein Jahr alt. www.freitag.de/community/blogs/magda/die-bitterkeiten-der-befreiung Ich jedenfalls bin ein Befreiungskind. |
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Danke Jacob und danke Magda!
Jacob für den geschichtlichen Abriß, der ja doch das Fragezeichen zurückläßt, was der "Muttertag" hierzulande nun eigentlich sein soll. Magda für die Wortergreifung zugunsten des "Tages der Befreiung"! Offenbar liegt hier eine tiefe Bresche zwischen Ost und West, die sich auch nie mehr schließen wird. Ich plädiere auch für den "Tag der Befreiung"! Und das nicht nur, weil der "Muttertag" für mich schon immer, d.h., seit der 'Wende', den Muff des in Westdeutschland so gepflegten Rollenbildes vom Hausmütterchen, das sonst nichts zu sagen hat, mit sich führte. Der "Tag der Befreiung" hat einen glasklaren historischen Bezug, der sich auf den 8. Mai festlegen läßt! Und dieser Bezug ist ja alles andere, als irgendein Fixpunkt in der Geschichte. Dieses Datum dann mit so einem Wischiwaschi-Ehrentag zu besetzen, spricht eigentlich Bände für die Probleme, die Westdeutschland mit der Bewältigung des Kriegsendes hatte und eben hat. Wären da nur nicht diese "Roten" aus dem Osten gewesen, die dummerweise Deutschland (auch) befreit haben. Man stelle sich doch einmal vor: Wir haben heute keinen Feiertag mehr, der das Ende des Nazikrieges feiert!?! |
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schrieb am
09.05.2011 um 21:14
"Man stelle sich doch einmal vor: Wir haben heute keinen Feiertag mehr, der das Ende des Nazikrieges feiert!?!"
Habt Ihr auch nicht. WIR haben heute ein Feiertag. Auch ein gesetzlicher. |
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C праздникoм!
К сожалению, здесь у нас печальное положение! |
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schrieb am
09.05.2011 um 23:47
Спасибо...
У братьев Стругацких есть такой роман, где протагонист - советский комиссар - попадает в критическую ситуацию на второй мировой войне и, за секунду до того, как его застрелят, ему удаётся сбежать. В будущее. На очень много лет вперёд. Туда, где уже коммунизм и все люди на самом деле братья. Способ перехода в будущее ему перед этим рассказал один учёный-физик. И вот всё у него хорошо там в будущем, он в безопасности, находит себе сразу же друзей и т.д., всё конкретно в порядке... только душа болит невыносимо, прямо на части рвётся... потому что чувствует он себя дезертиром. Предателем. И тогда он пишет записку своим друзьям: Ребята, вы построили такой замечательный фантастический сказочный мир, в котором так хорошо жить. Но я, наверно, не имею права здесь оставаться, потому что если бы мы все тoгда дезертировали, то коммунизм не был бы построен никогда. Поэтому вы оставайтесь здесь и делайте дальше своё дело. Это очень важно, чтобы вы дальше делали. А я вернусь обратно на войну и доделаю своё... И он возвращается. Под пули. Чтобы доделать своё дело. А потом его, конечно, убивают... И вот я хочу сказать, что если мы не справимся с мировой революцией и не построим коммунизм, то все мы просто дезертиры... |
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@Lara
Danke für die Erzählung! Wie heißt dieser Roman? Ja, daher, dass die Deutschen heute keinen Feiertag zum Kriegsende (mehr) haben, wird der Kampf aller gegen das Naziregime im Grunde verachtet. Allerdings ging es ja - seitens der Alliierten - vor allem um den machtpolitischen Sieg über Hitler. Weniger um eine bessere Welt, wie in dem Roman der Strugatzkijs. Gut, bei den Sowjets ging es natürlich wesentlich um die Verteidigung ihrer Heimat. Um den "Vaterländischen Krieg." Aber auch die idealistischen Kämpfer in Deutschland gab es; wie etwa den kommunistischen Widerstand und freilich auch andere Antifaschisten. Vor allem deren aufopferungsvoller Kampf - eben nicht im Militär - ist fast völlig vergessen. Und dass ist eben eine Schande. Auch wenn die letztendlichen Weltanschauungen derer, die gegen Hitler kämpften, sehr verschieden waren, so weiß "der Deutsche" heute offenbar kaum noch, wie sein Land den Übergang in den Frieden schaffte. Vergleichbar denen, auf die der Kommissar in dem Roman in der Zukunft trifft. Man stelle sich vor, jemand würde heute aus einem Schützengraben des 2. Weltkrieges zu uns reisen ... |
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schrieb am
11.05.2011 um 02:29
@Miauxx
Der Roman heißt "Fluchtversuch". Hier ist der Link: www.rusf.ru/abs/books/pkb01.htm Eine ausführliche Antwort auf Dein Kommentar kommt morgen... bin jetzt müde. Gute Nacht für heute. :) |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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