
Die Besucher des Berlin Festivals werden feiern, saufen und tanzen. Ganz normale Festival-Routine eben. Doch die Bühnen stehen auf umkämpften, abgesperrten Terrain - das nicht nur nach Ansicht der Interessenvertretung „Tempelhof für Alle“ längst offen stehen sollte. Ideen für die künftige Nutzung des geschlossenen Flugplatzes gibt es viele. Umstritten sind jedoch Art und Ausmaß der geplanten Erschließung.
Das 380 Hektar große, umzäunte Flughafengelände Tempelhof bietet ausreichend Platz für 500 Fußballfelder. Viel Grün, doch rein darf normalerweise keiner – entgegen anders lautender Beteuerungen. Statt ein konkretes Datum zu nennen, spricht Senatsbaudirektorin Regula Lüscher lieber von der Notwendigkeit, das geplante Parkareal „Stück für Stück“ zu öffnen. Andernfalls sei zu befürchten, dass es zu Sachbeschädigung und Vandalismus komme.
Wann diese „behutsame“ Öffnung zu erwarten sei, sagt sie nicht. Erst im Juni hatten ein paar Tausend Menschen den Aufstand geprobt und waren zur symbolhaften Besatzung angetreten ("Have you ever squatted an Airport?"). Das Ergebnis: Einige Grünpflanzen im Zaun, 100 Verhaftungen und ein mit gezogener Waffe herumfuchtelnder Polizist. Hinzu kamen Kosten für von über 800.000 Euro - der Steuerzahler dankt.
Nach Heiligendamm geriet somit abermals ein deutscher Qualitätszaun ins Visier des organisierten Protestes. Die Frage ist: wieso schließen Stadt und Staat die eigenen Bürger aus – und das von Anfang an? Eine frühe, wenn auch nur teilweise Öffnung der Freiflächen hätte mit Sicherheit Spannung aus der Debatte genommen. Menschen, die sich ernst genommen fühlen, neigen nicht zur Rebellion.
Im Kern ist die Causa Tempelhof Teil des alten Streits um die bauliche und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt; einmal mehr steht eine Berliner Großfläche zur Disposition, mit der offenbar niemand so recht etwas anzufangen weiß. Ein Blick auf die Kontroversen der Vergangenheit stimmt nicht gerade optimistisch: Brachland in Mitte wurde in Potsdamer-Platz-Tristesse verwandelt. Das DDR-Palasterbe (ohne Denkmalsplakette) musste den Restaurationsfantasien gut vernetzter Kulissenschieber weichen. Am Flugfeld Tempelhof lässt sich jedoch nichts Nennenswertes wieder aufbauen - was also tun? Einstweilen bleibt es bei der schlichten Formel „Rasen betreten verboten“.
Vielleicht ist der Protektionismus von Stadt und Polizei mit der Angst zu erklären, Menschen könnten die wohlfeile Grasnarbe zerstören – ohne dafür Miete zu bezahlen. Denn die Gegenwart und nähere Zukunft von Tempelhof liegt in der koordinierten Eventnutzung. Zunächst lockte Wowereit quasi im Alleingang und unter strenger Geheimhaltung die Jeansmesse Bread & Butter zurück aus Barcelona – peinlich für seine Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer, die zeitgleich einen Idenwettbewerb zur Zukunft des Geländes ausgerufen hatte.
Was steht sonst noch an? Kürzlich gab es den beschaulichen Kitsch einer Feuerwerkschau zu bestaunen; zum anstehenden Berlin Festival werden 10.000 Besucher erwartet. In näherer Zukunft soll die „Turngemeinde in Berlin“ das kontrollierte Ballspielen ermöglichen. Auch die Bewerbung zur Ausrichtung der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) im Jahr 2017 läuft.
Am Ende sollen aber - wie so oft - die Kulturschaffenden für Sinnstiftung sorgen. Das etwas wolkig beschriebene Projekt „Tempelhof Forum THF“ für „Kultur- Medien- und Kreativwirtschaft“ wird nach Plänen der Stadt Raum für 5.000 Arbeitsplätze bieten. Im benachbarten „Stadtquartier Tempelhof“ sollen sich Vertreter der ökologisch korrekten Zukunftstechnologien ansiedeln. Rund um die Parkfläche ist zusätzlicher Wohnungsbau für 10.000 Menschen geplant.
Ob Gewerbeflächen in dieser Dimension angesichts hoher Leerstandszahlen gebraucht werden, ob chronisch klamme „Kreativunternehmer“ die zu erwartenden hohen Mieten bezahlen können – alles offen. Mit Fragen wie diesen wird sich künftig die vom Senat bestellte Managementgesellschaft des „Wissenschafts- und Technologieparks Adlershof“ beschäftigen.
Deren Arbeit an einem schlüssigen Gesamtnutzungsplan dürfte auch künftige Alleingänge Wowereits verhindern. Sicher ist aber: viel dürfte sich in absehbarer Zeit nicht tun. Gute Chancen also für die Festivalveranstalter, Tempelhof auch in den kommenden Jahren bespielen zu dürfen.
Dominik Betz
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Unsere Live-Beobachtungen vom Berlin Festival gibt es am 7. und 8. August über unseren Twitter-Account. Vorab schreiben Jan Jasper und Tessa sowie Gastautoren über die auftretenden Bands, Festivalkultur und den Flughafen Tempelhof. Das Line-up des Festivals samt Running Order findet sich mittlerweile auf der Website.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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