Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

06.12.2011 | 16:33

OECD-Studie: Erhebliche Kluft zwischen Arm und Reich

6.12.2011 – Eine aktuelle Studie der OECD analysiert die Ungleichheit der Einkommen in den führenden Industrienationen. Die Untersuchung, die gestern unter dem Titel „Devided we stand“ veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland seit 1990 deutlich stärker gewachsen ist als in den meisten anderen OECD-Ländern.

OECD-Generalsekretär Angel Gurria warnt davor, dass eine zunehmende Ungleichheit nicht nur die Wirtschaftskraft eines Landes schwächt sondern auch den sozialen Zusammenhalt gefährdet und politische Instabilität schafft.

Die Studie widerlegt die weit verbreitete Annahme, dass Wirtschaftswachstum automatisch allen Gruppen innerhalb der Bevölkerung gleichermaßen zugute kommt.

Aus dem Jacob Jung Blog

 

Sozialer Wandel seit 1990

Seit 1990 ist die Einkommensungleichheit in Deutschland erheblich gewachsen. Im Jahr 2008 verdienten die obersten 10 Prozent der Bezieher von Einkommen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 57.300 Euro rund achtmal so viel, wie die untersten 10 Prozent, die es lediglich auf 7.400 Euro pro Jahr brachten. In den 1990er Jahren lag dieses Verhältnis noch bei sechs zu eins.

Seit 1990 stieg das verfügbare Haushaltseinkommen in Deutschland pro Jahr um 0,9 Prozent. In der untersten Einkommensklasse kamen hiervon allerdings lediglich 0,1 Prozent an, während die oberste Einkommensklasse von einer jährlichen Steigerung von 1,6 Prozent profitierte.

Die Haushaltseinkommen basieren zu 75 Prozent auf Löhnen und Gehältern. Alleine in den letzten 15 Jahren ist, bezogen auf die Vollzeitbeschäftigten, der Abstand zwischen den untersten und den obersten Einkommen um rund 20 Prozent gewachsen.

Darüber hinaus ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten seit 1984 um 11 Prozent auf 22 Prozent gestiegen. Während 1984 knapp drei Millionen Menschen in Teilzeit beschäftigt waren, sind es heute mehr als acht Millionen. Geringverdiener kamen vor 20 Jahren im Durchschnitt noch auf 1000 Arbeitsstunden pro Jahr. Heute sind es lediglich 900 Stunden.

Die bedenkliche Entwicklung wird durch den sozialen Wandel verstärkt. Während es auf der einen Seite immer mehr Single- und Alleinerzieher-Haushalte gibt, finden auf der anderen Seite immer mehr Paare in der gleichen Einkommensgruppe zueinander, so dass sich die Einkünfte dort potenzieren.

Bereits im Juli 2011 hatte die UNO das deutsche Sozialsystem hart kritisiert und hierbei vor allem auf die bedrohlich wachsende Kinderarmut hingewiesen. Der zuständige Ausschuss der Vereinten Nationen zeigte sich tief besorgt und bemängelte vor allem die Ungerechtigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt, im Gesundheits- und im Sozialwesen.

Notwendige Gegenmaßnahmen

Der Staat hat die Möglichkeit, die Einkommensunterschiede in der Bevölkerung durch Steuern und Transferleistungen zu reduzieren. In Deutschland wurde der entsprechende Umverteilungseffekt allerdings seit 2000 um vier Prozent reduziert. Zusätzlich wurde die Höhe von Unterstützungsleistungen im gleichen Zeitraum deutlich zurückgefahren.

Die OECD Studie empfiehlt verschiedene Maßnahmen, um den wachsenden Trend zu immer größerer Ungleichheit zu stoppen. Zum einen müssen Investitionen in hochwertigere Arbeitsplätze mit echten Entwicklungs- und Karrierechancen und eine bessere Bildung und Ausbildung getätigt werden. Zum anderen müssen Einkommenssteuern progressiver gestaltet, Steuererleichterungen für Besserverdiener abgeschafft und Steuern auf Vermögen und Grundbesitz eingeführt bzw. ausgebaut werden. Zusätzlich spielen staatliche Transferleistungen eine immer wichtigere Rolle, da sie die Verluste für Menschen mit niedrigem Einkommen ausgleichen.

Es ist beschämend, in welch geringem Ausmaß die bedenkliche Entwicklung durch die Politik wahr- und ernstgenommen wird. Wiederholte Untersuchungen und Warnungen von UNO und OECD verhallen unbeachtet.

Während Union und FDP weiterhin alles dafür tun, die soziale Lage in Deutschland einem möglichst wirtschaftsfreundlichen Klima unterzuordnen, fordert Altkanzler Gerhard Schröder unwidersprochen die Anerkennung und Würdigung seiner „Agenda 2010“, die eine der Hauptursachen für die derzeitige Situation bildet. Die Grünen stellen mittlerweile ausschließlich die Förderung der Öko-Eliten in den Mittelpunkt ihrer Programme und die PIRATEN erkennen zwar die Missstände in der Gesellschaft, trauen sich aber (noch) nicht, die Notwendigkeit zur Umverteilung deutlich zum Thema zu machen.

