Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

11.08.2011 | 16:39

Randale in Deutschland: Lust an der Gewalt

11.08.2011 – Die Unruhen und Krawalle der letzten Tage in England sorgen derzeit in Deutschland für Diskussionen darüber, wie wahrscheinlich Ausschreitungen auch hierzulande sind.

Bundesinnenminister Friedrich hat sich in diesem Zusammenhang zu Wort gemeldet und erklärt, die soziale Integration sei in Deutschland in den vergangenen Jahren so gut vorangekommen, dass mit gesellschaftlichen Spannungen nicht zu rechnen wäre.

In starkem Widerspruch zu dieser Einschätzung steht die Auffassung der deutschen Polizeigewerkschaft. Deren Vorsitzender Rainer Wendt sieht auch hierzulande eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, die er als Ursache der Situation in England betrachtet.

Die Bundesregierung verschließt wissentlich die Augen vor den Gründen, die in der Bevölkerung zu einer zunehmenden Unzufriedenheit führen und beantwortet die wachsende Wahrscheinlichkeit gesellschaftlichen Widerstands mit dem staatlichen Gewaltmonopol.

Aus dem Jacob Jung Blog

 

Deutschland geht es so gut wie lange nicht

Als sich Kanzlerin Merkel am 22. Juli in die Sommerferien verabschiedete, da betonte sie gegenüber der versammelten Presse in Berlin: „Deutschland geht es so gut wie lange nicht“.

Aus der Perspektive der Großunternehmen, Superreichen, Banken, Investoren und Spekulanten mag diese Einschätzung zutreffen. Wer in Deutschland über Geld und Macht verfügt, der ist gestärkt aus der Krise hervorgegangen und beschäftigt sich bereits wieder eifrig damit, sein Vermögen auf Kosten anderer zu mehren.

Gegenüber der normalen Bevölkerung ist der Satz allerdings eine grobe Unverschämtheit. Die UN zeigt sich im Juli über die soziale Lage in Deutschland beunruhigt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung stellt im selben Monat fest, dass die Nettogehälter der drei untersten Einkommensstufen zwischen 2000 und 2010 um 16 bis 22 Prozent gesunken sind. Die Jugendarbeitslosigkeit (15 bis 24 Jahre) liegt in Deutschland bei 9,1 Prozent und ist nur deshalb nicht höher, weil viele junge Menschen befristet beschäftigt, in Leiharbeit oder in anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen stehen.

Angela Merkel kennt alle Erhebungen, aus denen die belasteten Lebensumstände einer stetig größer werdenden Bevölkerungsgruppe deutlich hervorgehen. Wenn sie dennoch betont, Deutschland würde es so gut gehen wie lange nicht, dann greift sie bewusst zur Lüge, um im Land für Ruhe zu sorgen und Stabilität zu suggerieren.

Schützenhilfe erhält sie unter anderem aus den eigenen Reihen. Vor allem Bundesinnenminister Friedrich springt der Kanzlerin beschwichtigend bei und spricht von einer gelungenen sozialen Integration in Deutschland.

Ein Innenminister vom anderen Stern

Befragt über die Ursachen der Ausschreitungen in England spricht Hans-Peter Friedrich von einer Mischung aus „Desintegration“ und „Lust an Gewalt“. In Deutschland gäbe es im Gegensatz dazu eine gelungene „soziale Integration“ und einen „Konsens darüber, dass Gewalt gegen unbeteiligte Menschen kein Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen“ sei.

Ganz überzeugt von seiner Einschätzung scheint der Innenminister allerdings nicht zu sein. Er fordert nämlich, der „Konsens“ müsse auf die Jugendlichen übertragen werden. Dies sei die Erziehungsaufgabe unserer Gesellschaft, für die er vor allem Lehrer, Eltern und Vereine als verantwortlich erklärt.

An dem von ihm unterstellten Konsens sind also Jugendliche bislang nicht beteiligt. Insofern unterscheidet sich die Situation kaum von der in England, denn auch hier gehen die Ausschreitungen von jungen Menschen aus.

Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit, der Zunahme an prekären Arbeitsverhältnissen, dem Abbau von Sozialleistungen, den fortschreitenden Einschränkungen im Gesundheits- und Rentensystem, den steigenden Preisen und sinkenden Löhnen und den alleine mehr als sieben Millionen Hartz IV Empfängern in unserem Land von einer gelungenen „sozialen Integration“ zu sprechen zeugt entweder von ignoranter Blindheit gegenüber den tatsächlichen sozialen Verhältnissen oder vom Versuch, die eigene Furcht mit einem möglichst laut gesungenen Lied zu vertreiben.

