rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

27.02.2011 | 20:14

Gedanken über Zeitgenossen

 

Es war schon eine merkwürdige Situation, als der Hotelgast mit einem anderen Mann an seiner Seite an der Rezeption  eines kleinen Wilmersdorfer Hotels auftauchte und den dortigen Empfangsmitarbeiter bat, zu dolmetschen. Der andere Mann sei Engländer, habe seinen Pass, Kreditkarte und Geld verloren und er, der Gast, wolle ihm nun hier ein Zimmer für eine Nacht bezahlen.  Doch verstehe er nicht, warum der Engländer dieses Angebot nicht annehmen wolle. Der Empfangsmitarbeiter hört sich alles an und  fragt danach den Engländer, ob er verstanden habe, dass er hier auf Kosten seines neuen deutschen Bekannten schlafen könne.

Ja, das habe er alles verstanden, nur sei er Fotograf und wolle Bilder von der Gedächtniskirche machen und danach im Westin Grand Hotel nahe der britischen Botschaft übernachten. Als der deutsche Gast übersetzen lässt, dass er dort als unangemeldeter Gast im Voraus bezahlen müsse, druckst der Engländer herum, er wolle morgen früh gleich in die Botschaft und das Westin würde ihn schon aufnehmen, irgendwie.

Ein längerer Disput, der Deutsche erklärt, dass er kein Luxushotel bezahlen möchte, der Engländer erwidert, dass dies alles schon irgendwie funktionieren würde, und der Hotelmitarbeiter bleibt in der staunenden Rolle des Dolmetschers. Ein Taxi von hier in die Botschaft sei schließlich immer noch preiswerter als der Differenzbetrag zwischen einer  Nacht im Westin Grand und einer hier in dem kleinen Wilmersdorfer Hotel , versucht es der Deutsche erneut und stößt wieder auf Ablehnung.

Na gut, dann wenigstens ein Foto, darauf willigt der englische Fotograf ein. Nur vorher noch einen anderen Schal holen,  schließlich passt der Schal mit den Motiven aus Ghana nicht, es muss schon der aus Palästina mit der Staatsflagge eines nicht existierenden Staates sein.

Die Tiefen der menschlichen Psyche sind unergründbar, denkt der Hotelmitarbeiter beim Dolmetschen. Was treibt jemanden  dazu, einen Engländer  einfach so einzuladen? Und warum möchte der Engländer, der sich ja angeblich in einer Notsituation befindet, diese Einladung nicht annehmen?

Die Bahnhofsmission kommt ins Spiel, eine Notunterkunft für Wohnungslose, und die Augen des Engländers beginnen zu leuchten. Ist er ein Abenteurer, ist er vielleicht  gar nicht in einer Notsituation?  Ist alles nur ein Fake, um Andere auszunehmen?  Oder testet der Mann von der  Insel, wie sich die Deutschen in einer solchen Situation verhalten, ist er Journalist oder Blogger?

Spekulationen beginnen zu sprießen.

„ He is to strenght“, sagt der Engländer, und der Deutsche versteht immer noch nicht die Ablehnung seiner Hilfsbereitschaft.

Fotos werden geschossen, sie sollen am nächsten Morgen für den deutschen Gast an der Rezeption hinterlegt werden. Wie kommen diese vom Chip der Digitalkamera auf eine CD, wenn der Fotograf nicht ein mal ein Hotelzimmer bezahlen kann?

Der englische Fotograf verabschiedet sich, in eine ungewisse Nacht oder innerlich schmunzelnd ob dieses Erlebnisses in Berlin,  old Germany? Der deutsche Geschäftsmann plaudert noch ein wenig mit dem Hotelmitarbeiter und ist immer noch verwundert.

Und der Hotelmitarbeiter macht sich so seine Gedanken über seine Zeitgenossen.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 27.02.2011 um 20:21
Rätselhaft. Merkwürdig. Spannend. Glänzend erzählt. Gerne gelesen. Danke.

Herzliche Grüße

por
rolf netzmann schrieb am 27.02.2011 um 20:25
ick hab schon nen interessanten job:)
poor on ruhr schrieb am 27.02.2011 um 20:27
@rolf netzmann

:)
rolf netzmann schrieb am 27.02.2011 um 20:29
:):)
rolf netzmann
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