Axel Garbelmann

BlogBuster

06.04.2009 | 14:07

Family Amok

Vor ca. zwei Wochen hatte ich das Thema zum ersten Mal öffentlich behandelt, das war in einem Kommentar zum Amoklauf in Winnenden. Damals hatte ein Vater in mittleren Jahren seine Familie in Lamspringe getötet, zwei Tage nach Winnenden.

Mittlerweile ist der Amoklauf ein Fanal, ein Staatsereignis geworden. Noch auf Jahre hinaus wird man Winnenden hören und Amoklauf denken. "Lamspringe" ist jetzt schon kein Thema mehr.

In dem Kommentar hatte ich die These aufgestellt, dass Familienmassaker wir das in Lamspringe ca. im Takt von 3 Wochen auftreten und in diesem Jahr bereits fünf vorgefallen seien. Gleichzeitig aber erreichen sie bei weitem nicht das Medienecho wie Amokläufe oder "Ehrenmorde". Beides wird entweder mit männlichen Jugendlichen oder türkisch-muslimischen Hintergrund assoziert.

Familienmassaker haben zumeist einen deutschen Hintergrund, die Täter sind männlich, um die vierzig, geschieden, verschuldet, die Morde finden in Reihenhäusern in der Provinz statt. Und sie werden nicht, wie Amokläufe und Ehrenmorde, auf den Titelseiten der deutschen Presse verhandelt.

Ich hätte mir gewünscht, nicht recht zu haben mit meiner Monats-These. Am Freitagabend hat in Berndorf bei Korbach ein 40-Jähriger Mann versucht, seine drei Kinder im Alter von 3 bis 7 Jahre im Schlaf mit einem Hammer zu erschlagen. Das jüngste Kind ist ausser Lebensgefahr.

Und einen Hammer bekommt man in jedem Baumarkt.

Haben Sie schon mal einen schlafenden Dreijährigen gesehen?

Der Mann, zum Zeitpunkt der Tat wahrscheinlich betrunken, stellte sich der Polizei mit den Worten, er habe seine Kinder umgebracht. Daraufhin konnten diese geborgen und versorgt werden. Ansonsten wären sie gestorben.

Der Begriff des "Familienmassakers" stammt in diesem Zusammenhang von mir, ich habe ihn in den Medien noch nie gelesen. Häufiger ist von einer "Familientragödie" die Sprache - diesen Ausdruck wiederum würde niemand für den Amoklauf in Winnenden oder einen Ehrenmord benutzen. Von der Qualität her aber machen die se Taten keinen Unterschied - Menschen werden getötet, das Vorgehen ist brutal und blutig.

Wie kommen wir auf die Idee, auch nur entfernt die Strukturen und Bedingungen eines Amoklaufes zu verstehen, wenn wir diese Vorfälle und Taten so geflissentlich ignoerieren. Der Mann (der, im Gegensazt zu anderen Tätern in diesen Fällen) nicht versucht hatte, sich zu töten, gab als Motiv "allgemeine Perspektivlosigkeit und Verzweiflung über die familiäre Situation" an.

Das ist verstörend, denn dies betrifft tausende von Familien und Männern in Deutschland. In diesen Fällen wäre von Fernsehen oder Computerspielen zu sprechen absurd. Doch das Motiv der Verzweiflung, die Fähigkeit zur Gewalt, wird hier unmittelbarer. Hier sind es nicht "die Jugendlichen" oder "die Türken", diese Fälle können in der gesellschaftlichen Wahrnehmung nicht an den Rand sozialer Problemgruppen geschoben werden.

Dies sind unsere Nachbarn, irgendwo in der deutschen Provinz, in irgendeinem nicht-abbzahltem Reihenhaus.

Ich stelle damit die These auf, dass der Druck, die Ausweglosigkeit, die Verzweiflung, eben die gesellschaftlichen Ursprünge hat, die durch das Leben in Krisenzeiten (eben den jetzigen) befeuert werden. Dass die Gründe dieser Gewalt sich, ganz heimlich, still und leise, ihren Weg in den Alltag gebahnt haben.

Das die Gewalt unseren Alltag erreicht hat. Und das würde ich gerne zur Diskussion stellen.

 
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Kommentare
hannelore schrieb am 06.04.2009 um 16:31
Sehr guter Beitrag!
Ich sehe den Unterschied in den genannten Verbrechen, dass sie jeweils von Söhnen und Vätern begangen wurden. Wenn ein Sohn ein Blutbad anrichtet, das dem Ansehen der Familie/des Vaters schadet, dann ist es ein gesellschaftliches Vergehen, eine Tat, die nicht den Normen und Werten unseres Rechtsstaates entspricht.
Wenn der gleiche Sohn als Soldat in ein Kriegsgebiet geschickt wird und dort ein Blutbad anrichtet, ist es in Ordnung, evtl. einen Orden wert.

Wenn ein Vater die Mitglieder seines Hauses straft, missbraucht, einsperrt, umbringt, dann wird das - bis heute - gewissermaßen "geduldet", weil es den Normen unseres Rechtsstaates entspricht, die auf dem römischen Gesetz der patria potestas beruhen. D.h. die uneingeschränkte Macht des pater familias: die Macht über Tod und Leben.