Die soziale Lage in Deutschland ist prekär. Wer dies nicht sieht, der will es entweder nicht sehen oder gehört zu einer Schicht, in der Armut, Not, Elend, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit noch nicht angekommen sind.

Während wir selber in immer höherem Tempo auf einen sozialen Abgrund zusteuern, zwingen wir mit sogenannten „Hilfspaketen“ andere Staaten in Europa dazu, Sozialleistungen konsequent abzubauen, Voraussetzungen für eine immer höhere Arbeitslosigkeit zu schaffen und durch fortschreitende Privatisierungen immer mehr Einrichtungen des öffentlichen Interesses in die Hände von geldgierigen und machthungrigen Privatpersonen zu spielen.

Am Ende wundern wir uns über die absehbaren Folgen dieses Handelns und erklären larmoyant eine vermeintliche „Lust an Gewalt“ zur Ursache von Unruhen, Aufständen und Krawallen in immer mehr Ländern. Dass hier stattdessen eine stetig größere Gruppe der Bevölkerung aus ihrem Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, Versorgung und Perspektive nur deshalb eine Grenze überschreitet, weil sie so entmachtet, entrechtet und „entsorgt“  ist, dass sie ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, wird schlichtweg übersehen.

Im Zweifel niederschlagen: Gut gerüstet gegen Krawalle

Berlins Innensenator bringt die kurzsichtige Linie der Regierung auf den Punkt: „Sollten in Berlin ähnliche Krawalle wie in englischen Städten auftreten, könnten wir in kürzester Zeit durch Unterstützung der Bereitschaftspolizeien der anderen Bundesländer und des Bundes eine hohe Polizeidichte erlangen“ sagt Ehrhart Körting gegenüber der Rheinischen Post.

Eine hohe Polizeidichte als Lösung für Probleme, die sich aus sozialen Missständen und prekären Lebensverhältnissen ergeben. Dies erinnert eher an das Instrumentarium totalitärer Diktaturen als an gebotene gesellschaftliche Prozesse innerhalb demokratischer Systeme.

Aufgebrachte Menschen sollen nicht von der Ursache ihrer Empörung befreit sondern durch Angst vor dem Gewaltmonopol des Staates von ihrem Widerstand abgehalten werden.

Bundesinnenminister Friedrich bemüht sich dagegen um einen eher präventiven Umgang mit staatlich unerwünschten gesellschaftlichen Reaktionen auf die massive Verschlechterung der Lebensverhältnisse.

Wehmütig blickt er auf die Zeit vor der 68er Bewegung, bevor Respektspersonen „vor 40 Jahren unter dem Schlachtruf Demokratisierung mutwillig demontiert wurden“ und zeichnet in einem Interview mit der Bild am Sonntag vom 10. Juli diesen Jahres sein ganz persönliches Bild von einer idealen Gesellschaft:

Früher waren Pfarrer, Polizisten, Lehrer und Beamte Respektspersonen. Es gibt immer weniger Hemmungen, Polizisten zu beschimpfen oder anzugreifen. Wir brauchen jetzt ein neues Bewusstsein, dass dieser Staat für den Schutz seiner Bürger da ist. Angriffe gegen den Staat und die Polizei sind auch Angriffe auf die Bürger. Wir haben den Strafrahmen bei Widerstand gegen Polizeibeamte gerade erhöht.

Die Lösung, mit der Deutschland versucht sich gegen „englische Zustände“ hierzulande zu schützen besteht nicht in einer Verbesserung der Verhältnisse, in einem Dialog mit dem aufgebrachten Betroffenen oder in einer Beschränkung der Befugnisse der Verursacher sozialer Ungerechtigkeit. Stattdessen wird nur darüber spekuliert, wie gut deutsche Ordnungskräfte aufgestellt sind, um Aufstände und Krawalle in Deutschland effizient niederzuschlagen und wie man Ausschreitungen vermeidet, indem man Jugendliche konsequent zu Recht, Ordnung, Respekt und Autoritätshörigkeit erzieht.

