bambulie

Blog von bambulie

27.01.2012 | 23:22

Seelenblume

Geist, Wille oder Verstand,
wer hat wann die Oberhand.
Im Widerstreit der drei Giganten
der Geist sich trägt mit Fluchtgedanken.

Der Wille zeigt ihm seine Pranken,
der Verstand hält ihn in Schranken.
Der Geist jedoch benötigt Weite,
die Schranken schiebt er gern beiseite.

Ein großer Geist kann Welten bauen,
kann gar Unglaubliches errichten.
Doch trotz all dieser Dimensionen
am Ende siegen Emotionen.

Der Nukleus der reinen Seele
glitzert wie ein Diamant.
Denn unzerstörbar ist die Seele
im Schattenreich der Asphodele.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.01.2012 um 23:51
Mal wieder wow! Selbstgeschrieben?
(Sternabzug für das Fremdwort zum Schluss, das ich erst nachgucken muss.)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.01.2012 um 00:01
Ok, ich korrigiere mich: 5 Sterne, mit meinem Latein hätte ichs wissen müssen mit Asphodele...
Nur: jetzt verstehe ich das Gedicht nicht mehr. Witzig. Ich sinne drüber nach.
bambulie schrieb am 28.01.2012 um 00:13
Liebe Frau Smilla,

ihre Nachfrage ob ich das Gedicht selbst geschrieben habe ist das größte Kompliment. Vielen Dank!

Da nehme ich doch glatt den Sternabzug für das umgangssprachlich nicht gerade angesagte Fremdwort aus der griechischen Mythologie gerne in Kauf.
bambulie schrieb am 28.01.2012 um 00:40
Zu anfangs trieben mich Geist, Seele und Verstand.
Aber am Ende kam dann noch die Seele hinzu, dieses war so nicht geplant. Eine Schattenexistenz die sich irgendwann verflüchtigt... ins Licht vielleicht?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.01.2012 um 22:11
Mhmm... wie kann sich etwas verflüchtigen, von dem Sie schreiben, dass es unzerstörbar sei? (Seele)
ich wage mal eine Interpretation und Sie ergänzen und/oder berichtigen.

Also: Formal gehts ruck zuck: 4 Strophen, Paarreim der ersten beiden und der letzten beiden Verse der dritten Strophe.

Die Überschrift lautet zwar 'Seelenblume' , nimmt aber nur in der letzten Strophe Raum ein, mit Überleitung der letzten Zeile in der dritten Strophe, insbesondere dem Ausdruck "Emotionen".

Die ersten drei Strophen beschreiben einen Kampf zwischen Geist, Wille und verstand, bei dem die Hauptfrage ist, wer wann die Oberhand habe. Mit einem vierfachen Reim ("Giganten/Fluchtgedanken/Pranken/Schranken), der sich verbindend und somit etwas tempomachend von der ersten zur zweiten Strophe führt, werden die drei Hauptakteure in Aktion beschrieben, was sie lebendig und rege erscheinen läßt, und mit den weiteren Verben "bauen" und "errichten" zudem kreativ erscheinen läßt. Die Verben beziehen sich ausserdem auf "Welten" und "Unglaubliches" , die Weite und Dimensionen aufzeigen, mit Worten also den Raum weiten.
Durch diese 'Vorarbeit' ist trotz des nun folgenden Verses "am Ende siegen Emotionen" kein Ende erreicht, denn Emotionen füllen Räume mit Liebe, Wärme und Nähe.
Darauf folgt mit der letzten Strophe "Der Nukleus der reinen Seele", wobei "Nukleus" aus der biologischen bzw. phsysikalischen Sprache stammt. Dazu die "reine" Seele, rein i.S. von klar, was auch die metapher des Diamanten verstärkt. Ein Diamant wird nach den vier C´s bewertet: clarity (Reinheit=frei von einschlüssen bei 10-facher vergrößerung), colour, cut und carat. "Denn unzerstörbar ist die Seele" könnte hier mit dem Diamanten in Verbindung betrachtet werden, Diamant hat den Härtegrad 10 ganz oben auf der skala, das könnte mit Unzerstörbarkeit gemeint sein. Aber passt diese Art von Härte zu einer Seele?
Oder ist etwas ganz anderes gemeint?
Die Überleitung lautet, dass am ende die Emotionen siegen. Das könnte gegenüber den Giganten als Abwertung gedeutet werden, i.S. von: Emotionen siegen über Geist, Wille und Verstand! "Denn unzerstörbar ist die Seele - (Verbindung zu Emotionen)- im Schattenreich der Asphodele." Der Seele wird also nur ein mystischer Bereich zugewiesen, sozusagen existiert sie damit nur im Sagenbereich, und in diesem weder auf der Insel der Seligen, noch im Hades, sondern im Schattenreich, irgendwo dazwischen, als Mythos unzerstörbar - im Gegensatz zum Realen, das Welten baut und Unglaubliches errichtet.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Geist, Wille und Verstand dem realen zugeordnet werden und die Selle dem Nicht-Realen im Mythos, wobei Emotionen den Weg zum Mythos darstellen, was die Handschrift eines Naturalisten bzw. Atheisten aufzeigen könnte.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist hinzuzufügen, dass der Gehirnforscher gerhard Roth in seinem Buch "Aus Sicht des Gehirns" einen interessanten Forschungsbeitrag zur Frage 'Verstand oder Gefühle- auf was sollen wir hören?' geschrieben hat und auf S. 162 erklärt, warum Entscheidungen emotional akzeptabel sein müssen.

Soweit, sogut, LG.
bambulie schrieb am 29.01.2012 um 01:24
Es fällt mir nicht leicht Ihnen eine sachliche Antwort zu geben, denn ich fühle mich wie von einer Welle getragen, jedoch Ihre Analyse finde ich großartig! Ich kann Sie aber beruhigen, lese ich mein eigenen Gedichte, so stellen sich mir auch immer wieder einige Fragen, das geht mir öfters so.

Als ich obige Zeilen im Laufe des gestrigen Abends geschrieben habe, hatte ich anscheinend einen jener magischen Momente, wie ich es zumindest immer nenne, wenn sich bei mir das Gefühl der Zufriedenheit einstellt. Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten habe ich dieses Gedicht auch sogleich ofenfrisch publiziert. Zurzeit schreibe ich und veröffentliche auch gleich. Ich sage mir einfach, ich kann ja auch im Netz noch editieren. Anfangs war ich noch beim Geist, Wille und Verstand Schema, das mich schon seit einiger Zeit beschäftigte. Am Ende kam dann schließlich noch die Seele hinzu. Soweit die dürren Fakten.
Allerdings, wir beide werden das Ding jetzt hier nicht aufdröseln.

Sie haben in vielen Punkten ins Schwarze getroffen, jedoch möchte ich mich hier nicht zu sehr erklären. Einfach unmöglich sich selbst zu sezieren noch dazu öffentlich. Vielleicht einigen wir uns auf Folgendes: Dieses Gedicht lebt auf seine Art und bietet dadurch Raum für mancherlei Interpretationen. Es entstehen Bilder (neuronale Feuer), welche im Leser anscheinend etwas bewegen, wie auch in mir selbst. Große Freude!

Zitat:
„wie kann sich etwas verflüchtigen, von dem Sie schreiben, dass es unzerstörbar sei? (Seele)“

Verflüchtigen heißt ja nicht, dass deswegen etwas zerstört wird. Es flüchtet ja nur, sucht also nur einen anderen Ort auf. Würde man die vierte Strophe weglassen, wäre es a priori eine klare Sache, die in ihrer Rationalität schlüssig wäre. Denn erst durch die vierte Strophe entsteht, wie sie ja auch sagen, dieser mythische Aspekt.

Nochmals vielen Dank für ihre kompetente und einfühlsame Rezension.

LG

PS.:

Ein weiser Mann hat mal gesagt:

"Dichtung ist Hervorbringung eines Bewusstseins. Spürt man also einem Dichter nach, kann man am Ende bei einem Bewusstsein landen. Da so ein Bewusstsein viele Gestalten annimmt, ist es weder möglich noch wirklich nötig, alles daran auf einmal zu begreifen."

Yi Munyol
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.01.2012 um 15:42
Danke, ich freue mich, dass Ihnen die Interpretation gefällt.

"Vielleicht einigen wir uns auf Folgendes: Dieses Gedicht lebt auf seine Art und bietet dadurch Raum für mancherlei Interpretationen. Es entstehen Bilder (neuronale Feuer), welche im Leser anscheinend etwas bewegen, wie auch in mir selbst. "

Das mit dem neuronalen Feuern ist so eine Sache für sich: Die Neuronen eines Affen feuern anscheinend genauso wie die eines Menschen (Fr. Damasio forscht seit einiger zeit daran), komischerweise entstehen da wohl andere Bilder, oder kennen Sie gedichtinterpretierende Affen? (Nein, Sie haben das ja auch nicht behauptet, ich möchte nur mal darauf aufmerksam machen - als 'Denksport' sozusagen.)
Abgesehen davon ist der Raum für verschiedenste Interpretationen natürlich vorhanden, das ist das Interessante, Spannende und so Wunderbare an Sprache. (Mir fällt dazu gerade Carlo Manzoni mit seinem 'Signor Veneranda' ein, 100 X amüsant, oder Brecht mit seinem Herrn K. oder Kafka mit seinen rätselhaften Parabeln, oder, oder...Chomsky (der darf nicht fehlen).

"Dichtung ist Hervorbringung eines Bewusstseins. Spürt man also einem Dichter nach, kann man am Ende bei einem Bewusstsein landen. Da so ein Bewusstsein viele Gestalten annimmt, ist es weder möglich noch wirklich nötig, alles daran auf einmal zu begreifen."

Pardon, ...aber mir das irgendwie zu platt. Das liegt bestimmt daran, dass ich nicht weise bin, sondern nur ab und an klug. Aber dieses 'am Ende trifft Bewusstsein Bewustsein und das in vielen Gestalten' klingt nach einer Art Weltenbewusstsein, das weder beweisbar noch widerlegbar ist und die bewusstseinserkenntnis, die wir vom Menschen haben, universell übertragen, d.h. in universelle Ausgestaltungen.

LG
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.01.2012 um 20:02
Gedichte leben vom Geist, nicht von (materiellen) Neuronen. Die Vermischung von künstlerischem Geist und Gehirnforschungsresultaten ist absurd bis bescheuert.
Das Gedicht ist Ausdruck einer Intuition Bambulies, egal was da an Bewusstseins-Wahrheiten dahinter steht- die Analyse ist geistfern und lächerlich.
herzlichst Wilfried Zupp
Ian Bellyn schrieb am 28.01.2012 um 12:56
Asphodele, musste ich auch nachgucken. Passt aber gut. Ganz schön mystisch. Auch ich komm nicht dahinter. Komm du aber nicht auf die Idee dich zu erklären :-)
bambulie schrieb am 28.01.2012 um 21:36
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.01.2012 um 09:38
Wer hat wann die Oberhand ??
Der Wille ist Produkt des Geistes, ohne Geist keinen Willen.
Der Verstand ist Bestandteil des Geistes und "streitet" nicht mit ihm; genau so wenig wie der Wille... ein heilloses undefiniertes Durcheinander.
Der große Konflikt ist der zwischen Kopf und Herz, zwischen Geist und Gefühl, der in der Herz-Kopf-Synthese überwunden wird, früher die "chymische Hochzeit" genannt, findet sich am Ende vieler Märchen wieder, die noch viel mystische Wahrheiten tragen. Zu mystisch ? Zu esoterisch ?
Trotz des begrifflichen Wirrwars schön geschrieben !
Herzlichst Wilfried Zupp
bambulie
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