bertamberg

Gesundheit, Geld oder Leben?

05.09.2011 | 15:32

Medizinale Selbstüberschätzung – Gedenken an Ivan Illich

Illich war Theologe und katholischer Priester, Autor, Philosoph, man sollte besser sagen: Zwar Katholik, aber vor allem Ketzer und Kritiker.  Gestern wäre er 85 Jahre alt geworden.

 Er verstand sich “weniger als objektiver Wissenschaftler, denn als ein der Befreiungstheologie nahestehender Intellektueller, welcher sowohl Fehlentwicklungen in der Ersten Welt als auch Missstände in der Dritten Welt anprangern wollte. In wirkungsreichen und stark polemischen Schriften kritisierte er die Praxis des schulischen Lernens und forderte eine Entschulung der Gesellschaft. Weitere Kritik richtete er gegen die moderne Medizin, deren Expertokratie zwar zur medikalisierten Mentalität der Gesellschaft passe, aber kranken Menschen oft nicht weiterhelfe. Vor allem in Ländern der „Dritten Welt“ würden die von Experten entworfenen Großsysteme des Bildungs- und des Gesundheitswesens oft mehr Schaden als Nutzen stiften. " (de.wikipedia.org/wiki/Illich)

Hontschik berichtet von einem Treffen mit Illich 1976, bei dem dieser vorrechnete: Wenn man ein Entwicklungsland wie damals China so verändern würde, “dass jeder Chinese jederzeit in den Genuss moderner Unfallchirurgie kommen könnte, etwa mit der Replantation abgetrennter Gliedmaßen … bräuchte [man] nicht nur flächendeckend und rund um die Uhr funktionierende Kommunikationssysteme und Rettungsdienste”. Illich rechnete vor, “wie viele Arbeiter bei der Produktion all der Telefone, Funkmasten, Notarztwagen, Hubschrauber, Autobahnen, Flugplätze und der modernen unfallchirurgischen Krankenhäuser ums Leben kommen würden: mehr, als man jemals würde retten können. So hatten wir das noch nie betrachtet. Wir waren verblüfft.” (FR vom 3./4. 2011)

Als bescheidenes persönliches Fazit über dreißig Jahre später bekennt Hontschik: “Ich habe in meiner über 30jährigen chirurgischen Tätigkeit vielleicht zehn Menschen das Leben gerettet. In unseren Krankenhäusern sterben aber jedes Jahr über 30000 Patienten an 'hausgemachten' Infektionen. Da muss man doch ins Grübeln kommen. “ (ebd.)

Illichs Kritik an der modernen Medizin, “deren Expertokratie zwar zur medikalisierten Mentalität der Gesellschaft passe, aber kranken Menschen oft nicht weiterhelfe” und “vor allem in Ländern der „Dritten Welt“ (…) oft mehr Schaden als Nutzen” (de.wikipedia.org/wiki/Illich) bewirke, ist ein Denkansatz, der in der heutigen zur Agglomeration von Renditeobjekten verunstalteten Krankheitsversorgungsindustrie tabuisiert ist.

Nötig ist diese Kritik, auch wenn vor allem die Kritisierten es nicht einsehen.

 

Literatur:

1975: Die Enteignung der Gesundheit – Medical Nemesis -. Rowohlt, Reinbek.

1980: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. Rowohlt, Reinbek. (Übersetzt von Thomas Lindquist. Originaltitel: Tools for Conviviality. Harper and Row, New York 1973.)

1981: Die Nemesis der Medizin. Von den Grenzen des Gesundheitswesens.

1991: Was macht den Menschen krank? 18 kritische Analysen.

 
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Kommentare
tlacuache schrieb am 05.09.2011 um 16:14
Auf dass die Guillotine dem Bertamberg heruntersausst, aber ganz sicher mit Krankenschein, da lässt sich keiner lumpen...
bertamberg schrieb am 06.09.2011 um 14:07
Ich glaube, ich hätte hier einen Philipp Jenniger-mäßigen Beitrag bloggen sollen, so fehlt die Motivation zum argumentativen Guillotinieren wie zum verbalem Garottieren.
merdeister schrieb am 06.09.2011 um 21:17
dass jeder Chinese jederzeit in den Genuss moderner Unfallchirurgie kommen könnte, etwa mit der Replantation abgetrennter Gliedmaßen … bräuchte [man] nicht nur flächendeckend und rund um die Uhr funktionierende Kommunikationssysteme und Rettungsdienste”. Illich rechnete vor, “wie viele Arbeiter bei der Produktion all der Telefone, Funkmasten, Notarztwagen, Hubschrauber, Autobahnen, Flugplätze und der modernen unfallchirurgischen Krankenhäuser ums Leben kommen würden: mehr, als man jemals würde retten können. So hatten wir das noch nie betrachtet. Wir waren verblüfft.

Das ergäbe Sinn, wenn die besagten Arbeiter, anstatt all diese schlimmen Dinge zu bauen, in einer Art Paradies lebten, in dem ihnen nichts passiert.
bertamberg schrieb am 06.09.2011 um 23:22
Welchen Sinn?
merdeister schrieb am 07.09.2011 um 11:20
Sinn im Sinne von logisch sein.
bertamberg schrieb am 07.09.2011 um 21:06
Weil es kein Paradies auf Erden gibt, soll es unlogisch sein, nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel und Opfer zu fragen, die eingesetzt werden, um gesellschaftliche Prozesse wie eine arbeitsfähige Unfall-Replantations- und Organspende-Chirurgie in Gang zu setzen, die nicht das halten können, was zu ihrer Legitimation verheißen wird?

Wenn die theoretische Möglichkeit, dass ich eine Operationsmöglichkeit habe, dadurch dadurch konterkariert wird, dass ich bei der OP mir eine lebensbeendende Infektion mit multiresistenten Mikroben zuziehe, wäre es da nicht verantwortlicher und auch schonender für persönliche und gesellschaftliche Ressourcen, ab einer bestimmten statistisch zu erwartenden Infektionsquote die Indikation zur OP kritisch zu überdenken?
merdeister schrieb am 08.09.2011 um 21:35
Es ist nicht unlogisch danach zu fragen. Die Aussage an sich ist unlogisch. Bauen Menschen nicht die beschriebene Infrastruktur auf, gehen sie einer anderen Tätigkeit nach, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Tätigkeiten sind unter Umständen gefährlicher, als Arbeiten an der Infrastruktur. Mir kommen da zum Beispiel Bilder aus chinesischen Kohlegruben in den Sinn.
bertamberg schrieb am 08.09.2011 um 22:13
Das scheint mir doch eine partikularistische Logik zu sein. Ich kenne einen Bergbau- und Sicherheitsingenieur, der viel in China war, weil China sehr daran gelegen ist, die Sicherheitsdefizite in den Bergwerken zu verbessern.

Man könnte natürlich sagen: Je höher die Renditeerwartung aus einer bestimmten Tätigkeit wie z. B. Krankenhäuser bauen und betreiben, desto mehr Risiko ist gesellschaftlich akzeptabel, aber wo liegt die Schmerzgrenze?
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