Gestern Abend steige ich am Bahnhof Friedrichstrasse in die S-Bahn.Vor der gegenüber liegenden Tür kauert ein Mensch. er trägt abgerissene und für die Kälte viel zu dünne Kleidung. Neben ihm liegt ein Rucksack, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Dieser Mensch zählt Geld, wenige Cent, vielleicht die Ausbeute des Tages, die er erschnorrt hat. Er zählt es langsam und laut, jeder der möchte, kann es hören. Der Hund neben ihm, noch ein sehr junger Welpe, erhebt sich und läuft durch den Wagen, schnuppert an den abgestellten Taschen und manchmal an einem Bein. Der Mensch blickt nicht ein mal auf. Er nimmt eine Zeitung aus dem Rucksack und beginnt zu lesen, wieder langsam und laut. Fast scheint es, als wolle er vorlesen, jedem, der es hören möchte.
Ich sehe mich um in dem Abteil. Gutgekleidete Menschen sitzen auf den Bänken, es ist nicht sehr voll. Vielleicht kommen sie von Verwandten und in ihren Taschen sind die Geschenke zum Fest. Keiner beachtet den kauernden Menschen vor der Wagentür, der immer noch vorliest. Was mag er zu Weihnachten an Zuwendung bekommen? Wird er überhaupt so etwas wie Nähe und menschliche Wärme spüren?
Alexanderplatz, ich verlasse die S-Bahn. Mein letzter Blick fällt auf diesen Menschen. Wohin wird er fahren und wo wird er heute einen warmen und trockenen Platz zum Schlafen finden? Und wie muss er sich fühlen inmitten all der Satten um ihn herum? Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe,unter dem Christbaum liegen Geschenke, und Menschen wie er kämpfen um einen warmen Schlafplatz. Diese Arroganz der Satten war wieder ein mal sehr deutlich, fast greifbar, zu spüren.