Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

01.10.2011 | 15:51

Sahra Wagenknecht zum EFSF: „Ökonomischer Aberwitz“

 01.10.2011- Am vergangenen Donnerstag haben 523 Abgeordnete im Bundestag der Erweiterung des EFSF zugestimmt und damit unter anderem eine Aufstockung der deutschen Kreditbürgschaften von 123 auf 211 Milliarden Euro beschlossen. Neben 13 Neinstimmen und zwei Enthaltungen innerhalb der Regierungskoalition hat die Linksfraktion geschlossen gegen den Gesetzentwurf von Union und FDP gestimmt.

Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei und wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion, erläutert in einer Erklärung unter dem Titel „Sie verpulvern das Steuergeld von Millionen Menschen!“ die Gründe für die Ablehnung der ESFS-Erweiterung.

In der viel besprochenen Abstimmung hat Angela Merkel mit vier Stimmen Vorsprung die sogenannte Kanzlermehrheit erreicht. Von der Regierung wird dieses Ergebnis als Zeichen der Anerkennung des schwarz-gelben Regierungskurs gewertet. Dabei war das vorhersehbare Votum zuvor vor allem von Regierungsmitgliedern als Prüfstein inszeniert worden.

Aus dem Jacob Jung Blog

ESFS-Erweiterung: Was wurde im Parlament beschlossen?

Am 29. September 2011 stand im Deutschen Bundestag die Änderung des Gesetzes zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus zur Abstimmung. Der Entwurf war dem Parlament am 05. September von Union und FDP, namentlich von Volker Kauder, Gerda Hasselfeldt und Rainer Brüderle vorgelegt worden und basiert im Wesentlichen auf den folgenden Punkten:

  • Durch das Gesetz wird das Bundesministerium der Finanzen ermächtigt, „Notmaßnahmen“ zugunsten von Euro-Staaten mit Bürgschaften in einer Höhe von bis zu 211 Milliarden Euro zu unterstützen.
  • Zusätzliche Kosten und Zinsen werden dabei nicht auf den Ermächtigungsrahmen angerechnet.
  • Bei den sogenannten „Notmaßnahmen“ handelt es sich um Darlehen an die betroffenen Staaten, Ankäufe von Staatsanleihen am Primärmarkt und am Sekundärmarkt und nicht näher definierte „vorsorgliche Maßnahmen“.
  • Das Gesetz umfasst dabei ausdrücklich auch solche Maßnahmen, die der Rekapitalisierung von Finanzinstituten dienen.

Das Finanzministerium erhält somit einen Freibrief zur Gewährung von Bürgschaften in einer Höhe von bis zu 211 Milliarden Euro, ohne dass im Einzelnen die Zustimmung des Parlamentes eingeholt werden muss.

Da Kosten und Zinsen nicht auf den Ermächtigungsrahmen angerechnet werden, gehen Experten davon aus, dass der tatsächliche Bürgschaftsrahmen (inklusive Kosten und Zinsen) bei bis zu 400 Milliarden Euro liegen kann.

Das Gesetz schließt dabei „Maßnahmen, die der Rekapitalisierung von Finanzinstituten dienen“ eindeutig ein. Im Klartext steht das Bürgschaftsvolumen also zur weiteren „Bankenrettung“ zur Verfügung.

Neben der Gewährung von Darlehen an betroffene Staaten und Ankäufen von Staatsanleihen an den Primär- und Sekundärmärkten legitimiert das Gesetz auch „vorsorgliche Maßnahmen“, die nicht näher definiert werden.

Mit anderen Worten wird das Finanzministerium also ermächtigt, frei über Steuermittel in Höhe von 211 Milliarden Euro, zuzüglich nicht definierter Kosten und Zinsen, ohne sonderliche Genehmigung durch das Parlament und ohne eine klare Definition der zu unterstützenden Maßnahmen zu entscheiden.

Sie verpulvern das Steuergeld von Millionen Menschen!

In einer Erklärung begründet Sahra Wagenknecht, warum sie gegen die Erweiterung des ESFS gestimmt hat.