Friedrich, der davon überzeugt ist, dass die soziale Integration in Deutschland gelungen ist und der unterstellt, es gäbe hierzulande keine Slums und sozialen Brennpunkte, sagt gegenüber der Bildzeitung auf die Frage, ob er eine Waffe trägt: „Ich brauche keine Waffe, denn ich habe immer ein paar Menschen um mich herum, die eine haben und damit sehr gut umgehen können“.

Es stellt sich die Frage, wer hier „Lust an Gewalt“ empfindet. Eine berechtigt empörte Bevölkerung oder ein Staat, der von prädemokratischen Verhältnissen träumt und die Realität sozialer Missstände einfach leugnet.

Jacob Jung Blog 08/2011

 
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Kommentare
Nietzsche 2011 schrieb am 11.08.2011 um 16:59
Hallo Jacob Jung,
aus Ihrem Beitrag lese ich nur heraus, dass aus Armut Gewalt entsteht. Wenn dem so wäre - warum ist dann die mittlere Generation (ausgebildet, aber arbeitslos) nicht an den Exzessen beteiligt? Diese Kette Armut= Gewalt ist zu simpel.
Ohne Beschäftigung mit der Psyche und der Moral der Jugend werden wir das Problem nicht lösen.
zephyr schrieb am 11.08.2011 um 21:18
Es reicht völlig sich mit der Psyche und der Moral der sogenannten Erwachsenen zu beschäftigen.
Jacob Jung schrieb am 12.08.2011 um 12:39
@Nietzsche

Es geht m.E. mehr um die Perspektivlosigkeit und den berechtigten Eindruck, dass unredlich regiert wird als um die Armut. Armut ist die Folge von einem schamlosen Sozialabbau und gehört somit zu den Symptomen dessen, was in unseren Gesellschaften verkehrt läuft.

Die "Psyche" und die "Moral" der Jugend? Beschäftigen Sie sich doch einfach mit Ihrer eigenen Psyche und Moral, bevor Sie begonnen haben, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Ich glaube nicht, dass es einen signifikanten Unterschied in Bezug auf die "Jugend von heute" gibt. Das Verhalten der "Jugend" ist eine logische und verständliche Reaktion auf die herrschenden Verhältnisse. Der Unterschied gegenüber der Generation der "Erwachsenen" besteht darin, dass jüngere Menschen ein höheres Risiko eingehen, wenn es darum geht, auf ihre Umgebung zu reagieren.
MKVBremen schrieb am 11.08.2011 um 21:27
Ich denke mal es muss sich in dieser Welt sehr viel ändern, sonst wird es bald noch viel mehr Proteste geben. Die Reichen werden immer reicher und die Armen kommen vor Hunger nicht in den Schlaft.
ebertus schrieb am 11.08.2011 um 21:53
"Da is noch nischt, da is noch nischt dabei"

Oder auch: Teile und herrsche!

hierzulande werden wir auf das neokoloniale Herrschen eingenordet. Das funktioniert leidlich, erwartbar noch eine ganze Weile. Daher bitte nicht hibbelig werden und wenn die Multitude kommt, dann vollkommen anders, auf jeden Fall jenseits der herkömmlichen Strukturen von Blockparteien und Warten.

Gerulf Pannachs "Ballade vom schlechten Schlaf"

www.jugendopposition.de/index.php?id=1005
hardob schrieb am 11.08.2011 um 21:59
Der neue Vorsitzende der Polizeigewerkschaft ist ein ewiger Alarmist. Sein Vorgänger war, wenn ich mich richtig entsinne, nicht so ein Dampfpanikwindmacher.

Die Anderen sagen das völlig Erwartbare zur Vorstadtrandale. Aber auch der Artikel schreibt das völlig Erwartbare. Also gieß ich mal ein bisschen Wasser in den Wein.

Iich denk nämlich, die Randale war nix groß Politisches, also politisch Verwertbares im Sinne eines gesellschaftlichen Fortschritts. Die Reaktionäre können es ein wenig ausnutzen. Sie geben den Polizeibehörden mehr Vollmachten. Ja, stimmt, die Polizei in GB, genauer Scotland Yard hat sich ein wenig schmieren lassen von Murdochs Zeitungsangestellten und eben beide Augen zugedrückt, als es um die Abhöraffären ging und um Durchstechereien. Ja und stimmt, es scheinen auch Parlamentsvertreter abgehört worden zu sein. Bei denen wieder hat es Abrechnungsbetrügereien größeren Stils gegeben. Na ja, und so weiter und so fort. Jetzt haben sich die Kids das amoralische Verhalten abgeschaut und sich mit Protzgegenständen ausgestattet. Sie haben es der Elite nachgemacht, sie wollen sein wie sie. Nix Solidarität, Markenklamotten sind der Antrieb. Also im Grund genommen gehören denen ein paar hinter die Löffel, wie man früher so leichtfertig vor sich hin sagte. Politisch ist mit denen ebenso wenig Staat zu machen wie mit dem Bentleyprotzer aus der City.
Jacob Jung schrieb am 12.08.2011 um 12:46
@hardob
"Also im Grund genommen gehören denen ein paar hinter die Löffel"

