rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

17.04.2011 | 04:22

Friedlich erscheinende Monster und das Vertrauen zu unseren Kindern

Martin N. ist gefasst, nach 20 Jahren hat die niedersächsische SOKO Dennis den Erfolg, auf den sie beharrlich hingearbeitet hat.  Und es ist schon ein Erfolg polizeilicher Ermittlungsarbeit, wenn die Aussage eines früheren Opfers zur Festnahme des Serienmörders geführt hat.

Über die Persönlichkeit dieses Mannes ist schon einiges geschrieben worden. Begierig haben sich die Medien auf das Thema gestürzt. Nachbarn wurden befragt, auch seine Vermieterin kam bei RTL zu Wort. Allein diese Sensationsgeilheit zeigt den inneren Zustand unserer Gesellschaft, ausgehöhlt und morsch.

Nur warum konnte dieser hochintelligente Mann, der vier Fremdsprachen beherrscht,  so lange unentdeckt mitten in Hamburg leben?  Er war schon in das Visier der Ermittler geraten, zahlte eine Geldbuße und genoss weiter seine Freiheit. Was sagt dies über den Zustand unserer Gesellschaft aus?  Wem vertrauen wir unsere Kinder und damit unsere Zukunft an?

Vor einigen Jahren hörte ich zum ersten Mal die Meinung, dass das Recht der Eltern, für das Wohl ihres Kindes zu sorgen, nur auf dem Papier steht.  In dem Moment, in dem wir unser Kind  in den Kindergarten schicken,  geben wir einen wesentlichen Teil dieses Rechtes ab. Wissen wir, wem wir unser Kind anvertrauen, kennen wir die Erzieherinnen, später die Lehrerinnen, die Betreuerinnen  in Ferienlagern? Sind wir sicher, dass unser Kind gut aufgehoben ist? 

Bevor Martin N.  das erste Mal mordete, berührte er Nachts Jungen unter der Decke, stand in Zimmern, trug einen Jungen in den Aufenthaltsraum des  Heimes, um sich an ihm zu vergehen.  Warum wurde den  Kindern nicht geglaubt, die vom „schwarzen Mann“ berichteten?  Wie ernst nehmen wir unsere Kinder, die Frage drängt sich hier nachgerade auf. Die Kinder in diesen Heimen hatten Betreuer, die die  Erzählungen der ihnen anvertrauten Kinder als Fantasien abtaten. Waren die Kinder dort gut aufgehoben?

Zurück zu Martin N. Er ist, so sagen es Kriminalpsychologen, eine gespaltene Persönlichkeit. Auf der einen Seite der unauffällige Mitbürger, gesellschaftlich eingebunden . Und dann hat er seine dunkle Seite, etwas , was als „abnorm“ bezeichnet wird, als „Persönlichkeitsstörung“. Diese Seite lässt ihn als Maskenmann los ziehen, Kinder aus Heimen entführen und ermorden. Diese Seite lässt ihn nicht mehr los, nur wird sie in seinem  Alltag überlagert und verdeckt. Und er ist geübt darin, sich herrschenden Normen perfekt anzupassen.

Das ist eine Antwort auf die Frage, warum er so lange unentdeckt bleiben konnte.

Nun wäre es schlimm, wenn wir als Gesellschaft jeden Menschen, der allein lebt, der weniger ausgeprägte soziale Kontakte hat, gleich als verdächtig ansehen würden. Für eine solche Lebensform kann es viele Gründe geben. Dass die Zahl der Singles in den letzten Jahren gestiegen ist, bedeutet ja nicht, dass die Zahl der persönlichkeitsgestörten Menschen gestiegen ist.