Hierzu bewertet sie zunächst den sogenannten Euro-Rettungsschirm und legt dar, dass dieser weder der Rettung der europäischen Währung dient, noch der Absicherung der Lebensverhältnisse der Menschen in Europa:

Das Einzige, was durch diesen Rettungsschirm wirklich gerettet wird, sind die Gewinne der Banken, der Hedgefonds und der Spekulanten.


Wagenknecht kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die Regierung die Bürger im Unklaren darüber lässt, wie hoch die Haftung tatsächlich ist und macht darauf aufmerksam, dass der ESFS kein Programm für weniger sondern für mehr Schulden ist. Dies gilt sowohl für die Bundesrepublik – im Fall, dass die Bürgschaften tatsächlich bedient werden müssen – als auch für die betroffenen Staaten, die sich durch die Inanspruchnahme von Notmaßnahmen weiter verschulden:

 Es sollte Ihnen schon irgendwie zu denken geben, dass Griechenland eineinhalb Jahre nach Beginn der angeblichen Rettung 20 Milliarden Euro mehr Schulden als vorher hat.

 

Stattdessen sind zur Reduzierung von Schulden zwei Maßnahmen erforderlich: Erstens müssen die Vermögen derjenigen in Anspruch genommen werden, die im Rahmen von steigender Staatsverschuldung, Steuerdumping und Programmen zur Bankenrettung von der Krise profitieren. Zweitens müssen sich die Länder aus der Abhängigkeit von der privaten Finanzwirtschaft befreien und dafür sorgen, dass der Finanzierungsspielraum von Staaten nicht länger von den Entscheidungen von Bankern und Ratingagenturen abhängt:

Wer nichts dafür tut, die Staaten aus der Geiselhaft dieser Finanzhaie zu befreien, der hat die Demokratie abgeschrieben.

 

Sahra Wagenknecht kritisiert die einhellige Zustimmung zur Erweiterung des ESFS durch die Regierungsparteien, die SPD und die Grünen und sieht hierin ein Zeichen für eine Politik, die zu feige und zu devot ist, um sich mit Bankern anzulegen und sich gegen Banker zu richten.

Sie bezeichnet es als unverantwortlich, das Steuergeld von Millionen von Menschen zu verschwenden, um damit die Forderungen privater Banken zu befriedigen und warnt vor den ökonomischen Folgen eines solchen Vorgehens, das die Währungsunion mit hoher Wahrscheinlichkeit sprengen wird. Gleichzeitig macht Wagenknecht darauf aufmerksam, dass der eingeschlagene Weg das Vertrauen der Menschen in das europäische Projekt untergräbt und daher als antieuropäisch bezeichnet werden muss:

Jeder, dem die europäische Idee oder die ökonomische Vernunft irgendwie am Herzen liegt, musste bei dieser Abstimmung gegen die Erweiterung des sogenannten Rettungsschirms stimmen.

Merkel bei Jauch: Der Trick mit der Kanzlermehrheit

Angela Merkel hat die vielbesprochene Entscheidung im Bundestag dazu genutzt, um das desaströse Image der schwarz-gelben Koalition aufzuwerten. Hierzu greift die Kanzlerin zu einem bewährten Trick, den jeder aus seiner eigenen Schulzeit kennt:

Wer den Eltern nach einer kritischen Klassenarbeit unter Krokodilstränen gesteht: „Ich habe bestimmt nur eine Vier“, der stellt die Voraussetzungen dafür her, am Ende für eine Drei überschwänglich gefeiert zu werden, die bei einer besseren Selbstprognose keiner Erwähnung wert gewesen wäre.

Merkel zeigte sich im Vorfeld bewusst verunsichert über den möglichen Ausgang der Abstimmung und nutzte einen Exklusivauftritt bei Günther Jauch in der ARD, um die Ungewissheit in der Bevölkerung gezielt zu nähren. Zu diesem Zeitpunkt dürfte die Kanzlerin bereits umfassend über das Abstimmungsverhalten ihrer Polit-Darsteller informiert gewesen sein.

