Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

30.07.2011 | 16:12

Szenarien für 2013: Demoskopie, Machterhalt und Wahllosigkeit

30.07.2011 – Die deutschen Politiker haben sich zur Halbzeit der aktuellen Regierungskoalition gerade in die Sommerpause verabschiedet. Dem Wahlvolk ist dieser Luxus dagegen nicht vergönnt:

Als permanente Probandengruppe bleiben wir unter strenger Beobachtung der Demoskopen und sind rund um die Uhr im Dienst.

Während die Akteure in Berlin auch in den großen Ferien ihre Possen reißen, schauen uns die Meinungsforscher aufmerksam auf die Finger. Kein Testballon wird hier gestartet, ohne dass die Reaktionen detailliert protokolliert würden.

Immerhin geht es ab jetzt darum, die Macht- und Regierungsoptionen für die Zeit ab 2013 zu entwerfen und die Wahrscheinlichkeit ihrer Umsetzbarkeit zu bewerten. Langsam wird es ernst.

Aus dem Jacob Jung Blog

 

Als Proband im Dienste der Bundesregierung

In Deutschland hat die Meinungsforschung die Meinungsbildung ersetzt. Als Wähler bilden wir die Gruppe der Probanden. Wir bewerten die politischen Produkte, die uns über die Medien vorgestellt werden. Demoskopen messen und dokumentieren unsere Auffassungen, die wir im Rahmen von Deutschlandtrends, Sonntagsfragen, Landtagswahlen, Äußerungen in Kommentaren und Blogs, Demonstrationen, Petitionen und Eingaben von uns geben.

Während des Atom-Moratoriums wurde nicht geprüft, wie es um die Sicherheit der deutschen Kraftwerke bestellt ist. Das wusste man bereits vorher. Die drei Monate wurden stattdessen von den Demoskopen genutzt, um herauszufinden, was in der Bevölkerung opportun ist.

Im Moment stimmen wir übrigens unbemerkt darüber ab, in welche Richtung die Steuer-, Arbeitsmarkt- und Euro-Finanzpolitik gehen soll. Entlastung für kleine und mittlere Einkommen oder höhere Abgaben für Besserverdiener? Flächendeckender Mindestlohn oder niedrige Lohnstückkosten? Rettungsschirm oder Euro-Rausschmiss? Nichts wird mehr ausgeschlossen, wenn am Ende die Regierungsmacht zu holen ist.

Die FDP hat sich längst damit abgefunden, sich in ihren vorerst letzten beiden Jahren im Bundestag auf die Rolle der Wahl- und Umfragehelferin für künftige Regierungen zu beschränken. Wie einst Maren Gilzer im Glücksrad hält sie die Prämien hoch, streichelt die Geschenke und hält den Kontakt zu den Kandidaten. Die Liberalen lächeln freundlich in die Kameras, während ihre Kündigung bereits beschlossene Sache ist.

Drei Kandidaten, drei Konstellationen, ein Ziel

Mit der Union, den Sozialdemokraten und den Grünen stehen für künftige Wahlen noch drei Kandidaten für mögliche Regierungsbeteiligungen zur Auswahl. Aus den drei Parteien ergeben sich mit schwarz-rot, schwarz-grün und rot-grün auch genau drei potenzielle Konstellationen.

Gemessen an dem Durchschnitt der letzten sechs repräsentativen Wahlumfragen erreichen CDU/CSU hierbei 33,0 Prozent, die SPD kommt auf 26,8 Prozent und die Grünen erreichen 21,8 Prozent.

Die FDP wird von vier der sechs Befragungen unterhalb der 5-Prozent-Hürde gesehen. Den bislang niedrigsten Wert erhalten die Liberalen im Rahmen einer Forsa Studie vom 27. Juli mit 3,0 Prozent.

Die Linkspartei erreicht in der Betrachtung der Durchschnittswerte 8,3 Prozent.

Für die drei möglichen Koalitionen bedeutet dies aktuell:

  • schwarz-rot: 59,8 Prozent
  • schwarz-grün: 54,4 Prozent
  • rot-grün: 48,6 Prozent

Die zur Auswahl stehenden Kandidaten haben sich nicht nur inhaltlich und optisch immer stärker aneinander angenähert. Es eint sie ebenso ein gemeinsames, großes Ziel: Regieren um jeden Preis.

Profillos, wahllos, alternativlos

Für den Wähler wird es 2013 schwierig. Alle für eine Regierungsbeteiligung in Frage kommenden Parteien haben in den letzten Monaten und Jahren vor allem Eines unter Beweis gestellt: Wenn es darum geht, die Machtoptionen für die Zukunft zu optimieren, kann nichts mehr ausgeschlossen werden.

