Mit einem guten Freund teile ich das Problem von Mitgliedern der Vorkriegsgeneration erzogen worden zu sein. Geschichten über wirtschaftlichen Zusammenbruch und den Verlust der Ersparnisse ersetzten uns die Märchen. Jeder Gegenstand könnte in dieser Situation einen neuen Zweck erfüllen, ihn ungenutzt wegzuwerfen in naher Zukunft einen Nachteil bedeuten.
Mein Freund wurde zudem in die Kunst des Schwarzhandels eingeführt. Sperrmüll und Handwerkerdienstleistungen dienten während des Studiums als Tauschmittel gegen Kost und Logis. Seinen Vater auf Unterhalt zu verklagen kam ihm nicht in den Sinn.
Als ich ihn kennen lernte führ er einen alten Mercedes Coupé (im Austausch für Alteisen) und lebte in einer Wohnung voller liebevoll zusammengestellter Antiquitäten. Selbst seine Frisur und Kleidung hatten etwas von einem veramten Adligen nach der Flucht.
Seine Probleme begannen mit dem Start ins „professionelle“ Arbeitsleben. Im Studium, bei den Jobs auf dem Bau war er für seine ausgleichende Art respektiert. Man hörte auf ihn, den gelernten Elektriker und angehenden Ingenieur und profitierte von seinen vorausschauenden Ideen.
Unter Akademikern wurde ihm das Berücksichtigen der Interessen Anderer als Schwäche ausgelegt. Vorausschauende Ideen wurden verlacht, im Alltagsgeschäft vergessen und von Kollegen im richtigen Moment als Eigenprodukt wieder ausgegraben.
Seit zehn Jahren leidet er nun unter diesem Respektverlust. Seine Kleidung und Wohnung haben jegliche Persönlichkeit verloren.
Aber er kann den Ingenieursberuf nicht aufgeben. Zu oft hat er gehungert um ihn nun wegen verwöhnter Wirtschaftswunderkinder ruhen zu lassen.
Die Krise schleicht sich an. Seine Stelle hat er als Erster seiner Firma verloren. Für Ideen seien andere zuständig, hatte man ihm gesagt. Er sei zu aufmüpfig gewesen.
Mit jeder Hiobsbotschaft in den Medien steigt seine Unternehmungslust. Bald ist die Welt so wie man sie ihm beschrieben hatte. Dann wird er wieder existenzielle Probleme lösen dürfen, anstatt in Machtkämpfen aufgerieben zu werden, die andere aus Langeweile und Unterbeschäftigung anzetteln.
Ich drücke ihm beide Daumen, daß er seine Nische endlich finden kann.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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