Jacob Jung

Blog: jacobjung.wordpress.com

14.11.2011 | 22:07

Zum Tod von Franz Josef Degenhardt

14.11.2011 – Heute ist der Liedermacher und Schriftsteller Franz Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren gestorben. Wie kein anderer verlieh er der 68er Bewegung und der politischen Linken in Deutschland eine laute Stimme. Bis heute haben seine Lieder nichts von ihrer Aktualität, ihrer Klarheit und ihrer kompromisslosen Aufrichtigkeit verloren.

Als promovierter Jurist war Degenhardt seit 1969 als Rechtsanwalt in Hamburg tätig. Er wurde als Verteidiger unter anderem im Rahmen der Antidemonstrationsverbote für die APO und für Mitglieder der RAF aktiv.

1971 wurde er aus der SPD ausgeschlossen, weil er anlässlich der Landtagswahlen in Schleswig-Holstein einen Wahlkampfaufruf zugunsten der neu gegründeten DKP gestartet hatte. 1978 trat Franz Josef Degenhardt der DKP bei, in der er bis zu seinem Tode organisiert war.

 

Mich, wenn sie mich zu Grabe tragen,
also dann mitten durch die Stadt.
Auf einen offenen Leichenwagen,
dass man davon noch was hat.
Kurz durch die Schmuddelkinder-Viertel,
möglichst im Morgen seinen Schein.
Lasst doch den schwarzen Kutscher fluchen,
mein erster Schulweg soll es sein.

[Aus Franz Josef Degenhardt: Das Testament]

Ich habe die Leser meines Blogs gebeten, per Kommentar ihre Lieblingslieder zu posten und würde mich freuen, wenn Ihr das auch tut. Hier ist der Link.

 
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Kommentare
Popkontext schrieb am 14.11.2011 um 22:14
Danke für die Info. War nie im engeren Sinne ein Fan, aber ein wichtiger Mann. R.I.P.
goedzak schrieb am 14.11.2011 um 22:18
koslowski schrieb am 14.11.2011 um 22:45
An einige Autoritäten drüben
…..
……

Nein, unerträglich ist jetzt dies:
Die Riesengipsfigur, die
mit dem Stalinkopf bei Fuß
nicht weiß, daß zu dem Satz
der Gegensatz zur Sprache kommen muß.
Die greisendumme Arroganz,
die »Dunkelmänner« schimpft,
wer in der großen Dunkelheit
vom roten Morgen singt.
Das können auch die jetzt nicht mehr übersehn,
die immer noch auf eurer Seite stehn.
seriousguy47 schrieb am 14.11.2011 um 23:19
"Ich singe nicht für euch,
ihr, die ihr eure Riemen enger schnallt,
wenn es um Höheres geht.
Ihr, bis zum Rand voller Gefühlsmatsch,
ihr, die ihr nichts so hasst
wie eure eigenen verschwärten Leiber,
die ihr euch noch in Fahnen wickelt,
Hymnen singt,
wenn euch der Strahlengürtel schnürt.
Und nicht für euch,
ihr high-life Spießer mit der
Architektenideologie,
ihr frankophilen Käselutscher,
ihr, die ihr nichts so liebt
wie eure eigenen parfümierten Pöter,
ihr, die ihr euch nicht schämt
den Biermann aufzulegen,
weil der so herrlich revolutionär ist.
Nein, für euch nicht.
....
Ich sing für euch,
die ihr die feige Weisheit eurer Heldenväter
vom sogenannten
Lauf der Welt in alle Winde schlagt
und einfach ausprobiert,
was richtig läuft. Die ihr den Lack, mit dem
die Architekten überpinseln,
runterbrennt von allem rissigen Gebälk.
Für euch,
die ihr die fetten Köter
in die Sümpfe jagt, nicht schlafen könnt,
wenn ihr an damals denkt, und alle
Allesfresser schnarchen hört
und nicht auf Tempelstufen hocken wollt,
solang der Schlagstock noch
die weiße Freiheit regelt,
Napalm noch die Speise für die Armen ist,
ich sing für euch."

www.golyr.de/franz-josef-degenhardt/songtext-fuer-wen-ich-singe-629999.html
Popkontext schrieb am 14.11.2011 um 23:25
Sogar Die Welt hat einen respektvollen Nachruf geschrieben, ohne Hetze: www.welt.de/kultur/article13717237/Liedermacher-Franz-Josef-Degenhardt-ist-tot.html
Joachim Petrick schrieb am 15.11.2011 um 02:27
Nun ist Franz Josef Degenhardt viel zu früh seinem einstigen Kampfgefährten in der damalsarg bedrängten Schleswig Holsteiner SPD, dem Roten Jochen Steffen in die Ewigen Liedgut Jagd Gründe gefolgt.

Irgndwie bin ich schmerzlich berührt, dass ich an Franz Josef Degenhardt die letzten Jahre musikalisch so wenig gedacht habe
Jacob Jung schrieb am 15.11.2011 um 03:48
Das geht mir ganz ähnlich, Joachim. Ich habe vor ein paar Monaten noch einmal fast alle Degenhardt Lieder gehört und war dabei beeindruckt davon, wie aktuell viele Themen, Analysen und Betrachtungen immer noch sind.

Dann habe ich ihn aber aus den "Ohren" verloren und erst heute Abend wieder an ihn gedacht, als ich von seinem Tod erfuhr.
Alien59 schrieb am 15.11.2011 um 05:37
Er ruhe in Frieden. Gibt es Nachfolger? Ich sehe keinen.
weinsztein schrieb am 15.11.2011 um 05:52
Er war klar und aufrichtig, ein sturer Bock, er bleibt auf ewig mein klarsichtiges Väterchen Franz, das [leider, aber so war er] keine politischen Kompromisse kannte, gern harte Schnäpse soff und darum schon mal einen Auftritt schmiss. Ein Vorbild war ihm auch der anarchische Franzose George Brassens, dessen Lieder er ins Deutsche übersetzte und sang ("Junge Paare auf Bänken", 1986), darunter auch eins zur eigenen Beerdigung, irgendwann.

"Wenn der Senator erzählt" und "Tarantella" empfehle ich für die nächsten Occupy-Aktionen.

Franz-Josef Degenhardt ist fast 80 geworden, ein kleiner Trost.
Ich bin traurig.
claudia schrieb am 15.11.2011 um 07:17
Franz Josef Degenhart war mit Dieter Süverkrüp und Dietrich Kittner ein unverzichtbarer Begleiter und Mutmacher der gesellschaftskritischen Jugend der 70er Jahre, in meinem Falle also des kapitalismuskritischen Teiles der Gewerkschaftsjugend.

Als Solchen behalte ich ihn in Erinnerung. Falls es doch ein ewiges Leben gibt, dann soll es ihm darin auf ewig gut gehen.
Jacob Jung
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