Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

04.11.2011 | 15:57

Sigmar Gabriel hat eine Idee

04.11.2011 – SPD-Chef Gabriel hat sich was ausgedacht. Er will DGB-Chef Michael Sommer in den SPD Vorstand berufen. Und nicht nur das: Auch Sommers künftige Nachfolger sollen automatisch zum kooptierten Vorstandsmitglied werden. Als solches sitzt man zwar dekorativ in dem Gremium, hat allerdings kein Stimmrecht.

Die Sozialdemokraten wollen den gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten auf diese Weise eine Orientierungshilfe für künftige Wahlen bieten. Eine Verbindung zwischen organisierten Arbeitern und der SPD ist vor dem Hintergrund von Programm und Personalie nicht mehr erkennbar.

Gabriels „double dipping“ soll hier jetzt für Abhilfe sorgen. Zeigt sich der DGB künftig wieder häufiger in der Aura der SPD, so könnte der ein oder andere Wähler auf den Gedanken kommen, die Sozialdemokraten hätten am Ende doch irgend etwas mit Lohn- und Arbeitsgerechtigkeit, sozialer Verantwortung, Toleranz oder gesellschaftlicher Fairness zu tun.

Aus dem Jacob Jung Blog

Angst vor links und rechts

Die SPD ist in einer denkbar schlechten Ausgangssituation für künftige Wahlen. Wer von einer Wiederbelebung der sozialen Marktwirtschaft unter christlich-konservativen Vorzeichen träumt, der landet bei der Union. Wem ein grün angepinselter Turbo-Kapitalismus mit elitären aber fair gehandelten Bio-Produkten und alternativen Energien für Besserverdiener vorschwebt, der findet seine politische Heimat bei den Grünen.

Will man den Politikbetrieb umkrempeln, kann sich aber noch nicht für einen konkreten Standpunkt entscheiden, dann macht man sein Kreuz bei den PIRATEN. Würde man dagegen den nächsten Wahl am liebsten fernbleiben oder den Stimmzettel ungültig machen, kann das aber mit seinem demokratischen Gewissen nicht vereinbaren, dann bietet sich ein Votum für die FDP an.

Kommt man angesichts von fortschreitendem Sozialabbau, einer immer unmenschlicheren Arbeitswelt, sinkenden Bildungschancen, dem Diktat von Wirtschaft und Banken über Politik und Menschen oder der zunehmenden Bereitschaft Deutschlands, sich aktiv an internationalen Kriegseinsätzen zu beteiligen zu dem Schluss, dass es Zeit für einen Systemwechsel wird, dann hat man sich wahrscheinlich ohnehin bereits für die Linkspartei entschieden.

Die Grünen starren ungläubig auf die jetzt wieder sinkenden Umfragewerte, die sie ebenso wenig nachvollziehen können, wie den „Fukushima-Hype“. Die PIRATEN sind gespannt sind, ob sie ihren Berliner Wahlerfolg auch ohne Programm auf die nächste Bundestagswahl übertragen können. Die FDP tut zur Zeit alles dafür, die ein-Prozent-Hürde nach unten zu reißen.

Vom Mindestlohn zum Mindesthohn

Die Union geht in die Offensive und startet die Kampagne „Gesetzliche Lohnuntergrenze“. Ganz geheuer ist ihnen das selber nicht. Viele Parteivertreter wirken sichtlich überfordert damit, öffentlich den „Teufel“ anzubeten. Und für Sigmar Gabriel wird die Luft dünn. Sein Versuch, den Mindestlohn für seine Partei zu reklamieren und die Union zum Plagiator zu erklären, konnte in der Öffentlichkeit nicht überzeugen. Zu viele Menschen erinnern sich daran, dass es gerade die Sozialdemokraten waren, die, wenn es darauf ankam, den Mindestlohn verweigert haben.

