An den Kragen könnte es den Euro gehen, ja vielleicht gar bald: die gesamte Idee, welche zur Bildung der Europäischen Union führte zur Disposition stehen. Hat das Friedensprojekt (samt uns Europäern!) eine lebenswerte Zukunft? Schlimme, mittelmäßige Regierungspolitiker in beinahe der gesamten Union stellen diese europäische Zukunft durch schlimme Äußerungen (in Deutschland: z. B. Philipp Rösler zu Griechenland!) in Frage.
Schlimm bis in die Kommune hinein
Schlimm sieht es ebenfalls in vielen deutschen Kommunen aus. Was u.a. an einer verfehlten, über zwanzig Jahre währenden neoliberalen Politik (schon eingestielt zu Zeiten der sogenannten "geistig-moralischen" (!) Wende des (immerhin wirklichen) Europäers Helmut Kohl) liegt. Damit verbunden sind für die Kommunen programmierte (Umverteilung von unten nach oben; ungerechte Steuerpolitik) Einnahmeprobleme und auf der anderen Seite zu hohe soziale Ausgaben für Arbeitslosigkeit.
Schon weit vor den jetztigen Krisen waren die Kommunen des Ruhrgebietes schwer gebeutelt. Der Grund: der Strukurwandel. Kohle und Stahl - einst lange die Hauptwirtschaftszweige im Ruhrgebiet - haben unterdessen stark an Bedeutung abgenommen. Allein in Dortmund etwa arbeiten heute mehr Menschen in der Landwirtschaft als vom und im Bergbau!
Ein Jahr nach Kulturhauptstadt Ruhr2010 - Wie ist die Lage?
Im verflossenen Jahr 2010 stand das Ruhrgebiet mit 53 Städten relativ stark im Fokus auch internationaler Medien. Das Ruhrgebiet, der "Pott", war "Kulturhauptstadt Ruhr2010".
Zum Pott zählt freilich auch Mülheim an der Ruhr. Dort fragt man sich nun dank einer Idee, eines Projektes des Ringlokschuppen Mülheim: Wie sieht es nun ein Jahr nach der "Kulturhauptstadt Ruhr" in der Region, speziell der Stadt, aus? Wie geht es den Menschen, nachdem der Fokus der Medien von ihnen weggefahren, nun gerade noch auf das Regionale um- und eingestellt ist? Das Jahr 2010 brachten mit Mitteln der Ruhr2010 noch einmal "Kohle" in die Region. Das brachte kulturell einiges an positiven Aufschwüngen. Was bleibt? Oder fallen nun - wieder auf klamme Stadtkassen blicken müssende Kommunen - bergmannsprachlich ausgedrückt ins Bergfreie? Wie also sieht die Zukunft aus?
"SchlimmCity"
Um all die aufgeworfenen Fragen zu beantworten und um ein Dialog auch mit den betroffenen Menschen zu führen, wird die Stadt Mülheim an der Ruhr von heute an quasi bis zum 9. Oktober 2011 zu "SchlimmCity". Oder, pardon: Ist Mülheim das bereits jetzt? "SchlimmCity", so heißt des Projekt. Es lehnt sich namensmäßig an den "Computer-Klassiker "SimCity", der über Jahrzehnte PC-Nutzerinnen und Nutzer mit Städtebau und Stadtplanung virtueller Städte unterhalten hat" (Pressemitteilung des Ringlokschuppen Mülheim a.d.R.).
Die Neuschöpfung "SchlimmCity" kombiniert den Spielenamen mit einer in Mülheim üblichen Alltagsbeschreibung betreffs des Zustands der Innenstadt: "schlimm." Das Stadtspiel "SchlimmCity" versucht sich nun an einer künstlerischen Bestandsaufnahme der aktuellen Situation der Innenstädte überhaupt sowie öffentlicher Räume.
Was offenbar bestimmten Stellen schon wehtut, bevor "SchlimmCity" überhaupt richtig gestartet ist. Die Pressemitteilung informiert, dass "bereits im Vorfeld in Politik und Medien neuralgische Punkt" vorauseilende Schmerzen verspürten.
Das Sterben der Innenstadt
Was aber müsste eigentlich Schmerzen bereiten? Mülheim an der Ruhr erlebte einen drastischen und rasant sich verschärfenden Niedergang des Warenhandels. Derzeit ist schon jedes zehnte (!) Ladenlokal verwaist. Was nachkommt sind wie überall Ein-Euro-Shops und Billigketten. Auf der Stadt lastet eine exorbitante Arbeitslosenquote von ca. zehn Prozent. Mülheim steht vor einem zweiten Strukturwandel.