Die Verunsicherung war gespielt und erlaubt es Merkel jetzt, einen scheinbaren Triumpf auszukosten. Zur Eröffnung der Sitzung kam Merkel zu spät. Während der Debatte lief sie herum oder scherzte mit ihrem Vize. Unmittelbar nach der Abstimmung ist die Kanzlerin verschwunden und steht für Erklärungen nicht zur Verfügung. Stattdessen darf der angeschlagene Philipp Rösler gegenüber den versammelten Journalisten die Parole des Tages ausrufen:

Wir starten mit einem klaren Sieg in die zweite Halbzeit!

Trotz enthusiastischem Eigenlob im unvermeidlichen Fußball-Jargon: Der ESFS hilft Banken statt Menschen und wird selbst hierfür nicht ausreichen. Die Regierungskoalition erreicht zwar die „zweite Halbzeit“ ist aber zerstrittener und schwächer als jemals zuvor.

58 Prozent der Bevölkerung halten die Aufstockung des ESFS nach einer aktuellen Emnid-Umfrage für falsch, 78 Prozent der Deutschen rechnen damit, dass künftig noch mehr Mittel für den erweiterten Euro-Rettungsschirm bereitgestellt werden müssen. Währenddessen verfügt die Bundesregierung in der Bevölkerung nur noch über einen Rückhalt von insgesamt 33 Prozent, wovon 2 Prozent auf die Liberalen und 31 Prozent auf die Union entfallen.

Politik Blog von Jacob Jung 10/2011

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Achtermann schrieb am 01.10.2011 um 16:41
Ich bin deinem Link gefolgt und erlaube mir, diesen etwas ausführlicher zu zitieren:

Eine Mehrheit von 58 Prozent der Deutschen hält die in dieser Woche vom Bundestag beschlossene Aufstockung des Euro-Rettungsschirms auf 440 Milliarden Euro für falsch. Dies ergab eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag von BILD am SONNTAG. Danach halten nur 34 Prozent die Aufstockung für richtig.

Wir wissen ja, wo die politische Meinungsbildung stattfindet: auch in der BILD-Zeitung, und die fährt seit geraumer Zeit eine Kampagne. Um diese wirksam werden zu lassen, wird eines der Meinungsforschungsinstitute bestellt, das, um im FDP-Jargon zu bleiben, "liefert". Ich vermute, dass inhaltliche Nachfragen bei dieser Mehrheit eher das Denken der schwäbischen Hausfrau ans Tageslicht befördern würde. Auch verdient festgehalten zu werden, dass die Euro-Gegner wie Hans-Olaf Henkel von solchen Umfragen beflügelt, bereitstehen, eine neue rechte Partei zu gründen.
Jacob Jung schrieb am 01.10.2011 um 17:02
Lieber Achtermann,

ich denke, dass die Situation komplexer ist.

Die Politik hat erreicht, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung lediglich noch ein „Ja“ oder ein „Nein“ zum EFSF und den anderen „Euro-Rettungsmaßnahmen“ gibt. Dabei wird eine Befürwortung gleichzeitig mit einer pro-europäischen und eine Ablehnung mit einer anti-europäischen Haltung gleichgesetzt.

Ich habe mich mit der Erklärung von Sahra Wagenknecht beschäftigt, weil hier die notwendige Differenzierung deutlich wird. Die derzeitigen Maßnahmen dienen weder der Stabilisierung des Euros, noch den Menschen in den betroffenen Ländern noch verringern sie das Gesamtschuldenmaß.

Stattdessen verhelfen sie (privaten) Banken, Spekulanten und Finanzdienstleistern dazu, weiterhin ihre Gewinne einzufahren, auch wenn es sich bei ihnen um die Verursacher der Krise handelt.

Natürlich hat die breite Ablehnung gegenüber dem ESFS in der Bevölkerung auch etwas mit dem, vor allem von der Springer-Presse lancierten, stellvertretenden Griechenland-Bashing zu tun. Hier haben polemische und populistische Verunglimpfungen angeblich Rente beziehender Verstorbener, untätiger Staatsbeamter und anderer Profiteure ihre Wirkung entfaltet.

