Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

23.07.2011 | 14:13

Terror in Oslo: Im Zweifel war’s ein Islamist

23.07.2011 – Nachdem das Zentrum von Norwegens Hauptstadt Oslo am gestrigen Nachmittag von einer heftigen Explosion erschüttert wird, schalten viele TV-Sender, Radiostationen, Zeitschriften und Zeitungen auf Live-Berichterstattung.

Man erlebt in schneller Abfolge die verwackelten Bilder privater Videoaufnahmen, die atemlosen Berichte von Augen- und Ohrenzeugen, die improvisierten Statements der schnell herbei gerufenen Terrorismus-Experten und die hastig formulierten Warnungen von Polizei und Politik.

Das ganze Szenario erinnert an 9/11: Die schreienden, rennenden Menschen, die Trümmer, der Staub, das Blut und nicht zuletzt die Gewissheit, es hier mit einem islamistischen Anschlag zu tun zu haben. Bis sich am späten Abend herausstellt, dass ein christlich-konservativer Nationalist hinter den Anschlägen steckt.

Aus dem Jacob Jung Blog

Rolf Tophoven: Islamistischer Anschlag in Oslo

Der TV-Sender Phoenix überträgt bis zum frühen Abend ein Oslo-Special mit wechselnden Moderatoren und Experten. Während der ersten Stunden wird vom Studio aus mehrmals mit Rolf Tophoven, dem Leiter des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik, telefoniert.

Der selbst erklärte Terror-Experte, Gastautor bei Springer und Publizist mit Themen-Schwerpunkt militanter Islamismus erkennt an den ersten Bildern aus Norwegen unverkennbar die Handschrift islamistischer Terroristen.

Für ihn spricht alleine die Stärke der Explosion und das Ausmaß der Zerstörung dafür, dass es sich um das von langer Hand geplante Werk religiöser Fanatiker handeln muss. Weitere Informationen, Hintergründe oder Anhaltspunkte benötigt der Experte nicht.

Die Gründe für einen islamistischen Anschlag liefert Tophoven direkt mit: Denkbar sei eine Vergeltung für die Tötung Osama Bin Ladens oder für die Beteiligung Norwegens am Afghanistan-Einsatz. Selbst der libysche Machthaber Gaddafi wird von ihm als möglicher Drahtzieher der Anschläge ins Feld geführt.

Weitere Experten schließen sich an: Islamisten am Werk

Ausgehend von Tophovens „Analyse“ breitet sich das Gerücht vom islamistischen Anschlag in Norwegen über die öffentlich-rechtlichen Sender bis hin zu den Privaten und der Presse aus. Fast alle Medien sprechen im Laufe des Nachmittags und Abends jetzt davon, dass in Oslo Islamisten am Werk gewesen sind.

Dies ändert sich auch dann nicht, als bekannt wird, dass ein Zusammenhang zwischen dem Mann, der in einem Feriencamp der sozialdemokratischen Jugend auf Menschen geschossen hat und dem Bombenanschlag auf das norwegische Regierungsviertel, besteht.

Noch am Abend erklärt der Terrorexperte Claude Moniquet aus Brüssel: „Es ist aber höchstwahrscheinlich eine islamistische Gruppe mit Verbindungen zur El Kaida“ und stellt einen Zusammenhang zwischen den dänischen Mohammed-Karikaturen und den Anschlägen in Oslo her. Prophetisch warnt Moniquet: „Dieser Anschlag hätte in Brüssel stattfinden können oder in Wien, dieser Anschlag hätte überall in Europa stattfinden können“.

Innenminister Friedrich und die Polizei rufen zu Wachsamkeit auf

Auch deutsche Sicherheitskräfte reagieren umgehend auf die Anschläge in Oslo. Innenminister Hans-Peter Friedrich ruft die Deutschen in der Passauer Neuen Presse (PNP) zu mehr Wachsamkeit auf und schließt sich damit einer Warnung der deutschen Polizeigewerkschaft (GdP) an. Deren Chef, Bernhard Witthaut, hatte gestern gesagt, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch deutsche Großstädte in Gefahr seien.