Dieser Reflex gehört mit zu den Ursachen des Widerstands gegen die Verhältnisse und bietet sicher keine Lösung.

Ob Sie die Situation in England als politisch bezeichnen, hängt von der Definition ab. Sie ist eine Reaktion auf die Lebensumstände der Menschen dort. Von daher ist sie für mich auch dann politisch, wenn es zu Plünderungen kommt. Zu behaupten, dass der Wunsch nach "Markenklamotten" ein gewichtiger Aspekt der Krawalle sei, ist eine Vereinfachung der Situation. Ich glaube, dass der größere Teil der Jugendlichen, die in England randalieren, es bevorzugen würde, in gesicherten Verhältnissen und mit angemessenen Perspektiven zu leben.
hardob schrieb am 12.08.2011 um 13:29
Halbwegs einverstanden. Dass die meisten Jugendlichen angemessene Perspektiven und Aufgaben bevorzugen, das glaube ich schon auch. Worauf ich hinaus will ist die fehlende Präsenz von "Linken" in diesen Milieus. Da ist im Lauf der Jahrzehnte viel Kompetenz verloren gegangen. Vielleicht weil man Solidarität, zu stark auf materielle Aspekte verengt. Insoweit will ich Deinen letzten Satz ergänzen: ... es bevorzugen würde mit sinnvollen (-stiftenden) Aufgaben und anerkennender Wahrnehmung in gesicherten Verhältnissen und mit angemessenen Perspektiven zu leben.
Jacob Jung schrieb am 12.08.2011 um 13:39
Auch einverstanden :D
eykiway schrieb am 12.08.2011 um 00:39
werter jacob jung
es wird keine Randale des Englischen Ausmasses geben,weil
Hartz 4 mehr ist wie 3Milliarden Menschen auf der Welt haben.
FAKT sie haben Wohnungen Licht Gas Strom und Scheisse äh meine Abwassergebühren sie haben Kindergeld 69% der Damen haben Alimente. In England gibt es 220 Pfund Sterling und sonst gibt es NIX in den U$A gibt es Essens Marken sonst gibt es Nix.
In Thailand gibt es gar nichts SERO natter nix sowie in China Taiwan öh soll ich 150 Länder aufzählen Denke das NEIN.
BRD gibt 54% für Soziales seines Haushaltes aus auch ein Fakt.
Armut ist Relativ
Gewalt entsteht nicht aus Armut
Gewalt entsteht aus der Unzufriedenheit herraus durch die möglichkeit des vergleichens hier mein Leben da des Fehrnsehns schönes grosses Haus dickes Auto schlanke Frau und zuhause 3 Zimmer küche bad ,Roller und ein Wal.
Jacob Jung schrieb am 12.08.2011 um 12:53
Wenn Sie sich in einer miserablen Lebenssituation befinden, dann spendet die Betrachtung der Tatsache, dass es vielen Menschen schlechter geht als Ihnen, nur wenig Trost.

Die Situation ist bedeutend komplexer: Den Menschen wird zunehmend klar, dass ihre schlechten Lebensverhältnisse die direkte Folge der Bevorzugung winziger Gesellschaftsschichten sind.

Armut führt in diesem Fall zu einer Auseinandersetzung mit den Verhältnissen. Gewalt entsteht dann, wenn man die Erfahrung macht, dass man keinen Einfluss auf die Situation nehmen kann, weil diese Einflußnahme den Reichen und Mächtigen vorbehalten ist.

Wenn ich aus Ihrem Kommentar lese, dass sich sozial benachteiligte Menschen hierzulande nicht beschweren sollen, weil es Milliarden von Menschen auf der Welt gibt, denen es noch schlechter geht, dann halte ich dies gegenüber den Betroffenen für eine Unverschämtheit.
Rahab schrieb am 12.08.2011 um 14:10
gewalt, ekiway, entsteht aus gewalt.
unzufriedenheit verdeckt als wort nur notdürftig den umstand, dass menschen von gewalt des kapital die schnauze voll haben und dass die pazifizierung/sedierung der sog. massen nicht mehr funktioniert.
poor on ruhr schrieb am 12.08.2011 um 12:26
@Jacob Jung

"Die soziale Lage in Deutschland ist prekär. Wer dies nicht sieht, der will es entweder nicht sehen oder gehört zu einer Schicht, in der Armut, Not, Elend, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit noch nicht angekommen sind."

So ist es. Ich danke Ihnen Ihnen für diesen vollkommen richtigen Satz. ;)

"Es stellt sich die Frage, wer hier „Lust an Gewalt“ empfindet. Eine berechtigt empörte Bevölkerung oder ein Staat, der von prädemokratischen Verhältnissen träumt und die Realität sozialer Missstände einfach leugnet."

"Bundesinnenminister Friedrich hat sich in diesem Zusammenhang zu Wort gemeldet und erklärt, die soziale Integration sei in Deutschland in den vergangenen Jahren so gut vorangekommen, dass mit gesellschaftlichen Spannungen nicht zu rechnen wäre."

"Wenn sie dennoch betont, Deutschland würde es so gut gehen wie lange nicht, dann greift sie bewusst zur Lüge, um im Land für Ruhe zu sorgen und Stabilität zu suggerieren."

Aus unserer Sicht ist es einen Lüge , aus ihrer wohl nicht, weil sie von den Leiten spricht, die noch zur Wahl gehen und vielleicht sogar sie wählen.

Das Klima im Land ist brutal geworden. Rette sich wer kann, scheint der Tenor zu sein.

Danke für ihren Blog.

Herzliche Grüße

por

Der scheint wirklich nicht zu wissen, was im Land los ist.

Geanu. Sie sprechen mir aus dem Herzen! ;) Danke.
Jacob Jung schrieb am 12.08.2011 um 12:55
Lieber por,

danke für den Kommentar!

Jacob
poor on ruhr schrieb am 12.08.2011 um 13:05
Gerne. ;)

por
silvio spottiswoode schrieb am 12.08.2011 um 15:05
Schöner Artikel, danke. Wenn man die Reden der Regierenden so hört befällt einen immer ein leichter schizophrener Schauer. Was braucht einer eigentlich, um in Deutschland Innenminister zu werden? Die Aussagen von Friedrich – wenn nicht gerade völlig absurd – sind systematisch menschenverachtend und haben demagogisches Potential. (Otto Schilly war ja auch schon schlimm als Innenminister, aber Friedrich ist gerade dabei das noch zu toppen.)

Als halb-Londoner würde ich mal davon ausgehen, auch in Deutschland könnten selbstverständlich derartige Unruhen passieren. Denn auch in Deutschland gibt es, dank Hartz-IV, inzwischen wieder eine Klasse der Ausgebeuteten und Gedemütigten, ohne jegliche Hoffnung auf Aufstieg oder Besserung. Dies entgeht den Regierenden Volksvertretern in Deutschland, da sie genau wie in England übrigens, keinen Kontakt zur Bevölkerung haben und voellig entrückt meinen zu wissen was für die anderen am besten ist. Wenn sie nicht gerade dabei sind ihre eigenen, selbstherrlichen Interessen zu vertreten. ("Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch einfach Kuchen!" Marie Antoinette.)

Was ich an der jetzigen Situation allerdings für beängstigend halte, ist die massive, autoritäre Verschärfung staatlicher Gewaltbereitschaft gegenüber der Bevölkerung. Vor allem auch die daraus resultierende, anti-demokratische Einschränkung ziviler Bürgerrechte. Jetzt bewahrheiten sich schon lange gehegte Erwartungen, denn keine herrschende Kaste gibt ihre Kontrolle freiwillig auf. In dem Masse in dem nun die "Profiteure-der-staatlichen-Umverteilung-von-unten-nach-oben" jetzt ihr Kapital an den Börsen einbüssen, werden sie versuchen über autoritäre Massnahmen, z.B. Überwachung, die Bevölkerung mehr denn je zu kontrollieren. Wir sollten vorsichtshalber vielleicht alle einen Hacker Grundkurs belegen und dem Chaos Computer Club beitreten.