Es gibt allerdings sehr vernünftige Gründe, die jetzt beschlossene EFSF Erweiterung in ihrer konkreten Form abzulehnen und stattdessen eine systematische Veränderung im nationalen und europäischen Finanzsystem zu fordern. Hierzu müssten die investierten Gelder tatsächlich in die einzelnen Volkswirtschaften investiert werden, um dort den Menschen zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen. Die Maßnahmen dürften nicht mit dem Zwang zu Sozialabbau, Privatisierung und Sparmaßnahmen auf dem Rücken der Bevölkerung verbunden sein.

Nach dem aktuell beschlossenen Modell werden auch künftig ausschließlich die Finanzakteure bedient, statt dass man sie an dem angerichteten Schaden beteiligt. Zudem liegt es künftig ausschließlich im Ermessen der Finanzministeriums, in welchem Umfang Gelder in „sonstige Maßnahmen“ fließen.

Das Ergebnis: Weitere Verschuldungskapriolen, weitere Schein-Unterstützung, gepaart mit sozialen Einschnitten und privatwirtschaftlicher Willfährigkeit. Dies führt mittelfristig zu einer Ablehnung des „europäischen Gedanken“ in breiten Kreisen der Bevölkerung, womit klar ist, auf welcher Seite es tatsächlich anti-europäisch zugeht.
Achtermann schrieb am 01.10.2011 um 17:57
Lieber Jacob Jung,

Du schreibst: "…ich denke, dass die Situation komplexer ist." Natürlich ist sie komplexer. Auch komplexer als Du sie beschreibst. Ich wollte zunächst darauf aufmerksam machen, dass Du Deinen Beweis der Springerpresse entnommen hast, die in dieser Angelegenheit eine eindeutige Position schon seit längerer Zeit bezieht und Honig aus dem Griechen-Bashing saugt. Du hast jetzt selbst darauf hingewiesen. Trotzdem sollte auch ein Blick darauf geworfen werden, dass die Henkelinaner, die Gauweilerianer und Die Linke in dieser Angelegenheit an einem Strang ziehen. Trotz völlig unterschiedlicher Analyse kommen sie zum selben Resultat. Nur: Was würde kurzfristig geschehen, wenn die Deutschen Griechenland jetzt hätten hängen lassen, wenn diese politischen Kreise eine Mehrheit erzielt hätten? Hast Du darauf eine Antwort?

Und noch etwas: Alle wussten, wie die Abstimmung im Bundestag ausgehen wird. Das mit der Kanzlermehrheit war ein aufgeplusteter Nebenschauplatz. Hätte Die Linke genau so gestimmt, wenn ihre Stimmen die Entscheidung hätten beeinflussen können? Sie wären in der Verantwortung gewesen. Und diese Bürde ist nicht immer leicht zu tragen.
Jacob Jung schrieb am 01.10.2011 um 18:39
"Was würde kurzfristig geschehen, wenn die Deutschen Griechenland jetzt hätten hängen lassen..."

Die Deutschen lassen die Griechen hängen. Mit den Geldern "retten" wir die Banken, nicht die Menschen. In Bezug auf die Sozialstaatlichkeit, die Versorgung der griechischen Bevölkerung und die geforderte Privatisierung von Staatseigentum erweisen wir dem Land insofern sogar einen Bärendienst.

"Hätte Die Linke genau so gestimmt, wenn ihre Stimmen die Entscheidung hätten beeinflussen können?"

Das zu beurteilen, wäre Spekulation. Am Beispiel des Berliner Abgeordnetenhauses kann man erkennen, wie es kommen kann, wenn die Linken in der Regierungsverantwortung stehen. Für die Anbiederung gegenüber der SPD und die Abkehr von den eigentlichen Positionen wird die Linkspartei derzeit ebenso abgestraft wie für die öffentlichen Flügelkämpfe und die Auseinandersetzungen über Nebenkriegsschauplätze.