Witthaut hält es für möglich, dass El Kaida den zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA zum Anlass nimmt, um sich in die Aufmerksamkeit Europas „zurückzubomben“ und beschwört die Deutschen, dass man jetzt mehr denn je auf „Hinweise und Mithilfe der Bevölkerung“ angewiesen sei.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sieht sich in seiner Auffassung bestätigt, das die in Bayern und in Deutschland getroffenen Sicherheitsvorkehrungen nicht übertrieben sind und mahnt gegenüber der PNP zu einer geschärften Aufmerksamkeit gegenüber allen bekannten extremistischen Gruppierungen.

Deutsche Sicherheitsexperten werden von dem Blatt zitiert, dass sie vor allem die „stillen Beobachter unter den Islamisten“ fürchten. Nach Erkenntnissen der Behörden gibt es unter den Islamisten in Deutschland „versierte Beobachter“, die bestens über die Schwachstellen in der Sicherheitsarchitektur in der BRD informiert sind.

Der Täter: Christlich, konservativ, national

Noch am gestrigen Tag hat die norwegische Polizei auf der Insel Utøya den Mann festgenommen, der dort als Polizist verkleidet das Feuer auf die jugendlichen Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendcamps eröffnet hat. Der 32-jährige Norweger erschoss dort mindestens 84 Menschen, nachdem er um 15.20 Uhr die Bombe im Regierungsviertel von Oslo zur Explosion gebracht hatte. Der Detonation und ihren Folgen waren mindestens sieben Menschen zum Opfer gefallen.

Angesichts der neuen Erkenntnisse beginnen die Medien nun allmählich damit, sich von ihrer gestern eröffneten Jagd auf islamistische Gewalttäter zu distanzieren. Der Verdächtige scheint aus rassistischen und islamfeindlichen Motiven heraus gehandelt zu haben. Nach Angaben der norwegischen Polizei lässt seine Internetseite eine christlich-fundamentalistische, rechtsextreme Haltung erkennen.

Journalisten, Sicherheitskräfte und Politiker müssen sich vor die Frage stellen, ob sie noch in der Lage sind das Wort „Bombe“ auszusprechen, ohne dabei „Islam“ zu denken.

Gestern konnte man erleben, wie Medienvertreter unkritisch Mutmaßungen über einen islamistischen Anschlag voneinander übernahmen und sich dabei auf die Statements selbsternannter Terrorismus-Experten beriefen. Politiker nutzten die Situation, um zu erhöhter Wachsamkeit und Mithilfe der Bevölkerung aufzurufen und ihre umstrittenen Strategien zur Terrorbekämpfung zu rechtfertigen.

Den übereifrigen Akteuren täte ein Blick in den Europol-Jahresbericht 2010 gut: Von den insgesamt 249 Terroranschlägen, die in der Europäischen Union im Jahr 2010 verübt wurden, verzeichnen lediglich drei Anschläge einen islamistischen Hintergrund.

Leider ändert dies nichts daran, dass in Deutschland und in Europa jede Gelegenheit genutzt wird, Muslime für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen und damit ebenso bewusst wie verantwortungslos Vorurteile in der Bevölkerung zu schüren.

Jacob Jung Blog 07/2011

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 23.07.2011 um 15:33
@ Jacob Jung

Ihren Artikel habe ich bei mir in "Das bombige Geschäft mit dem Terror" verlinkt und mit einem Hinweis versehen. Gern gelesen.
GeroSteiner schrieb am 23.07.2011 um 16:39
Gestern habe ich das mit den Vermutungen zu Anschlägen von Islamisten nicht nur auf N24 und n-tv gesehen, sondern eben auch auf allen öffentlich rechtlichen. Die Aussagen von den Norwegern waren trotz der Suggestivfragen der deutschsprachigen Reporter eher zurückhaltend und vorsichtig, man mochte einen islamistischen Anschlag nicht bestätigen.

Die Berichte zu dieser unvorstellbaren Tat habe ich heute morgen erst bei der Aftenposten (www.aftenposten.no) lesen können. Das Land und seine Bewohner sind im Augenblick wie paralysiert. Gro Harlem Brundtland hatte Utøya besucht und durch einen glücklichen Umstand die Insel kurz bevor die Schießerei begann, verlassen.

Wenn ich das zeitlich schaffe, blogge ich noch die Übersetzung zu den Hauptthemen aus der Aftenposten, kann ich aber nicht versprechen.

