6
]
Ob in Berlin, Frankfurt, London oder New York, momentan kann man eine allgegenwärtige, flächendeckende „Verkünstlerung“ ganz normaler Arbeit unter dem Banner der Kreativwirtschaft beobachten. Dies geht einher mit einer "Verwirtschaftlichung" des Künstlerbilds. So wird die Kunstproduktion ökonomisiert während die Wirtschaft sich mit Begriffen wie Kreativität und Innovation schmueckt. Vor allem ist das besorgniserregend, weil angewendet auf "richtige" Künstler diese plötzlich zu Mikro-Unternehmern werden (siehe Studio Olafur Eliasson oder Atelier Tobias Rehberger), deren Aufgabe es ist in einem zunehmend marktkonformen Kunstbetrieb verwertbare Produkte der Luxuskategorie zu schaffen.
In einem immer homogeneren Kunstmarkt bleibt Kunst als facettenreicher, vielschichtiger Impulsgeber und Freiraum für visuelle Experimente somit einfach auf der Strecke. Die sogenannten "freien" Künste werden im Namen von gewinnorientiertem Pragmatismus funktionalisiert. Gesellschaftlich verlieren wir alle eine kritische Instanz der Selbstreflektion.
Nur 6.500 der 140.000 bei der Künstlersozialkasse Versicherten verdienten 2006 mehr als 30.000 Euro im Jahr – das sind weniger als 5%. Die Zahlen für die Folgejahre werden bestenfalls nicht sehr viel Höher ausfallen, da in Krisenzeiten auch an Kunst gespart wurde. Hier geht es um die Definition von Arbeit allgemein und die Frage welche Leistungen eine Gesellschaft bereit ist für die indentitätsstiftende Kultur zu zahlen mit der sie sich dann im globalen Kontext schmückt.
Vor dem Hintergrund der sich rasant öffnenden Schere zwischen denen die mehr als genug "Haben" und denen die nur "Soll" haben, vor dem Hintergrund einer zutiefst anti-demokratischen Politik die seit Jahren unsere gesellschaftliche Mittelschicht auflöst imdem sie Gewinne privatisiert und Verluste von der Allgemeinheit finanzieren lässt (siehe Euro-Rettungsschirm und Bankenkrise) werden immer stärker auch kulturelle Förderprogramme zur Disposition gestellt.
Dies wirft verschiedene Fragen auf:
1. Was wuerde statt dem Abbau struktureller Rahmenbedingungen fuer kuenstlerische Arbeit eine Investition in den Wohfahrtsstaat bringen?
2. Wie könnte eine hinreichende Förderung von Künstlern aussehen? Und nach welchen Kriterien soll gefördert werden? Welche Fördermodelle und Kriterien finden sich im europäischen Vergleich?
3. Ist ein Grundeinkommen eine Lösung?
|
|
Wurde die Kunst nicht schon im Zuge der Pop Art ökonomisiert? Schliesslich hat Andy Warhol in seiner Factory ganze Serien von nahzu identischen Originalen im Siebdruckverfahren hergestellt- und damit nicht nur die Verwirtschaftlichung der Kunst salonfähig gemacht, sondern auch gleichzeitig den Betriebsgewinn multipliziert. Fortgesetzt und verfeinert wurde dieses Prinzip später dann in der Musikbranche: Anfang 1997 begab David Bowie eine Anleihe an der Londoner Börse, die er mit den künftigen Einnahmen seiner bis 1993 erschienenen Platten besicherte. Das brachte dem britischen Exzentriker damals auf einen Schlag rund 55 Millionen Dollar ein.
|
|
|
Klar, Warhol ist ein ergiebiges Thema wenn's um "Kunst und Geld" geht. Durch die Pop Art wurde ohne Zweifel in grossem Stil Kapital als künstlerische Materie in den Kunstdiskurs eingeführt. Wobei es sicherlich ein Unterschied ist, ob Geld/Kapital als künstlerisches Medium/Material verwendet wird, wie beispielsweise bei Beuys oder Yves Klein, oder ob es um schlichte Gewinnerziehlungsabsichten geht. Da wären dann unbedingt Damien Hurst und Jeff Koons ganz oben auf der Liste im Top-Preissegment zu nennen.
Das ist aber alles nicht neu. NEU ist wie sich Künstler inzwischen selbst als Unternehmer inszenieren. NEU ist das die Einlösung von Begriffen wie Innovation und Kreativität in ganz alltäglichen, langweiligen Bürojobs inzwischen regelrecht gefordert wird. Die „Verkünstlerung“ ganz normaler Arbeit wäre ja auch eigentlich was tolles, überhaupt nicht zu beklagen, wenn sie nicht verbunden wäre mit der Auflösung von Arbeitsstrukturen zu Gunsten von unsicheren, schnelllebigen "Hire & Fire" Situationen die Ausbeutung so unglaublich einfach machen. |
|
|
Komisch, aber solche und ähnliche Gedanken sind mir schon vor Jahren durch den Kopf gegangen. Kunst durchdringt mittlerweile auch die unternehmerische Sphäre- Kunst als Mittel zum Zweck sozusagen: Das Mittel Kunst für den Zweck des unternehmerischen Erfolges. Wir frei Kunst unter diesen Voraussetzungen noch ist, lässt sich sicher zur Recht fragen. So ganz spontan fallen mir da Pink Floyd und ihr Joint-Venture mit Volkswagen ein, irgendwann in den Neunzigern war das, glaube ich. Oder Bob Dillons Auftritt in einem Cadillac-Werbespot:
|
|
|
Das mit dem Verlinken hat nicht so ganz geklappt, hier der Cadillac-Spot von Bobby:
youtu.be/XRT7EFoWpZ4 |
|
|
Wer heute wirklich sich künstlerisch verwirklichen möchte, braucht Zeit -- und Geld. Zeit hat derjenige genug, wenn er seinen bezahlten Job aufgibt, Geld nur dann, wenn er bis dahin genug verdient oder Förderer hat. Diese Förderer sind immer seltener die öffentliche Hand, die hat nämlich kein Geld. Also sind es Privatpersonen oder Unternehmen, die Auftragswerke verlangen, was wiederum etwas mit der Ökonomisierung der Kunst zu tun hat, weil der Künstler sich in eine wirtschaftliche Abhängigkeit begibt. Autoren können beispielsweise gutes Geld verdienen, indem sie Auftragsbiografien schreiben. Die wesentlichen Daten und den Rahmen, welches Image erzeugt werden soll, bekommen sie vorgegeben.
Das ist das eine. Der Geldgeber hält sich einen Künstler. Ob ein Grundeinkommen dieses Dilemma auflösen würde, weiss ich nicht. Dass das Zurückziehen des Staates allerdings dieses Dilemma verstärkt, ist eindeutig. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, mit einer einmaligen Theaterlandschaft, droht dieses immaterielle Pfund zu verspielen. Eine, wegen der Unsicherheit der nur künstlerischen Existenz, erzwungene Kombination aus Erwerbsarbeit und damit festen Einnahmen und künstlerischer Tätigkeit ist allerdings nicht die Lösung, auch wenn es viele so praktizieren und es beispielsweise Autoren gibt, die damit auch kommerziellen Erfolg haben. |
|
|
Wie die Lösung aussehen könnte weiss ich auch nicht. Aber ganz klar sind vorhandene Förderstrukturen und Subventionen, so wie sie momentan politisch eingesetzt werden (siehe "Aufklaerungsausstellung" in Peking) eher ein Problem. Das sowas überhaupt ohne jegliche vorherige Diskussion möglich ist finde ich persönlich erschreckend.
Sowas geht nur, weil Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft keinen wirklichen Stellenwert haben, deshalb können sie für wirtschaftliche Interessen auch problemlos funktionalisiert werden. Beispielsweise ist es undenkbar, dass ein Kultur-Rettungspaket von nur 0,000 000 01% des Bankenrettungsfonds aus Steuergeldern gezahlt würde. Wo Kultur doch etwas ist von dem wir alle profitieren. Es werden einfach falsche Prioritäten gesetzt. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen