Von Michael Kienzl
Es ist Morgen in den Slums von Manila. Eine Mutter bereitet für ihre Kinder ein spärliches Frühstück zu. Anschließend wäscht sie ihre Tochter und zieht sie hübsch an. Ein Voice-over liest dazu Regieanweisungen und legt den Schluss nahe, dass es sich hier um einen Film-im-Film handelt. Dessen Handlung ist recht einfach: Die Mutter, die Mila heißt, leidet derart unter Armut, dass sie ihre Tochter an einen pädophilen Westler verkaufen muss.
Der philippinische Regisseur Marlon Rivera hat mit seinem Spielfilmdebüt The Woman in the Septic Tank eine bitterböse Satire auf das Filmbusiness gedreht, die auch nicht mit Seitenhieben auf die Szene in seinem Heimatland geizt. Allein die Eröffnungsszene ist mit ihren dokumentarisch wirkenden Handkamerabildern und dem zurückgenommenen Spiel deutlich von der Ästhetik Brillante Mendozas inspiriert, die Story wirkt wie eine überspitzte Variante seines Films Foster Child (2007).
Rivera erzählt in der Rahmenhandlung von einem Trio aus Regisseur, Produzent und Produktionsassistentin, das mit Elendsvoyeurismus und inszenatorischem Understatement auf Festivals im Westen punkten will. Jede Geste der Verweigerung scheint ihre Chancen zu erhöhen. Der ursprüngliche Titel wird von I, Who Have Nothing in ein im wahrsten Sinne des Wortes nichtssagendes Nothing abgeändert. Das dazugehörige Plakat zeigt dementsprechend nur eine monochrome weiße Fläche.
Allerdings ist das Projekt noch im Prozess, und die ursprüngliche Konzeption, wie sie in der Eröffnungsszene zu sehen ist, wird sich im Laufe des Films immer stärker verändern. Einmal sehen wir die Geschichte expressionistisch verzerrt, ein anderes Mal als Soap Opera mit aggressiver Produktplatzierung. The Woman in the Septic Tank leistet nicht weniger, als die Vielfalt an filmischen Ausdrucksmitteln zu präsentieren.
Mit jedem neuen Regie-Konzept wird aus der gleichbleibenden Handlung ein anderer Film. Das ist nicht nur aufschlussreich, sondern auch wahnsinnig komisch. Rivera hat ein gutes Gespür für die Eigenheiten der verschiedenen Genres und weiß genau, wie stark er sie überspitzen muss. Dabei bleibt Nothing stets im Werden. Eingeleitet von den Kommentaren der Beteiligten aus dem Off, werden Hauptdarstellerinnen ausgewechselt, Requisiten abgeändert und aus der Tochter ein Sohn gemacht. Das ist schließlich kontroverser.
Es geht The Woman in the Septic Tank weniger darum, einzelne Regisseure wie Mendoza durch den Kakao zu ziehen als die gesamte Filmwelt. Der selbstgefällige Nachwuchs mit seinem penetranten Authentizitätszwang wird ebenso parodiert wie das Establishment. Die in ihrem Heimatland sehr prominente Schauspielerin Eugene Domingo spielt etwa eine überzogene Version ihrer selbst. In einem Kabinettstück führt sie ihren sprachlosen Gästen die drei elementaren Schauspieltechniken vor. Eine davon ist extra für „Indie-Leute“ gemacht. Eine Spieltechnik, die so reduziert ist, dass man gar nicht merkt, dass gespielt wird.
Ein wenig leidet Riveras Film an seiner Dramaturgie, die ganz auf einzelne Nummern und die verschiedenen Versionen von Nothing ausgerichtet ist. Doch die Qualität von The Woman in the Septic Tank liegt auch gerade im komödiantischen Detail. Wer das nicht glaubt, muss sich nur mal ansehen, wie Milas tragische Geschichte zum herzzerreißenden Musical wird.
Mehr über die Berlinale auf unserem Blog: www.critic.de/berlinale-im-dialog
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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