Zuletzt im Juni 2007, als die SPD, gemeinsam mit Union und FDP, einen entsprechenden Antrag der Linkspartei im Bundestag abgelehnt hat. Dessen Wortlaut war annähernd identisch mit einer SPD-Unterschriftenaktion zum gleichen Thema und zur gleichen Zeit. Obwohl sich Franz Müntefering und Kurt Beck hier als Erstunterzeichner präsentierten, konnte man sich in der Fraktion nicht dazu durchringen, einen Antrag der Linken zu unterstützen.

Auf der verzweifelten Suche nach potenziellen Wählern sind der SPD jetzt eine Handvoll früherer Freunde wieder eingefallen: Rund sechs Millionen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, die dem DGB angehören, haben den Appetit von Sigmar Gabriel angeregt. Nun stehen die Sozialdemokraten vor einer schwierigen Aufgabe: Über der Agenda 2010, der Rente ab 67 oder der Causa Sarrazin muss zuerst der Mantel des Vergessens ausgebreitet werden, bevor man ernsthaft mit Stimmen aus Gewerkschaftskreisen rechnen kann.

DGB-Chef Sommer könnte sich, Spekulationen zufolge, tatsächlich für das unmoralische Angebot interessieren. Einige Beobachter gehen nämlich davon aus, dass er sich 2013 um ein Bundestagsmandat bewerben wird. Einen gewerkschaftlichen Wahlkämpfer könnte die SPD in jedem Fall mehr als gut gebrauchen.

Politik Blog von Jacob Jung 11/2011

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 04.11.2011 um 17:27
Zu viele Menschen erinnern sich daran, dass es gerade die Sozialdemokraten waren, die, wenn es darauf ankam, den Mindestlohn verweigert haben. Zuletzt im Juni 2007, als die SPD, gemeinsam mit Union und FDP, einen entsprechenden Antrag der Linkspartei im Bundestag abgelehnt hat. Dessen Wortlaut war annähernd identisch mit einer SPD-Unterschriftenaktion zum gleichen Thema und zur gleichen Zeit.

Das Dilemma der Sozialdemokraten ist, dass einige von ihnen tatsächlich Politik für die sozial Benachteiligten und die Lohnabhängigen machen wollen. Doch wenn es darauf ankommt, stets die Rechten sich durchsetzen. Der Staatsraison wegen, wie das heißt. Auch Willy Brandt, der Vorzeigedemokrat, ist diesem Denken erlegen, als er den Radikalenerlass einführte. Das, was die Sozialdemokraten mit der CDU oder den Grünen im Bund angerichtet haben, wird ihnen zurecht noch viele Jahre anhängen. Dass in dieser Partei Leute wie Clement oder Steinbrück bis nach oben sich durchkungeln konnten, bleibt potenziellen Wählern gewahr. Die formale Einbindung des DGB-Vorsitzenden macht sie nicht glaubwürdiger.
Tom Strohschneider schrieb am 04.11.2011 um 17:49
"DGB-Chef Sommer könnte sich, Spekulationen zufolge, tatsächlich für das unmoralische Angebot interessieren." Naja, ob nun deshalb oder trotzdem: Sommer hat gerade erklärt, das Angebot der SPD, beratendes Mitglied im SPD-Parteivorstand zu werden, abzulehnen. Einheitsgewerkschaft und so, das übliche. Schön aber ist dieser Satz: "Um den DGB und die Einheitsgewerkschaft nicht zu beschädigen, erkläre ich hiermit, dass ich für kein Amt in der SPD zur Verfügung stehe." bit.ly/uDcOkL
Jacob Jung schrieb am 04.11.2011 um 18:17
Danke für die Aktualisierung, Tom. Und da steht ja wirklich "den DGB und die Einheitsgewerkschaft" und nicht "den DGB als die Einheitsgewerkschaft. Böser Schlag :D
Achtermann schrieb am 04.11.2011 um 18:27
Bemerkenswert ist auch dieser Satz seiner Erklärung:

Gezielte Indiskretionen und Falschmeldungen darüber, dass ich angeblich ein Bundestagsmandat für die SPD anstrebe, haben dazu beigetragen.