Gerade vor diesem Hintergrund sind mir eindeutige Positionen der Linkspartei, wie in der Erklärung von Sahra Wagenknecht vorgetragen, sehr wichtig. Ohne eine solche Positionierung könnte die Partei ansonsten der Beliebigkeit anheimfallen und im politischen Spektrum überflüssig werden.
Matto schrieb am 01.10.2011 um 20:11
Der Makroökonom Herr Prof. Flassbeck läßt sich bestimmt nicht in die linke Ecke stellen, aber er gibt mit seiner Einstellung Frau Dr. Wagenknecht Recht. In dieser Hinsicht hat er an Schäuble einen Brief geschrieben.

Sehr geehrter Herr Schäuble,

mit großem Interesse habe ich Ihre Stellungnahme zur Überwindung der Eurokrise durch die Konsolidierung der Staatshaushalte in Europa in der Financial Times gelesen. Es hat dazu ja vor allem in englischsprachigen Zeitungen schon viel und heftige Kritik gegeben, die ich nicht wiederholen will. Ich weiß nicht, wer Sie beraten hat in dieser Frage, aber ich möchte Ihnen doch noch einmal vor Augen führen, welche Ideen dahinterstehen, weil ich nicht sicher bin, ob der- oder diejenige Ihnen die Implikationen Ihrer Aussagen in ausreichender Offenheit erklärt hat.

Gegen die Warnung, staatliche Sparanstrengungen ließen den Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in ohnehin geschwächten Volkswirtschaften eskalieren, geben Sie zu bedenken, dass ein kurzfristiger Einbruch beim Konsum mittelfristig dadurch ausgeglichen werde, dass die Sparpolitik das Vertrauen von Investoren und Konsumenten erhöht und die Arbeitslosigkeit senkt. Sie bauen also darauf, dass die Wirtschaft in der mittleren Frist, auf einen stabilisierenden Faktor zurückgreift, der nichts mit der desolaten Lage in Gegenwart und nächster Zukunft zu tun hat.

Was sollte das sein? Sie wissen genau wie ich, dass die mittlere Frist eine Fiktion ist, die sich aus vielen kurzen Fristen zusammensetzt? Hätten beispielsweise die Unternehmen tatsächlich ein relativ sicheres über die kurze Frist hinausgehendes Wissen, auf dessen Basis sie investierten, würden wir doch gerade nicht die Schwankungen sehen, die wir Konjunktur nennen. Das kann man leicht an dem nur sechs (!) Monate im Voraus Geschäftserwartungen abfragenden ifo-Geschäftsklima-Index sehen, der wie das Fähnlein im Wind die Unsicherheit der Privatwirtschaft widerspiegelt. Selbst wenn viele Investoren in ihren politischen Stellungnahmen staatliches Sparen gutheißen, haben sie doch keine andere Möglichkeit, als ihre Entscheidungen nach den konkreten Signalen auszurichten, die sie von ihren Märkten erhalten. Wer heroisch gegen den Markt investiert, wird bald sein blaues Wunder erleben. Wie der globale Investitionseinbruch in der Krise von 2008 klar zeigte, haben daran auch 30 Jahre Angebotspolitik und eine extrem gute Gewinnsituation der Unternehmen nichts geändert.

Gerade weil die Privaten sich nicht über die kurze Frist hinwegsetzen können, kommt der Politik eine Stabilisierungsaufgabe zu, die sie nicht an die Wirtschaft zurückgeben kann. Deswegen sind gesamtwirtschaftlich gesehen Sparen und Stabilisieren in einem konjunkturell unsicheren Umfeld ein Widerspruch in sich. Für die gesamtwirtschaftliche Stabilisierung kann nur der Staat zuständig sein, niemals die Privatwirtschaft, weil es einzelwirtschaftlich rational ist, in unsicheren Zeiten zu sparen und keine Risiken einzugehen. Da das aber gesamtwirtschaftlich zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale führt, muss der Staat einspringen und über die kurze Frist hinweghelfen, indem er sich verschuldet.

Warum, werden Sie vielleicht fragen, hat das früher besser funktioniert, warum waren konjunkturelle Schwächephasen nie so gefährlich wie heute? Man mag viele Ursachen anführen, entscheidend aber ist, dass früher die Zukunftserwartungen der Konsumenten viel stabiler waren. Das lag daran, dass die Abschwünge vor 30 bis 50 Jahren kurz und die Aufschwünge lang anhaltend waren dank einer Lohnpolitik, die kontinuierlich die gesamte Produktivität in die Lohneinkommen schleuste, statt einer Ideologie anzuhängen, wonach man Produktivität für Beschäftigung reservieren könne.