Die Familie ist in der Antike wie auch heute für den Lebensunterhalt unentbehrlich. Vor allem für die Altersversorgung waren die Familienmitglieder aufeinander angewiesen.
Der Hausvater hat für Schutz und Verteidigung der Familie zu sorgen; im 5. Jahrhundert v.u.Z. übernimmt der Staat diese Aufgaben (Beginn der Demokratie).

Dass wir bis heute innerhalb der gleichen Sozialstrukturen leben, sagt schon der Name des entsprechenden Bundesministeriums: Es ist zuständig für den Schutz der Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

-- siehe Fortsetzung --
Axel Garbelmann schrieb am 06.04.2009 um 16:59
Hallo, Hannelore,

danke für den Kommentar, der immerhin einen neuen Blickwinkel eröffnet - und damit den Fall "Fritzl" mit einbringt. Das politische Konzept des "Pater" als unangefochtenen Familienherren erfahren wir in diesem Zusammenhang als auf die höchste denkbare Spitze getrieben. Die Details erspare ich uns mal allen.

Die Frage ist dabei: Handelt es sich um ein unbewusstes In-Kauf-Nehmen durch stille Akzeptanz eines archaischen Familienmodells - das, in der Realität der sich differenzierenden Lebensgemeinschaften, einfach nicht mehr stimmt und daher Leid verursacht?

Gut finde ich auch den Vergleich mit dem Töten im Kontext: Unter anderen Umständen wird Gewalt gefördert, nämlich Krieg. Allerdings: Das Töten im Krieg erscheint weniger hass-erfüllt (es sei denn, die Kriegspropaganda hat wirklich gut gearbeitet und das Auslöschen des Gegners zur persönlichen Sache des einzelnen Soldaten machen können).

Zusammengefasst: Sind Väter, die ihre Familien auslöschen, von dem Gefühl geleitet, als "Paters" -Familienväter, die für die Ihren sorgen - versagt zu haben (Scheidung, Verschuldung etc.)? Falls ja, dann müssten wir uns mit den gesellschaftlichen Konventionen auseinandersetzen, denn dies ähnelt immerhin den Familienvorstellungen, unter denen auch Ehrenmorde geschehen. Damit wäre es also kein "muslimisches" Problem mehr.
hannelore schrieb am 06.04.2009 um 16:32
-- Fortsetzung --

Die "Väter" stehen historisch außer- und oberhalb dieser Gruppe; ihnen gehört das Ministerium, sie haben die Definitionsmacht. (Es spielt keine Rolle, ob daran heute auch Frauen teilnehmen; sie verhalten sich ebenfalls dem Gesetz entsprechend "väterlich", patriarchal.)

Ich rede hier von "Vater" (lat. pater) als politisches Konzept, nicht vom biologischen Vater (lat. genitor)!

Solange es noch Familien gibt, wo der Vater selbstverständlich das größte Stück Fleisch bekommt. Wo ihm die Kinder/die Frau die Zeitung und sein Bier bringen. Wo das christliche Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" gelebt wird (Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst...) und die Mutter dieser Gewaltenhierarchie zuarbeitet, indem sie kuscht, solange werden Väter wild um sich schlagen, in dem Moment, wo seine "Herrschaft" in Frage gestellt oder verweigert wird.

Eine Mutter, die nicht mehr kuscht (versucht sich scheiden zu lassen oder ins Frauenhaus flüchtet), ist in höchster Lebensgefahr - mit samt ihren Kindern, denn die sind ihre "empfindliche Stelle". Durch Gewalt an den Kindern versucht der Mann in seiner Verzweiflung die Frau gefügig zu machen.

Dies ist ein Grund, warum so viele Frauen bei einem gewalttätigen Mann bleiben und die Situation nach außen vertuschen: sie haben Angst. Berechtigt, denn der Staat hilft ihnen ja nicht. Im Gegenteil: wenn eine Mutter ihre Kinder freiheitlich aufwachsen lassen will (ungetauft, ohne Schulzwang, nackt, usw.), bekommt sie gesellschaftlichen Druck, die Polizei oder das Jugendamt auf den Hals. Die Nachbarn und die Verwandtschaft wollen nichts damit zu tun haben. Ist Privatsache. (Und die Medien halten sich ebenfalls zurück, wie du in deinem Beitrag bemerkt hast.)

Daher ist es schwer für solche Mütter, zu verhindern, dass der Sohn wie der Vater wird (erlebte Gewalt wird weiter gegeben).

Was heute geschieht, können diejenigen nicht verstehen, die nicht wissen, was gestern geschah. Was wir mit der Demokratie übernommen haben, ist den meisten nicht bewusst.

Die Vorväterzeiten, aus denen wir stammen, stellen jedenfalls ein düsteres, leidvolles und noch kaum aufgearbeitetes, vielmehr verdrängtes Erbe dar.

Zum Weiterlesen:
3-teilige Artikelserie zu Familie/Demokratie/Rechtsprechung:
rette-sich-wer-kann.com/diversa/artikelserie/familie-ein-ueberholtes-modell-oder-fehlkonstruktion-von-anfang-an/
Axel Garbelmann
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