Was allerdings eine Lehre aus dem Fall Martin N. sein muss, ist eine gründlichere Auswahl der Erwachsenen, die mit Kindern arbeiten. Und es wäre auch nicht  schlimm, da auch einen Menschen einmal zu Unrecht zu verdächtigen und ihn später vollständig zu rehabilitieren.  Es geht hier um Kinder, es geht um junge Menschen. Wer zählt die erlebten Traumata, wer weiß, wie viele Selbstmorde auch in erlebter Misshandlung  begründet sind? Notwendig  ist ein gesellschaftliches Bewusstsein, dass unsere Kinder eine Betreuung durch Erwachsene benötigen, welche  die Kinder als Persönlichkeiten akzeptieren, und das vom Kindergartenalter beginnend. Hier ist die Aufmerksamkeit der Eltern gefragt, genau so wie die der Kollegen. Und hier ist der Mut zum Eingreifen gefordert, sobald ein Verdacht aufkommt.

Außerdem darf eines nicht vergessen werden.  Es ist schon länger nachgewiesen, dass Kinder, die Gewalt erlebt haben, ob als unmittelbar Betroffene oder mittelbar zwischen  ihren Eltern, eher in ihrem späteren Leben dazu neigen, selber Gewalt anzuwenden. Wer sagt denn, dass eine solche Kausalitätskette nur bei erlebter und ausgeübter Gewalt existiert?

So lange wir in einer Gesellschaft leben, die lieber weg sieht,  werden friedlich erscheinende Monster wie Martin N. auch weiterhin unerkannt unter uns leben können. Eine Sensibilisierung ist nötig, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Ein vertrauensvolles Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern, Erwachsene, die sich Zeit nehmen für Kinder, das würde schon viel helfen.  Es würde den Kindern die Möglichkeit geben, über etwas, was sie emotional und rational nicht einordnen können, zu reden. Und es würde ihnen  deutlich zeigen, dass sie ernst genommen werden, dass dem, was sie sagen, geglaubt wird.

Friedlich erscheinende Monster wird es immer geben, das ist nicht zu verhindern.  Wie lange sie ihr Unheil verrichten können, liegt aber sehr wohl auch im Verhalten von uns allen. Das sollte die entscheidende  Lehre aus dem  sein, was Martin N. Kindern angetan hat.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 17.04.2011 um 06:52
>>Außerdem darf eines nicht vergessen werden. Es ist schon länger nachgewiesen, dass Kinder, die Gewalt erlebt haben, ob als unmittelbar Betroffene oder mittelbar zwischen ihren Eltern, eher in ihrem späteren Leben dazu neigen, selber Gewalt anzuwenden. Wer sagt denn, dass eine solche Kausalitätskette nur bei erlebter und ausgeübter Gewalt existiert?>>

Sehr geehrter Herr Steiner,
um meinen Verdacht auszuräumen, Sie bedienen sich mit dem o.g. Zitat eines gesellschaftlichen Vorurteils, bitte ich Sie darum, diesem Blog einen Nachweis zu bringen, wann und durch wen Ihre Behauptung nachgewiesen wurde.

"Kinder, die Gewalt erlebt haben, ob als unmittelbar Betroffene oder mittelbar zwischen ihren Eltern, eher in ihrem späteren Leben dazu neigen, gegen sich selber Gewalt anzuwenden."

So könnte der Satz richtig sein.
Denn Autoagressionen und Depressionen sind ein Langzeitleiden von Opfern von Gewalt.
rolf netzmann schrieb am 17.04.2011 um 12:26
Denn Autoagressionen und Depressionen sind ein Langzeitleiden von Opfern von Gewalt.

Dem stimme ich zu, nur meine ich etwas anderes. In der Verhaltenstherapie, durchgeführt durch erfahrene Psychologen, gibt es die Meinung, dass sich eine Kausalkette mit dem Vater, der schlägt, dem Sohn, der ebenfalls wie der Vater schlägt, dem Sohn des Sohnes, der ebenfalls schlägt, aufbauen kann. Ziel der Verhaltensstheapie ist es daher, diese Kette zu unerbrechen, damit die Normalität des Schlagens nicht an die nächste Generation weiter gegeben wird.
rolf netzmann
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