Berlin Festival

Ein Mädchen im Sommerkleid

28.07.2009 | 09:45

Peter Doherty, der Poison Prince

Lang ist es her, dass ein männlicher Musiker soviel von sich – und vor allem seinen, nennen wir es euphemistisch schlechten Angewohnheiten – reden machte. In den 50er Jahren war es Elvis, den man rückblickend getrost als Pionier von Sex, Drugs & Rock ‘n‘ Roll bezeichnen kann, ihm folgten in den 60ern die Stones, und in den 90ern war es Kurt Cobain, dessen Drogensucht und Hang zur Selbstzerstörung die Medien beschäftigte.

Im neuen Jahrtausend fallen die Drogenskandale in den Schoß von jungen Frauen wie Britney Spears, die dem Druck des Showgeschäfts nicht Stand halten können. Doch unter den Männern ist Pete Doherty das Exemplar, der kaum für etwas anderes mehr bekannt zu sein scheint, als seine Hingabe an den Rausch. Dessen musikalisches Können, begraben unter einem Berg aus Betäubungsmitteln und den dazugehörigen Skandalen nach Aufmerksamkeit ringend, wenig bekannt ist.

Yellow-Press-Konsumenten ist er bestens bekannt als Ex-Lover von Kate Moss, Musikfreunden als Sänger und Mitbegründer der Libertines und der Babyshambles, deren Sound von MTV-Moderator Markus Kavka zu Recht als „die beste Musik, die England in den letzten zehn Jahren passiert ist“ bezeichnet wurde.

Das Genie und Wahn dicht beieinander liegen, trifft, so abgenutzt die Floskel sein mag, auch im Fall Doherty zu.

Der Sohn eines britischen Offiziers wächst unter anderem in London, auf Zypern und in Krefeld auf. An unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen mangelt es dem kleinen Pete nicht, dafür aber an Sicherheitsgefühl – lange bleibt die Familie nie an einem Ort. Sein lyrisches Talent erkennt und nutzt Doherty schon früh, mit 17 Jahren nimmt er an einem Poesiewettbewerb teil, gewinnt ihn und wird als Kulturbotschafter nach Russland entsendet. Schon ein Jahr später, 1997, gründet er mit Carl Barat die Libertines. Die Band macht nicht nur mit ihrem Mix aus Garagen-Indierock und Post-Punk ihrem Namen „die Wüstlinge“ bzw. „die Freidenker“ alle Ehre, sondern kokettiert auch mit der Heroinsucht Dohertys – das Band-Merchandise beinhaltet nicht nur ein T-Shirt, auf dem Doherty und Barat in eindeutiger Fixerpose zu sehen sind, sondern ebenfalls „Free Pete“ - Aufnäher, die auf die zahlreichen Aufenthalte Dohertys im Knast anspielen.

Was von den Bandkollegen augenscheinlich anfangs nicht ernst genommen wurde, sorgt dafür, dass Doherty 2004, erst zwei Jahre, nachdem die Band ihre ersten Erfolge feiert, aussteigen muss. Mittlerweile ist der Brite Vater eines einjährigen Sohnes, doch auch das kann ihn nicht halten.

Schon vor seinem Rauswurf hat er die Babyshambles gegründet und die Gigs der ersten Clubtour sind dank des Rufes, der Mr. Doherty vorauseilt, allesamt ausverkauft. Auch die erste Single „Killamangiro“ landet auf Platz 8 der englischen Singlecharts, fast ein Jahr, bevor das großartige und von den Kritikern gefeierte Debut-Album „Down In Albion“ erscheint. Die Unternehmung „Babyshambles“ scheint also unter einem guten Stern zu stehen – doch Dohertys Hang zum Exzess, oder vielmehr seine schwere Heroinabhängigkeit, sorgt dafür, dass die gesamte Europatournee abgesagt werden muss. Der Mann, der sich mit Opiaten die Sinne vernebelt und trotzdem in einem Alter von 25 immer noch aussieht, wie ein kleiner Junge, hat sich verloren ... und Kate Moss gefunden. 2005 beginnt die skandalumwobene Beziehung zwischen dem Supermodel und dem Rockstar – seit Mick Jagger und Jerry Hall gab es kaum eine so vielbeachtete Rocker-Model-Liason wie die von Kate und Pete. Gemeinsam schreiben sie vier Songs für „Shotters Nation“, das zweite und vorläufig letzte Studioalbum der Babyshambles. Zu einem dieser Songs, jenem mit dem vielsagenden Titel „La Belle Et La Bete“, steuert Moss sogar ihre Stimme bei.

Doch: „Wer sich selbst nicht liebt, der kann auch andere nicht lieben“, so konstatierte es schon Hermann Hesse im Steppenwolf und obwohl Doherty Miss Moss heiraten und sich für sie in Entzug begeben will, scheitert die Beziehung der beiden an Dohertys Haltlosigkeit. Kate Moss trennt sich nach zwei Jahren von ihrem von Selbstzweifeln und Polytoximanie zerfressenen Rockstar-Darling.

Nach der Trennung lebt Doherty am Existenzminimum und haust in einer heruntergekommenen Junkie-Bude, seinen Unterhalt bestreitet er kurzzeitig durch den Verkauf von Bildern, die er mit seinem eigenen Blut malt.

Dann wird es still. Musik macht er sowieso nicht mehr, wie auch, dazu fehlt ihm mittlerweile die Kraft. In der Presse taucht Doherty nur auf, wenn er mal wieder mit Amy Winehouse abgestürzt ist oder sich beim Umgang mit der Crackpfeife filmen lässt.

Anfang 2009 geht ein Raunen durchs Musikbusiness – Peter, nicht mehr Pete, Doherty soll ein Soloalbum veröffentlichen. Dabei war man sich zuletzt nicht einmal mehr sicher gewesen, ob Doherty seinen 30. Geburtstag überhaupt noch erleben würde. Doch – ein paar Tage nach seinem Jubiläum wird „Grace/Wastelands“, dessen Titel ganz deutlich Bezüge zu Elvis aufweist, veröffentlicht.

Auf seiner Soloplatte kann man den wahren Peter Doherty hören, und nicht jemanden, der sich mit Drogenmissbrauch und Scheißdrauf-Haltung brüstet, sich hinter einem vertonten Lebensgefühl versteckt. Sondern einen gereiften, aber immer noch knabenhaften Dreißigjährigen, der zu sich und seinen Emotionen steht. Dass dazu ein Gang auf Solopfaden nötig war, sagt der Künstler selbst. Zu intim seien die Themen, um sie mit der Band zu spielen.

Für die Platte hat Doherty mit dem Smith-Produzenten Stephen Street, Blur-Gitarristen Graham Coxen und Songschreiberin Dot Allison zusammengearbeitet. Es ist deutlich hörbar, das Doherty sich selbst wieder spüren kann – das im Singer/Songwriter-Sektor angesiedelte Album ist größtenteils akustisch aufgenommen, Doherty nuschelt nicht verpeilt ins Mikrofon und lässt sein Leben ehrlich Revue passieren – angefangen bei Kindheitserinnerungen, über die Freundschaft zu Carl Barat, bis hin zur Beziehung mit Kate Moss.

Auf dem Berlin-Festival darf man ihn solo zum ersten Mal in Deutschland live erleben und das Motto mit ihm teilen, dem er seit Jahren folgt: „Der Moment ist alles, worauf es ankommt.“

 

 

Auf der Myspace-Seite von Peter Doherty finden sich weitere Hörproben des neuen Albums.

 

                                                                                                                                                 Teresa Mohr

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Unsere Live-Beobachtungen vom Festival gibt es am 7. und 8. August über unseren Twitter-Account. Vorab schreiben Jan Jasper und ich sowie Gastautoren über die auftretenden Bands, Festivalkultur und Mädchen im Sommerkleid. Bis Ende der Woche verlosen wir noch Tickets für das Festival auf dem Gelände des Flughafen Tempelhof in Berlin.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.07.2009 um 21:31
Vor ein paar Jahren, so gegen Ende der Libertines-Zeit, las ich mal ein Interview mit einem der Burschen von den Strokes, der darin auch auf Pete Doherty und seine Band zu sprechen kam. Er sagte sinngemäß, dass er Musiker verachten würde, die nur rumsumpfen, ihre Songs so genialisch rausrotzen statt so hart und diszipliniert zu arbeiten, wie sie, die Strokes. Na, ja, ganz spontan ist mir der kaputte Hund viel sympathischer als die Popbürgersöhnchen, auch wenn ich zugeben muss, dass ihn zum Sohn zu haben wohl etwas anstrengend wäre (aber vielleicht hat der Berufsoffizier ihn ja verdient).
Das Album 'Grace/Wastelands' hat mich umgehauen. Nach Gänsehautattacken und feuchten Augen an der Anhörstation bei Saturn bin ich nach Hause gestürmt, habe mir dann erst noch 'Up The Bracket' davorgesetzt und dann diese einfach schönen Songs sehr laut um die Ohren rauschen lassen. Die Kombination ist zu empfehlen, vielleicht noch ergänzt mit einem Quentchen anregender Genussmittel.
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