aSak

Blog von aSak

10.11.2011 | 19:33

Ungeklärte Fragen zur Revolution und zur menschlichen Motivation

Wir befinden uns – höchstwahrscheinlich – seit 2007 in der größten Wirtschafs- und Finanzkrise, die unsere Erde bis dato gekannt hat. Gerade im Moment löst sich im Zuge ihrer Europa Stück für Stück auf: Griechenland hat bereits eine neue Regierung, Italien denkt darüber nach, sich endgültig von Berlusconi zu trennen, den USA drohte erst just die Staatspleite und auch Deutschland besitzt eine Verschuldung jenseits von Gut und Böse. Wie es nicht anders zu erwarten ist, werden in einem solchen Klima Proteste wieder populär. Neue Ideen erobern die Welt, die Welt scheint in einer selten gekannten Aufbruchsstimmung, vom nahen Osten und Afrika bis hin zur Wall Street, dem Finanzzentrum der westlichen Hemisphäre. Es scheint so, als lehnten die Menschen die alten Strukturen, die zu diesem Kollaps führten, ab, als gäbe es tatsächlich Anstrengungen, ein neues "System" zu erschaffen. Stéphane Hessel schreibt in seinem Büchlein, jede Generation müsse ihre eigenen Gründe zur Empörung finden und Menschen in aller Welt scheinen diese bereits gefunden zu haben - wie weltweite Protestveranstaltungen beweisen. Man empört sich. Doch — worüber eigentlich? Gegen welche Ungerechtigkeiten richtet sich der Zorn des Wutbürgers? Und wie kann man's besser machen?

Weil die Welt ohnehin Kopf steht - lasst uns kühn ein Gedankenexperiment wagen. Eines, das für Nicht-Philosophen gänzlich irrational erscheinen muss: Stellen wir uns eine Welt ohne Geld vor. Es handelt sich dabei, das ist unstrittig, nicht um ein tatsächlich erreichbares Ziel, das von nationaler Ebene aus erreicht werden könnte. Viel mehr wird der Gedankengang einige interessante (und hässliche) Vermutungen hervorbringen, die bei der Lösung brennender Zeitfragen vielleicht hilfreich sein können. Wir hören also nun alle einen lauten Knall - und es gibt kein Geld mehr. Keine Münzen, keine Scheine, keine Kreditkarten.

Ist es möglich, sich ein solches System konsistent zu denken? Weit aus dem Fenster gelehnt: Natürlich. [...] Während einige Jobs mit dem großen Knall von der Bildfläche verschwunden sind - Steuerschätzer und Bankiers -, sind die meisten Berufsfelder unangetastet. So geht man also zu seiner krankenversichterten Arbeitsstelle, verlässt diese am späten Nachmittag, besucht den örtlichen Supermarkt... der Gedanke kann beliebig lange gesponnen werden. Die einzigen Begrenzungen, so scheint es, sind der Mensch (und dessen Zuverlässigkeit), der Markt und letztlich der Planet. [...]

Oder nicht? Schätzungsweise ist jeder einzelne Einwand zu dem beschriebenen Szenario diskussionswürdig, denn ein jeder Mensch auf diesem Planeten wurde in den letzten 2.000 Jahren in einem monetären System sozialisiert und musste sich in seinem Leben diesem unterordnen: Zuerst kostet man Geld, dann verdient man Geld, dann kostet man wieder Geld. Der Gedanke, dass Menschen als rationale Wesen autonom handeln und ihre Arbeitskraft nicht in den Dienst von Geld stellen, kann im Jahr 2012 n. Chr. nur als "absurd idealistisch" bezeichnet werden. Viele Gegenargumente zu seinem solchen gedanklichen Weltentwurf sind sicher einfach zu entkräften; ein Gedanke lässt sich jedoch immer finden. Es ist eben jener, dass es ohne den monetären Anreiz keinen Grund gibt, sich in der Früh aus dem Bett zu quälen. "Zur Selbsterhaltung des Systems" oder "um die Vorteile eines solchen Systems genießen zu können" sind dabei, das hat die Empirie gezeigt, anscheinend keine Motivation. Im Gegenteil: "Ach, aber ohne Geld?" Diese Haltung ist, obwohl kein Leser dieses Textes sein Gesicht je auf der Forbes 100-Liste sehen wird, mehrheitlich verbreitet und konsensfähig. Ebenso die Empörung über die kapitalistische Zerstörung des Planeten. Es lässt sich festhalten: Geld ist tief im kollektiven Bewusstsein als Wert verankert.