Wer hat denn ein Interesse und dann auch noch die Möglichkeit, also die publizistische Macht, gezielte Indiskretionen und Falschmeldungen in die Welt zu setzen? Das Nennen der Quellen hätte die Argumentation des DGB-Chefs glaubwürdig gemacht. So aber liest sie sich wie eine Scheinbegründung, wie übliches Politikergewäsch. Damit aber weißt er seine Eignung nach, für die SPD in den Bundestag einziehen zu können.
Jacob Jung schrieb am 04.11.2011 um 20:01
... und um indiskret sein zu können, muss es ja zunächst einmal etwas zum Ausplaudern geben...
claudia schrieb am 05.11.2011 um 13:54
Zur Erklärung der Begriffe:
Der DGB ist nicht "die Gewerkschaft", sondern der Bund der Einzelgewerkschaften.
Mit Einheitsgewerkschaft ist das Prinzip: "Ein Betrieb, eine Gewerkschaft" gemeint.
blog1 schrieb am 04.11.2011 um 23:54
Gabriel und Steinbrück im Dialog über die künftigen Wahlchancen der SPD.

Gabriel: I had a dream. Wir holen den Sommer in den Parteivorstand.
Steinbrück: Der har mir gerade noch gefehlt.
Gabriel: Du willst doch Kanzler werden und ich Parteivorsitzender bleiben.
Steinbrück: Ich bin Realist, ich träume nicht, sondern ich sage den Leuten, wo es langgeht.
Gabriel: Aber wir sind doch völlig orientierungslos. Die CDU nimmt uns den Mindestlohn weg, die Grünen die Atomkraft, die FDP den Neoliberalismus und die Linken unseren Parteivorsitzenden.
Steinbrück: Nun reiß Dich mal zusammen, Sigmar. So viel Selbstmitleid bringt uns keinen Schritt weiter.
Gabriel: Was denn dann, Peer?
Steinbrück: Also die Koalition steht mit dem Rücken zur Wand. Wir haben 2 Optionen. Entweder wir lassen den Karren vor die Wand fahren und es gibt Neuwahlen oder wir gehen über ein konstruktives Misstrauensvotum und kommen auch in die Regierung, allerdings als Juniorpartner.
Gabriel: Was schlägst Du vor?
Steinbrück: Die zweite Lösung ist mir lieber, dann werde ich Finanzminister und kann der SPD neues Profil geben.
Gabriel: Also, so ein Art Regeneration in der gemeinsamen Regierung.
Steinbrück: Genau, die bisherige Regierungsarbeit war so schlecht, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Unsere Mitwirkung wird als wahre Wohltat empfunden. Die Leute werden uns die Füße küssen.
Gabriel: Du kannst es einfach Peer, da hat unser Oldie Schmidt schon Recht.
Steinbrück: Manchmal kann es ganz nützlich sein, wenn man jemand beim Schachspielen gewinnen lässt.
claudia schrieb am 05.11.2011 um 14:14
Schon den 70er Jahren gab es in der Gewerkschaftsjugend eine Diskussion darüber, ob die enge Verzahnung der Gewerkschaft mit der Regierungspartei SPD nicht mehr schadet als nützt. Das wurde "von oben" abgebogen.

Als dann die SPD/Grün-Regierung die "Agenda 2010" umsetzte und von gewerkschaftlicher Seite praktisch kein Widerstand entgegengesetzt wurde, zeigte sich, dass man dieses Problem hätte ernster nehmen müssen.

Nun ist die Verzahnung aber erodiert: An der Gründung der WASG waren auch einige Gewerkschaftsfunkionäre beteiligt, die heute in der Linken sind. Ausserdem hat die GDL gezeigt, dass eine Gewerkschaft, die nicht an der SPD-Leine liegt durchaus die erfolgreichere Gewerkschaft sein kann.
Zudem wurde der Dortmunder Apell, in dem Basismitglieder von DGB-Gewerkschaften die Reorganisation als reine Interessenvertretung der Verkäufer von Arbeitskraft forderten, von mehr als 10 000 Mitgliedern unterzeichnet.