"Traditionell städtisches Leben wird meist nur nochin parallel gewachsenen Gastronomiemeilen und Einkaufszentren simuliert", beklagt die Pressemitteilung. Erst recht stirbt die Innenstadt seit Schließung des Kaufhofs im Jahre 2010: "Leerstand und Tristesse breitet sich zusehends aus." Seit 1954 stellte besagtes Warenhaus den westlichen Begrenzungspunkt der Stadt dar und war so "über Generationen" hinweg "ein Fixpunkt des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens". Die alte Stadt befindet sich in Auflösung. Ihre "Hardware" - Häuser, Gebäude, Institutionen und Geschäfte - ist in die Jahre gekommen und benötigt eine neue "Software" - "eine neue Aufladung für die 'User' und Bewohner des digitalen Zeitalters."
"Neue Orte" - interessante Begegnungen
Für diesen Wandel stehen neue Begriffe und "neue Orte". Sie spiegeln eine Sicht auf eine heterogene Stadt, die sich in Teilen neu erfinden muss. Im "SensorenTreff" werden sich das Theater "Spätlese" und "Die jungen Performer Mülheim" zwecks einer gemeinsamen Bestandsaufnahme der Stadt begegnen. Das "Kaff Fee" soll Erinnerungen an Einkaufsbummel in der Mülheimer Fußgängerzone, jetzt "KonsumBeruhigtezone" hervorrufen. Bei "C'est la Wii" sollen geladene Gäste "virtuelle Matches" austragen und über "urbane Wirklichkeit diskutieren". Der Kaufhof wird zur "LeerAnstalt" und gleichzeitig zum Veranstaltungsort umfunktioniert.
"SchlimmCity" (das Programm finden Sie hier) möchte Denkanstöße liefern, zu Auseinandersetzung und Perspektivwechsel auffordern und Fragen "nach dem zukünftigen gesellschaftlichen Zusammenleben in der Stadt beantworten helfen". Das Programm umfasst Aufführungen, Performances, Lesungen und Diskussionen, Interventionen, Konzerte und Partys.
Das Citymanegement reagierte sauer, spricht aber nun von einem "Missverständnis"
Wie nötig offenbar die Beschäftigung mit dem nicht selten desolaten Zustand der Städte im Ruhrgebiet, sowie mit dem schleichenden von Kommunal und Landespolitik ignoriertem Strukturwandel nebst der dem entegenstehenden Finanzmisere ist, zeigten die teils heftigen Reaktionen seitens des Mülheimer Citymanegement auf "SchlimmCity". Hatte man dort zunächst noch eine einstweilige Verfügung gegen den Titel "SchlimmCity" erwogen, dann aber wieder verworfen, konnte man sich dann doch nicht verkneifen das Stadtbild von unliebsamen Plakaten zu "säubern". Mehr als fragwürdig! Was inzwischen wohl auch das Citymanegement so sieht und zurückrudernd erklärt, die Abhängaktion sei ein "Missverständnis" gewesen. Das meldete zumindest Radio Mülheim.
Über das Mülheimer Stadtspiel "SchlimmCity" sind Friedrich Schillers Worte gestellt: "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und Neues Leben blüht aus den Ruinen."
Wie schon erwähnt, sind womöglich sowohl der Euro als auch die Europäische Union - unter der egoistisch geführten Knute einer internationalen Finanzdiktatur und beschädigt durch offenbar unfähige Politiker - in unmittelbarer Zukunft in Gefahr.Und damit auch die Demokratie und das Wohlergehen der Menschen.
"SchlimmCity" umschifft zumindest die Euro-Klippe: Während des Projektes gilt dort der Schlimm-City-Doller (SCD). Mittels dieser Währung soll die Kunst den marktüblichen Mechanismen entzogen werden. SCD sollen in "SchlimmCity" Mülheim reichlich vorhanden sein und können nach tagesaktuellen Kurs (ca. 1:50/10 Euro zu SCD) in den Wechselstuben oder bei "Schwarzmarkthändlern" von "SchlimmCity" ausgetauscht werden.
Ab heute gilt: Welcome to SchlimmCity!
"SchlimmCity" wird gefördert von der Leonhard-Stinnes-Stiftung, von NRW KULTURsekretariat, von der Ministerpräsidentin des Landes NRW und Ruhr2010.