Becci A.

.youth for politics.

24.11.2011 | 12:58

Das regt mich auf- Occupy!

 

Studenten sind eine ganz eigene Spezies.  Und wenn man selber Studentin ist, entkommt man Ihnen nicht. Kommilitonen sind diejenigen, mit denen man in der Uni sitzt, mit denen man lernt, mit denen man seine Rest-Freizeit verbringt, mit denen man einen einzigartigen und nie wiederkehrenden Lebensabschnitt teilt. Und dennoch sind sie oft einfach unerträglich.

Es fängt damit an, dass Studenten generell immer alles besser wissen.

Sei es der Dozent, die Eltern, die Kommilitonen: irgendeiner der Studenten weiß es besser, fundierter, hat es selbst erlebt. Diskussionen über Alltägliches artet in fachspezifische Gemetzel aus, indem nicht derjenige mit dem breitesten Allgemeinwissen gewinnt, sondern derjenige mit der größten Profilierungssucht.

In den Seminaren und Vorlesungen sieht es nicht anders aus.  Diskussionsrunden drehen sich im Teufelskreis von  Tatsachen-nicht-wahr-haben-Wollen, Selbstdarstellung und unerschütterlichen Meinungen der Dozenten.  Spätestens wenn man diesen anmerkt, dass sie genug haben oder anfangen, dem Kommilitonen spöttische Bemerkungen hinzuwerfen, schämen sich auch alle anderen im Raum und wünschen sich ein stilles Auseinandergehen der Kontrahenten, das nur durch einen würdevollen Rückzug des vorlauten Studenten gewährleistet wäre. Das passiert natürlich fast nie.

 Studenten sind aber nicht nur Alleswisser, sondern auch Revolutionäre. Das war schon immer so und wird vermutlich auch immer so bleiben. Doch wenn es früher Gemeinschaftlichkeit und Individualität vorangetrieben hat,  gegen oder für etwas zu sein, gegen oder für das auch viele andere sind, hebt man sich heute nur noch ab, indem man nicht auf jede Demonstration rennt.

Demonstrationen für eine bessere Bildung, gegen das Bankensystem, gegen Atomkraft, für eine studentenfreundlichere Universität- alles lobenswert, alles erstrebenswerte Dinge.

Doch wenn eine Uni-Vollversammlung mit 900 Studenten zum Catwalk verkommt, frage ich mich schon, was das alles soll. Nicht, dass ich behaupten würde, niemand dort würde nicht ernsthaft seine Überzeugung vertreten… doch ich finde Camping vor Bankgebäuden, bei dem mehr iPods vor Ort sind als Studenten, irgendwie befremdlich.

 

Überhaupt wird ja jetzt alles okkupiert.  Das ist richtig, wer etwas verändern will, muss sich wehren. Es fällt mir bloß ernstlich schwer, meine Kommilitonen in dieser Rolle ernst zu nehmen. Wer Dinge nur noch über facebook klären kann,  in jeder Jackentasche ein anderes Elektrogerät mit sich herumschleppt, Designer-Leder-Taschen zur Uni ausführt und heimlich lieber über Lippenstifte oder das neueste Kriegsspiel diskutiert, der kann nicht erwarten, dass ich mitgerissen und überzeugt werde. 

Mir sind die Missstände der Welt durchaus bewusst und in meinem Ermessen tue ich auch etwas dagegen, engagiere mich, wo ich denke, dass es helfen kann.  Doch wenn ich Flyer über die nächsten total wichtigen und geheimen Kellertreffen in der Uni (die allesamt vom Dekan abgesegnet sind) in die Hand gedrückt bekomme, wenn ich auf der Straße von Typen mit engen Jeans und riesigen Brillen voller Fensterglas angequatscht werde, wenn ich  Leute auf Podien sehe, die von Weltrevolution sprechen, es sich aber leisten können, entkoffeinierten Soja-Latte zu bestellen und in „Kreuzkölln“  zu leben…dann frag ich mich, obwohl ich studiere und natürlich die Welt verändern will, ob ich zur selben Spezies gehöre, wie die.

 

Liebe Kommilitonen…besinnt euch auf das Wesentliche, wenn ihr etwas bewegen wollt. Traut euch auch mal in Jogginghose protestieren zu gehen und ganz unhip euer iPhone zu Hause zu lassen.

Vielleicht ist das nächste Occupy-Camp dann auch voller.

 

 

 
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Kommentare
d353rt schrieb am 24.11.2011 um 15:46
Ich kann mich noch an die Diskussionen über Studiengebühren in den vergangenen Jahren in meiner Stadt/Universität gut erinnern. Am besten Erinnere ich mich an die Tatsache, dass die Hälfte der Kommilitonen in von Eltern finanzierten Fahrzeugen zu den Diskussionen gekommen war. Nun, so ungefähr hat dann auch die Verteilung pro/contra ausgesehen. Da sind mir auch die Augen aufgegangen.

Darf man entkoffeinierten Kaffe trinken und gleichzeitig die Weltrevolution predigen? Man darf, allerdings nur solange man sich selbst als einen Sklaven einer pervertierten Konsumgesellschaft ansieht.