Weil weltweit der normale Arbeitnehmer erwarten konnte, dass nach dem Abschwung sein Einkommen schnell wieder steigen wird, hat er sein Konsumverhalten nicht fundamental geändert. Damit ist jetzt Schluss. Die USA erleben gerade, dass ihr Aufschwung nach nur zwei Jahren zu versanden droht, denn zum ersten Mal seit Menschengedenken steigen die Einkommen der Arbeitnehmer in einem Aufschwung nicht. Die Folge ist auch für die Gesamtwirtschaft Stillstand, obwohl die Unternehmen in Gewinnen schwimmen, weil sie fast den gesamten vom Staat durch höhere Defizite initiierten Zuwachs des Einkommens in den letzten beiden Jahren für sich in Anspruch genommen haben. In Japan kann man seit zwei Jahrzehnten eine Wirtschaft studieren, der ihre positive Dynamik abhandengekommen ist, weil die privaten Haushalte endgültig mit der Vorstellung abgeschlossen haben, sie würden noch einmal teilhaben können an einem dynamischen Aufschwung der Wirtschaft.

Das mit Abstand beste Beispiel aber ist Deutschland. Der deutsche Durchschnittskonsument weiß kaum noch, wie man mehr konsumiert; er muss seit zehn Jahren mit dem „zufrieden“ sein, was er hat, weil sein Einkommen in diesen zehn Jahren nicht gestiegen ist. Die hoch gelobte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Rekordgewinne der Unternehmen, die Steuersenkung für Unternehmen, der Anstieg der Beschäftigung, der Rückgang der gemessenen Arbeitslosigkeit und der Exportboom – haben sie dazu geführt, dass die Unternehmen mehr investieren und die Schwäche anderer Bereiche ausgleichen oder dass die Konsumenten Geld ausgeben, das sie nicht haben, weil sie optimistisch in die Zukunft schauen? Fehlanzeige. Die Investitionen sind in der Krise dramatisch eingebrochen und haben sich danach nur wieder etwas erholt. Selbst in diesem Jahr sind sie noch weit von dem Niveau entfernt, das sie 2008 hatten und das bereits sehr niedrig war.

Wo soll die Dynamik einer Weltwirtschaft herkommen, in der jetzt, wie Sie meinen, auch noch der private Konsum und der Staatsverbrauch reduziert werden müssen? Für die USA, Japan und Europa zusammen macht der Bruttoexport an der gesamten Produktion gerade mal zehn Prozent aus, der Konsum aber über 80 Prozent. Wo soll ein da ein Konsumeinbruch aufgefangen werden? Bricht die Weltwirtschaft jetzt ein und gerät in die japanische Spirale von Stagnation und Deflation, werden wir für die zukünftigen Generationen ein schlimmes Erbe hinterlassen.
Tiefendenker schrieb am 01.10.2011 um 21:04
@ Jacob Jung

Erstmal vielen Dank für diesen sehr informativen Artikel!!!

Dennoch gibt es einiges kritisch anzumerken...

„Stattdessen verhelfen sie (privaten) Banken, Spekulanten und Finanzdienstleistern dazu, weiterhin ihre Gewinne einzufahren, auch wenn es sich bei ihnen um die Verursacher der Krise handelt.!

...falsch, denn das erscheint nur an der Zirkulationsoberfläche so. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Wertschöpfungskrise, die schon set den 70er Jahren anhält, da mit der 3. Industruiellen Revolution die kapitalistische Produktionsweise an sich scheitert. Eine kurze historische Skizze der korrrekten Ablaufreihenfolge, Ursachen und Zusammenhänge findet sich hier:

www.hh-violette.de/politik/des-papstes-rotkappchen-und-der-bose-wolf.html

Noch ausführliche Darstellungen und Bücher finden sich hier: www.exit-online.org

„Hierzu müssten die investierten Gelder tatsächlich in die einzelnen Volkswirtschaften investiert werden, um dort den Menschen zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen.“

...auch falsch, weil genau das eben nicht mehr im ausreichenden Maß gelingt, scheitern die Funktionäre des Kapitals ja daran, ihr System problemfrei auszudehnen, um den Mangel an Wertschöpfung zu kompensieren. Es prosperieren immer nur Teile (China, Osteuropa usw.), währen die Hoffnung auf eine besseres leben für die weltweite Masse nicht erfüllt.

