Heute früh auf dem Weg zu meinem Hausarzt wäre ich doch beinahe glatt hingeschlagen! Kurz vorm Supermarkt war das. Dessen Eingangstüre schon in Sichtweite. Doch nur keine Angst: Es ist nochmal alles gut gegangen. Ich konnte mich gerade noch so halten: Vor Lachen! Hatte ich doch wirklich gelesen: "Streusalz frisch eingetroffen!" Ein weißer Plastiksack, neben der Tür - man/frau stolperte im Grunde fast darüber - lag da fein säuberlin über den anderen gestapelt. Sollte heute nicht der heißeste Tag der Woche werden?! Deshalb war ich ja auf dem Weg zu meinem Arzt: gestern hatte ich meine letzte Pille gegen Bluthochdruck geschlucht. Nun war Nachschub nötig. Und dann das: Streusalz! Nach dem Zeug hatten sich die Leute im letzten Winter noch geprügelt. An jeder Ecke war zu lesen: "Streusalz leider ausverkauft" Stattdessen nun: "Streusalz frisch eingetroffen!" Ein Kollege pflegt betreffs unseres scheinbar immer verrückter werdenden Planenten zu sagen: Verrückte Welt! Die Nase läuft, die Füsse riechen...
Ich, sauste, stürzte - nur natürlich! - gleich in die lokale Supermarktfiliale hinein. Der Doc konnte erstmal warten. Mein Herz klopft indessen was das Zeug hielt: Der heute nicht gedimmte Blutdruck machte seinen Namen alle Ehre. Nur rasch auf einen Sprung, dachte ich, versuchte ich mich (und ihn!) zu beruhrigen, und weiter: Bloß mal fix (angefixt?) gucken! Schnurstracks raste ich also die Gassen zwischen den vielen Regalen des Supermarktes auf und ab und hin und zurück. Doch: Nichts! Nichts und wieder nichts: Kein Schokoladenweihnachtsmann nirgends! Wo blieben diese Hohlkörper nur? Wahrscheinlich in der Bundeshauptstadt, schoss es mir in den Kopf! Dabei müsste dort deren Bedarf - nach meinen Dafürhalten jedenfalls - eigentlich längst mehr als gedeckt sein. Dennoch, durchfuhr es mich trotzig: Musste nicht längst ("Streusalz frisch eingetroffen!") deren schohokoladene, schöhönene Vorweihnachtszeit gekommen sein?
Denkste! Die hatten mich doch glatt veräppelt. Mit dem dämlichen Streusalz da vor der Supermarktschiebetür! Verbieten sollte man solch plumpe Werbung. Ich fall' doch sonst auf solchen Quatsch nicht rein! Mit jedem Scheiß wollen sie einen an- und rein in den Laden locken. Und dann? Dann ist man wieder mal Näse!
Verärgert kehrte ich - nicht ohne dem noch immer gleich hohen Streusalzbeutelberg vorm Eingang einen bitterbösen Blick zugeworfen zu haben - der Kaufhalle den Rücken. Ich ging zum Arzt. Dieser verschrieb mir meine Pillen. Und wiederum staunte ich kurz darauf, nach Abgabe meines Rezeptes: Die Apothekerin händigte mir diesmal das Präparat aus, das ich vor Jahren immer benutzt hatte, ich dann aber später nicht mehr erhielt, dafür aber ein anderes mit gleichem Wirkstoff und mit der Begründung bekam, meine Krankenkasse hätte halt nun mit diesem, anderen Hersteller einen Vertrag abgeschlossen. Und warum bekam ich nun wieder das "alte"? Die Apothekerin: Der neue Hersteller hätte sein Mund zu voll genommen. Weil er behauptet hatte, er könne den Bedarf deutschlandweit decken, es nun aber real nun doch nicht könne. Weshalb meine Kasse mir nun wieder (wahrscheinlich mit Zähnknirschen) "vorläufig" das "alte" Medikament erstatte. Wie großzügig!
Inzwischen habe ich mich von dem morgentlichen Erlebnisund der damit verbundenen Aufregung wieder einigermaßen erholt. Doch gebe ich hier unumwunden zu: Ich hätte eigentlich nur allzu gern einem dieser Hohlkörper zum nachmittäglichen Kaffee den Kopf abgebissen! Was der Anblick von Streusalz im August doch nicht alles auslösen kann! Man könnte es aber durchaus auch als Menetekel betrachten. Schließlich las ich heute, das Mißtrauen der Banken untereinander wachse bereits wieder. Trotz zuvor glänzend bestandener Stresstests! Auch Backe! Der wackelige Boden, auf welchen wir uns seit 2008 bewegen, könnte also vielleicht doch bald für uns alle ziemlich glatt werden.
Womöglich lagen die vom Supermarkt an der Ecke doch gar nicht so falsch mit den vielen Säcken Streusalz da? Der Frost kommt oft schneller als man denkt. Und die Hoffnung stirbt immer zuletzt. Ob die Weihnachtsmänner (und Frauen) die das Sagen in der EU haben, das wohl auch schon durchgeholt haben? Egal, Leute, wartet nicht auf die Trantüten: Kauft Streusalz! Aufs Glatteis geführt, werden manche einwenden, werden wir ja schon seit Jahren geführt, was soll's denn noch? Denen antworte ich mit Stéphane Hessel ("Empört Euch!", "Engagiert Euch!"). Für Hessel ist nämlich Gleichgültigkeit das Schlimmste. Deshalb möchte ich Euch zurufen: Leute streut doch endlich, die Krise ist so nah! Deckt Euch ordentlich mit Streusalz ein, wartet nicht auf regierende Hohlkörper! Denn: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!" (Friedrich Hölderlin). Vielleicht läßt sich ja das große Rutschen kurz vorm Abgrund (in den wir schon blicken und der frei nach Friedrich Nietzsche wahrscheinlich schon in uns zurückschaut) noch stoppen?