Suffizienz, meine teure Autorin, ist nicht „elegant“. Und Sie dürfen ruhig davon ausgehen, dass man sich als Mann mit einem 40-tausend-euro Sportwagen auch auf der Uni die Paarungschancen mit dem anderen Geschlecht stark optimiert. Nicht dass Sie mich falsch verstehen, ich halte nicht viel von Statussymbolen, aber ich habe es aufgegeben dagegen anzukämpfen. Sie und ich können wohl kaum den Sexualtrieb von Studenten maßregeln. Das gilt ebenfalls für den o.g. „Catwalk“.

Zum Schluss bleibt die beruhigende Erkenntnis, dass die deutsche Universitätslandschaft nicht zu dem Kern der Occupy - Bewegung zählt. Die meisten Studenten scheinen nicht einmal zu verstehen, wann sie für die eigenen Rechte kämpfen. Wie kann man dann erwarten, dass sie ihre iPods und Designer-Klamotten zur Seite legen, um Solidarität mit einer abstrakten Idee des Widerstands zu zeigen.

Gruß

d353rt

P.S. Werte Autorin, echte Unterstützer finden Sie auch auf Ihrer Uni. Ich weiß von Juristen und Informatikern. Suchen Sie nach Piraten und Anonymous-Leuten.
Becci A. schrieb am 24.11.2011 um 15:51
Ich renne ja selber auch nicht in Bettlaken rum. Aber ich überlege dann auch vorher, was ich mir erlaube zu sagen und was nicht ;)
Technixer schrieb am 24.11.2011 um 18:44
"Doch wenn eine Uni-Vollversammlung mit 900 Studenten zum Catwalk verkommt"

das war schon immer so. als 2003 der universitäre totalstreik ausgerufen wurde, waren bei der vollversammlung in der silberlaube alle hörsäle mit videoübertragung rappelvoll waren. offiziell befindet sich die fu seitdem immer noch im streik. wir waren damals mehrere tausend. nach vier stunden gedöhns und gelaber, spaltete sich der ganze spaß in lauter arbeitsgemeinschaften auf. einer der gründe ist auch die "totale" demokratie, wo jeder seine ideen äußert. nenne es catwalk.

es ist nunmal so, dass es "geborene" redner gibt, menschen denen man zuhört weil sie die gedanken die man selbst hat so wunderbar in worte fassen können. gerade bei den geisteswissenschaften scheint das aber irgendwie jeder von sich denken. das erste was mir nach meinem switch von NaWi zu PolWi aufgefallen ist, fasste eine kommilitonin mit dem wort "namedropping" zusammen, man möchte gebildet klingen und äußert sich möglichst häufig auch wiederholend.

"wenn ich auf der Straße von Typen mit engen Jeans und riesigen Brillen voller Fensterglas angequatscht werde, wenn ich Leute auf Podien sehe, die von Weltrevolution sprechen, es sich aber leisten können, entkoffeinierten Soja-Latte zu bestellen und in „Kreuzkölln“ zu leben"

also dafür von mir fünfe wa *****

wenn du die geballte ladung davon hören und sehen willst, schauste dir bitte den boxi in der nacht des 1. mai an "nie, nie, nie wieder deutschland!" krakelen dort obig von dir bezeichnete patienten ;-)
Magda schrieb am 24.11.2011 um 22:27
Ach Mensch Frau Becci, so ist sie halt die Welt

Besserwisserei können Sie auch anderswo - am Ende sogar in der hiesigen Community -erleben.

Und der Freitag hatte glaube ich selbst kürzlich eine Rubrik mit Recherchen über hippe Protestkleidung an verschiedenen Orten der Welt.

Aber amüsiert habe ich mich über Ihren Lagebericht.

Vielleicht können sich ja manche Studentinnen oder Studenten den Protest gar nicht leisten, die müssen arbeiten in der Zwischenzeit.
the-babyshambler schrieb am 25.11.2011 um 00:31
tja...leider ist die gesellschaft nun mal (noch) so wie sie ist...und das bringt dann eben auch die entsprechenden einzelpersonen hervor...

das gilt es ja nun zu ändern...wäre das schon erledigt, würdest du sicher andere erfahrungen machen..ist es aber nicht.

..ansonsten guter text :-)
the-babyshambler schrieb am 25.11.2011 um 00:34
...na und ein studium der politikwissenschaft ist natürlich besonders geeignet dafür um auf heissluft-schaumschläger zu treffen. hab ich auch hinter mir...weiss genau wovon du redest...
merdeister schrieb am 25.11.2011 um 08:41
Liebe Kommilitonen…besinnt euch auf das Wesentliche, wenn ihr etwas bewegen wollt. Traut euch auch mal in Jogginghose protestieren zu gehen und ganz unhip euer iPhone zu Hause zu lassen.

Mit Jogginghose, ohne iPhone, nur so geht Veränderung!

Gut, dass das mal jemand gesagt hat.
gweberbv schrieb am 27.11.2011 um 22:09
Becci A.
20 Jahre alt, Studentin (Politikwissenschaft), Berlinerin
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 45 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.11.2011
Status:
Bloggerin
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Beiträge: 16
Kommentare: 74
Logbuch
08:39
Ichda hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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musica hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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