„Die Maßnahmen dürften nicht mit dem Zwang zu Sozialabbau, Privatisierung und Sparmaßnahmen auf dem Rücken der Bevölkerung verbunden sein.“

...sagt wer? Ein Großteil der kapitalistischen Eliten sieht das garantiert anders. Da braucht man sich nur mal deren Nachtischlektüre von „Mehr Kapitalismus wagen“ (Friedrich März) bis „Das Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) anschauen. Dann weiß jeder, was in deren Köpfen vor sich geht. Das klingt dann so: Geringere Löhne bedeuten mehr Profit. Mehr ist in diesem System immer besser als weniger.

@Matto

Vielen Dank für diesen Aufschlussreichen Brief des Makroökonomen Prof. Flassbeck. Dieser verrät sehr anschaulich das Dilemma, dass er selbst nicht erkennt.

Auf der einen Seite erwähnt er, dass es aus Sicht der Einzelunternehmen „rational“ ist an Ausgaben zu sparen. Außerdem könne man an deren Geschäftserwartungen im kurz- und mittelfristigen Zeitbereich ablesen, wie ihre Sicht aussieht, was letztlich das flatternden „ Fähnlein im Wind die Unsicherheit der Privatwirtschaft widerspiegelt“. Auf der anderen Seite fordert er den staatlichen Eingriff, glaubt also an die Omnipotenz des staatlichen und an eien Regulationstheorie. Kein Wunder, dass er einer Sahra Wagenknecht zustimmt. Beide teilen die Illusion der Wirkmächtigkeit einer Regulation.

Ë Alle haben eines gemeinsam, sie beziehen sich IMMER NOCH positiv auf das Konstrukt Marktwirtschaft, also die kapitalistische Produktionsweise von Wert an sich. Warum das, z.B. konkret am Beispiel Sahra Wagenknecht, in höchstem Maße kritikwürdig und illusorisch ist – dazu hier mehr:

www.hh-violette.de/politik/die-hohe-kunst-der-selbsttauschung.html

Es gibt nur einen wirklichen Ausweg oder anders ausgedrückt - was hier zur Disposition steht, ist das Wertschöpfungsprinzip ganz allgemein und damit die Warenform.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.10.2011 um 21:56
Sahra Wagenknecht zum ESFS: „Ökonomischer Aberwitz“

Sahra gehört als Kommunistin ganz gewiss nicht zu meinen politischen Vorbildern.

Aber - wo sie recht hat, hat sie recht!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.10.2011 um 11:12
Lesetip zum Thema ESFS:

Interview mit Herrn Richard Sulik, Vorsitzer der Partei Freiheit und Solidarität/Slowakien in der FAZ-Sonntagszeitung von heute.

Herr Sulik ist als promovierter Ökonom Spezialist für Einkommenssteuer und im Gegensatz zu unseren schwatzhaften und debilen Politikern tatsächlich ein Fachmann und trotzdem gleichzeitig Politiker. Welch eine Seltenheit!
Ich erhoffe mir durch ihn eine Ablehnung des ESFS durch das Slowakischen Parlament.
Danach werden die Karten hoffentlich für Europa noch einmal neu gemischt! :-)
Jacob Jung
Außenpolitik, Atompolitik, Arbeitspolitik und Sozialpolitik: Beiträge zur Zeitgeschichte.
Mitglied seit:
1 Jahr 9 Wochen
Zuletzt aktiv:
12.03.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 250
Kommentare: 510
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
01:35
freiheitsliebender hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:23
Georg von Grote hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:23
Islamijaa hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:15
j.kelim hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:50
Joachim Petrick hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG