Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, so sagt der Volksmund. Das trifft auch auf internationale Beziehungen zu, wie im Moment zu erleben ist. Der europäische Schuldengipfel in Brüssel war noch gar nicht beendet, da düsten Emissäre der EU schon nach Peking, um die chinesische Führung über dessen Ergebnisse zu informieren. Doch die Europäer treten in Peking eher wie Bittsteller auf, vom Stolz des zivilisierten Alten Kontinents ist nichts mehr zu spüren. Die EU braucht die chinesischen Milliarden, um die angestrebte Hebelwirkung des EFSF-Rettungsschirmes realisieren zu können. Ein Engagement der BRIC-Staaten wird schon seit einigen Wochen immer offener gefordert.
Doch noch zieren sich Brasilein, Russland, Indien und China, sich mehr in der Euro-Stabilisierung u engagieren. Und das hat nicht nur historische Gründe. Indien und China haben mit Sicherheit die Zeiten unter britischem Kolonialjoch nicht vergessen und dass Russland Anfang der 90- er Jahre mit der NATO-Osterweiterung bis an seine westlichen Grenzen düpiert und vorgeführt wurde, ist auch noch nicht so lange her.
Welchen Grund also sollten diese Länder haben, den notleidenden Europäern zu helfen? Das Argument, dass ein starker Euro notwendig ist, um eine neue weltweite Rezession zu verhindern, ist zu wenig.
Außerdem birgt ein massiver Aufkauf europäischer Staatsanleihen durch China für Peking auch innenpolitischen Sprengstoff. Die chinesischen Devisenreserven gelten als Volkseigentum. Warum, so könnten die Chinesenfragen, stützen wir damit die Europäer, anstatt unsere eigenen Lebensverhältnisse zu verbessern, die immer noch schlechter als in Griechenland oder Spanien sind?
Als der chinesische Präsident Hu vor kurzem die USA besuchte, erlebte Obama einen selbstbewussten Politiker. Hu wusste, dass die kriselnde US-Wirtschaft nach Staatsaufträgen aus seinem Reich der Mitte regelrecht lechzte. Dieses Selbstbewusstsein dürften jetzt auch die Europäischen Industrienationen erleben. Nein, nur die Milliarden aus Peking wird es nicht geben, zum Nulltarif schon gar nicht, die Chinesen werden mehr wollen. Nicht nur chinesische Autobauer drängen massiv auf den europäischen Markt. Und, die Führung in Peking hat aus Interesse an einem starken Euro schon spanische und portugiesische Staatsanleihen aufgekauft.
In den nächsten Jahren werden sich die Gewichte wirtschaftlich und politisch weltweit verschieben. Früher belächelte Schwellenländer wie Indien und Brasilien werden weiter an Einfluss gewinnen. Die Zeiten, in denen Weltpolitik nur in Washington, London, Berlin und Paris bestimmt wurde, sind vorbei.
Wenn die Emissäre der EU auch diese Botschaft im Gepäck hätten, wäre esleichter für sie, die Chinesen für eine aktive Hilfe zu gewinnen.
Die ökonomische Schwäche auf dem Alten Kontinent und den USA wird etwas bewirken, was sich mancher heute noch nicht vorstellen kann. Es wird einen zunehmende Abhängigkeit der hochindustrialisierten Staaten von, ja auch, ihren ehemaligen Kolonien geben. Die weltpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten heutiger Schwellenländer werden sich ausweiten. Die Zeiten hegemonialer Machtausübung für einige wenige Staaten sind vorbei.
Und wenn die Euro-Krise auch nur ein solches Ergebnis bringen wird, es ist schon ein Erfolg und ein Schritt hin zu mehr gleichberechtigtem Agieren auf Augenhöhe.