Bei dem Täter handelt es sich nach derzeitigen Erkenntnissen der norwegischen Polizei um einen Norweger namens Anders Behring Breivik, sowie möglicherweise einem Mittäter, dessen Namen von der Polizei in Norwegen noch nicht bekannt gegeben wurde. Anders Behring Breivik ist derjenige, der den Sprengsatz im Regierungsviertel gezündet hat und dann mit einer Polizeiuniform verkleidet die Jugendlichen auf der Insel Utøya richtiggehend liquidiert hat. Dort müssen sich unbeschreibliche Szenen abgespielt haben.
Der Sprengsatz war nach derzeitigen Erkenntnissen aus 3.000 kg - also 3 Tonnen - Kunstdünger hergestellt worden. Ein Sprengstoff, den Islamisten eher nicht verwenden.

Breivik war Angehöriger der Jugendorganisation der "Fortschrittspartei" (Fremskrittspartiet oder FrP) einer rechtsextremen und rechtspopulistischen Partei, die Ähnlichkeiten mit der österreichischen FPÖ hat.
Es gibt sogar die Kommentare aus Blogs von Anders Behring Breivik in Blogs zu lesen, die er geschrieben hat (die ich aber nicht übersetzen will).
GeroSteiner schrieb am 23.07.2011 um 16:56
Zusatz. Gerade gelesen.

Mitgefühl wurde ausgedrückt von Italien, Pakistan, Island, Dänemark und Russland. Kondolenzschreiben kommen aus aller Welt (www.aftenposten.no/nyheter/iriks/article4181582.ece).

Wer sich in die Kondolenzliste eintragen möchte, kann das hier tun:
www.aftenposten.no/hilsen/article4181222.ece
GeroSteiner schrieb am 23.07.2011 um 16:59
Zusatz 2
Eintragen kann man sich in die Kondolenzliste, wenn man dem Link "hilsen" (Grüße) in "Her sender du din hilsen." folgt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.07.2011 um 17:13
Als hätten wir es schon wieder vergessen, zeigt die veröffentliche Meinung mit dem fast schon hysterischen Griff in die Islamisten-Kiste doch wieder recht deutlich, auf welchem Auge sie getrübt bis blind ist.
Fundamentalisten gibt es eben nicht nur im Islam.

Danke!
ebertus schrieb am 23.07.2011 um 17:43
Hart, dies zu konstatieren; von PI bis MI...

Die Banalität, die Normalität des Bösen wohnt nicht in fremden Gefilden; und damit leicht an den Genen oder gar bereits am Äußeren zu identifizieren.
GeroSteiner schrieb am 24.07.2011 um 00:29
Update.

Anders Behring Breivik erzählt in einem Tagebuch, dass im Internet publiziert sein soll (ich habe es noch nicht gefunden), dass er 80 Tage gebraucht hat, um die Bombe vorzubereiten.

Er soll am 23.Juli, am Tag des Anschlags, im Internett ein in englischer Sprache verfasstes 1.500seitiges Manifest publiziert haben. Laut Brevik will er es zur Hälfte selbst verfasst haben, der Rest sei eine Sammlung von Werken, die "mehrere tapfere Personen aus aller Welt" geschrieben haben. Insgesamt will er neun Jahre daran gearbeitet haben.
(Quelle)
Doris Brandt schrieb am 24.07.2011 um 09:05
Guter Beitrag! Abgesehen von den Mutmaßungen der "Terrorexperten" sowie der hierfür einschlägig bekannten Medien, dass es sich natürlich um ein islamistisches Attentat handle, wundere ich mich auch über folgende Aussagen in den Nachrichten. "So sieht kein Terrorist aus!" hörte ich des öfteren als Kommentar zum Portrait dieses blonden Jünglings.
Ja wie sieht den ein Terrorist aus?
Natürlich mit langem Bart und Turban auf dem Kopf.
GeroSteiner schrieb am 24.07.2011 um 12:27
"So sieht kein Terrorist aus!"
Terroristen sind offensichtlich sehr wandlungsfähig. Manchmal tragen sie sogar Anzug und Krawatte und sehen amerikanischen Präsidenten zum Verwechseln ähnlich.
Doris Brandt schrieb am 24.07.2011 um 13:49
Der Terrorist, ein wahrer Tausendsassa.
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