Lutz Herden schreibt im aktuellen Freitag unter der Überschrift „ 1991 Selbst Särge fehlten“ über das Ende der Sowjetunionund das Scheitern der Perestroika, was auch ein persönliches Scheitern von Michail Gorbatschow war.Der folgende Blog bezieht sich auf diesen Artikel.
Hier wird ein detaillierter Ablauf der Ereignisse geschildert, an deren Ende derUntergang der ehemaligen Weltmacht UdSSR stand. Und doch fehlt ein wesentlicher Aspekt.
Es war keineLaune von Michail Gorbatschow, den Prozess der Perestroika, der inneren Erneuerung der Sowjetunion, anzustoßen. Er war der erste KPdSU – Generalsekretär, der eine umfassende und realistische Bestandsaufnahme der Wirtschaftskraft der Sowjetunion vornahm. Die Ergebnisse müssen für ihn verheerend gewesen sein. Seit Anfang der 80-er Jahre hatten die USA unter Präsident Reagan das Wettrüsten forciert. Als Folge dessen war die UdSSR gezwungen, immer mehr ihrer wirtschaftlichen Ressourcen in die Verteidigungsindustrie zu stecken, um ihre und die Sicherheit der Verbündeten zu gewährleisten. Das ging zu Lasten der zivilen Industrie und damit zu Lasten der Versorgung der Bevölkerung. Diese Erkenntnis zwang Gorbatschow, nach Auswegen zu suchen, weil er erkannt hatte, dass die Sowjetunion dieses Wettrüsten nicht auf Dauer durchhalten würde. So entstanden die außenpolitischen Initiativen, die Idee des gemeinsamen Hauses Europa ohne Blöckeund dazu der Versuch, die UdSSR von innen heraus zu erneuern. Die Tragik Gorbatschows bestand darin, dass er diesen Versuch gegen den starken Widerstand aus Partei, Gesellschaft und auch aus der Wirtschaft unternehmen musste. Der Mensch neuen Typus hing nämlich immer noch an seinen Pfründen, die er nicht kampflos hergeben wollte. Und er war träge und von so viel Neuem nicht zu begeistern. Intern war seit Mitte der 80-er Jahre auch in der Sowjetunion von einem bestehenden Militärisch-Industriellem Komplex (MIK), also einer Verbindung zwischen der Armee, der Rüstungsindustrie, Politikern und Massenmedien, die Rede. Bis zu dieser Zeit wurde dieser Begriff nur auf den bestehenden MIK in den hochindustrialisierten Staaten Westeuropas sowie auf die USA angewendet. Die staatlichenLeiter der Rüstungsbetriebe fürchteten um die Milliardenaufträge aus Moskau, sollte es zu einer Abrüstung und entsprechenden Verträgen mit den USA kommen.
Eine Veränderung wie die Perestroika ist dann besser realisierbar, wenn ein Staat infolge einer verheerenden Naturkatastrophe oder eines geführten Krieges wirtschaftlich und vielleicht auch noch politisch geschwächt ist. Das begünstigte beispielsweise den Erfolg der Bolschewiki unter der Führung Lenins 1917. Das zaristische Russland war durch seine Teilnahme am ersten Weltkrieg geschwächt und nur wenig industrialisiert. Die Neue ökonomische Politik (NÖP) in den 20-er Jahren konnte die Bevölkerung motivieren, weil sich deren Lebensbedingungen dadurch verbesserten. (Die negativen Folgen der Zwangskollektivierungenmöchte ich hier nicht behandeln). In der UdSSR ab etwa 1985/1986 herrschten andere Bedingungen. Es gab Lebensmittelknappheit, er herrschte auch Korruption, nur die Bevölkerung hatte vorher andere, bessere Zeiten erlebt. So gab sie der Partei und deren Chef Gorbatschow die Schuld an der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Eine Motivation, etwas zu ändern, war so nicht zu erreichen, wodurch auch?
Das alles erkannte Boris Jelzin, der sich als starker Mann empfahl. Dass er innerhalb der KPdSU- Hierarchie vorher gefallen war, mag seiner Glaubwürdigkeit nur noch genutzt haben, obwohl er immer ein Mann der Nomenklatura war. Das Bild, wie er auf einem gestoppten Panzer der Putschistenvor dem Weißen Haus in Moskau steht, präsentierte ihn als Macher. Als er Gorbatschow, als dieser am Rednerpult steht, in aller Öffentlichkeit demütigt, ist er endgültig am Ziel. Dass er Gorbatschow intellektuell immer hoffnungslos unterlegen war, war vergessen.
Der Verdienst von Gorbatschow besteht darin, dass er als erster führender Politiker des Ostens erkannte, dass ein „Weiter so“ zu einem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems führen wird. Daraus zog er die richtigen Konsequenzen. Seine Tragik besteht darin, dass er diese Konsequenzen gegen den Widerstand fast der gesamten Nomenklatura des Riesenlandes UdSSR umsetzen musste. Noch viel gravierender wiegt aber der Umstand, dass er die eigene Bevölkerung gegen sich hatte, die nicht bereit war, ihm zu folgen, weil sich ihre Lebenssituation immer mehr verschlechterte und sie auf Versprechen einer besseren Zukunft nicht vertraute.
Was aus der einstigen Weltmacht Sowjetunion geworden ist, ist heute anschaulich zu sehen. Der starke Mann Boris Jelzin hat Russland nicht zu neuer Blüte geführt. Der technologische Abstand zu den USA ist so angewachsen, dass mit Ausnahme der Raumfahrttechnik Russland hoffnungslos hinter den USA zurück liegt. Dafür entstand eine bis heute existierende Oligarchie. Die sozialistischen Leiter der russischen Kombinate mutierten erst zu Managern ihrer Firmen und dann zu Eigentümern derselben. Und das trifft nicht nur auf die Öl und Gasindustrie zu.
Gorbatschow aber musste erleben, wie die Idee, an die er glaubte und die er neu gestalten wollte, an der Macht der realen Welt zerbrach. Und darin liegt das Schicksal des Mannes, dem einstmals viele auch in der DDR zutrauten, den Sozialismus reformieren und lebenswerter gestalten zu können.