Als einzige politische Kraft in Deutschland setzt sich DIE LINKE konsequent für eine Umverteilung des Vermögens von Oben nach Unten ein, tritt gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und die Abschaffung von Hartz IV an und zeichnet den Entwurf einer Gesellschaft, in der Mittel, Ressourcen und Chancen gerecht verteilt werden. Die von der OECD geforderten Maßnahmen finden sich bereits seit Jahren im Programm der Linkspartei.

Armut in Deutschland (Bundeszentrale für politische Bildung)

Programm der Partei DIE LINKE

 
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Kommentare
anna T. schrieb am 06.12.2011 um 16:48
JJ -Mit Ihrem Beitrag wieder einmal ins Schwarze getroffen. Danke, dass Sie dieses Thema aufgegriffen haben.
anna T. schrieb am 06.12.2011 um 17:52
so, jetzt etwas ausführlicher.>Euronews

>OECD-Generalsekretär Angel Gurria warnt davor, dass eine zunehmende Ungleichheit nicht nur die Wirtschaftskraft eines Landes schwächt sondern auch den sozialen Zusammenhalt gefährdet und politische Instabilität schafft.<

Diese Ungleichheit wird bald,sehr bald ein gefährliches Ausmaß annehmen...und hat jemand das" Gefühl" ,dass dies von der Politik auch so gesehen wird?
anna T. schrieb am 06.12.2011 um 18:01
Euronews hat heute einen Bericht über die Armenküchen New Yorks gebracht und das war erschütternd.Da kommen ganze Familien zur Speisung ,obwohl ein Einkommen da ist,aber das reicht "hinten und vorne " nicht.

(so, dass war oben vom System geschluckt worden)
Ismene schrieb am 06.12.2011 um 18:13
... und die von der OECD geforderten Maßnahmen fänden zweifellos auch die Zustimmung einer bundesdeutschen Mehrheit, so diese angemessen informiert werden könnte ...

Danke!
Matto schrieb am 06.12.2011 um 20:22
Dieser Staat BRD ist doch schon ein Dutzend Mal von der OECD kritisiert worden, sei es mit dem Umgang mit Behinderten usw.. Hier findet man die ganze Palette. Und ändert sich etwas?
Hat im Bundestag schon einmal eine Debatte darüber statt gefunden. Nichts dergleichen ist geschehen. Man wurschtelt weiter. Das Volk ist doch der sich selbst gewählten Obrigkeit vollkommen wurscht.
Es ist einfach nur ein Skandal, wie die Menschen in diesem Staat schikaniert, bevormundet, ausgebeutet und verarscht werden. Der Euro wurde eingeführt und alles sollte dann nur noch zum halben Preis angeboten werden, was ja gerecht wäre. Heute sind fast alle Preise wieder an die DM angeglichen, ja noch teurer, ein paranoider Vorgang.
h.yuren schrieb am 06.12.2011 um 20:26
kennst du das buch der britischen sozialforscher, jacob, die vergleiche der sozialen unterschiede in diversen ländern anstellten und auch die folgen in "Gleichheit ist Glück" nannten?
(der deutsche titel ist ein bisschen knallig, während das englische original etwas rätselhaft daherkommt)

unsere lieben politschwätzer habens nicht mit den rändern, sie interessieren sich vor allem und brennend für die mitte, links oder rechts.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 22:40
Die Untersuchung, die gestern unter dem Titel „Devided we stand“ veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland seit 1990 deutlich stärker gewachsen ist als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Diese Entwicklung ist logisch, weil Deutschland immer ein "Hochlohnland" war und auch noch ist.
Durch die zunehmende Globalisierung und den stärker gewordenen internationalen Warenaustausch sind jedoch einfache Tätigkeiten durch die Konkurrenz mit "Niedriglohnländern", z. B. mit China, weniger wertvoll geworden. Das wirkt sich am hiesigen Arbeitsmarkt aus.
Auch der Wert höherwertiger Tätigkeiten ist zumindest abgebremst worden, aber weniger stark, als der Wert für die einfachen Tätigkeiten.
Beispielhaft steht dafür die Solarpanel- und Fahrzeugindustrie, ebenfalls in China.
Die Chinesen entwickeln inzwischen auch selber Solarenergieerzeugung und Fahrzeuge.
Aus den vorgenannten Gründen wird die "Schere" zwischen Arm und Reich zukünftig wahrscheinllich noch weiter auseinander gehen.
Die beste "Abwehr" dagegen ist eine gute Ausbildung bei uns als Voraussetzung für Hochtechnologie mit einer primären Wertschöpfung aus höherwertiger Tätigkeit.
D. h., Ausbildung als Wissenschaftler, Ingenieure, Facharbeiter und weniger als Hilfskräfte für einfache Montagetätigkeiten.

Notwendige Gegenmaßnahmen
Der Staat hat die Möglichkeit, die Einkommensunterschiede in der Bevölkerung durch Steuern und Transferleistungen zu reduzieren. In Deutschland wurde der entsprechende Umverteilungseffekt allerdings seit 2000 um vier Prozent reduziert.


Das mit dem geringerem Umverteilungsefekt um 4 % anteilig über Steuern glaube ich nicht. Das muß mir erst einmal jemand beweisen.

Fakt ist, dass die Steuern und auch Sozialversicherungsbeiträge immer progressiver erhoben wurden.
So bezahlt das obere 1% der Einkommenschicht über 25 % der Einkommenssteuern und die oberen 10% bezahlen über 50 % der gesamten Einkommensteuern.
Noch mehr Umverteilung würde sicher zur weiteren Demotivation und auch zur zunehmenden Auswanderung von besser ausgebildeten Beschäftigten führen.
Technixer schrieb am 06.12.2011 um 22:45
Was ist das denn für ein Unfug. Chinas 180 Mio Menschen starke Mittelschicht verdient 3000,-€ Netto. Mittlerweile kommen Firmen aus China zurück, weil eben die Arbeitskräfte hier sogar günstiger sind (1€ Jobber).

Und diese dümmliche Steuerrechnung ist hier nicht dein Ernst oder was?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 22:58
Technixer schrieb am 06.12.2011 um 22:45

Chinas 180 Mio Menschen starke Mittelschicht verdient 3000,-€ Netto.

Sie meinen was?
3000 € Netto in welchem Zeitraum?
Mittelschicht in China mit 180 Millionen Menschen?
China hat 1,3 Milliarden Menschen.

Einige Firmen kommen aus China zurück, weil sie dort nichts verdienen können und ihnen auch vorwiegend von den Chinesen nur ihr Know-how geklaut wurde. Die Wirtschaftlichkeit nur auf die Lohnkosten, besonders für einfache Tätigkeiten, ist klar vorteilhaft für China als Standort.

Bevor sie äußern, dass meine Steuerrechnung dümmlich sei, sollten Sie sich lieber vorher besser informieren.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 22:59
..Lohnkosten bezogen,..
Technixer schrieb am 06.12.2011 um 22:40
"Die OECD Studie empfiehlt[...] Einkommenssteuern progressiver gestaltet, Steuererleichterungen für Besserverdiener abgeschafft und Steuern auf Vermögen und Grundbesitz eingeführt bzw. ausgebaut werden."
Was mich daran wundert, diese Empfehlungen kommen von der OECD. Einer Organisation deren erklärte Ziele die Verringerung staatlicher Einflussnahme und Liberalisierung der Wirtschaft ist, also wenn diese Leute, die Situation schon anprangern, dann muss die K***e ja mächtig am dampfen sein.

Die Linkspartei ist doch auch die Einzige, welche von Anfang an konsequent mit Alternativen beschäftigt hat. Sie griffen die Ideen vom Degrowth auf und beschäftigten sich mit der Blue Economy.

Bei den Grünen, da fehlen mir die Worte, bei dem Einheitsbrei den die mit den anderen Parteien bilden. Da zanken die sich gerade allen Ernstes ob der Spitzensteuersatz 49 oder 51% ab einem Einkommen von 80.000€ betragen soll. Das sind deren Ideen zum Thema soziale Gerechtigkeit, was für Blockflöten.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 22:47
Technixer schrieb am 06.12.2011 um 22:40
Die Linkspartei ist doch auch die Einzige, welche von Anfang an konsequent mit Alternativen beschäftigt hat.

Ich persönlich kenne keine andere Alternative, als die im o. a. Kommentar von mir erwähnte:

Die beste "Abwehr" dagegen ist eine gute Ausbildung bei uns als Voraussetzung für Hochtechnologie mit einer primären Wertschöpfung aus höherwertiger Tätigkeit.

Welche anderen Alternativen, außer noch mehr Umverteilung, dass kennen wir ja schon, bietet denn die Linkspartei?
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 22:56
Sag mal, Ehemaliger: wäre Runderneuerter nicht auch ein guter Name ?
Oder Reinkarnierter ?
Das wäre auch nicht ganz so auffällig gewesen, oder ?

Aber achte auf die Re-dundanz.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 23:04
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 22:56

Nun, den Nick "Jacob Aukstein" oder "Ehemaliger Nutzer" hat das Einlog-System leider abgelehnt!
Da habe ich halt die Kurzform gewählt. ;)
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 23:07
Das nächste Mal vielleicht: "ehemaliger Augstein" ?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 23:11
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 23:07

Auch nicht schlecht.
Oder "eigentlich Jacob Walser".
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 23:15
Was bedeutet "eigentlich Jacob Walser" ?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 23:16
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 23:15
Was bedeutet "eigentlich Jacob Walser" ?

Google mal mit Jacob Augstein.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.12.2011 um 23:15
Richard der Hayek schrieb am 06.12.2011 um 22:56
Aber achte auf die Re-dundanz.

Ist schon klar.
Meine "Halbwertszeit" wird dadurch kürzer!
Jacob Jung
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