rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

28.12.2010 | 03:46

Chodorkowski, das neue Urteil und einige Fakten

Hier in der FC wird ja schon fleißig über diese Thema dikutiert, deshalb einige Bemerkungen von mir dazu.

@Sexpower, Ihr Engagement in allen Ehren, nur diesen Mann als Antifaschisten zu bezeichnen, dem stimme ich nicht zu. Mir ist kein einziges Zitat dazu von ihm bekannt.

@ Islam gehört zu Deutschland, Ihnen dürfte bekannt sein, dass Wikipedia eine freie Enzyklopädie ist, woraus folgt, dass nicht alles der Wahrheit entsprechen muss, was dort geschrieben wird.

Unstrittig ist, dass der Prozess gegen den ehemaligen Yukos-Chef politisch motiviert ist, weil Chodorkowski des System Putin deutlich kritisiert hat.

Unstrittig ist aber auch, dass Chodorkowski die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der Sowjetunion für sich genutzt hat. Damit steht er nicht allein, viele der heutigen russischen Superreichen waren so clever und haben das damalige wirtschaftliche und rechtliche Chaos  ausgenutzt. Diese Feststellung gilt übrigens für alle ehemals sozialistischen Länder.

Abramowitsch, der Besitzer des FC Chelsea, einer der besten europäischen Fussballvereine, englischer Meister, hat seinen Reichtum ebenfalls aus der Privatisierung der russischen Ölindustrie gewonnen. Heute lebt er in London, ist aber gleichzeitig Abgeordneter eines russischen Regionalparlamentes. Die Bewohner "seiner" Region erhalten immer wieder von ihm Geschenke in Form finanzieller Zuwendungen für die öffentliche Infrastruktur. Als Dank dafür wählen sie ihn immer wieder in das Parlament, so dass er sich in Russland parlamentarischer Immunität erfreuen darf, welche nur das Parlament, dem er angehört, aufheben kann.

Putin schließlich, der starke Mann Russlands, war früher mit der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland zeitweise in Dresden, ehemalige DDR, stationiert. Von daher stammen beispielsweise seine Judokenntnisse, welche er vor einigen Jahre, als russischer Präsident, in Japan demonstrierte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging er in die Politik und stieg dort schnell auf.

Das Zusammenspiel zwischen Politik, Geheimdiensten und Wirtschaft, das Aufbauen von Beziehungsnetzen, all das ist nicht neu. In Russland, einem Staat mit reichen Vorkommen immer knapper werdender, aber weltweit benötigter Rohstoffe, war es nach 1990 eben möglich, schnell reich zu werden, wenn man die entsprechenden Kontakte aufbauen konnte.

Chodorkowski würde seinen Reichtum heute noch genießen, hätte er, der Teil dieses Systems, dieser Verquickungen war, nicht genau dieses System offen Infrage gestellt. Das sich offen gegen Putin stellen hat dazu geführt, dass seine Verstöße gegen russsische Gesetze, welche bei anderen nie geahndet wurden, juristisch untersucht und geahndet wurden. Anders gesagt, er wurde geächtet, weil er das eigene Nest beschmutzt hatte.

Ja, er ist ein Putin-Kritiker, nur hat er jahrelang von dem System, das unter Putin bis heute existiert, selber profitiert.

Ein rechtsstaatlicher Prozess nach unseren Massstäben war es nicht, nur eine Heroisierung eines Mannes, der sich ebenfalls schamlos an der russischen Ölindustrie bereichert hat, ist völlig fehl am Platz.

Kritik am Prozess gegn Chodorkowski muss sein, ja, nur sollte diese eine realistische, an Fakten orientierte Betrachtung der Person  Chodorkowski trotzdem möglich bleiben lassen.

 
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Kommentare
lisi stein schrieb am 28.12.2010 um 09:31
@Rolf Netzmann

... unermeßliche Ebene, rauhes Klima, ein farbloses finsteres Volk mit seiner schweren, kalten Geschichte, das Joch der Tataren, das Beamtentum, Armut, Unwissenheit, die Feuchtigkeit der Hauptsädte, die slawische Apathie und so weiter. Das russische Leben schlägt den russischen Menschen so, dass kein nasser Fleck übrigbleibt, es schlägt zu wie tausend Pud schwerer Stein.
Anton Tschechow
Knüppel schrieb am 28.12.2010 um 15:14
"Chodorkowski - Ein russischer Prozess", ARD 27.12.2010 - 23.45 Uhr -
www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=6145672
lisi stein schrieb am 28.12.2010 um 16:38
Natürlich ist es ein politisch motivierter "Schauprozess", das hat in Rußland sozusagen Tradition und Chodorkowski war Täter und ist jetzt Opfer des Systems an welchem er und tausend Andere sich bereichert haben und es weiter tun können.
... er ließ sich kistenweise Bücher kommen.... (Kommentar Ina Ruck im ARD-Bericht)! Welcher Häftling in den Lagern/Gefängnissen/Verließen in Rußland hat diese Möglichkeit? Die Angehörigen der meisten Verurteilten haben weder die Möglichkeit sie zu besuchen, ganz zu Schweigen davon, ihnen die Mittel zum Überleben im Gefängnis bereitzustellen. Worum geht es? Rußland ist eine Diktatur mit kapitalistischer Wirtschaftsform ohne rechtsstaatliche Grundlagen. Und weil es auch so funktioniert, hat niemand ein Interesse daran aufzubegehren, der "Westen" am allerwenigsten. Es bleibt diese merkwürdige, irrationale Furcht vor diesem Land mit den von Tschechow, nach einem Besuch der Gefangenen-Insel Sachalin, beschriebenen Eigenheiten.
lisi stein schrieb am 29.12.2010 um 13:22
@sexpower

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rolf netzmann
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