Armyn

Panoptisch

20.07.2011 | 19:23

Ostdeutsche Verwirrung

Neulich kam mir im Bahnhofsgebäude eine merkwürdige Person entgegen. Verwundert hat mich nicht, dass sie klein, dünn oder weiblich war, sondern der weiße Schriftzug auf ihrem schwarzen T-Shirt. Dort prangerte in Fraktur-Schriftzeichen "Ostdeutschland" auf der sonst unscheinbaren Brust.
Ich verfiel sofort ins philosophieren.

Bedeutet dieser Aufdruck Nationalismus oder Antinationalismus? Bedeutet es eine postmoderne Affirmation der sozialistischen Vergangenheit? Aber warum erinnert es dann an die martialische Aufmachung von Neonazis? Mache ich mir hier zu viele Gedanken um eine blöde Kuh oder verbirgt sich dahinter eine komplexe Fragestellung der postsozialistischen Gesellschaften?

Als erstes kam mir das ideologische Vakuum in den Sinn, dass die autoritäre DDR-Führung hinterließ. Und damit meine ich nicht Bürger, die in der DDR aufgewachsen sind und bewusst gelebt haben. Im Gegenteil, das eigentliche Opfer dieses radikalen Wandels war die 90er-Generation. Gerade noch so in Polikliniken geboren, wuchsen sie mit Erzählungen über eine Welt auf, die nicht mehr existierte und dennoch immer präsent blieb.

Während draußen die Wirtschaft kollabierte und die Eltern den Job verloren, gab es beim Abendbrot nebenbei Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit präsentiert. Selbst Eltern, die dem System kritisch gegenüber standen, lebten, liebten und feierten darin. Auch sie lieferten ihren Kindern eine verzerrte Erinnerung.

In den Medien sah die Vergangenheitsbewältigung ganz anders aus. Mit dem "real ehemals existierenden Sozialismus" wurde auf allen Ebenen abgerechnet. Und auch gesellschaftlich, im Bekanntenkreis und im sozialen Umfeld gingen die Meinungen auseinander, entsprechend der Wende-Gewinner/Verlierer Linie.

In so einer polarisierten Atmosphäre aufzuwachsen ist gefährlich. Gerade Gruppierungen wie die neonazistischen "Autonomen Nationalisten" oder die NPD bedienen beide Seiten dieser schizophrenen Politikkultur. Sie servieren den Küchentisch-Sozialismus der Eltern und einheitsdeutsche Phantasien der Medienlandschaft. In den Köpfen wird der nationalistische Fetisch mit einer sozialistischen Ader kombiniert. Deutsche Geschichte reloaded.

Als die "Ostdeutschland"-Tussi an mir vorbei geschritten war, blickte ich mich zu ihr um. Auf ihrem Rücken prangerte das Bild einer Faust mit einem gestachelten Schlagring darüber. Wahrscheinlich aus der Hooligan-Szene. Vielleicht doch nur eine blöde Kuh.

 
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Armyn
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