Da setzen sich konservative Christen für den Mindestlohn, die Reichensteuer und die Lieferung von Angriffswaffen an totalitäre Systeme ebenso ein, wie Sozialdemokraten für die Vorratsdatenspeicherung, die Fortsetzung der Hartz-IV Gesetze und die Unterdrückung und Ausbeutung der Bevölkerungen von schwachen Euro-Ländern oder die Grünen für eine Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen, einen halbherzigen Atomausstieg, eine Fortführung von Stuttgart 21 oder eine stärkere Überwachung von Innenstädten durch die Polizei.

Die Profillosigkeit der maßgeblichen Parteien sorgt dafür, dass es zumindest in politischer Hinsicht kaum eine Rolle mehr spielt, wem wir unsere Stimme geben. Der Ausgang der Bundestagswahlen 2013 wird insofern vor allem eine dekorative Wirkung entfalten, die gut bedacht sein will. Schließlich hängt hiervon ab, wie gut wir in den Jahren von 2013 bis 2017 unterhalten werden.

Wollen wir erfahren, für welchen Haarschnitt, welchen Kostümschnitt und welchen Ausschnitt sich Angela Merkel in der nächsten Saison entscheidet? Wollen wir sie lieber neben Peer Steinbrück oder neben Jürgen Trittin sehen, wenn sie uns erklärt, dass es Deutschland so gut geht wie lange nicht? Oder wollen wir endlich einmal Andrea Nahles und Claudia Roth gemeinsam auf nur einem Bildschirm erleben, während sie uns die Alternativlosigkeit von Bundeswehreinsätzen, Waffengeschäften und Banken-Rettungen vor Augen führen?

Finden wir es unterhaltsamer, wenn Hans-Peter Friedrich an der Seite von Cem Özdemir vor der Islamisierung warnt oder es sich neben Frank Walter Steinmeier bequem macht, während er auf die zunehmende Bedrohung durch den Linksextremismus hinweist.

Wir haben die Wahl. Die Wahl zwischen drei Kandidaten und drei Konstellationen, die Wahl zwischen drei Farben und ihren möglichen Mischungsverhältnissen. Die Wahl zwischen den Vertretern einer Berufsgruppe, deren Horizont es gerade eben noch erlaubt, die bestmöglichen Voraussetzungen für die eigene Karriere zu schaffen.

Die von der Kanzlerin so häufig beschworene Alternativlosigkeit trifft nun also endlich auch auf den Urnengang zu. Es sei denn, wir schicken den von uns bezahlten und eingestellten Vertretern die Kündigung und fordern sie auf, sich ein anderes Volk zu suchen.

Jacob Jung Blog 07/2011

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
eykiway schrieb am 30.07.2011 um 17:33
Werter Jacob Jung
Es ist Egal wer dran kommt denn wenn Wahlen etwas ändern würde wären sie verboten. ich schrieb es vor ein Paar Tagen in einen anderen Blog werde mich aber wiederholen
Da die Konzerne die Regierungen kontrollieren,leben wir in einer Faschisstischen Konzerndiktatur,denn laut Mussolini
IST FASCHISSMUSS DIE VERSCHMELZUNG VON STAATSMACHT MIT DER KONZERNMACHT.
und wenn ich mir Presse Funk und Fernsehn anschaue sehe ich Kulturfaschissmus allent orten
Die Spd hat schon immer die kleinen Leute und die grossen Ideen Verraten.
Unsere Gewerkschaften als gegenpart kann man vergessen KV.
Sie fühlen sich der Neoliberalen Spd verpflichtet.
Ich persöhnlich aus meiner Subjektiven Sicht herraus sehe das bis 2013 wir eine TRANSFER UNION haben werden wo die BRD
ihre Fiskalische und Politische und Wirtschaftliche Hoheit nach Brüssel abgegeben hat wie alle anderen Länder Europas auch.
Defakto ist der Bundestag jetz das was er immer war Wurstverkäufer

in diesen sinne eykiway

ps wer Rechtschreib Fehler findet darf sie behalten
Jacob Jung
Außenpolitik, Atompolitik, Arbeitspolitik und Sozialpolitik: Beiträge zur Zeitgeschichte.
Mitglied seit:
1 Jahr 9 Wochen
Zuletzt aktiv:
12.03.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 250
Kommentare: 510
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
01:35
freiheitsliebender hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:23
Georg von Grote hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:23
Islamijaa hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:15
j.kelim hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:50
Joachim Petrick hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG