Beat Homp

Blog von Beat Homp

29.11.2011 | 09:59

Folgsames Volk

Es war ein Sieg für die regionale und kommunale Allianz aus Politik, Wirtschaft und Medien, ein Sieg für den einfachen Weg, für Bürgergehorsam und für die Gegner des Dagegens, ein Sieg für "Standortsterben und Stillstand ohne Tieferlegung", "Geld für nichts", "Ein Herz für Investoren", "Verträge sind heilig" und die herzzerreißende oberbürgermeisterliche Vision "Papa, Papa, stimmt es, dass hier früher einmal Züge gefahren sind?".

Es war eine strukturelle und keine thematische Entscheidung; nicht um das Bahnhofsprojekt an sich ging es, sondern um ein klares Zeichen des ökonomischen "Weiter so", um die Furcht vor den finanziellen Folterwerkzeugen der Wirtschaftseliten und um die Weigerung, den nicht primär materialistisch geprägten Kräften im Land einen Erfolg zu erlauben.

Es war eine keinesfalls voraussetzungslose, unabhängige und grundsätzliche Entscheidung. Die Abwägung galt nicht den Optionen "Stuttgart mit Kopfbahnhof" und "Stuttgart mit Tiefbahnhof". Sie galt auch nicht den sachlichen Konsequenzen einer Bauverhinderung oder Baudurchführung von S21 für Bereiche wie den Zugreiseverkehr oder die Stadtsituation, sondern nur den einzelnen Kostenvarianten, die vorrangig per Akklamation und kaum durch fundierte nachvollziehbare Herleitungen in die öffentliche Diskussion eingebracht wurden.

Der späte Zeitpunkt der Abstimmung hat somit nicht nur den am Thema eher marginal interessierten Teil der Bevölkerung weichgekocht und dazu gebracht, sich ins scheinbar Unvermeidliche zu fügen, sondern auch vermeintlich gültige Prämissen geschaffen, die mit der zu beurteilenden Qualität des Projekts nichts zu tun haben. Diese hat sich seit Dezember 2009, Mai 2010, Oktober 2010 oder März 2011 nicht verändert, und an jedem dieser Termine wäre ein 59:41 zugunsten des Tunnelbahnhofs höchst fraglich gewesen.

Welchen Rückhalt die Projektumsetzung in der ersten oder zweiten Hälfte des kommenden Jahres haben wird, bleibt abzuwarten. Verschiedene ungelöste Probleme aus technischer und wirtschaftlicher Sicht sowie der entstehende Konflikt durch die für die Gefühle vieler Menschen weiterhin sehr wesentlichen Eingriffe an Bahnhofsgebäude und Baumbestand lassen ahnen, dass das durch die Volksabstimmung gesetzte grüne Signal für S21 durchaus noch auf Rot springen könnte. Wir werden sehen.

 
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Kommentare
Richard der Hayek schrieb am 29.11.2011 um 10:05
Volksam bedeutet folgen.
mcmac schrieb am 29.11.2011 um 12:30
Folgende Folge folgt folgsamem Volk: Jedes Volk bekommt im Folgenden folgerichtig den Bahnhof, den es verdient. ...Falsche Folgerung?
Richard der Hayek schrieb am 29.11.2011 um 12:41
Ist mir zu diffizil, ich stehe auf klare Aussagen, auf denen man wie auf Schienen zum Schluß kommt.
GeroSteiner schrieb am 29.11.2011 um 12:44
... und volksarm bedeutet erhöhte Steuerlast.
GeroSteiner schrieb am 29.11.2011 um 12:43
Nur das volksarme Folg ist den Folgsvertretern genehm. Es volkt, ohne unangenehme Vragen zu stellen. Dem steht entgegen, dass nur eine wachsende Befölkerung ein Folg auf Dauer ervolkreich machen kann.
GeroSteiner schrieb am 29.11.2011 um 13:27
Volkt mir!
tlacuache schrieb am 29.11.2011 um 13:49
S 21 ?
Kenne ich nicht.
Aber
..."Sulzbach-Rosenberg nach Großalbershof – Königstein – Auerbach“. Darin wird einmal auf die „relativ hohe Erwerbslosenziffer“ in diesem Gebiet hingewiesen, aber auch auf die „Bestrebung der Reichsregierung, Deutschland in seiner Rohstofferzeugung vom Ausland unabhängig zu machen“. Da „die Maxhütte einen ansehnlichen Zuschuss – man spricht von 250.000 RM – zur Verwirklichung dieses Projektes beitragen will“

Anno '35
der arme berliner schrieb am 29.11.2011 um 14:26
Und das soll ein Top-Blog sein????
Basisdemokratie bedeutet eben auch, eine Mehrheit zu tolerieren. Auch wenn sie nicht der eigenen Überzeugung folgt. Der liebe Gott bewahre uns vor der Diktatur der selbsternannten einzig wahren (Basis)Demokraten!!! Dann schon lieber weiter das Parteien-Kabarett.
GeroSteiner schrieb am 29.11.2011 um 15:07
Ja ist es.
Ausgewogen, nett verpackt, gut zu lesen und obendrein ohne Absolutheits-Anspruch. Der Schluss, auf den Sie vermutlich anspielen, ist doch sehr im Konjunktiv gehalten.

Diktatur der Demokraten?
Die Abstimmung der Mehrheit ist die gleiche Tyrannei wie der Eigenwille der Despoten. Die Mehrheit der spanischen Gelehrten stimmte gegen Kolumbus, wie die Pharisäer seinerzeit gegen Jesus. Mehrheiten gab es auch nach der Sportpalastrede.

Ja. jeder sollte sich bemühen, möglichst vieles zu verstehen und zu tolerieren. Aber es gibt stets Dinge, die man auch mit bestem Willen nicht verstehen oder tolerieren kann. Die absehbare Verschwendung von Steuergeldern gehört für mich dazu.
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