Kein Wunder, dass man sich in der SPD Gedanken darüber macht, wie man die DGB-Gewerkschaften für die Durchsetzung der Agenda 2020 wieder besser unter Kontrolle bekommen kann.
blog1 schrieb am 05.11.2011 um 14:57
Ich pflichte Ihnen grundsätzlich bei.

Eine Interessenvertretung darf sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen, weil dann ihre Unabhängigkeit verloren geht.

Die Gewerkschaft kümmert sich um die Arbeitsplatzbesitzer, weil die zahlen die Beträge. Diejenigen, die aus dem Arbeitsprozess herausgefallen sind, werden von den Gewerkschaften nur halbherzig unterstützt. Das ist zumindest meine persönliche Wahrnehmung

Unsere arbeitsteilige Wirtschaft generiert Partikularinteressen, die nur schwer von einer Interessenvertretung "Gewerkschaft" abgebildet werden können. Das ist im Übrigen die zentrale Herausforderung und die Gewerkschaften haben darauf bislang keine Antwort gefunden.
claudia schrieb am 07.11.2011 um 08:36
>>Die Gewerkschaft kümmert sich um die Arbeitsplatzbesitzer, weil die zahlen die Beträge.<<
In der Beziehung hat eine Bewusstseinsänderung stattgefunden:
Als ich 1967 in die Gerwerschaft Chemie, Papier, Keramik eintrat, wussten noch viele Mitglieder: Eine Gewerkschaft ist keine Dienstleistungsfirma, die für irgendeinen Preis irgendwa liefert. Sondern eine Interessenvereinigung. Und eine Interessenvereinigung kann niemals stärker sein als ihre Mitglieder.
Das heisst: Sich vereinigen, um sich besser um die eigenen Angelegenheiten kümmern zu können.
Das heisst: Ein Mitgliedsbeitrag dient dem Auffüllen der Streikkasse und der Aufrechterhaltung der Organisationsstruktur.
Das zweite bedeutet, dass Funktionäre nicht Angestellte der "Firma Gewerkschaft" sind sondern Angestellte der Mitglieder.

Bei Kontakt mit französischen Gewerkschaftern hatte ich übrgens den Eindruck, dass das dort klarer ist als hier.
Zurück zu der SPD-Sache: Wenn ein Angestellter der Gewerkschaftsmitglieder einen Nebenjob bei einer Partei annehmen will, dann hat er zuvor die Mitglieder zu fragen. Sonst ist es keine Gewerkschaft mehr.

---
>>Diejenigen, die aus dem Arbeitsprozess herausgefallen sind, werden von den Gewerkschaften nur halbherzig unterstützt. Das ist zumindest meine persönliche Wahrnehmung.<<
So nehme ich das auch wahr.
Ein tiefer Einschnitt fand im Wahljahr 1998 statt, als Gerhard Schröder verkündete, die SPD sei keine Arbeiterpartei per se, sondern betrachte als ihre Klientel gutverdienende Facharbeiter und Angestellte. Alle Anderen, auch Arbeitslose, würden von der SPD nicht vertreten.
Das war die Ankündigung der Agenda 2010, und das wurde von den SPD-geführten Gewerkschaften 1:1 übernommen.
Womit natürlich eine heftige Propaganda verbunden war, die behauptete, Arbeitslosigkeit sei nicht länger etwas, das jedem Verkäufer von Arbeitskraft passieren kann, sondern ein Rassemerkmal wie Hautfarbe. Nur so konnten rassistische Herrschaftsmethoden auf die industrielle Reservearmee angewandt werden.

Einer CDU/CSU/FDP-Regierung wäre möglicherweise Faschismus vorgeworfen worden, wenn das so knallhart gebracht hätte. Deswegen hielten die sich still feixend zurück, denn nur SPD und Grüne dürfen ungerügt tun, was sie getan haben.
claudia schrieb am 07.11.2011 um 08:42
Korrektur:
>>die Gerwerschaft Chemie, Papier, Keramik<<
=
die Gewerkschaft Chemie, Papier, Keramik
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