Warum die Mittlere-Generation bei den Unruhen nicht mitmacht? Na weil wir immer noch denken, wir bekommen noch ein Stückchen des Kuchens ab. Wir dachten ja auch um Geld zu verdienen muss man nur viel lernen und Abschlüsse nachweisen. Für die nachkommende Generation ist die Lage da viel klarer. Sie sehen, dass "Generation Praktikum" angeschmiert worden ist.
Jacob Jung schrieb am 12.08.2011 um 15:50
Was mich besonders beunruhigt, lieber Silvio (bei dieser Gelegenheit vielen Dank für Deinen lesenswerten Kommentar) ist die Tatsache, dass der sicherheitspolitische Teil unserer Regierung mittlerweile wirklich jedes Ereignis und Nicht-Ereignis zum Anlass nimmt, die Staatsautorität, die Überwachung Unverdächtiger und die Kontrolle im öffentlichen wie im privaten Raum zu verschärfen.

2010 ereignen sich in Europa insgesamt 249 terroristische Straftaten, von denen drei (sic!) einen islamistischen Hintergrund haben (offizieller Europol-Bericht) und die Regierung fabuliert von der Notwendigkeit schärferer Kontrollen, den Gefahren des Islamismus und der "Alternativlosigkeit" einer Verlängerung der so genannten Anti-Terror-Gesetze. Gleichzeitig würdigt Hans-Peter Friedrich allen Ernstes das Buch von Sarrazin und bezeichnet die absurde Islamismus-Debatte als notwendig.

Ein rechtsextremer Fanatiker tötet in Norwegen fast hundert Menschen und unser Innenminister besteht - fachlich, inhaltlich und nicht zuletzt auch moralisch völlig daneben - auf Vorratsdatenspeicherung und verweigert gleichzeitig die bloße Diskussion über ein NPD-Verbot.

Der Verfassungsschutzbericht zeigt einen Rückgang politisch motivierter Straftaten in Deutschland (2010) und ein Verhältnis von ca. 80 Prozent rechtsextremer und 20 Prozent linksextremer Taten. Und der Innenminister warnt öffentlich vor der wachsenden Bedrohung des Linksextremismus und erklärt zur rechten Szene, diese würde sich ein Beispiel an den Linksautonomen nehmen.

Deine Einschätzung darüber, warum die mittlere Generation (noch) nicht mitzieht, teile ich vollständig. Man hat uns mühevoll beigebracht, dass dieses System, so offensichtlich es auch ist, wer von den Verhältnissen profitiert, irgendwie auch gut für uns ist. Das hat fast schon eine religiöse Dimension, wenn Arbeitslose, abhängig Beschäftigte, Kleinbürger und der Mittelstand den Kapitalismus anbeten, wie die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod.
silvio spottiswoode schrieb am 12.08.2011 um 19:07
Diese Woche hat Constantin Seibt den Rechtsruck in der Politik am Beispiel USA kommentiert "Der rechte Abschied von der Politik". Die Rechte radikalisiert sich.

(...) Warum? Weil, so Brooks, Politik nicht mehr ihr Ziel ist. «Ihr Geschäft sind Radio-Shows, nicht Gesetze», schrieb er. Und um das Publikum nicht zu irritieren, bewegten sich die Republikaner nur «im konservativen Ghetto», einem «ewigen Wahlkampf, in dem es nicht um die Sache geht, sondern um möglichst scharfe Kontraste zum Gegner, dem man in Abstimmungen grösstmögliche Probleme macht». (...) «There is no alternative!»

"Das ist Lüge: Ökonomie ist keine Wissenschaft, sie ist eine Kunst. Wer hinsieht, weiss: Es gibt keine Situation ohne Alternativen. Und damit beginnt jede Politik. Es ist Zeit, die selbstverschuldete ökonomische Unmündigkeit hinter sich zu lassen." (...)

"Es sind die Rezepte der Rechten, die in diese Krise geführt haben. Schon allein, weil sie darin so erfolgreich waren, dass sie zu allgemeinen Wahrheiten wurden. Doch was passiert nun mit der Rechten?

Sie radikalisiert sich. Sie besäuft sich an ihrer eigenen Einfachheit."

Es lohnt sich diesen witzigen, intelligenten Kommentar ganz zu lesen bit.ly/oCDAIY
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