Eben hier ist der Haken der Geschichte: Geld ist der Motor, der die Welt im Wesentlichen antreibt. Obgleich viele Menschen finden, dass es im Leben sicher größere Ziele gibt, von Freundschaft und Liebe bis hin zu hedonistischem Altruismus oder einem "einfachen, glücklichen Leben" - scheint kein anderes Mittel den Zweck der Aufrechterhaltung und Motivation so zu erfüllen, wie Geld dies tut. Ist es nun eine Notwendigkeit, dass das Geld mit all seinen modernen Nebenwirkungen existiert? Ja, anscheinend. Vielleicht ist es daher sinnvoll, darüber nachzudenken: Worin kann denn eine Motivation bestehen, ein soziales und wirtschaftliches Geflecht auf Klein- und Staatsebene zusammenzuhalten? Historisch betrachtet gab es bereits andere Träger, zum Beispiel Nationalstolz. Was daraus wurde, das ist bekannt. Möglicherweise gibt es hohe Ideale wie "das Wohl der Menschheit", ausreichend könnte auch "der Erhalt des Status Quo" sein. Ein Jeder hat sicher andere Vorstellungen, warum man auch ohne Geld ein gutes Leben führen könnte. Einen Konsens findet man dabei jedoch nicht, weder im Kleinen noch im Großen.

An dieser Stelle der Bogen zur Einleitung: Es wird protestiert. Um was geht es, mit Blick auf #Occupy, dabei nun eigentlich? Eine geldlose Welt kann es, das kann man so behaupten, kaum sein. Ursachenforschung scheint in diesem Bereich nötig, denn hört man die Beschwerden der Menschen, die von global-sozialer Ungerechtigkeit bis hin zu den Gehältern der Mächtigen reichen, so lassen sich diese auf das Geld herunterbrechen. Was ist also gefordert? Ein "Neustart des Systems"? Die Umsetzbarkeit dieser Idee steht in einem globalisierten Finanzsystem auf einer Stufe mit der einer geldlosen Welt. Regulierungen? Ja, natürlich. Eine herrschaftsfreie Welt? Wie in Belgien? [...] All dies sind sicher gute Gründe, mit einem Zelt die Wall Street zu belagern - doch ist Veränderung auf diesem Wege möglich?

Es muss klar sein, worüber man sich eigentlich bei den jüngsten Ereignissen échauffiert. Die Menschen wollen Veränderung, "echte Freiheit", eine "faire" Welt, "ihre Chancen nutzen können" – "so irgendwie". Wenn es im bestehenden kapitalorientierten System der Welt allerdings zu echten Veränderungen kommen soll, dann ist es sicher sehr sinnvoll, viele offene Fragen bereits im Vorfeld zu behandeln: Wo will man hin? Entwickelt sich eine Gesellschaft aus dem Nichts? Geht es nur um "kleine" Korrekturen? Wie soll eine neue Gesellschaft denn aussehen? Bisher gibt es darauf keine Antworten - und wir sollten uns alle wünschen, dass solche gefunden werden.

(Dieser Text wurde in einer unwesentlich längeren Fassung auch auf think-strange.de veröffentlicht.)

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 11.11.2011 um 16:20
@aSak

"Ist der Mensch des Menschen Wolf?, wenn ja, ist dann das Geld als Unterteiler in Geldgeber, Geldnehmer und umgekehrt, die Knautschzone, das Wölfische im Menschen zu entschleunigen oder doch in Krisenzeiten gar zu beschleunigen?

Ist unsere Welt des Geldes nicht eine gelebt utopische Welt, die die Superreichen der Welt, ihren Kapitalmantel, von Krise- zu Krise- Hopping, abstreifend, die alten Despotien hervorkehrend, gerade einmal mehr vom Wert des Geldes befreien wollen?
aSak
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