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Ein Artikel von Michael Kienzl für "Berlinale im Dialog"
Ein Blick aus dem Fenster. Junge afghanische Männer, die aus ihrer Heimat geflohen sind, wollen im Sehnsuchtsort Europa ein besseres Leben führen. Allerdings sieht die Realität anders aus als erhofft. In der Nähe der Pariser Metrostation Jaurès, am Ufer der Seine, haben sie ihr Quartier aufgeschlagen, müssen sich dort an die jeweiligen Wetterbedingungen anpassen, regelmäßigen Polizeikontrollen unterziehen und die Tage irgendwie rumbringen.

Der Filmemacher Vincent Dieutre lebte hier zeitweise und konnte das Geschehen vom Fenster aus beobachten. Sein neuer Film besteht fast ausschließlich aus Videoaufnahmen in schlechter Auflösung, die in der Wohnung gedreht wurden. So ist es auch konsequent, dass er nach dem Schauplatz benannt wurde, Jaurès. Um die Situation der illegalen Migranten geht es dabei allerdings nur bedingt. Vor allem verarbeitet Dieutre die Beziehung zu seinem ehemaligen Freund Simon, dem die Wohnung gehörte.
Gemeinsam mit der Schauspielerin Eva Truffaut, Tochter von François, sitzt er bei schummrigem Licht in einem Tonstudio mit roten Wänden, sieht sich das Videomaterial an und reflektiert über das ebenso leidenschaftliche wie komplizierte Zusammenleben. Durch die im Flüsterton gehaltenen Gespräche entsteht eine einnehmende, intime Atmosphäre. Kleine Spielereien mit Animationen brechen dazu den Realismus der dokumentarischen Bilder.
Simon hatte Frau und Kinder, die von seiner Parallelwelt mit Dieutre allem Anschein nach nichts wussten. Er verstand nichts von Kunst und war sozial engagiert. Letzteres stellt dann auch die Verbindung zur Bildebene her. Simon konnte das Geschehen vor der Tür nicht ertragen, die prekären Verhältnisse, in denen die Flüchtlinge leben mussten. Einmal beschreibt Dieutre, dass er erst durch Simon gelernt hat, was Mitleid ist.
Den gesamten Film über bleibt der einstige Lebensgefährte – von dem Dieutre stets in der Vergangenheitsform spricht, ohne etwas über seinen Verbleib zu verraten – für den Zuschauer ein Mysterium. Nur kurz ist eine Aufnahme von ihm zu sehen, dafür hören wir ihn immer wieder aus dem Off, wie er dieselbe Melodie auf dem Klavier spielt. Jaurès erzählt die Geschichte einer gescheiterten Liebe vor dem Hintergrund eines sozialen Phänomens. Das Soziale und das Private durchdringen sich hier in jeder Hinsicht.

Auch Peter Kern, österreichischer Regisseur, Schauspieler und leidenschaftlicher Verächter seines Heimatlandes , erzählt in seinem neuen Film von Flüchtlingen und greift dabei auf dokumentarisches Material zurück. Doch wo Dieutre einen persönlichen und poetischen Essay-Film gedreht hat, setzt Kern zum radikalen Rundumschlag gegen alles Unrecht in der Welt an. Kern ist eine Art politischer Underground-Regisseur, der sich für die Schwachen und Entrechteten einsetzt und dabei gleichermaßen die Mittel von überzogenem Melodram und reißerischem Exploitationkino nutzt. Einst hat er gemeinsam mit Kurt Raab sogar einen waschechten Frauengefängnisfilm mit dem Titel Die Insel der blutigen Plantage (1983) gedreht. Guten Geschmack sollte man bei Peter Kern nicht erwarten, handwerkliche Finesse noch viel weniger. Doch darin liegt auch nicht die Qualität seiner Filme.
Glaube, Liebe, Tod ist selbst für Kerns Verhältnisse ein „kleiner“ Film. Nur drei Darsteller sind zu sehen, der Schauplatz bleibt die meiste Zeit ein Hausboot in Mecklenburg-Vorpommern. Gleich zu Beginn informiert uns eine Texteinblendung über die Situation von Flüchtlingen aus Afrika, dann sind dokumentarische Aufnahmen aus Lampedusa zu sehen. Was folgt, ist ein gehässiger Schlagabtausch zwischen Mutter (Traute Furthner) und Sohn (Kern). Sie, ein Altnazi, die mit feuchten Augen davon erzählt, wie sie einmal mit dem Führer Blickkontakt hatte, er ein ungeouteter Schwuler mit körperlicher Behinderung. Als ein geflohener Marokkaner ins Spiel kommt, wird dieser für beide zum Angriffs- und Lustobjekt.
Kern kämpft unverhohlen für das, was ihm wichtig ist. Das Überlegenheitsgefühl und die Arroganz gegenüber den Flüchtlingen lässt er die Hauptfiguren in satirisch überzeichneten Szenen voll und ganz ausleben. Während die Musik von Händel das nötige Pathos verleiht, wird die Handlung immer absurder, das Themenfeld immer größer. Die Rolle der Flüchtlinge ist letztlich nur noch ein kleiner Aspekt in diesem bösartigen Angriff auf die Herrschenden.
Mit teils sehr drastischen Archivaufnahmen wird die Besatzungspolitik der USA ebenso abgewatscht wie der verantwortungslose Umgang mit der Atombombe. Trotz großer stilistischer Unterschiede eröffnen sich doch deutliche Parallelen zu Vincent Dieutre. Das Private und Politische lassen sich nicht trennen. Stattdessen spiegeln die kleinen alltäglichen Grausamkeiten, mit denen sich Mutter und Sohn gegenseitig malträtieren, nur das Weltgeschehen wider.
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Dieser Film von Dieutre ist bestimmt anrührend.
"Einmal beschreibt Dieutre, dass er erst durch Simon gelernt hat, was Mitleid ist." Vielleicht kann man nur noch so überhaupt über Mitleiden, über Schmerz am Zustand der Welt reden oder filmen. Peter Kern - das ist grauslig. Man kann die Wahrheiten dieser brutalen Welt auch weniger brachial auf den Tisch bringen. Alte Mutter - Nazi, junger Schwuler - auch behindert und dann noch ein "Fremder". Das ist wieder mal komplette Versuchsanordnung. Och nee, man muss die Menschen doch auch mögen, wenn man ihr hartes Los - durch Filme mit Abwatschung - bessern will. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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